MOSCHUSFIEBER #soulmate

 

 

Ein Roman von

M.E. Lee Jonas

 

 

 

eBook

Roman

Erstveröffentlichung 08. August 2015

1. Auflage

Copyright © M.E. Lee Jonas 2015

E-Mail: emelie.jonas@web.de

Website: emelie.jonas

Korrektorat: Gudrun Hopf

Umschlags- & Covergestaltung: Juliane Schneeweiss

Inhaltsverzeichnis

- Prolog -

- Kapitel 1 -

- Kapitel 2 -

- Kapitel 3 -

- Kapitel 4 -

- Kapitel 5 -

- Kapitel 6 -

- Kapitel 7 -

- Kapitel 8 -

- Kapitel 9 -

- Kapitel 10 -

- Kapitel 11 -

- Kapitel 12 -

- Kapitel 13 -

- Kapitel 14 -

- Kapitel 15 -

- Kapitel 16 -

- Kapitel 17 -

- Kapitel 18 -

- Kapitel 19 -

- Kapitel 20 -

- Kapitel 21 -

- Kapitel 22 -

- Kapitel 23 -

- Kapitel 24 -

Widmung

Copyright & Impressum:

Buchempfehlung & Vorankündigung

@mySoulmate

 

Ich folge dir schon mein ganzes Leben lang.

Leise und leicht, beinahe schwerelos ...

Ich folge dir, auch wenn ich weiß, dass du mir stets einen Schritt voraus sein wirst.

Ich folge dir auf deiner Suche nach mir,

weil ich darauf vertraue, dass ich dich eines Tages erreichen werde.

© M.E. Lee Jonas 2015

 

- Prolog -

 

Als ich noch jung war, glaubte ich, das Schicksal würde dafür sorgen, dass alles, was ich brauche, früher oder später, aber immer zum richtigen Zeitpunkt, auf ganz natürlichem Wege zu mir findet.

Ich war eine hoffnungslose Romantikerin und davon überzeugt, dass die Welt voller Prinzessinnen sei, die eines Tages einen Schuh auf dem Ball des Königssohns verlieren, worauf sich dieser unter Einsatz seines Lebens auf die Suche begibt, um sie aus den Fängen der bösen Stiefmutter zu befreien.

Doch die Geschichten, die meine Fantasie mir zuflüsterte, veränderten sich mit den Jahren, bis am Ende nur noch eine Schüssel mit Asche und Erbsen übrigblieb, die ich nicht mehr sortieren wollte, und meine Ballschuhe, die mir die gute Fee aus dem Outletstore in der Hemingway Street in die Tasche gezaubert hatte, in der hintersten Ecke der Besenkammer verstaubten.

Ich hatte meine Kürbiskutsche verpasst und sperrte mich frustriert in eine unerreichbare Festung, bis ein einziger Moment, nicht einmal ein Wimpernschlag, die Mauern einstürzen ließ und mir unwiderruflich vor Augen führte, dass es nur eine Person gab, die mich aus dem Turm des furchtbaren Drachen befreien konnte: mich!

Mein Name ist Laura Steen.

Ich bin weitaus älter als die Prinzessinnen aus den wunderschönen Märchen, aber eindeutig zu jung, um die weise, betagte Fee zu mimen.

Als meine Tochter ihr Abschlusszeugnis in den Händen hielt, bemerkte ich, dass ich im Schnelldurchlauf gelebt hatte und mich an derselben Stelle wiederfand, die ich mit zwanzig Jahren zögerlich verlassen hatte. Mit dem Unterschied, dass ich inzwischen doppelt so alt war und keine weltbewegenden Ziele mehr hatte. Das war die Zeit, in der ich mich nach einem hundertjährigen Schlaf sehnte, der mich über diesen Schmerz hinwegtragen würde und aus dem mich nur der Kuss der wahren Liebe erlösen könnte.

Meine Geschichte nahm ihren Anfang in einem sonderbaren Traum, der mich wachrüttelte und mir schonungslos vor Augen führte, dass ich etwas Großes verpasste.

Also folgte ich dem Ruf meiner Seele.

Ohne Plan, wohin mich diese Wahnsinnsreise führen würde.

- Kapitel 1 -

 

Als ich Mitte zwanzig war, wurde mir oft vorgeworfen, ich sei zu sachlich, emotionslos, teilweise unterschwellig berechnend. Der gekränkten Phase folgte meist tiefste Verzweiflung, da ich nicht verstand, welche Fehler ich machte.

Ich hatte eine kleine Tochter, Sam, die ich bis zur Erschöpfung umsorgte, einen Ehemann, Joe, der sich gemäß den gesellschaftlichen Erwartungen um die finanziellen Sicherheiten kümmerte, und ein großes Haus, das mich heillos überforderte.

Ich bemerkte nicht, dass ich nur noch funktionierte, da ich mich darauf konzentrierte, eine perfekte Mutter und Ehefrau zu sein, die es allen recht machen wollte. Dass ich im Geheimen unter schweren Versagensängsten litt, gestand ich mir nicht ein.

Im Grunde ging es mir wie vielen Frauen. Seit meiner Hochzeit kämpfte ich um die Anerkennung meiner Schwiegermutter, die mir bei jeder Gelegenheit zu verstehen gab, ich sei nicht gut genug für ihren Sohn. Also versuchte ich sie zu überzeugen, indem ich ihre Vorwürfe in Aufgaben umwandelte, die irgendwann unlösbar schienen, bis mich allein ihre Anwesenheit zu ersticken drohte.

Die anfängliche Ehe-Euphorie schlug schnell in Frustration um, die sich mit Sams Auszug in eine Depression verwandelte, die mich zwang, all die verdrängten Gefühle noch einmal zu durchleben.

Es folgten Endlosdiskussionen, die mich immer weiter von Joe entfernten. In einer schwachen Minute habe ich das Gespräch mit seiner Mutter gesucht, die anschließend mehr denn je davon überzeugt war, ich würde ihren Sohn nicht ausreichend respektieren.

»Was soll dieses Gejammer? Joe hat all die Jahre hart gearbeitet, um dir dieses Leben zu ermöglichen. Ein wenig mehr Dankbarkeit würde dir nicht schaden«, maßregelte sie mich und ließ mich mit der Gewissheit zurück, dass ich die größte Versagerin auf Gottes Erden sei.

Ich hatte weder einen Studienabschluss noch sonstige respektable Referenzen, da ich erst knapp zwanzig gewesen war, als ich Sam zur Welt gebracht hatte. Damals hatte es mir nicht viel ausgemacht. Ich war so verliebt in dieses kleine Wesen, dass ich mich in meiner Mutterrolle, die mir zu keinem Zeitpunkt schwerfiel, vollständig fühlte. Erst als sie größer wurde und ihre eigenen Wege ging, kamen die Selbstzweifel, die durch die Tatsache, dass Joe ein Techtelmechtel mit einer anderen Frau begann, ins Unendliche ausuferten.

Irgendwann überforderte mich diese Situation. Ich brach zusammen und musste zwei Tage im Krankenhaus bleiben.

Joe hatte angeblich aus geschäftlichen Gründen keine Zeit, mich zu besuchen, und versuchte, durch Dauertelefonate den Eindruck zu erwecken, dass er sich um mich sorge. Doch ich wusste, dass er bei ihr war. Bei Jasmin, einer Bilderbuchpowerfrau, die exakt 39,9 km von unserem Grundstück entfernt einen Wellnesstempel betrieb und darauf hoffte, dass er sich endgültig für sie entscheiden würde.

Ich tat, als würde ich nichts bemerken, da mein Stolz einer großen Szene im Wege stand, und litt im Stillen, bis es mir eines Tages zu viel wurde.

Nachdem ich eher zufällig auf ihre E-Mails gestoßen war, setzte ich mich in den Wagen und fuhr zu ihr, um sie zur Rede zu stellen. Doch als ich dann vor ihr stand, bekam ich kein Wort heraus. Ihre Ausstrahlung verunsicherte mich derart, dass ich den Laden unverrichteter Dinge verließ. Erst als ich heulend hinterm Lenkrad saß und bemerkte, dass sie mich durchs Fenster beobachtete, rannte ich zurück und demolierte ein zwei Meter langes Glasregal mit Nagelpflege-Produkten.

Sie versuchte nicht einmal, mich aufzuhalten, sondern wartete mild lächelnd, bis mich drei Kundinnen auf den Parkplatz zerrten.

Joe verschwand daraufhin für sechs Tage ohne ein Wort. Auch wenn ich es nicht beweisen kann, bin ich mir sicher, dass er bei ihr war und sie tröstete, während ich zurückblieb und mir die Augen ausheulte.

Aus heutiger Sicht hätte mir damals schon auffallen müssen, dass es vorbei war. Auch von meiner Seite. Doch zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch, ich sei eifersüchtig. Aber dem war nicht so. Ich war nur wütend, weil die beiden zu feige waren, den letzten Schritt zu tun, und hatte Angst, dass dieser Zustand niemals enden würde. Insgeheim hoffte ich, dass er eines Tages nicht zu mir zurückkommen würde und ich ihm die Schuld für das Scheitern unserer Ehe zuschieben könnte.

Damals lebten wir in Preston, einem verschlafenen Hafendorf am Ende der Welt, ganz in der Nähe seiner Eltern. Ich liebte unser Strandhaus und den Garten, von dessen höchstem Punkt ich einen atemberaubenden Blick aufs Meer hatte. Vielleicht war es das, was mich die Jahre zuvor davon abgehalten hatte, aus dieser Situation auszubrechen.

Mit Sicherheit sagen kann ich es nicht.

Doch ich erinnere mich noch genau daran, wie ich ihm das erste Mal zu verstehen gab, dass ich seine Spielchen nicht mehr tolerieren würde.

»Entweder sie oder ich. Man kann nicht auf zwei Eseln gleichzeitig reiten«, sagte ich während eines Dinners, zu dem er mich anlässlich unseres Hochzeitstages eingeladen hatte.

Ich gebe zu, dass es nicht der perfekte Rahmen für solch eine Diskussion war. Doch als er, wie jedes Jahr, von unserer Hochzeit zu schwärmen begann, platzte mir der Kragen.

Joe hielt geschockt inne und sah mich mit gläsernen Augen an. Verunsichert sah er durch das Restaurant und begriff, dass ihm nicht viele Möglichkeiten blieben, wenn dieser Abend nicht peinlich für ihn enden sollte. Also nickte er mit zusammengekniffenen Lippen und leerte nervös zwinkernd sein Whiskeyglas.

In dieser Nacht blieb er bei mir, wie um seine Entscheidung zu untermauern, obwohl es mir ebenso recht gewesen wäre, wenn er zu ihr gefahren wäre. Das mag konfus klingen, doch damals war es mir kaum noch möglich, die Balance zwischen Verstand und Gefühl aufrechtzuerhalten.

Es war ja nicht so, dass ich Joe niemals geliebt hätte. Oh, ich war total verknallt gewesen in den jungen Mann mit den rehbraunen Augen und weichfallenden Locken, der immer lächelte. Bevor der Rausch der Verliebtheit versiegt war, war Sam unterwegs gewesen. Ungeplant, aber mehr als willkommen. Doch auch sie konnte nicht ändern, dass wir uns unbemerkt voneinander entfernten, weil die große Liebe ausblieb. Wir führten also ein Leben, das man von uns erwartete, aber keines, das wir wollten. Sam zuliebe spielten wir die perfekten Eltern, bis jeder von uns auf seine Weise aus der künstlichen Welt ausbrach.

An dem Abend, bevor unsere Tochter zur Universität abreiste, gaben wir eine gigantische Abschiedsparty. Gefühlte einhundert Gäste verweilten in unserem Garten und genossen das Barbecue, während meine Schwiegermutter mit dem Müllbeutel hinter Sams Freunden herrannte, die sich ein letztes Mal austobten.

Ich stand neben dem Grill, auf dem die Burger verkohlten, und sah dem Treiben wehmütig zu, bis Joe die verbrannten Fleischstücke herunternahm und fragte, was mit mir los sei.

»Sieh nur, wie glücklich sie sind. Wann haben wir zuletzt so übermütig gelacht?«, antwortete ich, ohne ihn anzusehen. Und dann brach es einfach aus mir heraus.

»Ich bin unglücklich, genau wie du. Wir sind Fremde, die zusammenleben und zu feige sind, es zuzugeben. Das Schlimme ist, dass wir morgen genauso weitermachen. Du fährst nach der Arbeit zu ihr, deine Mutter überspielt das und ich sitze hier, allein, ohne Sam, ohne Zukunft.«

Er sah betroffen zu Boden und nickte zustimmend.

»Es tut mir leid«, war alles, was er sagte, bevor er in die Küche eilte, um frische Burger zu holen.

Als die Party zu Ende war, half er mir, den Garten aufzuräumen, und fuhr weg, während ich heulend ins Gästezimmer zog.

In jener Nacht träumte ich das erste Mal von IHM:

Ich war in einer Apotheke und suchte etwas. Um was es sich handelte, weiß ich nicht mehr, aber ich fühlte, dass es dringend war. Die Atmosphäre war gespenstisch, da außer mir niemand zu sehen war. Ich schlich zwischen den Regalen herum und hatte das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Unsicher sah ich mich um und beschloss, das Geschäft zu verlassen. Ich rannte zur Tür, als plötzlich ein Mann durch die Hintertür gesprungen kam und mit entschlossener Miene auf mich zueilte. Mein Herz schlug wild, da sein Äußeres mich sehr ansprach. Die Art, wie er mich ansah, fordernd, wissend und empfindsam zugleich, fesselte mich und rief eine tiefe Sehnsucht in mir wach. Er nahm meine Hand und legte etwas hinein. Automatisch schloss ich sie darüber und sah ihm nach, bis er verschwunden war. Außerstande, mich zu bewegen, rief ich ihn. Da erwachte ich.

Die Hand immer noch zur Faust geballt, schreckte ich hoch und sah mich verwirrt um. Ich war noch einen Augenblick in diesem Traum gefangen und fühlte mich schrecklich, als mein Blick durch das dunkle, leere Zimmer streifte. Zögerlich, mit rasendem Puls, sah ich nach, was er mir gegeben hatte, und war enttäuscht, als ich nichts fand.

Ich holte mir ein Glas eiskaltes Wasser, während mir die Augen des Unbekannten nicht aus dem Kopf gingen.

»Ich muss ihn schon einmal gesehen haben. Sein Blick hat mich an etwas oder an jemanden erinnert«, grübelte ich, bis ich eindöste.

Auch am nächsten Tag ließ mich dieser Traum nicht los.

Während das Bild des exotischen Fremden ständig in mir aufblitzte, ging ich mit einer undefinierbaren Euphorie durch den Tag. Alles schien leichter, anders, so als wäre ich neu erwacht.

Selbst als Sams Freunde sie abholten und ich den vollbeladenen Vans hinterherstarrte, konnte ich lächeln. Als sie nicht mehr zu sehen waren, streckte ich mein Gesicht in die Sonne und atmete tief durch. Jede Faser meines Körpers vibrierte, wenn ich an den Traum dachte. Eine tiefe Erregung, einer Vorfreude gleich, beflügelte mich und gab mir unmissverständlich zu verstehen, was mir fehlte.

»Liebe!«

Als Joe an diesem Abend nach Hause kam und mir eröffnete, dass er nicht mehr zu Jasmin gehen wolle, da er begriffen hätte, dass er Verantwortung trüge, schüttelte ich lachend den Kopf.

»Wenn du sie liebst, solltest du bei ihr bleiben«, antwortete ich, was ihn offensichtlich tief erschütterte.

- Kapitel 2 -

 

»Kann man von einem Traummann sprechen, wenn man tatsächlich nur von diesem Mann geträumt hat?«

In meinem Fall war es eher eine Vision, der Anfang einer wundersamen Reise, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Ich durchlebte nach diesem Traum drei Tage lang ein Emotionshoch, bevor ich in einen dunklen Abgrund stürzte. Ich saß im Garten und starrte regungslos in den blauen Himmel, während ich immer wütender wurde, da ich keine Wolke entdecken konnte. Es schien mir ungerecht, dass es mir an solch einem wunderschönen Tag so mies ging.

Anschließend irrte ich stundenlang durch das leere Haus, bis ich mich im Büro niederließ und diesen Traummann mit Bleistift auf schneeweißes Papier skizzierte. Als ich fertig war, betrachtete ich meine Zeichnung eine Weile und strich verträumt über seine Lippen.

»Wer bist du?«, flüsterte ich und schüttelte den Kopf. »Er ist eine Traumfigur, Laura!«, beantwortete ich mir die Frage selbst, zerknüllte wütend das Blatt und schluchzte los, da ich fürchtete, den Verstand zu verlieren.

»Das ist doch verrückt! Heulst wegen eines Typen, den es überhaupt nicht gibt«, warf ich mir vor und wimmerte wie ein Teenager, dessen Schwarm mit der besten Freundin ins Kino gegangen war.

»Nein, ich weine nicht um diesen Fremden, sondern wegen dieser Gefühle«, flüsterte ich und überlegte, ob ich jemals so für Joe empfunden hatte.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich damit, in der Vergangenheit zu schwelgen, indem ich alte Fotoalben herauskramte und mir Familienvideos ansah.

»Dass ich am Anfang in Joe verliebt war, steht außer Frage. Da waren auch Leidenschaften, sonst gäbe es Sam nicht. Aber an dieses Tiefe, Unbesiegbare, ja, Magische, kann ich mich nicht erinnern. Nicht bei Joe, und ich fürchte, in der Zeit vorher auch nicht. Was stimmt mit mir nicht?«

Ich hob die Skizze wieder auf und bügelte sie glatt, während mich dieser Traum nicht zur Ruhe kommen ließ.

Nachdem ich ein paar Striche nachgezogen hatte, versteckte ich sie unter meiner Matratze, als Mahnung, dass es da draußen etwas gab, das von mir entdeckt werden wollte.

Frustriert nahm ich eine kalte Dusche und schlenderte anschließend zum Kleiderschrank, dessen Inhalt mir plötzlich vollkommen fremd war. Vierzehn Kleider und fünf Jeanshosen später lag ich, in einer schwarzen Jogginghose verpackt, auf dem Boden und fluchte.

»Ich bin fett wie ein Wal. Und warum hat mir niemand gesagt, dass ich in Blau blass aussehe? Unfassbar! Ich habe nichts zum Anziehen. Ich muss Susan anrufen.«

Ich stemmte mich hoch, wie eine Achtzigjährige stöhnend, und schleppte mich desillusioniert zum Telefon, um ihr mein Leid zu klagen.

Mir war klar, dass Susan nicht mit Blaulicht angefahren kommen würde, um mich von meiner Kleiderschrankkrise zu erlösen. Doch ich wusste, dass ich mich darauf verlassen konnte, dass sie mir mit wenigen Sätzen zu verstehen geben würde, wie belanglos dieses Problem war.

»... Wenn man bedenkt, dass im selben Moment tausende Kinder Hunger leiden.«

Susan war meine beste Freundin, obwohl sie mir in keiner Weise ähnelte. Wahrscheinlich war es genau das, was uns über die Jahre so fest zusammengeschweißt hatte. Während ich mit Ende dreißig meinen Dienst als Vollzeitmutter quittieren konnte, hatte sie noch drei kleine Kinder zu umsorgen und arbeitete nebenbei aktiv in der Kirchengemeinde mit. Jeder im Ort mochte sie, da sie sich niemals aus der Ruhe bringen ließ und immer ein ansteckendes Lächeln auf den Lippen trug. Als ich sie fragte, woran das läge, antwortete sie, dass es keinen Grund gäbe, es nicht zu tun.

Auch an diesem Tag überfiel sie mich mit ihrer guten Laune, während ich wie ein trotziges Kind im Gartenstuhl hockte.

»Was ist los, Laura? Du siehst toll aus! Und ich habe dir nicht gesagt, dass du in Blau blass aussiehst, weil es nicht so ist! Bist du etwa in der Midlife-Crisis?«, fragte sie verwundert und hievte mir ein großes Stück Kuchen auf den Teller, den sie mit selbstgezogenen Erdbeeren und Sahnecremetürmchen gekrönt hatte.

Ich starrte abwechselnd auf den Zuckertraum und meine Hüften, ehe ich ihn seufzend zur Seite schob. Als ich jedoch sah, wie ihre Augen funkelten, als sie sich den ersten Bissen auf der Zunge zergehen ließ, zog ich ihn zurück und genoss ihn ebenfalls.

»Ich weiß nicht, was du hast. Was heißt, dir fehlt etwas im Leben? Meinst du einen Job? Oder willst du noch ein Kind?«, wollte sie wissen, während wir die Teller in die Spülmaschine räumten.

Seufzend ging ich zum Fenster.

»Ich kann es nicht erklären. Es fühlt sich merkwürdig an. So, als wäre ich aus einem langen Schlaf erwacht, um festzustellen, dass ich am falschen Platz bin. Wie ein Alien, der auf dem verkehrten Planeten gelandet und gezwungen ist, ein fremdes Dasein zu führen. Mein inneres und äußeres Leben decken sich nicht mehr. Als wäre ich ... gespalten. Denkst du, dass ich vielleicht ... Bin ich in deinen Augen ein schlechter Mensch, wenn ich dir sage, dass ich nicht glücklich bin? Mit Joe, meine ich.«

Susans Blick werde ich niemals vergessen. Diese hilflose Mischung aus Schock, Überforderung und der Erwartung, dass ich loslachen und sagen würde, es sei nur ein Scherz gewesen.

Sie antwortete nicht, sondern zeigte mir, was sie davon hielt, indem sie kommentarlos das Thema wechselte.

»Nächste Woche ist das Frühlingsfest der Kirchengemeinde. Ich habe dich für den Getränkeverkauf eingeteilt. Ich hoffe, das war in Ordnung. Oh, schon so spät! Ich muss los, Martin kommt gleich mit den Kindern nach Hause.«

Sie schnappte ihren Kuchen und stapfte zur Tür, während ich wie ein banges Reh hinter ihr hersprang, obwohl ich wusste, dass sie sich nach spätestens zwei Stunden wieder beruhigt haben würde.

Ich sollte recht behalten.

»Du bist nicht allein, Laura. Gott ist bei dir und trägt dich auch durch diese dunkle Zeit. Es soll keine Entschuldigung sein, aber ich denke, dass Joe dich liebt, auch wenn er ... Na ja, du weißt schon. Man sollte eine Ehe nicht einfach so aufgeben, nur weil es mal beschissen läuft.«

Ich schloss die Augen und schüttelte genervt den Kopf, da ich nicht wusste, wie ich ihr begreiflich machen sollte, was mit mir passiert war.

»Susan glaubt an Gott, aber mysteriöse Männer, die einem den Schlaf versüßen, findet sie garantiert exzentrisch. Ich denke nicht, dass ich ihr davon erzählen sollte.«

Dieses Mal lenkte ich vom Thema ab und ließ mir Details vom bevorstehenden Frühlingsfest erklären. Nach einer Viertelstunde legte ich frustriert auf und fuhr shoppen.

Allein und total unmotiviert steuerte ich den Wagen nach Sheldon, wo sich das nächstgelegene Einkaufszentrum befand. Ich parkte neben einem aufpolierten weißen Van, in dem ein junger Mann hinter dem Steuer saß und breitgrinsend telefonierte, während er verträumt Kringel an die Scheibe malte.

Ich beobachtete ihn eine Weile und fragte mich, wann ich das letzte Mal so verliebt ausgesehen hatte. Als er bemerkte, dass ich ihn anstarrte, nahm er den Hörer vom Ohr und zwinkerte mir neckisch zu. Verlegen nickte ich zurück und stieg aus, wobei ich mir Mühe gab, lässig zu wirken, und mit weitem Hüftschwung auf den Eingang zuschritt. Je näher ich der blinkenden Leuchtreklame kam, desto rasanter wuchs die Vorfreude auf den bevorstehenden Einkaufsrausch. Plötzlich hatte ich Lust auf ausgefallene Klamotten, teures Make-up, verboten hohe Highheels und jede Menge Eiscreme.

Euphorisch stürmte ich ins Kaufhaus und schüttelte mein nussbraunes Haar in der kühlenden Eingangsbereichslüftung, während ich dem streng blickenden Sicherheitspersonal überschwänglich zulächelte.

Zuerst spendierte ich mir einen gigantischen Eisbecher, um mich abzukühlen und eine gut durchorganisierte Route auszutüfteln, da ich keine Lust hatte, nach jedem Laden zu meinem Wagen zu rennen, um die Tüten wegzupacken.

Nachdem ich konzentriert die Geschäftsreihenfolge studiert hatte, inspizierte ich das Pärchen am angrenzenden Tisch, das sich verliebt einen Valentinstags-Eisbecher, eine gigantische Sünde aus vierzig Kugeln Eis, teilte. Die beiden waren ungefähr Mitte zwanzig und fesselten mich mit der Art, wie sie sich ansahen, während sie miteinander sprachen. Ich wurde rasend vor Neid und fühlte mich mit einem Schlag uralt. Da ich mir die Stimmung nicht vermiesen lassen wollte, zog ich los, um die erste Station meiner Einkaufsliste anzusteuern.

Als ich jedoch an einer Drogerie vorbeikam, stockte ich, da mich die Erinnerung an meinen Traummann wieder einholte, und schlich, mich verstohlen umsehend, hinein. In der Mitte des zweiten Gangs griff ein älterer Herr nach meinem Ärmel und bat mich mit zerbrechlicher Stimme, ihm die Inhaltstoffe eines luststeigernden Mittels vorzulesen. Ich starrte entsetzt auf die Packung, die er mir mit zitternden, bläulich schimmernden Fingern unter die Nase hielt, und schüttelte stumm den Kopf, bevor ich lautlos schreiend das Weite suchte.

Doch der Unbekannte aus meinem Traum ging mir nicht aus dem Sinn. Ich forderte mein Karma heraus und lief durch die Geschäfte, stets auf der Suche nach einem exotischen Mann mit durchdringend blauen Augen, der mir etwas Geheimnisvolles in die Hand legen wolle. Stundenlang inspizierte ich Kleiderständer, Parfumregale und Frisurenzeitschriften, während mein Blick permanent umherirrte, in dem festen Glauben, ihn zu entdecken.

Dabei bemerkte ich die erste gravierende Veränderung an mir.

Unbewusst schwebte ich an den gewohnten Outlet-Kleiderständern vorbei und durchforstete, anfangs noch etwas unbeholfen, die Auslagen mit den neuesten Modetrends. Doch die Farben, teils in sehr aufdringlichen Neonnuancen, überforderten mich derart, dass ich mich kaum den Schnitten widmen konnte. Hilfesuchend sah ich zur Verkäuferin, die breit lächelnd auf mich zugestürmt kam und mir mit flinken Fingern eine erlesene Auswahl an Kombinationen heraussuchte, die ich stöhnend in die Kabine hievte. Als ich auf die Kleidergröße linste, die sie mir unterstellt hatte, verfluchte ich sie tonlos mit all meiner weiblichen Dämonenenergie und nahm mir vor, sobald ich die erste Hose übergezogen haben würde hinauszustürmen und ihr zu beweisen, dass sie inkompetent sei.

Doch es stellte sich heraus, dass die Modeindustrie in den letzten Monaten ihre Normvorgaben für Kleidergrößen geändert haben musste, denn diese Hose passte wie angegossen. Eine schwarze Röhrenjeanshose mit weißen Nähten, in der mein Hintern zehn Jahre jünger aussah!

Ich vergab der nett lächelnden Verkäuferin und präsentierte ihr dazu eine cremefarbene Bluse, die sie mir lässig in den Bund steckte, um meine sportliche Figur zu unterstreichen. Ich nahm alle vier Kombinationen, bedankte mich mehrfach bei der jungen Dame und versicherte ihr, dass sie einen hervorragenden Job mache. So viel zu weiblicher Konsequenz.

Anschließend ergatterte ich noch eine Designerhandtasche, die ich eigentlich nur deshalb kaufte, weil ein Mädchen, geschätzte siebzehn Jahre alt, sie eine gefühlte Stunde knetete, wobei sie ihrem Vater all die pubertären Qualen schilderte, die sie heimsuchen würden, sollte er sie nicht kaufen.

Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm ich ihr das völlig überteuerte Modell aus der Hand und schritt damit wie eine Königin zur Kasse, während mir die stummen Lobpreisungen ihres Vaters folgten.

Um sie richtig zur Weißglut zu treiben, ließ ich mir alle Details haarklein erklären und freute mich überschwänglich, als ich obendrauf noch ein teures Make-up einer Trendmarke dazu geschenkt bekam, welches meines Erachtens der wahre Grund ihres Interesses gewesen war. Mit einem provozierenden Lächeln lief ich an ihr vorbei Richtung Ausgang, wobei ich diesen Triumph noch mit fünf Flakons meines Lieblingsduftes Moschus krönte, die ich wie ein Werbemodel in meine neue Handtasche gleiten ließ.

Damit schloss ich diesen Einkaufsbummel ab und schwirrte, selig wie eine Libelle im Liebesrausch, zum Wagen, um meine Errungenschaften zu verstauen, als mich eine Blitzvision heimsuchte:

Ich sah mich mit dem Unbekannten aus meinem Traum, engumschlungen am Strand tanzend.

Eine schmerzhafte, unergründliche Sehnsucht ergriff mich und stürzte mich in eine spontane Depression.

»Ich muss Joe verlassen«, flüsterte ich und wühlte in den Taschen nach der Schachtel Zigaretten, die ich aus unerklärlichen Gründen zusammen mit meiner Lieblingszeitschrift gekauft hatte.

»Ja, ich habe ein wundervolles Haus und tolle Kleider. Aber das ist alles nur noch befremdlich. Ich lebe nicht! Ich warte, ohne zu wissen worauf«, fluchte ich stinksauer und steckte mir unbeholfen meine allererste Kippe an. Da ich nicht wusste, was ich tun musste, zog ich kräftig wie an einem Strohhalm, woraufhin ich mir die Seele aus dem Leib hustete und würgte und fürchtete, zu ersticken. Doch ich ließ mich nicht kleinkriegen und paffte sie, bis der Filter verschmolz, während ich mich hüstelnd ärgerte, dass der Junge mit dem Van nicht mehr neben mir parkte.

In Gedanken an meinen Traummann fuhr ich nach Hause und schämte mich gleichzeitig dafür. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich war verzweifelt, weil ich dabei war, in ein Gefühlschaos zu schlittern, dessen Ursprung ein banaler Traum war.

In den darauffolgenden Tagen wurde ich immer verbitterter und gab mir keine Mühe, dies vor meiner Umwelt zu verbergen.

Joe muss Höllenqualen durchlitten haben, da er den Grund meiner spontanen Depression nicht kannte und um seine schneeweiße Weste fürchtete, die er in unserem Ort spazieren trug. Also überlegte er sich eine Strategie, um mich aufzuheitern, die jedoch ebenso undurchdacht wie peinlich war. So verhielt er sich sehr zuvorkommend und überschüttete mich permanent mit Komplimenten, die schlecht einstudiert wirkten:

»Du strahlst heute heller als die Sonne. Trainierst du wieder? Deine Beine sehen so toll aus in den Shorts. Dein Haar riecht gut. Der Braten war der Beste, den ich je gegessen habe. Soll ich den Tisch abräumen? Möchtest du einen Tee? Soll ich dir ein Bad einlassen? Hast du Lust auf Kino?«

»NEIN!!!«, brüllte mein Innerstes, da er am Ende damit das Gegenteil erreichte. Ich fühlte mich nicht geschmeichelt, sondern verspottet und auf eine unangenehme Weise in die Enge getrieben.

Irgendwann wurde es mir zu viel.

Eines Abends stand ich in der Küche und erledigte in Gedanken vertieft den Abwasch, als er hereinkam und einen albernen Pfiff ausstieß.

»Heiße Aussicht«, flötete er jugendlich, worauf ich den Teller in die Ecke pfefferte und losschnaubte.

»Was willst du?«, blaffte ich gereizt, worauf er einen halben Meter nach hinten stolperte und die Hände abwehrend in die Höhe hielt.

»Schlechter Zeitpunkt?«, fragte er weiterhin höflich, als mir endgültig der Kragen platze.

»Ja, und die anderen sind auch unpassend. Warum tust du das? Jahrelang treibst du dich mit dieser Tussi herum und jetzt schleichst du um mich herum, als wäre ich Kleopatra. Ich ... Es tut mir leid, ich kann das nicht mehr!«, brüllte ich meinen Frust heraus und rannte an ihm vorbei.

Sein Versuch, mich aufzuhalten, brachte mich derart in Rage, dass ich meinen Arm aus seiner Hand riss und ihn grob beiseiteschob. Ich konnte es nicht mehr ertragen, dass er mich berührte, auch wenn es nur aus Versehen war. Selbst seine Anwesenheit schien mir falsch.

Alles in mir begann zu rebellieren und setzte aggressive Energien frei, die mich überforderten.

Ich fühlte eine Art schmerzhaften Druck im Bauch, der mich auf eine fremdartige, atemverschlingende Art erregte und zugleich mein Innerstes zerreißen wollte. Ich wurde aus einer jahrelangen Lethargie gerissen und unmissverständlich damit konfrontiert, dass ich mein Leben mit jemandem teilte, den ich nicht liebte. Mehr noch, Joe widerte mich in diesem Augenblick regelrecht an.

Doch ein Ausbruch aus der Situation, die mich in den Wahnsinn zu treiben drohte, schien mir zu diesem Zeitpunkt unmöglich, deshalb erkor ich ihn zu meinem Feind. Und das ließ ich ihn spüren.

- Kapitel 3 -

 

In dieser Zeit entwickelte ich eine Art Ritual. Bevor ich zu Bett ging, holte ich das Bild des Unbekannten hervor und sprach mit ihm. Aus den anfänglich eher unbeholfenen drei Sätzen wurden zärtliche Konversationen, die mich entspannt in den Schlaf wiegten. Jeden Abend hoffte ich, dass ich wieder von ihm träumen würde. Doch es sollten vier endlose, grausame Wochen vergehen, bis das tatsächlich geschah:

Ich lag an einem magisch wirkenden Strand und relaxte. Es war nichts Außergewöhnliches. Vor mir lag das Meer und über mir strahlte die Sonne vom azurblauen Himmel.

Ich öffnete die Augen und sah mich um, ohne mich zu erheben. Eine Brise trug einen Hauch Moschus zu mir, der meine Nackenhärchen Samba tanzen ließ. Neben mir, vielleicht einen halben Meter entfernt, stand eine weitere Liege, und darauf lag er! Bluejeans, lässiges hellgraues Shirt, braungebrannt. Er sah mich mit seinen stahlblauen Augen an und lächelte entspannt, während sein Gesicht auf seiner Hand ruhte. Wir sprachen kein Wort, doch die Art, wie er mich ansah, gab mir Sicherheit, dass er über mich wachte.

Als ich erwachte, wusste ich, dass dieser Traum ein Versprechen war. Die Bestätigung meines Unterbewusstseins, dass ich meinen Gefühlen bedingungslos vertrauen und ihnen folgen sollte.

Mein Körper bebte. Ich war wütend, erregt und verwirrt. Um mich zu beruhigen, nahm ich erst einmal eine kalte Dusche. Ich wollte dieses Verlangen loswerden, diese Gier nach etwas oder genauer, nach jemandem, den es außerhalb meiner Träume nicht gab, der aber trotzdem mehr und mehr mein Leben zu bestimmen begann.

Anschließend holte ich die Skizze unter der Matratze hervor und malte seine Augen blau an. Die restlichen Stunden bis zum Morgengrauen sinnierte ich und beschloss, der Ursache für dieses Gefühlschaos auf den Grund zu gehen.

Während ich mich mit einem üppigen Sektfrühstück belohnte, erstellte ich eine To-do-Liste:

 

1. Traum-Recherche

2. Psychologe

3. Susan

 

Danach ging ich ins Schlafzimmer und öffnete mit theatralischer Geste alle sechs Kleiderschranktüren. Ich legte die Errungenschaften meines letzten Einkaufsbummels, die noch unbeachtet in den Tüten auf ihren großen Auftritt warteten, aufs Bett und stopfte anschließend alle meine Kleider nebst Kleiderbügeln in Müllsäcke. Zufrieden, beinahe erleichtert, machte ich noch den Staubflusen den Garaus und fuhr dann zu Susan.

Mit quietschenden Reifen hielt ich vor ihrer Haustür und brüllte ihr durchs Wagenfenster zu, dass wir eine lebensnotwendige Mission zu erfüllen hätten. Daraufhin stieg sie sichtlich verstört und mit hochrotem Kopf ein. Ohne ein Wort der Erklärung entführte ich sie ins Einkaufszentrum, wobei sie mich mehrmals darauf hinwies, dass sie dieses Etablissement höchst ungern in ihren Gartenclogs betreten wolle. Nachdem ich wie ein Profi über den Parkplatz gefegt war und den Wagen schließlich, in eine beachtliche Staubwolke gehüllt, abgestellt hatte, stieg sie kreidebleich aus und betete lauthals für mein Seelenheil.

»Schade, der weiße Van ist heute nicht da«, stellte ich enttäuscht fest und schritt mit wehendem Haar auf den Eingang zu.

Vier Stunden schlich Susan hinter mir her und hoffte, dass mich jemand zur Vernunft bringen würde. Als ich bei »Missy« in der Dessous-Abteilung mehr bezahlte als in den anderen Läden zusammen, schnaubte sie und trabte kopfschüttelnd zum Ausgang.

»Ihr habt euch also wieder vertragen?«, zischte sie mich von der Seite an.

Ich verstand nicht, worauf sie hinauswollte, und zog die Stirn kraus. Als sie daraufhin verschämt auf die pinkfarbene Lacktüte mit der Reizwäsche zeigte, war es an mir, zu schnauben.

»Die sind nur für mich! Darf sich eine Frau keine schöne Unterwäsche kaufen? Nein! Die sind nicht dafür gedacht, meine Ehe zu retten, wenn es das ist, was du meinst«, zickte ich sie an, was mir im nächsten Moment leid tat.

Sie wusste ja nichts von diesen Träumen und meinen Ängsten, deshalb konnte ich auch keine Rücksicht auf meine Gefühle verlangen. Als ich ihren verlegenen Gesichtsausdruck sah, beschloss ich, ihr von meinem Emotionswirrwarr zu erzählen, und lud sie auf einen Kaffee ein.

Während sie den neuesten Tratsch aus der Nachbarschaft analysierte, wartete ich auf den geeigneten Zeitpunkt für meine Enthüllung.

»Sag mal Susan, glaubst du an Wahr-Träume? Nein, anders. Glaubst du, dass es Menschen gibt, die in ihren Träumen die Zukunft sehen können? Ich meine damit nicht den Weltuntergang oder Ähnliches. Ich denke da eher an eine Konversation höherer Mächte mit dem Unterbewusstsein, die dich dazu anleiten wollen, etwas Bestimmtes zu tun.«

Nun, sie war kein Typ der Affekthandlungen oder spontanen Äußerungen. Auch in diesem Moment blieb sie sich treu und hielt sie sich vorerst diplomatisch zurück. Zumindest verbal.

An ihrer Mimik konnte ich jedoch erkennen, dass sie sich wohl sehr um meine mentale Verfassung sorgte. Sie starrte intensiv nachdenkend an die Decke und zuckte ahnungslos mit den Schultern. Minuten vergingen, in denen sie mich abwechselnd unsicher anlächelte und nervös an ihren Haaren herumspielte.

»Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst«, erwiderte sie schließlich. »Ich glaube an Gott, Laura, an die Ehe, an Aufrichtigkeit und daran, dass nach jedem Winter der Frühling wiederkommt. Ich glaube nicht mehr an den Weihnachtsmann, oder dass die Zahnfee einen Dollar unter das Kopfkissen meiner Kinder legt. Diesbezüglich sprechen die Zahlen auf meinem Konto für sich. Aber ich weiß, dass du ein guter Mensch bist, der wohl gerade eine komplizierte Phase durchlebt.

Was hast du denn geträumt?«

Die letzte Frage sprach sie so hastig aus, dass ich sie kaum verstand.

Ich sah mich um, da es mich verunsicherte, wie ihr Blick hektisch durch das Café streifte. So als würde sie befürchten, dass jemand unser Gespräch belauschen könnte.

»Entspann dich, Susan! Ich rede doch nur von Träumen und nicht von Hexerei! Es war kein okkulter Traum, in dem der Teufel mich heimgesucht hat oder so. Eigentlich war es eine banale Geschichte, die jedoch ... Also ich war in einer Apotheke und durchforstete die Regale. Dabei hatte ich das intensive Empfinden, beobachtet zu werden, und da stand er plötzlich vor mir. Bildschön, ein unfassbares Charisma und Augen, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagten. Doch das Prägendste war das Gefühl, das ich dabei hatte. Es lässt mich seitdem nicht mehr los. Susan, du weißt, dass es zwischen Joe und mir in letzter Zeit nicht besonders gut läuft. Ich dachte, ich könnte mich damit arrangieren, aber am Ende hatte ich den Löwen in mir nur betäubt. In jener Nacht ist er aufgewacht und brüllt nun unaufhörlich. Verstehst du, was ich damit sagen will?«

Natürlich verstand sie es nicht, was aber nicht daran lag, dass sie meine Metaphern nicht entschlüsseln konnte. Trotzdem gab sie sich große Mühe, eine gute Freundin zu sein und mir mit diplomatischen Ratschlägen weiterzuhelfen.

»Eine Ehe bedeutet immer viel Arbeit, Laura. Auch für mich. Wir sind keine Teenager, die den nächsten Apfelbaum erobern können, wenn die Äpfel des alten nicht mehr schmecken. Wir haben Verantwortung übernommen, als wir vor Gott »Ja« gesagt haben! Vielleicht solltest du mit Joe über deine Gefühle sprechen. Ein Kurzurlaub könnte euch guttun. Nicht, dass du mich falsch verstehst, Emotionen sind nichts Schlechtes, aber wie gesagt, ein neuer Apfel bekommt auch irgendwann Dellen.«

Ich hatte zwei Möglichkeiten: Entweder gab ich auf und beließ es dabei, oder ich nahm in Kauf, dass meine beste Freundin mich für verrückt erklärte. Fakt war, dass der Löwe immer hungriger wurde.

»Aber stehen wir nicht in erster Linie in Verantwortung gegenüber uns selbst? Ich meine, warum erschuf Gott die Liebe, wenn wir sie am Ende verdrängen sollen? Bedeutet sie in deinem Glauben nur Unterordnung, Akzeptanz und Einsamkeit? Wenn ja, was ist dann der Vorläufer? Ich meine dieses Kribbeln, die Sehnsucht, die Leidenschaft. Ich denke, dass Liebe die Menschen erheben sollte und nicht erniedrigen. Ich bin seit knapp zwanzig Jahren verheiratet und trotzdem einsam.

Joe hat sich im Übrigen ebenfalls einen neuen Apfel ausgesucht, auch wenn es totgeschwiegen wird. Findest du das gerecht? Ich meine, steht in der Bibel tatsächlich geschrieben, dass die einen tun und lassen dürfen, was sie wollen, während andere gedemütigt in der Ecke verkümmern, nur damit sie nicht im Fegefeuer landen?«

Ich wurde stinksauer! Doch Susan blieb stur wie eine Brechstange und gab sich nicht einmal Mühe, meine Argumente zu verstehen. Ohne dass sie es wollte, verletzten mich ihre bibeltreuen Ansichten, die sie weiterhin konsequent vertrat.

»Natürlich will Gott nicht, dass du leidest. Er will dir helfen, eure Probleme zu lösen. Verstehst du? Gib nicht auf. Kämpf um deine Ehe! Das ist eure gemeinsame Aufgabe!

Es ist ganz normal, dass die Leidenschaft mit den Jahren der Verantwortung weicht. Liebe beschränkt sich nicht auf Körperliches. Was ist mit Sam? Auch wenn sie mittlerweile nicht mehr zu Hause lebt, bleibt sie eure gemeinsame Verpflichtung. Willst du einem Traumtypen hinterherjagen? Ich meine, du hast doch nur von diesem Mann geträumt, oder?«

Ihre Stimme wurde schriller. Ein deutliches Anzeichen, dass sie an ihre Grenzen gelangte, und ein noch deutlicheres Indiz dafür, dass ich auf Granit biss.

Ich war so genervt, dass ich am liebsten in die Tischplatte gebissen hätte. Da mir jedoch bewusst war, dass meine atheistischen Ansichten sie verletzten, ruderte ich zurück.

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht verärgern. Wahrscheinlich hast du recht. Gott hat mit meinen Problemen wohl am wenigsten zu tun. Komm, lass uns bezahlen, ich habe Kopfschmerzen.«

Wir verließen schweigend das Einkaufszentrum, was sich auch auf dem Rückweg nicht änderte. Ich beobachtete, wie Susan gelegentlich schluckte und die Augen zusammenkniff.

»Wahrscheinlich betet sie insgeheim für mein Seelenheil.«

Als ich sie zu Hause absetzte, lächelte sie verkrampft und versprach, sich am nächsten Tag bei mir zu melden. Dann eilte sie zur Haustür, wo sie von drei kreischenden, übermotivierten Kindern begrüßt wurde.

Ich beobachtete sie noch einen Moment und fuhr dann traurig weiter, um meine Tüten in das vereinsamte Haus zu schleppen. Dann heulte ich mir eine Stunde lang die Augen aus.

- Kapitel 4 -