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Frederick Becker

Einsam kann ich auch allein





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

EINSAM KANN ICH AUCH ALLEIN

 Jede Verwertung und Vervielfältigung, auch auszugsweise, ist nur mit der

schriftlichen Genehmigung des Autors erlaubt.

 

Sämtliche Figuren und Orte in der Geschichte sind fiktiv.

Ähnlichkeiten mit bestehenden Personen oder Orten sind

zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

 

Die Geschichte sagt nichts über die sexuelle Orientierung

des Covermodels aus.

~*~|Inhalt|~*~

Der obdachlose Waldek stolpert eines Abends über den jungen Matze, der wie er selber auf der Straße lebt. Es dauert nicht lange, bis die beiden eine enge Freundschaft verbindet, welche jedoch von Waldeks Trinkerei überschattet wird.

 

Trotz allem verliebt Matze sich in den gut zehn Jahre älteren Säufer und träumt von einer gemeinsamen Zukunft, in der er Waldeks Herz erobert.

 

Als Matzes Traum zerplatzt und er erkennt, dass sie niemals ein Liebespaar sein werden, zieht er die Reißleine, um sich selber zu schützen. Diese Entscheidung führt nicht nur zur Trennung der beiden, sondern es beeinflusst grundlegend ihre weitere Zukunft.

 

Eines Tages stehen sie sich wieder gegenüber. Zufall, oder hat hier das Schicksal seine Hand im Spiel?

Kapitel I

~*~| WALDEK |~*~

 

 

„Waldek, die Tonne hier vorn ist fast voll.“

 

Gelangweilt, obwohl mein Magen knurrt, starre ich zu meinem herumhüpfenden Kumpel. Bevor ich mich erhebe, nehme ich den letzten Zug von meiner Zigarette, der einem, wenn man tief genug einzieht, für einige Sekunden so ein flirrendes Gefühl im Kopf schenkt. Der Stummel landet schließlich endgültig auf dem kleinen Kippenhaufen, den ich in den vergangenen Stunden, seit ich hier an der Mauer zum Supermarkt herumhocke, angehäuft habe. Ich schultere meinen alten Armeerucksack, den ich überall allein wegen seiner Flecken erkennen würde. Ich habe mal wieder einen Stein in meinem Schuh, weil die verfickte Sohle eingerissen ist. Bisher hat sie sich gegen jegliche Reparaturmaßnahmen zur Wehr gesetzt. Sollte mir wohl einfach neue Schuhe kaufen. Die Überlegung bringt mich zum Schmunzeln, denn in meiner Hosentasche befinden sich gerade Mal um die drei Euro in Form von Kleingeld. Da bekomme ich wohl nicht mal ein paar Puschen auf dem Trödelmarkt.

 

„Jetzt mach schon, Waldek. Steh nicht rum und hilf mir lieber!“

 

Es ist lustig, wenn Matze sich so aufregt. Er bekommt dann immer einen knallroten Kopf, der mit seinem Haarschopf konkurriert. Eigentlich ist er ziemlich niedlich, hat feine, feminine Züge und passt so gar nicht zu den Außenseitern, die auf der Straße leben. Aber genau genommen, wer tut das schon? Wir haben halt alle unsere Geschichten, mal mehr und mal weniger tragisch und vielleicht vertraut mir der kleine Feuermelder irgendwann mal so sehr, dass er mir seine erzählt. Die Frage ist, ob ich sie überhaupt hören will. Habe ja schließlich genug mit meiner eigenen beschissenen Vergangenheit zu kämpfen. Obwohl, genau genommen bin ich ja drüber weg, denn immerhin bin ich noch da und weil ich gegenwärtig nichts Besseres zu tun habe, kann ich dieses ‚da’ auch dafür nutzen, ein paar weggeschmissene Lebensmittel in meinen Rucksack zu stopfen.

 

~*|*~

 

„Isst du die Tomate noch?“

 

Ich schwenke meine Bierflasche. „Bin versorgt“, antworte ich und schütte das bittere Gesöff auf Ex hinunter.

 

„Trink nicht so viel“, werde ich prompt angemeckert, woraufhin ich dem kleinen Scheißer meinen Mittelfinger entgegenstrecke. Er senkt beschämt die Augen, sodass man seine langen Wimpern deutlich sehen kann. Ein Jahr auf der Straße und noch immer kann man ihn mit einer fast schon alltäglichen Geste verunsichern. Niedlich! Im Augenblick geht es uns richtig gut. Wir haben eine verlassene Hütte in einer Schrebergartenanlage entdeckt, die uns nun seit einigen Wochen als Nachtquartier dient. Solche Möglichkeiten muss man ausnutzen, solange sie dauern. Kann nämlich jeden Tag passieren, dass die Parzelle neu vermietet wird und dann ist Essig mit der behaglichen Schlafstatt.

 

Nach dem dritten Bier bin ich angenehm angeduselt und bettschwer. Ich trete die Schuhe von den Füßen und mache es mir auf meinem Schlafsack bequem. Neben mir liegt Matze auf dem Rücken und starrt die Decke an.

 

„Was ist los, Kleiner?“, will ich wissen und merke, dass ich bereits ein wenig lalle. Vertrage keinen Alkohol, praktische Sache, weil ich wenig Knete brauche, um mich zu besaufen.

 

„Nichts“, lautet die Antwort, auf die ich erwidere: „Nichts ist die kleine Schwester von Scheiße.“

 

„Das heißt ‚nett’“, korrigiert mich der kleine Klugscheißer sofort.

 

„Wie Sie meinen, Herr Professor!“ Manchmal kann er einem echt auf die Nerven gehen.

 

„Glaubst du, dass man sich komplett ändern kann, wenn man es lange genug versucht?“

 

Ächzend drehe ich mich auf die Seite, damit ich ihn besser ansehen kann. Wieso stellt er solche komischen Fragen nicht, wenn ich nüchtern bin?

 

„Worauf willst du hinaus?“

 

„Nehmen wir mal an, du verhältst dich unnormal und weißt das auch. Wie schafft man es, so was abzulegen?“ Ich verstehe nur Bahnhof.

 

„Kleiner, ich bin zu müde um Rätsel zu raten. Erklär es so, dass es auch ein Idiot wie ich versteht.“ Matze grinst und kratzt sich am Hals.

 

„Du hast nie gefragt, wie ich auf der Straße gelandet bin.“ Was soll das denn jetzt? Genervt verziehe ich das Gesicht. „Nein, nein, das war kein Vorwurf“, wirft er sogleich erschrocken ein und wedelt mal wieder mit seinen winzigen Händen herum. „Ich wollte damit nur sagen, dass du nicht weißt warum, okay?“

 

„Dann erzähl es mir jetzt“, fordere ich und stütze den Kopf auf meine Hand. Matze schweigt. Oh Mann, wenn es in dem Schneckentempo weitergeht, hocken wir morgen früh noch hier und haben keine Minute geschlafen.

 

„Ich bin ziemlich behütet aufgewachsen“, beginnt er endlich. „Meinen Eltern gehört ein Sportwarengeschäft, das sehr gut läuft. Geldmangel gab es nie. Meine Zwillingsschwestern sind zehn Jahre jünger als ich und der ganze Stolz meines Vaters. Mit siebzehn habe ich gemerkt, dass ich mich eher zu Jungs hingezogen fühle und das hat mir wahnsinnige Angst gemacht. Als ich mich in einen Mitschüler verguckte, habe ich es in meiner Verzweiflung meiner Mutter erzählt, weil ich einfach mit jemandem darüber sprechen musste. Mein Vater hat das mitbekommen und mich das erste Mal in meinem Leben geschlagen. Derartige Flausen sollte ich mir gefälligst ganz schnell wieder abgewöhnen, und wenn er noch einmal von solchem Schweinkram hören würde, würde er mich rausschmeißen.“ Matze bricht ab und schluckt schwer.

 

„Kann ich ein Bier haben?“ Ich schüttle lächelnd den Kopf und fische eine Limoflasche aus dem Rucksack.

 

„Hier, das schmeckt besser, als die bittere Plörre.“ Er nickt, trinkt einen kräftigen Schluck, dann gibt er mir die Flasche zurück.

 

„Die nächsten Monate ging alles gut und das Thema wurde nicht mehr erwähnt. Doch dann fand meine Schwester ein altes Schwulenmagazin in meinem Zimmer. Ich dachte, ich hätte alle Zeitschriften nach dem Ausraster meines Vaters entsorgt. War wohl ein Irrtum. Sie hat es am Wohnzimmertisch durchgeblättert und als mein Vater die nackten Kerle gesehen hat, ist er vollkommen ausgetickt. Zuerst hat er mir ins Gesicht geschlagen und mich als perverses Stück Scheiße betitelt. Meine Mutter war in der Küche und kam nicht heraus. Nachdem er sich heiser gebrüllt hatte, schob er mich in mein Zimmer, schmiss mir eine Reisetasche zu und sagte: „Pack deinen Kram und verschwinde!“ Also habe ich alles eingepackt, was ich greifen konnte und als die Tasche voll war, bin ich gegangen. Mein Mutter hat mir im Flur hundert Euro zugesteckt, dann ist sie wieder in der Küche verschwunden.“

 

Kommentarlos halte ich Matze die Limoflasche entgegen, wovon er mit hastigen Schlucken trinkt.

 

„Die letzten Wochen bis zum Abschluss kam ich bei einer Schulfreundin unter. Ihre Eltern waren fast nie zu Hause, da fiel ich gar nicht auf. Als wir die Zeugnisse in der Hand hielten, gingen wir feiern und ich trank zum ersten Mal Alkohol. Bei ihr im Zimmer wurde sie dann zudringlich und nüchtern hätte ich mich vielleicht auch gar nicht gewehrt, aber der Alkohol machte mich mutig, weshalb ich sie zurückstieß und ihr sagte, dass ich nicht auf Möpse, sondern Schwänze stehen würde. Ihr fiel alles aus dem Gesicht, dann spuckte sie vor mir auf den Boden. Sie beschimpfte mich als Schwuchtel und dass ich sie ausgenutzt hätte. Wenn sie durch mich AIDS bekäme, könnte ich was erleben und sie würde jeden vor mir warnen. Seitdem habe ich keinen Alkohol mehr angerührt. Hat sowieso nicht geschmeckt, das Zeug.“

 

„Dumme Pute“, mache ich meinem Unmut Luft. „Aber warum bist du Schlaubi nicht zum Amt gegangen? Die hätten dich doch unterstützt und dir eine Lehrstelle vermitteln können?“

 

„Wieso hast du das denn nicht gemacht?“ Auf einmal sitzt er mit verschränkten Armen vor mir und sieht mich herausfordernd an. Für meine Lebensbeichte bin ich zu müde, also ziehe ich an Matzes Arm und bringe ihn zu Fall.

 

„Diese Gutenacht-Geschichte gibt es ein anderes Mal. Jetzt wird geschlafen“, bestimme ich und schließe die Augen. Dass er mich anstarrt, spüre ich genau, aber für heute haben wir genug geredet.

Kapitel II

Kalte Wassertropfen reißen mich aus dem Schlaf. „Spinnst du“, beschwere ich mich lauthals und wische mir übers Gesicht. Matze sitzt breit grinsend vor mir und schnippt mit den Fingern Wasser aus einer Schüssel in meine Richtung.

 

„Du wachst ja sonst nicht auf“, antwortet er unbeeindruckt von meinem Tobsuchtsanfall.

 

„Oh, entschuldige! Wir haben heute ja lebenswichtige Termine und dürfen nicht zu spät kommen.“ Auf Ironie kommt er gar nicht klar, das bestätigt sich gleich wieder.

 

„So wichtig nun auch wieder nicht, aber wir wollten doch auf dem Trödelmarkt vorbeischauen und je später es wird, umso voller ist es da.“

 

Trödelmarkt? Kein Wunder, dass ich das aus meiner Erinnerung verbannt habe. Garantiert war ich besoffen, als ich zugestimmt habe, mit ihm da hinzugehen, denn ich hasse es, durch die verstopften Gänge zu latschen. Hinzu kommt, dass es überall nach Essen riecht und man ständig schräg von der Seite angesehen wird. Na, zumindest ich werde es, denn Matze sieht man nicht an, dass er auf der Straße lebt. Meine langen, bunten Haare, die ich meist zu einem wirren Dutt auf dem Kopf zusammenbinde, Piercings an den Augenbrauen, der Lippe sowie die ganzen Ohren hinauf und die zerschlissenen Klamotten outen mich als Penner par excellence. Wieso er sich nicht mit mir schämt, weiß der Geier. Vielleicht glaubt er, dass ich ihn beschützen kann oder will einfach nicht allein durch die Gegend rennen.

 

„Gib mir mal die Zigaretten rüber“, bitte ich und strecke die Hand aus.

 

„Du sollst im Haus nicht rauchen“, belehrt er mich, rückt die Schachtel aber raus.

 

„Welches Haus?“, frage ich und sehe mich suchend um. „Ach, du meinst diesen Holzschuppen, der nur ein Fenster hat und vor Dreck steht?“

 

„Kannst ja mal hier putzen“, verteidigt Matze unsere Unterkunft.

 

„Tue ich doch.“ Nach einem kräftigen Zug an der Zigarette verteile ich den ausgestoßenen Rauch in mehrere Richtungen. „Ich desinfiziere die Bude.“

 

„Ja, so siehst du aus.“ Die Hand tief in seiner Reisetasche vergraben, zieht er wenig später eine Zahnbürste hervor. Die Zahnpasta benutzen wir äußerst sparsam. Jeden Tag nur ein kleiner Klecks, denn wir sind beide pingelig, was unsere Mundhygiene angeht und darauf bedacht, diesen Rest Normalität zu erhalten.

 

Seit ich Matze vor vier Monaten unter einer Brücke aufgelesen habe, hat er reichlich Gewicht zugelegt und man kann die hervorstehenden Knochen kaum noch sehen. Seine Haare glänzen in einem kräftigen Rotton, was zu den ganzen Sommersprossen an seinem Körper lustig aussieht. Weil er so komisch verdreht dalag, dachte ich als erstes, er wäre besoffen und wollte schon weitergehen, aber als er seinen Kopf bewegte, konnte ich erkennen, dass sein Gesicht schweißbedeckt mit roten Flecken war. Abends, bei weniger als zehn Grad, eher ungewöhnlich.

Irgendwas an dem kleinen Kerl weckte mein Mitleid und so habe ich ihn auf die Arme genommen und zu meiner damaligen Unterkunft in einer alten Fabrikhalle getragen. Wog ja fast nix, die halbe Portion.

 

Zuerst habe ich seine verschwitzten Klamotten gewechselt, ihm noch einen dicken Pullover von mir übergezogen und ihn in meinen Schlafsack gepackt. Mehr als ein nasses, kaltes Tuch auf seine glühende Stirn zu legen, konnte ich nicht tun. In der Nacht ist er wach geworden und hat wirres Zeug gequatscht. Da habe ich ihm Wasser eingeflößt und leise auf ihn eingeredet.

Am nächsten Morgen habe ich dann eine meiner wertvollen Zigarettenpackungen gegen Antibiotika getauscht. Wenigstens hat das Zeug geholfen und dafür gesorgt, dass es ihm nach zwei Tagen wieder besser ging.

Seitdem weicht er mir nicht mehr von der Seite, fast wie ein Hund, nur muss ich ihn nicht Gassi führen. Die meiste Zeit nervt Matze nicht, darum ist es okay für mich. Außerdem ist es ganz schön, wenn man jemanden zum Reden hat.

 

„Können wir endlich los?“, holt mich sein Quengeln aus meinen Gedanken. Ich seufze, schnappe den Rucksack und trotte missmutig hinter dem kleinen Rotschopf her. Trödelmärkte … Gott, wie ich das hasse.

 

~*|*~

 

Zig abwertende Blicke und etliche dumme Kommentare später, habe ich mich ein wenig abseits des Trubels unter einem Baum niedergelassen. Matze kann sich auf den Kopf stellen und trällern, ist mir egal, ich gehe auf keinen Fall noch einmal dorthin.

 

„Hier!“ Wie aus dem Nichts taucht ein Teller mit einer heißen, verführerisch duftenden Currywurst drauf, vor meinem Gesicht auf. Magisch davon angezogen strecke ich die Hand aus und greife nach dem leckeren Essen. Eine Weile gucke ich verklärt die Wurstscheiben sowie die krossen Pommes an. Glücklich grinsend schiebe ich mir die erste Ladung in den Mund.

 

„Danke …“, nuschle ich mit vollem Mund. „Wo hast du die her?“

 

„Gekauft, was sonst“, antwortet Matze, lächelt und schüttelt mit dem Kopf. Abrupt lasse ich den Holzspieß auf den Pappteller fallen.