SARAH OUTEN

ALLEIN IM

OZEAN

WIE ICH MIT DEM RUDERBOOT DEN UNBERECHENBAREN INDISCHEN OZEAN DURCHQUERTE

IMPRESSUM

1. Auflage 2011

© 2011 by hansanord Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Kein Teil dieses Buches darf ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags in irgendeiner Form reproduziert, übertragen oder in eine Maschinensprache übersetzt werden. Gemäß den Abteilungen 77 und 78 des Copyright, Designs and Patents Act von 1988 ist Sarah Outen die anerkannte Urheberin dieses Werkes.

Die englische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel „A Dip in the Ocean“ bei Summersdale Publishers Ltd . All rights reserved.

ISBN: 978-3-940873-08-8

Gesamtbearbeitung: Judith Wittmann

Übersetzung: Edward Krause

Lektorat: Scripta Literatur-Studio

Druck: Friedrich Pustet KG, Regensburg

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hansanord ist ein Imprint

des IMAGINE Verlag – Thomas Stolze

Für meinen Vater – danke, dass Du mir
gezeigt hast, wie man leben muss.

Für meine Mutter – danke, dass Du mir
geholfen hast, meine Träume zu verwirklichen.

Für Taid – ich wünschte, ich hätte dies
früher schreiben können.

Danke, dass du auf mich gewartet hast.

„Nicht auf das Ziel, sondern auf den Weg kommt es an, und je härter der Weg, desto lohnender die Reise.“

SIR WILFRED THESIGER

Ich habe eine brillante Email von einer der mutigsten Frauen erhalten. Sie schlug sich in Richtung Mauritius durch, überlebte allein unter fliegenden Fischen, unter Albatrossen und Riesenwalen, und kenterte sogar im Sturm. Für ihre Gesundheit und Sicherheit kann keine Vorschrift garantieren, sie folgt allein den Thunfisch-Schwärmen. Wenn andere in Tanzbars feiern, tanzt sie mit Lotsenfischen und Sternen.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man den Indischen Ozean ohne Motor bezwingen kann –geschweige denn im Ruderboot. Doch Sarah schafft es in kleinen Schritten. Ein Buch oder ein Hörbuch auf CD, auf der Lalla und ich dieses Buch für Euch lesen, begleiten sie auf ihrer Reise. Um ihre Reise zu unterstützen lesen wir ihren „Gotteswahn“!

Im Klang der Sirenen, mit wehenden Fahnen, hebt ein Glas auf Sarah Outen!

RICHARD DAWKINS

VORWORT

von Dame Ellen MacArthur

Als ich Sarah bei der London Boat Show zum ersten Mal traf, war sie voller Energie, Humor und Abenteuerlust – ich schloss sie sofort ins Herz. Wenn Sie dieses Buch lesen, werden Sie sie ebenfalls ins Herz schließen. Sie ist ehrlich, offen, mutig und inspirierend – und wenn Sie sie auf ihrer Reise begleiten, werden Sie abwechselnd mal den Atem anhalten und im nächsten Moment laut auflachen. Da ich die See kenne, kann ich mir annähernd ausmalen, was sie auf dem Meer durchgemacht hat, aber ihre Erfahrungen an Land sind nicht weniger fesselnd. Sie hat ein wunderbares Buch geschrieben, mit einer ansteckenden Liebe zum Leben, die einem aus jeder einzelnen Seite entgegenschlägt! Sarah – ich kann Dein nächstes Buch gar nicht erwarten!

Ellen

PROLOG

DIE SAAT IST GESÄT

„Was immer du tun kannst oder träumst, es zu können, fang damit an! Mut hat Genie, Kraft und Zauber in sich.“

J. W. VON GOETHE

Alles begann, als ich noch in Oxford war. Zimmer 24, Hauptgebäude, St. Hugh’s College, Dezember 2005. Ich saß gerade an meinem Schreibtisch und kaute an einem Stift, umgeben von offenen Büchern und stapelweise Notizen. Ich versuchte (mit eher geringem Erfolg), ein Konzept für das Studium von Riesenhaien in Schottland im kommenden Sommer zu schreiben. Ich studierte Biologie, weshalb diese Tätigkeit für mich ebenso wenig ungewöhnlich war wie meine Lustlosigkeit; immerhin war heute Rudertraining angesagt – und ich hatte nach der ständigen Stubenhockerei einen starken Bewegungsdrang. Unkonzentriert tippte ich auf meinem Laptop, sah ständig auf die Uhr und überlegte schon, was ich vor dem Training als Snack einnehmen sollte: Eine Banane, ein Malzbrot, einen Mars-Riegel oder alle drei zusammen? Zum x-ten Mal öffnete ich meinen Email-Posteingang und las die schon gelesenen Emails, wobei ich mir so viel Zeit wie möglich ließ.

Während ich las, traf mit einem Klingeln eine neue Nachricht ein. Nicht schlecht: Wenigstens hatte ich zwei weitere Minuten wunderbarer Zeitverschwendung vor mir.

Ich hielt inne. Dann lächelte ich, als ich die Betreffzeile las: „Ozean-Ruder-Wettbewerb.“ Das würde mehr als zwei Minuten Gnadenaufschub für das Konzept bedeuten – es war bestimmt die aufregendste Email, die ich jemals empfangen hatte. Ich klickte sie an und las eine Anzeige über einen Ruderwettbewerb über den Atlantik. Bislang war ich nur über den Fluss Isis gerudert (wie man die Themse in Oxford nennt) – und obwohl ich durchaus manchmal segelte, hatte ich noch nie einen Ozean überquert. Einen Ozean! Über einen ganzen Ozean in einem Ruderboot? Ich war sprachlos. Ich legte meine Füße auf den Schreibtisch und kippte meinen Stuhl zurück, bis ich genau so auf den beiden hinteren Stuhlbeinen wippte, wie man es als Kind in der Schule aus gutem Grund nicht tun darf, wobei ich beim Nachdenken meinen Kuli zwischen den Fingern kreisen ließ. Die bloße Vorstellung hatte mich in ihren Bann gezogen; „Ozeane“ und „Rudern“ zählten zu meinen Lieblingswörtern – und ich war sicher, dass sie ein unglaubliches Abenteuer verhießen, wenn ich sie kombinierte. Ich hatte immer schon die Erfahrung machen wollen, wie es wäre, eine lange Reise in der Wildnis aus eigener Kraft zu machen, aus der rohen Kraft der Elemente zu leben und zu atmen, eins mit der Natur. Da ich für die Zeit nach meinem Abschluss im kommenden Jahr noch keine konkreten Pläne hatte, beschloss ich hier und jetzt, zunächst einmal über einen Ozean zu rudern. Ich wusste noch nicht genau, über welchen Ozean; oder wann, wie und mit wem – und wenngleich ich nicht wusste, warum ich meiner Sache so sicher war, wusste ich doch, dass ich es eines Tages tun würde.

Im Jahre 2009 tat ich es dann tatsächlich – ich ruderte über den Indischen Ozean von Australien nach Mauritius. Diese Reise bedeutete für mich weit mehr als nur eine Ozeanüberquerung – und sie war auch weit mehr als nur ein Ausflug im Ruderboot. Durch sie habe ich zu mir selbst gefunden – und dadurch umso klarer begriffen, dass man sein Leben bewusst leben muss: Hier und jetzt. Nicht morgen oder an irgendeinem anderen Tag – weil man nie weiß, was einen hinter der nächsten Welle (oder um die nächste Ecke) erwartet.

Man muss jeden Augenblick voll auskosten, oder die Abenteuer und Chancen könnten mit dem Sonnenuntergang verblassen – und dann wird man sich für immer fragen, was wohl hinter dem Horizont gewesen wäre.

Das ist meine Geschichte. Ich hoffe, Ihr habt Spaß daran.

Sarah Outen, November 2010

KAPITEL 1

JUGEND-PORTRÄT EINER RUDERSPORTLERIN

„Das Leben ist entweder ein großes Abenteuer – oder gar nichts.“

HELEN KELLER

Ich konnte kein klares Wasser sehen: Hinter mir war alles weiß, als immer mehr Wellen brachen. Ich empfand eine kalte, betäubende Angst davor, dass ich kurz vor der Vernichtung stand. Ich hatte gerade genug Zeit, das Telefon in die Kabine zu werfen und die Tür abzuschließen bevor ich mich, die Hände fest an die Reling geklammert, an Deck warf.

Während ich schrie, explodierte eine Bombenwelle über dem Boot und ließ alles um mich herum weiß werden. Unter dem Wasser war es aber irgendwie dunkel, und überall schmeckte es nach Salz. Ich war eine Stoffpuppe, die durch die Brandung wirbelte – die mit uns das Riff entlang raste und dabei immer lauter wurde.

Dann atmete ich wieder süße Luft – wir mussten uns wieder nach oben gedreht haben. Ich war an meiner Leine von der Dippers gespült worden und wurde von schäumendem Wasser umspült, als die Welle wieder zurückströmte. Ich schaute mich um und sah niemanden und nichts außer der Brandung. Ich schrie wieder, aber im Lärm der schlagenden Wellen konnte ich mich selbst kaum hören. Das Wasser an Deck ließ die Dippers auf die Seite kippen, aber ich strampelte an Bord, indem ich mich durch die Reling zog. Ein Ruder war zerbrochen und eine Wurfleine verheddert, aber ich hatte keine Zeit, mich darum zu kümmern: Ich musste mich festhalten, denn die nächste Welle rollte bereits heran. Ich wusste, dass das Riff nun nur wenige Meter unter mir sein musste – und mit ihm der sichere Tod.

Ich erinnere mich daran, wie mein Vater mich einmal mit einem Zugpferd verglich. Vielleicht war das seine Art zu sagen, dass er mich für belastbar, ausdauernd und stark hielt, und zwar hoffentlich gleichermaßen geistig und körperlich. Ich musste es tatsächlich sein, denn ich stand zwischen meinen zwei Brüdern, Michael und Matthew, und meine Familie war ständig am Umziehen – wir waren im Grunde Berufsnomaden der königlichen Luftwaffe. Mein Vater war Offizier, und so wurden Ortsveränderungen für uns von früher Kindheit an zur Normalität, da wir viel in der Welt herumkamen. An meinem siebten Geburtstag hatte ich bereits drei Kindergärten hinter mir und in fünf verschiedenen Häusern in drei verschiedenen Ländern gelebt. Es war allerdings nichts allzu Exotisches darunter gewesen; meine Erinnerung reicht nicht weiter als Wales – obwohl wir die ersten paar Jahre auch auf dem europäischen Kontinent gelebt hatten.

Der Mangel an exotischen Missionen hatte seinen Grund im schlechten Gesundheitszustand meines Vaters. Soweit ich mich erinnere, hatte er immer an Gelenkentzündung gelitten. Sie wurde diagnostiziert, als ich ein Kleinkind war; er war gerade mal Anfang dreißig.

Unglücklicherweise handelte es sich um eine der schlimmsten Arten – rheumatische Arthritis. Dabei dreht das Immunsystem völlig durch; der Körper greift sich selbst an und zerstört jedes Gelenk, was zu Entzündung, Ausrenkung und schleichendem Zerfall führt. Ich habe ihn in Erinnerung, wie er sich oft an den Frühstückstisch setzte, einen Berg Tabletten neben sich, mit Schienen an den Handgelenken; manchmal blieb er mehrere Tage am Stück im Bett, weil er zu große Schmerzen hatte, um sich zu bewegen. Sogar zu große Schmerzen für eine Umarmung. Zu große Schmerzen, um etwas anderes zu tun als zu schlafen, zu hoffen und um einen besseren Tag zu kämpfen. Wenn ich ein Zugpferd war, dann war mein Vater ein Superheld der Zugpferde. Wenn man 24 Stunden am Tag mit einem zerbröckelnden Skelett gegen die Schmerzen ankämpft, bekommt das Wort „Durchhalten“ eine völlig neue Bedeutung. Zumindest in meiner Erinnerung war er stark und mutig wie ein Stier.

Eine weitere entscheidende Phase in meiner Entwicklung zum Zugpferd (wir reden schließlich über Entschlossenheit und Durchhaltevermögen) war meine Zeit im Internat. Als ich sieben war, brüstete sich ein Freund aus dem Kreis der Angehörigen der Luftwaffe damit, dass er nächstes Jahr ins Internat kommen würde. Ich fand die Vorstellung faszinierend und einschüchternd zugleich; ich dachte, er müsse sehr erwachsen sein, und ich würde irgendein großes Abenteuer verpassen. Ich begann, meine Eltern zu bearbeiten, um ebenfalls hingehen zu dürfen, und schon im folgenden Schuljahr ging ich auf die Stamford Junior School – mit einem vorschriftsmäßigen karmesinroten Cord-Barett auf dem Kopf, mit dem ich ziemlich lächerlich aussah. Mein älterer Bruder Michael besuchte dieselbe Schule für Jungen am anderen Ende der Stadt, sehr zu meiner Verärgerung ohne irgendeine lächerliche Kopfbedeckung in Aussicht. Manche Leute würden vielleicht bei dem Gedanken zusammenzucken, dass unsere grausamen Eltern uns im zarten Alter von acht und zehn aufs Internat schickten, aber es ergab absolut Sinn. Es versprach eine gewisse Stabilität in unserer bislang sehr unstabilen Erziehung; wir konnten mit unseren neuen Freunden auch längerfristig befreundet bleiben, uns eingewöhnen und zu ersten Mal in unserem Leben ohne Unterbrechung die Schule durchlaufen.

Meine eigenen Motive für das Internat waren alles andere als vernünftig und basierten vollständig auf dem Gedanken daran, dauerhaft auswärts zu übernachten, was eine Menge Spaß versprach.

Am Anfang lief es nicht ganz wie erwartet. In meinem ersten Halbjahr war mir der Schulbetrieb absolut verhasst. Ich schrieb lange, tränenbefleckte Briefe nach Hause und drohte, dass ich mir geschworen hätte, aus der Schule ausgeschlossen zu werden. Glücklicherweise hatte ich keine Vorstellung davon, wie ich es erreichen könnte, ausgeschlossen zu werden, und ich hätte wohl ohnehin nicht den Mut gehabt, es durchzuziehen. Für meine Eltern war es ebenfalls hart; meine Mutter sagte, sie hätte immer auf dem ganzen Heimweg geweint, nachdem sie uns im neuen Schuljahr in der Schule abgesetzt hatte. Heute weiß ich, dass es meine Eltern eine gewaltige Überwindung gekostet hatte, und ich bin dankbar dafür und für all die nützlichen Dinge, die ich auf diese Weise kennen und schätzen gelernt habe – Unabhängigkeit, Toleranz und Freundschaft. Als ich mich erst eingewöhnt hatte, machte es mir Spaß. Am meisten gefielen mir das Schulgelände und die Stunden, die wir damit verbrachten, draußen zu spielen und all die Dinge zu tun, die neugierige, aktive Kinder lieben. Mit acht war ich schon total Adrenalin-süchtig; ich wollte meine Grenzen testen und sehen, wie schnell ich sein konnte. Eines Tages tat ich genau das, indem ich in einem blauen Plastikfass unseren Lieblingshang hinabrollte, wobei ich ziemlich geschunden und benommen unten ankam.

Glücklicherweise bestanden die Ferien aus echten Abenteuern; mein Vater kannte sich da aus – und meine Mutter wusste, wie man ein leckeres Picknick machte. Meine Familie war auf glückliche Zeiten eingestellt, solange mein Vater keine allzu großen Schmerzen hatte.

Zu Hause stellten wir oft draußen im Garten Zelte auf und übernachteten darin, auch im Winter mit Wärmeflaschen; im Sommer fuhren wir mit dem Wohnwagen durch das Vereinigte Königreich, und später kauften wir Anteile an einem Kanalboot. Meine Brüder waren begeisterte Angler; ich selbst beschäftigte mich gerne mit Erkundungsstreifzügen, Malen, Schnitzen und Lesen.

Insofern waren wir auf ländlichen Campingplätzen am Fuß irgendwelcher Berge, an Stränden oder an gurgelnden Flüssen stets bestens untergebracht. Wie jeder weiß, der einmal einen Campingurlaub in Großbritannien gemacht hat, waren die Verhältnisse immer ziemlich einfach, aber uns faszinierten die Freiheit und der Anreiz, neue Dinge auszuprobieren und unsere Umgebung zu genießen.

Die Familienwanderung war eine großartige Tradition. Wir legten große Strecken zurück, bis die Arthritis meines Vaters uns daran hinderte. Ich war neun, als er mir zum ersten Mal beibrachte, wie man mit Karte und Kompass umgeht, was für mich ein sehr großer und aufregender Fortschritt war. Es war während einer Bergwanderung, als er und ich die Familie auf dem normalen Wanderweg zurückließen, um die nächste Etappe querfeldein zurückzulegen. Mein Vater ging voraus – mit seinem großen Schlapphut, seinem roten Rucksack und der Landkarte um den Hals. Ich trottete hinter ihm her und folgte seinen gewaltigen Schritten, während ich abwechselnd sang und ihn mit Fragen bombardierte, wie Kinder das gerne machen. Wir marschierten durch Farne, krackselten Geröllhalden hinab und umgingen Tümpel, wobei mein Vater mich herauszog, wenn ich bis zu den Knien in einem der Letzteren versank.

Ein Jahr später campierten wir unterhalb des Cadair Idris, einem wunderschönen Berg in Wales, und eines Tages machten wir eine Tour auf den Gipfel. Ich hatte bereits eine Woche vorher überlegt, was ich anziehen würde, so groß war die Vorfreude. Als sich der Pfad durch einen feuchten Wald aus dem Campingplatz schlängelte, stellte ich mir den Gipfel vor. Ob dort wohl ein Turm aus Steinen war?

Ob wir das Meer sehen würden? Wir drei Kinder spielten in den eisigen Bächen, krackselten auf Felsen und spielten lieber den Nachmittag lang am Gletschersee unterhalb des Gipfels, anstatt auf kürzestem Weg den Gipfel zu stürmen. Ein paar Tage später gingen mein Vater und ich noch einmal hinauf, wobei ich diesmal meinen eigenen Rucksack voller unnützer Sachen trug, von denen ich meinte, dass wir sicher nicht ohne sie auskommen würden, und die wir natürlich gar nicht benutzten.

Zum Beispiel die Strandmatte – eine gute Idee, aber keineswegs notwendig. Es regnete den ganzen Tag, und der Regen verwandelte Wege in Bäche und unsere Stiefel in Pfützen. Nebel stieg über den Gipfelkamm, der abwechselnd die Sicht auf den Gipfel verbarg und wieder freigab, während wir uns dem Gipfel näherten. Ich war fasziniert, es war alles so geheimnisvoll und wunderschön – und ich verliebte mich in die Wildnis. Nachdem wir im Schutz eines Felsens im Nebel einen Stapel durchnässter Sandwiches gegessen hatten, machten wir uns auf den Rückweg, ohne den Gipfel erreicht zu haben. Das lehrte mich bereits, die Elemente zu respektieren; es waren prägende Lehren, die ich nie vergaß. Den Gipfel dieses Bergs zu erreichen steht heute, nach sechzehn Jahren, nach wie vor auf der Liste meiner Pläne.

Während ich aufwuchs, erlebte ich neue Abenteuer und träumte von weiteren. Ich wusste nicht, welche Reise es sein würde, oder wie und wann sie stattfinden würde; aber ich wusste, dass ich eines Tages eine große Reise machen würde. Ich liebte die freie Natur und wollte erleben, was ich in den Berichten anderer Leute gelesen hatte: Spannung, Angst, das Unbekannte, Erschöpfung und Kampf ums Überleben. Ich liebte Herausforderungen, vor allem, wenn ich wirklich nicht wusste, ob ich sie bewältigen würde, und ich liebte auch die Befriedigung nach einer langen Tour zu Fuß oder auf dem Fahrrad. Angst empfand ich als aufregend; ich verfolgte jede Chance, an meine Grenzen zu gehen, um meine Leistungsfähigkeit zu testen und zu beweisen.

Ich kletterte auf Bäume, bis die Äste brachen; ich lief Rennen, so schnell ich konnte, bis ich dachte, ich würde gleich ohnmächtig werden. In meinem Kopf war ich George aus Enid Blytons „Fünf Freunde“: stark, abenteuerlustig und so stur wie sonstwas.

Ich hatte auch Freude an Wettbewerben; und das war wohl nicht so sehr darauf zurückzuführen, dass ich zwei Brüder hatte, sondern eher auf mein Bedürfnis, mich selbst anzutreiben und meine Kraft unter Beweis zu stellen.

So fand ich zum Beispiel die feine Linie zwischen Erfolg und Scheitern so aufregend und prägend, als ich den Diskus-Käfig betrat, in dem nur ich allein das Ergebnis bestimmen konnte. Es war anregend und äußerst reinigend. Sieg oder Niederlage – alles ruhte auf meinen Schultern. Je mehr ich lernte und spielte, desto mehr lernte ich, dass Perfektion unerreichbar war und es für immer bleiben würde, was ich zugleich als motivierend und frustrierend empfand (und auch heute noch so empfinde). Auf dem Sportplatz war ich (wie auch im übrigen Schulalltag) immer sehr gut ausgelastet, da ich meine Zeit immer aktiv mit Beschäftigungen ausfüllte, die mir Spaß machten – vor allem mit Sport, aber auch anderen Dingen. Manchmal fragen mich die Leute, was mich antreibt, und ich glaube, es kommt daher, dass ich meinen Vater so furchtbar habe leiden sehen. Ich hatte bald begriffen, dass das Leben zu kurz ist, um zu warten, und die Gesundheit zu wertvoll, um sie zu verschwenden. Für mich geht es im Leben darum, etwas zu tun und zu fühlen und die Welt zu bereisen, vor allem die Wildnis, wo ich der Natur nahe bin.

Im Jahre 1996, als ich elf war, wurde mein Vater aus medizinischen Gründen vom Dienst in der Luftwaffe entbunden. Er hinkte zunehmend, da seine Füße zerfielen, bis er nur noch schlurfen konnte und seine Fußgelenke so deformiert waren, dass sie gar nicht mehr wie Fußgelenke aussahen. Sie waren bis zur Unkenntlichkeit angeschwollen; seine Füße waren deformiert und später durch Operationen künstlich versteift worden, was verhindern sollte, dass sie sich zu Knoten zusammenrollten. Gelegentlich tauchte ein Rollstuhl auf, gelegentlich genügte auch ein Gehstock – bis schließlich der Rollstuhl zum Normalfall wurde. Es war tragisch, meinen liebenswerten, starken Vater so hilflos zu sehen – er war mir trotz der Arthritis immer so groß und stark erschienen. Leider ging es mit ihm trotz aller Behandlungen immer nur weiter bergab. Der Schmerz war nicht nur rein körperlich, was ihm zusammen mit den Nebenwirkungen der Medikamente sehr zu schaffen machte. Sein Leiden machte uns allen zu schaffen, aber für ihn war es grauenhaft. Die Medikamente beeinträchtigten seine Laune, er nahm zu, wirkte krank, fühlte sich krank und hatte auch emotional mit dem Schmerz und seinen Konsequenzen zu kämpfen – der Unbeweglichkeit und dem Verlust an Unabhängigkeit und Freiheit.

Mir scheint, dass er in vieler Hinsicht frühzeitig alterte. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie hart es auch für meine Mutter gewesen sein muss, oft die Arbeit von zwei Elternteilen übernehmen zu müssen und überdies ihren Mann zu pflegen, wenn es ihm besonders schlecht ging. Die Ehe meiner Eltern musste wohl ein wunderbares Beispiel für bedingungslose, hingebungsvolle und selbstlose Liebe gewesen sein. Ich verehre sie beide dafür, dass sie mir gezeigt haben, wie man in guten wie in schlechten Zeiten unverdrossen lebt und liebt und lacht.

KAPITEL 2

AM ANFANG WAR DAS WASSER

„Nichts ist so verführerisch, desillusionierend und versklavend wie ein Leben auf See.“

JOSEPH CONRAD

Als mein Vater die Luftwaffe verließ, zogen wir nach Rutland, damit Michael und ich unsere letzten Jahre in Stamford als externe Schüler verbringen und zu Hause wohnen konnten. Es handelt sich um eine kaum bekannte, winzige Region im englischen Binnenland, eingebettet in die Midlands. Viele Leute sind daher ziemlich überrascht, wenn sie hören, dass ich das Meer so sehr liebe. Es begann, als ich im Alter von zwölf Jahren mit Michael zu unserem örtlichen Kanuverein ging, teils, weil ich es einmal ausprobieren wollte, und teils, weil ich das Bedürfnis hatte – und sei es auch nur in meinem Kopf – mit ihm gleichzuziehen. Geschwister-Rivalität hinderte mich damals daran, es zuzugeben, aber ich sah zu ihm hinauf und tue es noch heute – in vieler Hinsicht sind wir wie Pech und Schwefel, so verschieden wie schwarz und weiß, aber unsere Werte und Charaktereigenschaften stammten aus demselben Genpool.

Als Teenager haben wir uns gegenseitig so heftig geärgert, dass ich mich wundere, warum unsere Eltern uns nicht zum Verkauf angeboten haben, aber ich bin froh, dass ich ihm damals ans Wasser gefolgt bin. Bald war ich regelrecht besessen von diesem Sport und machte die Erfahrung, dass ich die längeren Kanu-Reisen liebte, vor allem entlang der Küste.

Anstatt also im Sommerhalbjahr 2003 für mein Abitur zu lernen, beteiligte ich mich an einer kleinen Expedition oben in den Hebriden, den schroffen Inseln vor der schottischen Westküste. Ich war sehr angetan von der Atmosphäre dieses Ortes und der rohen, ungezähmten Energie, die hervorbrach, wenn ein Sturm auf einem ruhig anmutenden Meer ausbrach und innerhalb von wenigen Augenblicken das Camp durchrüttelte. Gleichzeitig liebte ich auch das Gegenextrem, die ruhigen Nächte, von denen ich ein paar unter den Sternen verbrachte, als ich zum ersten Mal in meinem Leben am Strand schlief. Ich erinnere mich, wie ich mich eines Nachts in meinem Schlafsack zur Ruhe bettete und die Wellen, die an der nahegelegenen Küste leckten, mich in den Schlaff lullten. Aufzuwachen und die Sterne am Himmel zu sehen war reine, atemberaubende Glückseligkeit – vor allem, weil es bedeutete, dass ich mich wieder in meinen Schlafsack kuscheln und noch etwas schlafen konnte. Am nächsten Morgen, als der grapefruitfarbene Himmel die Austernfänger weckte, versuchte eine Freundin, dasselbe mit mir zu machen. Ich öffnete ein Auge und sah, wie die See bereits an meinem Schlafsack leckte, während die Kajaks schon schwammen und an ihren Leinen zogen. Mir wurde bewusst, dass wir beinahe auf einer unbewohnten Insel gestrandet wären. Ich war froh, dass sie mich geweckt hat.

So sehr ich diese Orte bewunderte, so sehr begann ich auch zu begreifen, dass ich es liebte, aus eigener Kraft dorthin zu kommen, selbst meinen Antrieb zu bilden oder ihn zumindest selbst unter Kontrolle zu haben.

Durch meine eigene Klugheit und Muskelkraft von A nach B zu gelangen war unkompliziert und befriedigend; deshalb zog mich das Rudern besonders in seinen Bann, nachdem ich Sir Steve Redgrave und seine Crew im Fernsehen gesehen hatte, wie sie bei den Olympischen Spielen im Jahr 2000 in Sydney die Goldmedaille gewannen. Sie waren so geschickt und kraftvoll, und die ganze Aktion war so kribbelnd schön, dass ich beschloss, zu rudern und eines Tages an Rennen teilzunehmen. Mich hatte auch Dame Ellen MacArthur beeindruckt, als sie im Jahre 2001 mit ihren großartigen Zeiten beim Vendée Globe die Welt der Segler aufmischte: Zu sehen, wie sie als junge Frau sich in diesem von Männern dominierten Sport einen Namen auf der Siegertreppe machte, weckte in mir den Wunsch, eines Tages ebenfalls zur See zu fahren. Ich sage „eines Tages“, weil es in Rutland keine Möglichkeit gab, sportlich zu rudern, und ich mit anderen Dingen bereits superbeschäftigt war. Also setzte ich das auf die Liste meiner Zukunftspläne für die Universität.

Ein Lehrer meinte, dass ich in der Lage sein würde, einen Studienplatz in Oxford zu bekommen, und ich schätzte, wenn irgendjemand wusste, wie man rudert, dann wären das diese Leute in dunkelblau, ihrer berühmten Vereinsfarbe. Meine Auswahl der Universität hing vollständig davon ab, ob ich dort würde rudern können; das kam unmittelbar nach der Frage, ob sie Biologie anbot. Schade nur, dass man nicht in beiden Disziplinen gleichzeitig einen Abschluss machen konnte. Da ich keine Ahnung hatte, welche der über dreißig Oxford-Colleges ich wählen sollte, richtete ich meine Wahl nach den Bildern in den Broschüren, an denen ich sah, dass das Worcester College seinen eigenen See und ein Bootshaus am Fluss hatte. Das Vorstellungsgespräch in Worcester war eine der fürchterlichsten Erfahrungen meines Lebens – was teilweise daran lag, dass eine der Professorinnen Chinesin war, und ich nicht verstehen konnte, was sie sagte, aber auch daran, dass ich mich fachlich überfordert fühlte. Außerdem mochte ich die alberne Regel nicht, dass man auf dem Campus nicht über das Gras gehen durfte. Weshalb sollte man Gras anpflanzen, wenn man nicht darauf gehen durfte?

Ein zweites Vorstellungsgespräch am Hertford College war weniger furchteinflößend und verlief eigentlich ganz lustig, vor allem weil mir der Tutor eine lebendige Heuschrecke gab, über die ich sprechen sollte – was viel weniger abschreckend war als das verwirrende Zeug, mit dem man mich in Worcester konfrontiert hatte. Als ich Oxford verließ, war ich 103prozentig sicher, dass ich dort nicht studieren würde, aber ich hatte das Gefühl, dass ich mich mit einigen vernünftigen und überzeugenden Kommentaren über Heuschrecken revanchiert hatte. Jedenfalls war ich ganz auf die Absage aus Worcester vorbereitet, die wenig später tatsächlich eintraf, und machte mir auch nicht allzu viele Gedanken über den Teil, in dem es hieß, dass man mich „gepoolt“ hatte – was im Klartext bedeutete, dass man mir eventuell einen Platz an einem anderen College anbieten würde, falls noch einer frei wäre.

Ich schlug es mir aus dem Kopf und dachte mir weiter nichts dabei, bis ich einige Tage später einen Anruf von Dr. Iles erhielt, einem Biologie-Dozenten am St. Hugh’s College, der mich fragte, ob ich stattdessen gerne dort studieren würde. Anscheinend war Worcester von meinem Vorstellungsgespräch beeindruckt gewesen, hatte jedoch keinen Studienplatz für mich gehabt; also konnte ich einen Platz am St. Hugh’s haben, wenn ich wollte. Ich hielt inne, kaute an meiner Lippe und drehte das Telefonkabel um meinen Daumen. Dann sagte ich ganz ruhig, dass ich darüber nachdenken musste und das College besuchen würde, um zu entscheiden, ob mir das College gefiel. Wie kann man nur! Wer würde bei klarem Verstand sagen, er würde sich erst hinsetzen und über ein Angebot aus Oxford nachdenken müssen – einem der besten Orte der Welt zum Lernen und Forschen und, vor allem, einem idealen Ort zum Rudern? Outen, du Trottel. Jedenfalls besuchte ich den Ort und mochte ihn. Zum Glück waren die Hugh’schen Gärten dazu da, um darin herumzulaufen, darin zu sitzen, darauf zu spielen und Spaß darin zu haben – also nahm ich das Angebot an und machte mich daran, die Abiturprüfungen festzuklopfen, die ich dazu noch brauchte. Es bestand ein echtes Risiko, dass ich in Chemie nur eine Zwei bekommen würde. Ich brauchte aber glatte Einsen.

Ungefähr um diese Zeit fiel ich zweimal durch meine Führerscheinprüfung. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich glatt versagt, und es tat beide Male weh, aber es war eine der besten Lektionen, die ich jemals gelernt habe. Nach dem ersten Mal rief ich, wütend und traurig, meinen Vater an, nur um mir sagen zu lassen, dass ich seiner Meinung nach ohnehin noch nicht dazu bereit gewesen wäre. Ich war verblüfft und enttäuscht; warum zur Hölle hatte er vorher nichts gesagt? Er sagte leise: „Naja, du hättest sowieso nicht auf mich gehört.“ Das tat noch mehr weh als mein Scheitern, und zwar vor allem, weil es die reine Wahrheit war. Nachdem ich also die Enttäuschung abgeschüttelt und mir eingestanden hatte, dass er recht hatte, wurde mir klar, dass Scheitern auch etwas Positives hat – es ist die Chance auf einen neuen Versuch, eine weiße Leinwand für einen Neubeginn.

Glücklicherweise wurde es bald Frühling, und ich bestand endlich meine Führerscheinprüfung; der Sommer kam und mit ihm der Abschluss – ich war auf Oxford eingestellt und auf dem besten Weg zu einem Ruderboot.

KAPITEL 3

EIN OZEAN LÄDT ZUM RUDERN EIN

„Träume, als würdest du ewig leben; lebe, als würdest du heute sterben.“

JAMES DEAN

Vor der Universität nahm ich mir ein Jahr frei und machte ein paar eher langweilige Jobs, um dann auf der Suche nach Abenteuer und Erfahrungen im Umweltschutz für drei Monate nach Mexiko zu reisen. Ich bekam beides, indem ich freiwillig in einem Camp für den Schutz von Meeresschildkröten arbeitete und dann mit dem Rucksack das Land bereiste und alle Dinge tat, die junge Reisende eben tun.

Bevor ich abreiste, ging ich zum Arzt, weil mein normalerweise unauffälliger Hautausschlag mit großer Heftigkeit ausgebrochen war und ich eine kahle Stelle an meinem Hinterkopf entdeckt hatte. Bluttests ergaben eine autoimmune Schilddrüsenunterfunktion. Das bedeutet, dass mein Immunsystem in unnötiger und unzweckmäßiger Weise ein sehr wichtiges Hormon zersetzt, was damals dazu führte, dass ich den Stoffwechsel (und die Figur) eines Stubenhockers hatte.

Es führte auch zu sporadischen Schüben eines wilden Hautausschlags, gelegentlich zu heftigem Haarausfall sowie zu einem lebenslangen Zwang, Tabletten zu nehmen („Stubenhocker-Pillen“), um meinen Stoffwechsel anzuschieben. Ärgerlicherweise beeinflusste das auch unmittelbar meinen Tauglichkeitsgrad bei der Armee, was meine Pläne beeinträchtigte, nach der Universität Hubschrauberpilotin zu werden. Ich war ein Stipendiat der Armee und finanzierte die letzten Jahre meiner Ausbildung mit einer Verpflichtung zu einem mindestens dreijährigen Militärdienst, weshalb meine Zukunftspläne großenteils von meiner Tauglichkeit abhingen; nun würde ich mir etwas anderes ausdenken müssen – zwar in der Armee, aber am Boden anstatt in der Luft.

Der Oktober 2004 läutete eine neue Ära für mich ein. Plötzlich fand ich mich in Oxford wieder – und ich sprang ohne zu zögern in ein Boot, sobald sich die Gelegenheit bot. Leider machte ich auch den Fehler, wieder ins Hockey einzusteigen und der Hochschulmannschaft beizutreten. Wenn man jemals einen Bänderriss gehört hat, weiß man, dass darauf in der Regel ein Schrei folgt, der einem den Magen umdreht. Vier Wochen nach Beginn des ersten Semesters hörte ich während einem Hockeyspiel mein eigenes Kreuzband reißen. Es kam nicht von einer heldenhaften oder aufregenden Aktion, lediglich von einer zu schnellen und scharfen Drehung: Alle Fasern rissen mit einem „Ping“, sodass die Knochen zusammenschlugen, als sie aus der Gelenkfassung sprangen. Für mich bedeutete das nicht nur, dass ich für den Rest des Semesters an Krücken gehen musste, sondern auch, dass ich auf das Wasser und das Rudern verzichten sowie von meinem Armee-Stipendium zurücktreten musste – was meine ursprünglichen Pläne durchkreuzte. Mein Ziel war gewesen, im zweiten Jahr den Aufnahmetest für die „University Blue“ Rudermannschaft zu machen, aber das war nun ebenfalls gestrichen.

Am Ende des ersten Halbjahrs in meinem zweiten Jahr war mein Knie wiederhergestellt, und nun war ich rundum glücklich: Ich hatte eine wunderbare Truppe neuer Freunde sowie Alex, meinen Partner, kennengelernt und fand die Biologie-Kurse spannend und interessant.

Ich liebte alles am Rudern: den Teamgeist, das Training, im Morgennebel auf dem Fluss zu sein und die technischen Herausforderungen, einen neuen Sport zu erlernen. Ich war stolz darauf, zum Kapitän unserer College-Crew gewählt zu werden, und hatte große Hoffnungen für das bevorstehende Jahr.

Genau in diesem Jahr hörte ich zum ersten Mal vom Hochseerudern, als ich am Schreibtisch saß, meine Arbeit vor mir herschob, von Mars-Riegeln und dem Rudertraining träumte und plötzlich diese Email erhielt. Gefesselt von dieser Idee und neuerdings ohne Pläne für die Zeit nach dem Studium, begann ich mich näher mit diesem Gedanken zu befassen und beschloss bald, dass ich es eines Tages mit einem Ozean aufnehmen wollte. Die Entscheidung für den Indischen Ozean fiel mir leicht. Er stellte eine größere Herausforderung dar als der Atlantik, den schon ein paar Hundert Leute überquert hatten; dieser glich eher einer Autobahn – vor allem, weil es alle zwei Jahre organisierte Rennen gab und eine Reihe günstiger Passatwinde Routen in die Karibik eröffneten. Der Pazifik ist so gewaltig, dass ich ihn nicht einmal in Betracht zog, und das Südpolarmeer, das die verschiedenen Ozeane verbindet, kam ebenfalls nicht infrage, denn es ist ein ziemlich extremes Gebiet, das nie zuvor mit dem Ruderboot bezwungen wurde: Eine gnadenlose Umgebung so nah an der Antarktis schien kein guter Ort für einen Erstversuch zu sein. Deshalb visierte ich den Indischen Ozean an. Ihn zu überqueren war nur wenige Male versucht worden, mit noch weniger Erfolgen; nur eine Handvoll Männer hatte Solo-Überfahrten geschafft, wohingegen keine einzige Frau es jemals auch nur versucht hatte – weder im Team noch allein. Für mich war das keineswegs eine Garantie für ein Scheitern, wie manche Leute mir einreden wollten: Mir erschien es dadurch eher als eine aufregende Pionierleistung.

Ich hatte keine Erfahrungen oder Erfolge, die belegten, dass ich überhaupt einen Ozean bezwingen konnte, aber ich war davon überzeugt, dass ich durchaus in der Lage war, einen Ozean zu überqueren, wenn andere es ebenfalls konnten. Es war auf jeden Fall keine hohe Wissenschaft – man musste sich nur gut vorbereiten, motiviert und zielstrebig sein, auf eine gute Portion Glück hoffen und einfach so lange rudern, bis man die andere Seite erreichte. Da man diesen Abenteuersport weit abseits der Zivilisation betreibt, hatte ich von Anfang an die Absicht, mich von einem Team begleiten zu lassen. Ich fragte in der Familie und unter Freunden herum, und einer nach dem anderen lehnte ab, da anscheinend niemand allzu scharf auf diesen Gedanken war. Eine meiner besten Freundinnen, Roostie, ignorierte sogar meine Nachrichten insgesamt, in der Hoffnung, dass sie mich umstimmen konnte, indem sie einfach nicht antwortete. Unbeirrt versuchte ich es an der Universität; in Oxford würde es doch wohl Leute geben, die über einen Ozean rudern wollten? Zu meinem Glück wollten sie es. Ich verbreitete die Idee durch verschiedene Kanäle in der Universität, indem ich Emails an verschiedene Vereine und Gesellschaften schickte und bei verschiedenen Meetings aufstand, um meine Pläne anzukündigen, wobei ich mein Bestes tat, um bei Rückfragen so kompetent wie möglich zu klingen. Bei den Meetings gab es gewöhnlich etwas Kichern und ein paar Japser, als mein Ruf nach Ruderern vernommen und verdaut wurde, und ein Tutor schickte eine Email, in der es einfach hieß: „Sind Sie komplett verrückt?“ Nichts desto trotz gewann ich eine Truppe positiv eingestellter Bewerber, die meiner Crew beitreten wollten. In der Zwischenzeit verhielten sich meine Eltern überraschend ruhig, offensichtlich in der Hoffnung, dass sich mein Interesse daran wieder legen würde. Stattdessen lieferte ich ihnen weiterhin Infos über den neuesten Hochseeruderer-Veteran, der mich beraten wollte, und nach ein paar Monaten dämmerte es ihnen, dass ich es ernst meinte. Ich verbrachte Stunden damit, das Internet zu durchforsten und Notizen zu machen, Bücher über historische Ruderabenteuer zu lesen und die Erfahrungen von Veteranen auseinanderzunehmen. Meine Mutter versuchte immer noch, das Thema zu ignorieren, aber mein Vater fragte mich aus, um nachzuvollziehen, was in meinem Kopf vorging.

In dieser Phase kannte ich selbst noch nicht alle Einzelheiten, aber ich hatte mich auf das Ziel fixiert und den Indischen Ozean für 2009 anvisiert – drei Jahre im Voraus: Schließlich musste ich noch meinen Abschluss machen. Dann war da das gewaltige Problem eines Teams, der kostspieligen Finanzierung, eines passenden Bootes, eines Plans und des Trainings – alles in allem würde das Unternehmen eine Monsteranstrengung an allen Fronten sein, logistisch, finanziell, emotional und praktisch. Aber es faszinierte mich, weshalb es mir nicht das Geringste ausmachte. Vielleicht war ich naiv, aber so war es.

Wenn man bedenkt, dass ich an diesem Punkt super-happy und kein bisschen gestresst war, kam mein Haarausfall doch ziemlich überraschend. Ich hatte früher schon an einigen kleinen Stellen verschiedene Grade von Haarausfall gehabt, aber dieses Mal schätzte ich rund 40 Prozent Haarverlust. Da meinem Arzt nicht viel Hilfreiches einfiel, suchte ich selbst eine Lösung und beschloss, alles abzurasieren. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer; ich war nicht krank und wollte lieber kein Haar haben als Haar, das von selbst ausfiel, sodass ich immer wieder eine Handvoll davon auf dem Kissen hatte oder in der Dusche den Abfluss hinunterspülte. Mein Vater hingegen hatte größere Schmerzen als ich mir jemals vorstellen konnte, was mir half, meine Lage nicht allzu schwer zu nehmen: Ich hatte vergleichsweise kleine Probleme. Eines Nachmittags vor dem Rudertraining am Anfang des Sommerhalbjahres kürzte und rasierte eine Freundin mein Haar. Als ich nach einer halben Stunde der Nervosität endlich den Mut aufgebracht hatte, das Zimmer zu verlassen, war ich von meiner Glatze ganz begeistert. Ich war wieder Herrin der Lage, wenn es auch etwas kalt war. Falls meine übrigen Haarbälge mich noch mehr im Stich lassen wollten, würde ich mir davon keine grauen Haare wachsen lassen, auch wenn mein Freund Alex und meine Eltern Schwierigkeiten hatten, es zu akzeptieren.

Mich störte nur, dass ich alle paar Tage den zotteligen Neubewuchs abrasieren musste, um nicht wie ein ungekämmter Fußabtreter auszusehen. Mich überraschte aber, dass Fremde immer eine Chemotherapie als Ursache vermuteten, was sie durch mitleidsvolle Äußerungen zum Ausdruck brachten. Für meine Bekannten war ich hingegen immer noch genauso gesund und glücklich wie vorher: Mein Haifisch-Projekt für den Sommer war geplant, Alex und ich waren total verliebt, beim Rudern kam ich gut voran, und ich plante, mich in meinem Abschlussjahr für das Blue-Team zu qualifizieren. Die Dynamik und Spannung eines Studentenlebens in Oxford war brillant und machte süchtig, was bedeutete, dass ich richtig hart arbeitete und trainierte (und ruderte und ruderte und ruderte). Ich war eine normale, glückliche Studentin und tat die Dinge, die normale, glückliche Studentinnen eben tun.

Im Mai kamen meine Eltern herunter und führten Alex und mich zum Essen aus, um meinen 21. Geburtstag zu feiern. Ich hatte an diesem Nachmittag einen Zulassungstest für das Ruder-Team – insofern war es nicht der ideale Zeitpunkt; aber wir hatten einen engen Zeitplan. Wir trafen meine Eltern am Auto, als sie gerade vorfuhren, und meine Mutter stieg aus, um mich in einer dieser Umarmungen zu halten, zu denen nur Mütter fähig sind; dann holte sie für meinen Vater den Rollstuhl heraus und half ihm hinein. Noch immer überraschte es mich, ihn im Rollstuhl zu sehen – ehemals war er ein stattlicher 2-Meter-Mann gewesen, aber nun war er kleiner als meine Mutter, die kaum über 1,60 groß ist. Sie schob ihn durch den Korridor, während Fragen mit 100 Meilen pro Stunde hin- und herflogen. Ich lächelte und war sehr froh, sie wieder zu sehen. Mein Vater war gut in Form und trotz des brutalen Gestells, das man ihm ca. 8 Wochen vorher in einigen größeren Operationen ums Bein gelegt hatte, zum Scherzen aufgelegt. Die Ärzte hatten sein ausgehebeltes Fußgelenk mit einer Knochentransplantation und jeder Menge Schrauben fixiert, in der Hoffnung, dass es seine Schmerzen lindern und ihm gestatten würde, wieder zu gehen.

Ich war überrascht, dass er einen so lebhaften Eindruck machte, obwohl ich durchaus bemerkte, dass er etwas älter und vielleicht auch etwas fahl aussah. Nach dem Mittagessen radelte ich, so schnell ich konnte, zurück, grinste breit und sang vor mich hin; ich war eins mit der Welt und immer noch zu satt, um mich vor dem Problem eines Test-Sprints von zwei Kilometern nach drei üppigen Gängen und ein paar Gläsern Wein zu fürchten.

In meinem neuen Tagebuch erklärte ich auf der ersten Seite dieser Woche das Jahr 2006 zum besten Jahr meines Lebens; es war eine sehr, sehr glückliche Zeit.

KAPITEL 4

EINE WELT BRICHT ZUSAMMEN

„Die Trauer trifft jeden von uns einmal … Absolute Erlösung bringt nur die Zeit.“

ABRAHAM LINCOLN

Ruderer schätzen es mehr als die meisten anderen Leute, wenn sie morgens einmal liegen bleiben können, weil das Training normalerweise vor Sonnenaufgang angesetzt wird – wenn eigentlich nur die Vögel wach sein sollten und der Rest der Welt zufrieden im Bett liegt. Am Morgen des 13. Juni 2006 weckte mich das Sonnenlicht, das durch mein Fenster strömte und mein Bett mit zarten goldenen Flecken übersäte. In ein paar Tagen sollte ich mit dem Oxford-Team an der berühmten Henley Regatta teilnehmen, weshalb ich derzeit selten ausschlafen konnte; also drehte ich mich um und schlief wieder ein – und überließ die Vögel und das Sonnenlicht sich selbst.

Kurz nach sieben hämmerte jemand an meine Tür und rief nach Alex. Er stand auf und ging in seinen gestreiften Pyjamas hinaus, während ich weiterdöste. Etwas später kam er wieder herein und setzte sich neben mich. Ich setzte mich halbherzig auf und mimte Interesse.

Er war bleich und schwitzte – und sah aus, als ob gerade jemand gestorben wäre.

Es war tatsächlich jemand gestorben. Mein Vater.

Ich glaubte ihm nicht. Meinem Vater ging es gut. Meine Mutter hatte gesagt, er hätte sich etwas erholt. Nein, nicht mein Vater. Nein, nein, nein, nein, NEIN! Nicht mein Vater. Nein. Mir blieb vor Schreck die Luft weg, Tränen flossen mein Gesicht herab, der Schmerz wütete in meinem Inneren, als ich zitternd zusammenbrach wie ein Wrack. Ich schrie und schrie; der Klang war so hohl und fremd, dass er mich verängstigte. Schon die reine Möglichkeit machte mir Angst. Mein Vater war tot. Er war nicht mehr. Für immer verloren. Ich konnte es nicht im Geringsten begreifen. Ich weinte und weinte in meine Bettlaken, ballte die Fäuste, klammerte mich im Laken fest und schlug aufs Bett. Meine Welt war soeben zerbrochen. Absolut und vollständig zerstört. Es war eine Katastrophe.

Irgendwie gelang es Alex, mich so weit zu beruhigen, dass ich mit meiner Mutter telefonieren konnte. Wir heulten gemeinsam durchs Telefon und beschlossen, dass ich sofort nach Hause kommen sollte. Alex sagte, er würde mich mit dem Zug nach Hause bringen und an der Uni alles für mich klären. Dann ging ich tränenüberströmt den Korridor hinunter zum Zimmer meiner besten Freundin Roostie, klopfte und blieb, immer noch weinend, mit den Händen vorm Gesicht stehen. Als sie öffnete, sah ich in ihr erschrockenes Gesicht und fiel aufgelöst in ihre Arme, um ihr schluchzend die traurige Nachricht zu erzählen. Wir weinten gemeinsam, und sie drückte mich ganz fest, bevor sie mich in die Dusche brachte und versprach, ein Frühstück vorzubereiten.

In der Dusche flossen die Tränen wie Wasser; ich heulte und heulte, bis jemand an die Tür klopfte und fragte, ob ich O.K. sei. Mir war es nie schlechter gegangen. Immer noch weinend ging ich zurück in mein Zimmer, um mich anzuziehen, musste aber feststellen, dass ich absolut nicht in der Lage war, Entscheidungen zu treffen oder rational zu denken.

Sogar mein Zimmer schien sich verändert zu haben. Vor nur zwei Wochen war mein Vater in seinem Rollstuhl dort gesessen. Da war die Schachtel mit der neuen Kamera, die er mir geschenkt hatte. Da war die Karte, die er geschrieben hatte. Dort war er, auf einem Foto. Inzwischen war ich still geworden, wie betäubt vom Schock, und war darauf angewiesen, dass andere Leute mir sagten, was ich zu tun hätte. Ich zog ein paar Sachen über und stocherte dann in den Cerealien herum, die Roostie mir gemacht hatte; ich aß einen einzigen Mund voll davon und starrte ins Nichts. Ich war nicht hungrig. Ich war gar nichts mehr. Ich war nur noch ein Mädchen ohne Dad.

Alex brachte mich an diesem Vormittag nach Hause. Ich schluchzte auf dem ganzen Weg, im Taxi und im Zug, und starrte aus dem Fenster oder auf den Boden. Das hätte ich niemals alleine geschafft: Alles war so anders und verwirrend, trotz der gewohnten Wege. Ich wusste nicht, wie ich darüber hinwegkommen sollte.

Ich trödelte, als wir den Bahnhof in Oakham verließen, aus Angst, Bekannte zu treffen, aber auch aus Angst, nach Hause zu kommen. Mein Vater würde nicht da sein, und mir war klar, dass das ganz besonders traurig und schmerzhaft sein würde. Ich zögerte an der Ecke unserer Straße, aber Alex nahm sanft meine Hand und begleitete mich zur Haustür. Ich versuchte, tapfer zu sein, obwohl ich gar nicht weiß, weshalb. Wer eben erst seinen Vater verloren hat, muss nicht auch noch tapfer sein. Als ich die Haustür öffnete, umschlang mich Michael mit seinen starken Armen, und ich weinte und weinte. Meine Mutter kam hinzu, umarmte uns beide und versicherte mir, dass alles gut werden würde. Ich verstand nicht, was sie meinte; nichts war gut. Nicht im Geringsten. Der Schock schien sie in eine Art Erschöpfungseuphorie versetzt zu haben; sie stand nur noch unter Adrenalin, und wenige Minuten später sprach sie – zumindest nach außen hin – erstaunlich normal mit meiner Tante und meinem Onkel im Garten.

Vermutlich erwartete ich, dass jeder seine Augen ausheulte, stellte aber überrascht fest, dass dem nicht so war – offenbar reagiert jeder von uns anders auf den Schock eines Verlusts. Immerhin war vorläufig auch die Öffentlichkeit gewissermaßen einbezogen – Leute kamen an die Tür, um Blumen zu bringen oder uns zu umarmen. Insofern musste sie wohl eine gewisse Fassung bewahren. Ich fand Matthew mit dem Gesicht nach unten auf seinem Bett vor, Dads Uhr in seiner Faust, weinend und sich windend, absolut leer. Äußerlich war er ein strammer Rugby-Spieler, teils Mann, teils Junge und größer als ich. Aber heute hatte ihn der mächtigste Schlag seines Lebens zu Boden geworfen und zerbrochen. Nichts war O.K., nichts war normal. Ich wusste nicht, wie es das jemals wieder sein konnte. Unser Dad war gestorben. Gestern waren wir noch zu fünft gewesen – ich hatte zwei Eltern gehabt. Das hatte sich nun aber geändert und würde nie wieder gut zu machen sein. Jetzt waren wir zu viert, und meine Mutter war eine Witwe. Mein Dad war weg.

Fünf Tage zuvor war meine Mutter, die von Beruf Krankenschwester war, von der Nachtschicht nach Hause gekommen und hatte meinen Vater wach vorgefunden, der mit Schmerzen im Rücken und in der Brust rang und die ganze Nacht kein Auge zugemacht hatte. Er wurde mit dem Krankenwagen nach Leicester ins Krankenhaus gebracht, wo er mehr Arzttermine hatte, als die meisten Leute in ihrem ganzen Leben, und wo man ihn wieder und wieder untersuchte und allerlei Tests unterzog. Sie kämpften darum, sein Sauerstoffsättigungs-Level zu stabilisieren, und hatten ihn dauerhaft an eine Sauerstoffpumpe angeschlossen, die ihn anscheinend wie Darth Vader aussehen ließ. Er war krank, aber stabil. Da man ihn nicht zum ersten Mal zu Untersuchungen ins Krankenhaus eingewiesen hatte und niemand erwartete, dass es das letzte Mal sein würde, hatte meine Mutter gesagt, ich sollte mir keine Sorgen machen, und so hatte ich mir keine gemacht. Meine Mum hatte mich auf dem Laufenden gehalten; ich hatte ihm Mitteilungen und Nachrichten geschickt und ihm versichert, dass ich bald in den Ferien heimkommen würde, um ihn zu besuchen.

Fünf Tage nach seiner Einweisung ins Krankenhaus war mein Vater gestorben. Es geschah sehr plötzlich und unerwartet in den frühen Morgenstunden. Meine Mutter hatte Nachtschicht im Oakham Hospital, als sie durch einen Anruf