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Frederick Becker

Mit einem Mal war alles anders





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

MIT EINEM MAL WAR ALLES ANDERS

INHALT:

 

 

 

Olivers Alltag verläuft in geregelten Bahnen. Er hat einen festen Job und wohnt mit seinem gut aussehenden Partner zusammen. Linnart betrügt ihn zwar ständig und dessen Kumpels können Oliver nicht leiden, weil sie ihn für einen Dummkopf halten, aber welches Leben ist schon perfekt?

Um einem Streit aus dem Weg zu gehen, quält er sich zu einer Geburtstagsparty, die ein Freund von Linnart im angesagten Künstlerbistro DEBRIS schmeißt. Dort trifft Oliver auf Altin, den charismatischen Bistrobesitzer, zu dem er sich sofort hingezogen fühlt. Diese zufällige Begegnung löst eine Kettenreaktion aus, die Olivers Welt auf den Kopf stellt.

Seine aufgewühlten Gefühle sind aber bald schon das kleinste Problem, denn plötzlich läuft alles aus dem Ruder. Der Job ist in Gefahr, die Beziehung steckt in einer Krise und auch Altin scheint einige dunkle Geheimnisse zu hüten. Es ist an der Zeit, dass Oliver für sich selber eintritt, etwas was er ganz und gar nicht beherrscht. Denn bisher gab es immer jemanden, der diese Aufgabe für ihn übernommen hat. Nun muss er das erste Mal allein entscheiden, was ihm wichtiger ist: Die Gewohnheit oder eine Chance auf das ganz große Glück!

 

 

 

Ebook-Ausgabe August 2016

Text: Frederick Becker

Kontakt: freddi28.becker@gmail.com

Cover: www.fotolia.com # 88599455; 78189721

Covergestaltung: Caro Sodar

Korrektur: Guido Becker, Dagmar H.

 

Jede Verwertung und Vervielfältigung, auch auszugsweise, ist nur mit der

schriftlichen Genehmigung des Autors erlaubt.

 

Sämtliche Figuren und Orte in der Geschichte sind fiktiv.

Ähnlichkeiten mit bestehenden Personen oder Orten sind

zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.

 

Die Geschichte sagt nichts über die sexuelle Orientierung

des Covermodels aus.

 

 

 

Kapitel I

Das unerträgliche Geräusch von Linnarts Handywecker holt mich wie jeden Morgen auf unschöne Weise aus dem Schlaf. Egal wie oft ich ihn bereits gebeten habe, den Ton zu ändern, mehr als ein dreckiges Grinsen erhalte ich nicht und die quietschende Melodie bleibt. Ein Auge halb geöffnet beobachte ich, wie er die Bettdecke zurückwirft, seine langen Gliedmaßen streckt und sich aufsetzt. Er hockt einen Moment auf der Bettkante, gähnt und streicht sich mit den Fingern durch die hellblonden Haare. Der Anblick seines breiten Kreuzes entlockt mir ein leises Seufzen und erinnert mich wie so oft an die Anfänge unserer Beziehung.

 

Mein Freund war ständig scharf auf mich und fickte mir die Seele aus dem Leib. Trotz aller Wildheit bevorzugte er im Gegenzug ein gutbürgerliches Leben, mit festem Job, einem umfangreichen Freundeskreis und nachdem wir ein halbes Jahr zusammen waren, der gemeinsamen Wohnung. Die Sommerurlaube verbrachten wir im sonnigen Süden, wo ich es an Linnarts Seite so richtig krachen ließ. Party, Strand und Sex lautete die Devise. Der nordische Gott verkörperte einfach alles, was ich mir jemals erträumt hatte.

 

Linnart steht auf, kratzt sich am Oberarm und schlurft Richtung Bad. Ich zwinge mich dazu, die Augen erneut zu schließen, denn ich muss erst in einer Stunde aufstehen. Mein Körper ist zwar noch bettschwer, aber dafür sind die Gedanken hellwach. Gerade habe ich alles in der Vergangenheitsform gedacht, fällt mir soeben auf. Die aufkommende Panik versuche ich mit mehrmaligem Schlucken zu vertreiben. Geht mein Unterbewusstsein also bereits davon aus, dass wir keinen gemeinsamen Urlaub mehr verbringen werden? Ziehe ich sogar eine Trennung in Betracht? Erschrocken mache ich die Augen wieder auf und zerre die Decke bis zum Hals, denn mein Körper wird in diesem Moment von einer Gänsehaut überzogen.

 

„Bin weg“, brummt Linnart, wobei er meine Bettdecke mit einem Ruck nach unten zieht.

„He“, beschwere ich mich und bemühe mich, das warme Plümmo zurückzuerobern.

„Stell dich nicht so an, Weichei!“ Genervt will ich mich zur anderen Seite drehen, aber seine große Pranke hält mich auf.

„Warum bist du in letzter Zeit nur so zickig?“ Da er auf diese Frage sowieso keine Antwort erwartet, schweige ich beharrlich. „Heute Abend wird es später, aber falls ich nicht zu geschafft bin, könnten wir uns ja ein bisschen miteinander vergnügen.“

„Seit wann hast du denn wieder Lust auf mich?“, kann ich mir nicht verkneifen und mein Freund verzieht das Gesicht.

„Bei so blöden Antworten verfliegt sie schnell wieder, keine Sorge.“ Ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, dreht er sich um und geht.

 

Bis zur Frühstückspause bin ich nicht wirklich produktiv, weil mir ständig das jüngste Streitgespräch mit Linnart im Kopf herumwirbelt. Viel zu tun ist sowieso nicht, weshalb ich die Arbeit bis Feierabend schaffen müsste, auch wenn ich mit meiner Kollegin Enise die Kantine aufsuche.

„Guten Morgen!“, trällert sie mir fröhlich entgegen und setzt sich wie selbstverständlich auf meinen Schreibtisch. „Ihr hattet mal wieder Streit“, stellt sie mit Kennerblick fest. Wieso soll ich es abstreiten, also nicke ich. „Mensch, Oliver! Wie lange willst du das noch mitmachen? Und sag ihm endlich, dass du weißt, dass er dich betrügt.“

„Brüll doch noch lauter. Ich denke, die Jungs aus dem Versand da hinten, haben es noch nicht mitbekommen.“ Kopfschüttelnd beuge ich mich zum Container, in dem ich mein Portemonnaie aufbewahre.

„Tut mir leid“, rudert sie kleinlaut zurück. „Es regt mich einfach so auf, dass er dich nicht zu würdigen weiß. Du bist hübsch, total nett …“

„… und gnadenlos langweilig“, beende ich ihren Satz.

„Das ist doch Quatsch. Lass dir nicht so einen Käse einreden. Wärst du hetero, würde ich dich nehmen.“ Ich lächle.

„Da käme ich ja vom Regen in die Traufe. Anstelle betrogen zu werden, verkloppen mich dann deine Brüder.“

„Die beiden verkloppen niemanden. Immer diese blöden Klischees gegen Türken.“ Beleidigt schiebt sie die Unterlippe nach vorn.

„Ist ja gut. Yasin und Fahri sind nett. Wenn sie schwul wären, würde ich sie sogar angraben.“ Wir sehen uns an und prusten los. „Lass uns frühstücken“, wechsle ich gekonnt das Thema. In trauter Eintracht machen wir uns auf den Weg.

 

„Wenn ihr mich fragt, dann läuft der Laden hier schlechter, als man zugibt. Würde mich nicht wundern, wenn wir bald alle die Kündigung in unseren Fächern haben.“ Wir laufen, die Kaffeetassen balancierend, am Tisch, der jeden Tag von der Buchhaltung besetzt ist, vorbei. Darauf bedacht, uns nicht anmerken zu lassen, dass wir jedes Wort gehört haben.

„Langsam glaube ich, dass sie recht hat“, sagt Enise leise und schlürft an ihrem heißen Getränk.

„Mir ist auch schon aufgefallen, dass die Auftragseingänge rückläufig sind“, gebe ich zu. „Das würde mir gerade noch fehlen.“

„Ach komm, so berauschend ist der Job hier nun auch nicht. Dann suchen wir uns eben was anderes. Natürlich mit mehr Freizeit und höherem Stundenlohn.“

„Für mich wäre es eine Katastrophe. Im Gegensatz zu dir habe ich keine abgeschlossene Ausbildung und den Job hier dem Exmacker meiner Mutter zu verdanken. Sie sind zwar zwischenzeitlich getrennt, aber er war so fair, mich hier weiterarbeiten zu lassen.“

„Scheiße, das wusste ich ja gar nicht.“ Enise sieht mich ganz entsetzt an.

„Mit der eigenen Dummheit geht man normalerweise auch nicht hausieren“, belehre ich sie und trinke weiter an meinem Kaffee.

„Da du nicht dumm bist, muss es einen anderen Grund dafür geben. Welchen?“ Sie will es einfach nicht wahrhaben, dass ihr Lieblingskollege ein wenig seicht im Oberstübchen ist.

„Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss. Aber es gibt, von einer leichten Leseschwäche abgesehen, keinen. Lernen fiel mir schon in der Grundschule schwer. Ich brauchte ewig, bis ich die simpelsten Matheaufgaben begriff und einigermaßen schreiben konnte. Später wurde es kaum besser. Sport war das einzige Fach, in dem ich zwar ebenfalls nur durchschnittlich war, aber wenigstens nicht unangenehm auffiel.“

„Aber … hast du denn hier auch Schwierigkeiten?“ Ich lächle ein wenig gequält.

„Jetzt nicht mehr, denn ich habe alles mühsam auswendig gelernt, und kann die Abläufe im Schlaf runterbeten. Nur, welcher Arbeitgeber gibt dir diese Zeit, wenn er aus etlichen anderen Bewerbern auswählen kann? Sollte es dem Laden tatsächlich so mies gehen, wie der Buschfunk behauptet, dann bleiben mir nicht viele Möglichkeiten, wenn ich eine neue Arbeit suchen muss.“

„Kannst du den Ex deiner Mutter nicht fragen, ob unsere Sorgen begründet sind?“ Ich schüttle mit dem Kopf.

„Nein, wir haben gar keinen privaten Kontakt mehr und dabei möchte ich es auch lieber belassen.“

Die restliche Pause verläuft schweigend. Was sie soeben erfahren hat, muss Enise bestimmt erst einmal verdauen. Meine Stimmung hat sich dadurch auch nicht gebessert, sodass die Zeit bis zum Feierabend zur Zerreißprobe wird.

 

Warum ich nach Hause hetze, weiß ich nicht, denn Linnart hat ja angekündigt, dass er später erscheint. Garantiert ist er auf der Vernissage des schwulen Fotografen. Vor einigen Tagen habe ich die Einladung auf dem Tisch gesehen. Mich fragt er schon lange nicht mehr, ob ich zu solchen Veranstaltungen mitkommen will, denn meine Unwissenheit, was Kunst anbelangt, ist ihm vor seinen Freunden peinlich. Sie können stundenlange Diskussionen darüber führen, was der Maler, Bildhauer oder was auch immer mit seinen Werken auszudrücken versucht. Für mich bedeutet das ellenlange, öde Abende und schmerzende Mundwinkel, weil ich Linnart zuliebe ein freundliches Gesicht mache.

Zu meinem Erstaunen stelle ich fest, als ich an der Häuserfassade nach oben sehe, dass im Wohnzimmer Licht brennt. Obwohl ich es nicht sollte, durchzuckt mich freudige Erwartung und mit ausholenden Schritten nehme ich zwei Stufen auf einmal, um schneller in die Wohnung zu gelangen. Ich werde bereits im Flur erwartet und ohne Begrüßung ins Schlafzimmer bugsiert. Angetan von so viel unerwarteter Aufmerksamkeit gebe ich mich den dominanten Küssen meines Freundes hin.

„Zieh dich aus“, raunt er mir zu und beginnt seine eigenen Klamotten auf dem Boden zu verteilen. Ich fliege beinahe auf die Fresse, beim Versuch es ihm gleichzutun. Bei den Socken und der Unterhose hilft er mir und schuppst mich gleich darauf aufs Bett. Einen Moment bleibt er einfach so stehen, damit ich seinen perfekten Körper betrachten kann. Die gebräunte, makellose Haut bildet einen anziehenden Kontrast zum hellblonden Haarschopf, der im Gegensatz zu meinen stumpfen, straßenköterblonden Strähnen, in verschiedenen Farbfacetten leuchtet. Kurzum, Linnarts äußere Hülle ist die pure Versuchung, auch wenn er manchmal ein echtes Arschloch sein kann. Da ich ja bekanntermaßen nicht die hellste Birne am Kronleuchter bin, übernimmt rasend schnell meine untere Körperhälfte die Kontrolle.

Provozierend ziehe ich die Beine an, spreize sie dabei und sorge mit der Faust dafür, dass sich mein beschnittener Schwanz gänzlich aufrichtet. Linnart leckt über seine Lippen, packt sich in den Schritt und zieht die Vorhaut zurück, um sich selber hart zu reiben. Mit diesem Spielchen treiben wir unsere Erregung weiter voran.

Irgendwann hat mein Gegenüber anscheinend genug, denn er geht ein Stück zur Seite und greift nach Kondom und Gleitgel. Die Tube wirft er mir zu, den Gummi holt er aus der Verpackung und stülpt ihn sich routiniert über. Weitere Vorbereitung, sprich Dehnung, überlässt er mir und reibt in der Zwischenzeit locker seinen Schwanz. Während ich zwei eingegelte Finger in den Anus einführe, beobachtet Linnart jede meiner Bewegungen. Seine favorisierte Art Sex zu haben, macht mich normalerweise an, aber in meiner momentanen Verfassung wäre mir eine kuschelige Vanillavariante lieber. Leider hält mein Freund davon rein gar nichts.

Ich spreize die Finger und beschleunige die Vorbereitung, dabei merke ich, dass eine Weile seit dem letzten Mal vergangen ist, denn es schmerzt unangenehm. Egal, gleich wird es heftig zur Sache gehen und der Schmerz wird von Geilheit abgelöst werden.

„Genug!“ Schlagartig ziehe ich die Finger aus meiner Enge und lege mich flach auf den Rücken. Linnart zerrt mich an den Unterschenkeln zur Kante des Bettes, hebt meine Beine nach oben und setzt seinen Schwanz an. Wie gewohnt gibt er mir kaum Zeit, um die Dehnung wegzustecken, sondern presst sich gleich ganz in mich hinein. Die ersten Stöße stöhne ich noch, weil es unangenehm drückt, dann genieße ich, wie ich durchgefickt werde.

Den Zeitpunkt, an dem ich meine Härte anfassen darf, sehne ich inzwischen herbei und als ich endlich die Erlaubnis bekomme, reibe ich mich wie von Sinnen der Erlösung entgegen. Ich schaffe es, vor meinem Freund abzuspritzen, der wenig später mit einem tiefen Grollen seine Ladung in mich reinpumpt.

„War geil“, werde ich gelobt, bevor sich der dampfende Körper von mir löst und im Bad verschwindet. Schläfrig lasse ich die letzten Wellen der Lust verklingen. Menschliche Wärme fehlt mir trotz der Befriedigung noch immer.

Kapitel II

„Heute Abend sind wir zu Gabriels Geburtstagsparty eingeladen. Er feiert in so einem angesagten Künstlerbistro, wo ich schon länger mal hin wollte.“

„Du willst mich mitnehmen?“ Ohne seine Reaktion abzuwarten, widme ich mich wieder der Schmutzwäsche, die als Nächstes den Weg in die Waschmaschine antreten soll.

„Solche blöden Äußerungen kannst du dir auch mal schenken“, kritisiert er umgehend meine Antwort, woraufhin ich den Kopf hebe, um ihn anzusehen.

„Dann passt es doch, habe ich recht?“

„Mag sein, aber man muss es ja nicht überall herausposaunen. Sei bitte um 19 Uhr fertig und komm gleich runter. Dann muss ich nicht extra einen Parkplatz suchen.“ Linnart greift nach der Sporttasche sowie dem Bügel, auf dem seine Kleidung hängt, die er heute Abend tragen will und verschwindet ins Fitnessstudio. Auch wenn ich es provoziert habe und er recht hat, seine Antwort war überaus verletzend. Meinen Frust lasse ich an der armen Wäsche aus, die ich mit Fußtritten in Richtung Maschine trete.

 

Normalerweise hält sich meine Eitelkeit in Grenzen. Weswegen ich ausgerechnet heute Abend besonders gut aussehen will? Wer weiß das schon. Unschlüssig drehe ich mich vor dem Badezimmerspiegel und kann mich mit dem tief ausgeschnittenen T-Shirt nicht wirklich anfreunden. Egal wie sehr Linnart darauf steht, ich finde, dass ich damit total tuntig wirke. Ein Blick auf die Uhr zeigt an, dass ich nur noch knapp fünf Minuten habe, bis ich losmuss. In mir streitet sich der Wunsch, meinem Freund zu gefallen, mit dem Bedürfnis, etwas zu tragen, in dem ich mich wohlfühle. In den letzten 60 Sekunden ist die Entscheidung getroffen und ich rupfe ein hellblaues Hemd vom Bügel, werfe es über und knöpfe es auf dem Weg zur Haustür zu.

 

Auf der Straße halte ich nach Linnarts schwarzem Touran Ausschau und entdecke ihn in einer Toreinfahrt mit laufendem Motor. Schnellen Fußes bewege ich mich darauf zu und öffne die Beifahrertür.

„Na, endlich. Bin schon angemeckert worden, weil ich hier so blöd stehe.“ Ich greife nach dem Gurt und senke den Kopf. „Wieso hast du denn wieder so ein Spießerhemd an? Ich habe dir doch gesagt, dass es ein Künstlerbistro ist, was automatisch interessante Menschen in moderner Kleidung implementiert.“ Während ich seinen Ausführungen lausche, sehe ich aus dem Seitenfenster. Wie ich es hasse, wenn er Worte benutzt, mit denen ich nichts anfangen kann. „Sag mal, Oliver. Hörst du mir überhaupt zu?“

„Natürlich.“ Ich seufze.

„Dann ist ja gut. Es wäre schön, wenn die Leute nachher auch merken würden, dass du zuhörst. Also reiß dich bitte ein wenig zusammen. Ich will mich nicht für meinen Freund schämen müssen.“

„Das tust du doch, egal was ich sage“, antworte ich leise. Auf sein unwilliges Schnauben reagiere ich nicht.

„Du bist manchmal echt ein Idiot.“ Andere benutzen das flapsige Schimpfwort eher aus Spaß, aber im Augenblick glaube ich fest, dass es tatsächlich Linnarts Meinung von mir ist. Warum habe ich mir bloß keine Ausrede für diesen Abend einfallen lassen? Das wird eine Katastrophe und für mein kümmerliches Selbstbewusstsein ein neuer Tritt in den Magen.

 

Das DEBRIS liegt in einer schmalen Seitenstraße, ein wenig abseits der quirligen Kneipenmeile. Einige hundert Meter weiter entdeckt Linnart einen Parkplatz. Bis wir vor dem Bistro ankommen und er nach dem Türöffner greift, haben wir kein Wort mehr miteinander gewechselt. Einen Moment hat es den Anschein, als wenn er noch etwas sagen will, doch er schüttelt nur kurz mit dem Kopf und lässt die Tür aufschwingen.

Staunend bleibe ich neben dem Eingang stehen und lasse das Ambiente auf mich wirken. Die Wände der Lokalität bestehen aus rotem Backstein, die vergitterten, bogenförmigen Fenster sind zur Hälfte von schweren, bordeauxfarbenen Stores verdeckt. Zwischen den Fensterrahmen sind die Wandabschnitte breit genug, sodass je ein großes Bild Platz an ihnen findet. Die Ölgemälde sind verstörend und faszinierend zugleich. Könnte auch an dem ungewöhnlichen Lichtkonzept liegen. Verschiedene Farbnuancen wabern wie Wellen durch den Raum und verändern ständig die Stimmung der Motive.

 

Eine blonde Frau kommt mit einem Lächeln im Gesicht auf uns zu. Sie ist hübsch und tätowiert, was ich fast genauso interessiert, wie zuvor die Bilder an den Wänden, betrachte. Ihre Arme, das Dekolleté, sogar ihr Hals sind mit bunten Gebilden verziert. Linnarts Ellenbogen reißt mich aus der Starrerei und ich folge ihm bis zu einer Empore, auf der grobe Holztische, an denen zwischen vier bis acht Personen Platz finden, angeordnet sind. Für die Gäste des Geburtstagskindes hat man zwei Tische zusammengeschoben. Anscheinend gehören wir zu den letzten Ankömmlingen, denn es sind keine zwei Stühle mehr nebeneinander frei, was mir gar nicht gefällt.

Gabriel taucht breit grinsend und eindeutig angeheitert neben uns auf. Sogleich fällt er meinem Freund um den Hals.

„Alter, ich dachte schon, du kommst nicht mehr“, begrüßt er ihn und schmatzt ihm einen nassen Kuss auf die Wange. Linnart, der solche öffentlichen Zuwendungen normalerweise hasst wie die Pest, lässt es jedoch lachend geschehen und holt mit der freien Hand einen Briefumschlag aus der Innentasche seines Jacketts.

„Alles Gute zum Geburtstag“, sagt er und auf Gabriels perplexen Blick, als dieser in den Umschlag hineinsieht: „Damit du in Vegas ne Runde zocken kannst.“

„Das ist ja echt der Hammer. Danke, Alter!“ Ich bekomme einen kurzen Schlag auf die Schulter, dann verschwindet der Gastgeber mit seiner Beute im Gewühl. Ich könnte fragen, wie viel Geld „wir“ denn gegeben haben, aber die Diskussion schenke ich mir. Wenn er einen Anteil von mir haben will, soll er es sagen.

Es dauert nicht lange, da stehe ich mit meinem Bier alleine da, weil Linnart von zwei Männern an den Tisch gebeten und sofort in ein Gespräch verwickelt wird. Mich beachtet man kaum und ich sende wohl auch nicht die passenden Signale aus, um diesen Umstand zu ändern. Ehe ich weiter wie bestellt und nicht abgeholt in der Ecke herumstehe, beschließe ich, einen Rundgang zu machen und mir dabei auch die restlichen Bilder anzusehen. Mein Kunstverstand ist inexistent, Museen wirken entweder einschläfernd oder bedrohlich auf mich und Musik, die ich zumeist im Radio höre, unterteile ich in „Gefällt mir!“ sowie „Gefällt mir nicht!“, damit hat es sich dann.

 

Der Weg führt mich an einer eckigen, verglasten Theke mit Steinsockel vorbei und über eine Nische, in der drei Mal zwei Sessel inklusive runden Tischchen untergebracht sind. Auf einem kleinen Podest, steht ein schwarzer Flügel und hinter ihm an der Wand hängen zwei weitere Gemälde. Rund um den erhöhten Vorsprung unterhalten sich Menschengruppen und lachen miteinander. An das Klavier traut sich anscheinend niemand heran. Gerade als ich mich umdrehen und weitergehen will, wird es um mich herum dunkler, ein bläuliches Licht senkt sich auf das Podest und lässt den Flügel in dieser Farbe schimmern. Schlagartig verstummen die Gespräche und ich möchte mich am liebsten in eine Ecke zurückziehen, kann mich aber gegenwärtig keinen Millimeter bewegen. Also bleibe ich wo ich bin und trinke nervös einen Schluck von meinem Bier.

 

Ein Mann erscheint, verneigt sich kurz mit einem schiefen Grinsen, dann lässt er sich auf dem Hocker vor dem Flügel nieder und klappt den Deckel nach oben. Seine Präsenz ist außerordentlich stark, ein wenig düster, ursprünglich und sehr maskulin. Dabei ist er bloß um die 1,75 m groß und gar nicht besonders breit gebaut. Seine dunklen Haare sind glatt und vorn ein ganzes Stück länger als hinten. Er trägt einen Vollbart und ist kaum weniger tätowiert als die Kellnerin von vorhin. Mit solch einer Art von Körperschmuck kann ich normalerweise nichts anfangen, auch Kerle mit Bart fand ich bisher selten attraktiv. Doch dieser Mann zieht mich an wie die Motte das Licht und ich kann die Augen nicht von ihm abwenden.

Sobald die ersten Töne erklingen, wandern meine Blicke zwischen seinen schlanken Fingern und den schönen Augen mit den langen Wimpern hin und her. Er trägt am linken Mittelfinger einen breiten Silberring und am Daumen der anderen Hand ebenfalls. Die Melodie kommt mir bekannt vor, aber ich habe wie gesagt keine Ahnung von Musik. Das Stück ist auf jeden Fall langsam, sehr eingängig und ich mag es.

Dann beginnt er zu singen und ich halte den Atem an. Seine Stimme ist dunkel, weich und voller Wärme. Ich weiß nicht, ob ich das Lied kenne, aber der Text berührt mich ganz tief.

 

 

Wenn du nicht glaubst, dass es ihn gibt,

den Weg zu deinem Ich.

Such weiter, zweifel nie daran,

dass du ihn finden wirst.

 

Halt dich an mir fest.

Halt mich einfach fest.

Die Zeit ist reif, drum kämpf dich frei.

Erkenne, was du wirklich brauchst.

 

Halt dich an mir fest.

Halt mich einfach fest.

 

 

 

„Ja“, wispere ich und senke den Blick.

„Verrätst du mir deinen Namen?“

„Hallo, Oliver! Ich heiße Altin. Bist du allein oder mit Freunden hier?“

„Wieso sind es nicht deine?“, will er prompt wissen, woraufhin ich mit den Schultern zucke.

„He, Altin“, begrüßt Gabriel mein Gegenüber. „Coole Party. Bin echt froh, dass wir uns entschieden haben, in deinem Künstlerbistro zu feiern. Die Truppe ist begeistert.“ Mein Kopf ruckt hoch und ich sehe Altin in die dunkelbraunen Iriden, die immer noch auf mich gerichtet sind. Ihm gehört der Laden hier? Oh Gott, zum Glück ist kein längeres Gespräch zustande gekommen. Unter Garantie hätte ich mich bis auf die Knochen blamiert.

„Ja, wir finden es klasse hier. Du darfst auch gern mal was sagen, Oliver“, fordert mich Linnart rüde auf, sodass ich zusammenfahre.

„Das beruhigt mich“, sagt Linnart mit der gleichen Liebenswürdigkeit. „Wir gehen dann mal wieder nach hinten zu den anderen. Mein Süßer hier, braucht zudem dringend flüssigen Nachschub.“ Er zieht mich einfach, ohne zu fragen, mit sich fort. Ob mir das passt, interessiert ihn anscheinend nicht. Ich werfe einen kurzen Blick über die Schulter, den Altin sofort auffängt und erwidert. Schade, ich wäre gern noch ein wenig in seiner Nähe geblieben, aber vielleicht ist es besser so.