Am

blauen

See

Info

 

 

Copyright Franziska Göbke

 

Lektorat: S&S

Korrektorat: Sabrina Bolte / A.Urban

Coverbild: grape_vein - Fotolia

Flyer: BIG -Berlin

 

Alle Rechte vorbehalten. Der vollständige oder teilweise Nachdruck, in jeglicher Form ist untersagt und nur mit einer schriftlichen Genehmigung der Autorin möglich.

Impressum

Franziska Göbke

Postfach 101332

38843 Wernigerode

FranziskaGoebke-Autorin.de

 

 

Vorwort

 

Dieses Buch ist nichts für zarte Seelen.

 

Der Tod ist wahrscheinlich nichts, worüber man gern spricht/liest.

In diesem Buch werden Szenen vorkommen, die das Leben eines Opfers bei häuslicher Gewalt widerspiegeln.

 

Wahrscheinlich braucht ihr auch Taschentücher, um die vielen Tränen zu trocknen.

 

Wenn ihr das alles aushalten könnt, dann tretet ein und lasst euch im Band 3 der Harz Reihe, von:

- Freundschaft

- Vertrauen

- Humor

- Lebensmut

- einem Spritzer Erotik

- und ein bisschen Liebe

Verzaubern.

 

Denn Leid, Hoffnung, Liebe, Schmerz, Freundschaft und Hass liegen sehr nah beieinander.

 

Begleitet, Helen und Raoul im Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung.

 

Es ist eine absolute Herzensangelegenheit, auch über Dinge zu schreiben, die niemand unbedingt lesen mag, aber die viele Menschen betrifft.

 

Ich danke dem BIG in Berlin für die Unterstützung zum Thema häusliche Gewalt ... ihren Folgen und dem Weg aus der Folter.

 

Prolog

Helen

4 Monate vorher

 

Stille, Dunkelheit, Angst. Eine unheimliche Mischung. Gestrandet und verloren. Vergessen und ungeliebt.

Blaue Strahlen, welche eine feuchte Spur über meine Wangen zeichnen.

Ich bin verschollen, ohne Ausweg. Überwältigende Finsternis hüllt mich ein. Zerrt und reißt an meiner zierlichen Gestalt. Stumm und allgegenwärtig.

Gemischt mit Schmerz, ergab alles einen teuflischen Mix.

Dunkelrot fügte das Unheil sich zusammen. Langsam und stetig wich der Schmerz. Kälte verdrängte die Wärme. Jegliche Bindung zur Erde und zum Leben löste sich.

Glücklich ließ ich die letzten Fäden meines Lebens los. Meine Reise würde mich endlich von meinen Qualen befreien. Da, wo ich nun hingehen würde, gab es keine irdischen Probleme.

Stumm entschuldigte ich mich bei meinen Eltern und sank in einen tödlichen Schlaf.

 

Kapitel 1

4 Monate später

 

Gemeinsam mit meiner Schwester Jade, saß ich in einem kleinen Café in Elbingerode. Meiner Wahlheimat seit nunmehr sechs Jahren. Die Stadt, die seit 2010 zum Oberharz am Brocken gehörte, wirkte wie ein kleines Dorf. Allerdings traf das auf so einige Ortschaften hier zu. Aber wenigstens stand die Erholung an erster Stelle, wenn auch nicht mehr unbedingt bei mir.

»Du siehst besser aus«, wandte sich meine Schwester an mich.

Im Stillen gab ich ihr unrecht. Vielleicht sah ich besser aus, nur fühlte ich mich keineswegs so. Mein Selbstmordversuch war nun vier Monate her. Unzählige Therapien später hatte sich mein Leben jedoch kaum merklich verändert. Was zum einen auch daran lag, dass ich mit niemandem über mein wahres Problem gesprochen hatte. Ich weiß gar nicht, wie viele Seelenklempner und Schwestern auf mich eingeredet hatten, um an diese Information zu kommen. Doch meine Angst war wie immer stärker und ich schwieg.

»Erde an Helen.« Ich löste mich aus meinen Gedanken.

»Ja, du hast recht. Inzwischen geht es.« Es fiel mir nicht leicht sie zu belügen, doch zu ihrem Schutz musste es so sein.

Der Kellner kam, um unsere Bestellung aufzunehmen. »Guten Tag, haben Sie schon gewählt?« Jade sah den gutaussehenden jungen Mann lange an. An ihrer Auswahl lag es jedenfalls nicht und das erste Mal seit Monaten musste ich lächeln. »Ich nehme den Erdbeertraum«, stammelte sie vor sich hin. »Und ich hätte gerne das Vanilleeis mit heißen Himbeeren, danke.«

Der Kellner ließ uns wieder alleine. »Du hast ihn angehimmelt. Vielleicht solltest du ihm deine Telefonnummer aufschreiben«, spottete ich ein wenig.

»Es kann eben nicht jeder so glücklich sein wie du«, witzelte sie zurück.

Schlagartig wich mir sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Um bei meiner Schwester keine Neugierde zu wecken, sagte ich schnell etwas. »Ja wahrscheinlich.« Meine Lüge hinterließ inzwischen immer mehr einen bitteren Beigeschmack und manchmal hatte ich das Gefühl, das sie mehr schmerzte, als meine eigentliche Situation.

Jade schien jedoch keine Notiz von meiner Reaktion zu nehmen. Angespannt blickte ich umher. Hoffentlich behielt ich damit Recht.

Dankbar atmete ich aus, denn unsere Bestellung kam bereits. Voller Freude blickte ich auf den Becher mit Eis vor mir. Es sah nicht nur absolut einladend aus, nein, es war auch himmlisch. Nicht umsonst zählte dieses kleine Café zu einem meiner Lieblingsorte, hier in dieser Gegend. Schon alleine der Ausblick bot einen Ort der Ruhe und der Erholung. So gesehen der krasse Unterschied, was mein Zuhause betraf. Theoretisch sollte es anders herum sein. Im realen Leben, also in meinem realen Leben allerdings, war es nicht so.

»Du wirkst so nachdenklich Helen. Ist alles in Ordnung oder muss ich mir Sorgen machen?« Der Blick meiner Schwester war eine Mischung aus Mitleid und Sorge.

»Nein, es ist alles in Ordnung.« Bumm, ich hatte schon wieder gelogen. Wie gerne hätte ich es jedem ins Gesicht gesagt, wie es mir ging und was bei mir zu Hause los war. Doch aus Angst, um ihr Leben und auch um meines, hielt ich den Mund. Immer wieder war es der gleiche Spießrutenlauf in meinem Kopf. Und egal wie oft ich die Situation auch durchspielte, die Lösung schien immer dieselbe zu sein.

Mein Handy summte in meiner Hosentasche und ich zog es heraus. Auch ohne einen Blick darauf zu werfen, wusste ich, wer mir schrieb.

Panisch öffnete ich die SMS und las den Text, welcher auf dem weißen Hintergrund viel zu unschuldig aussah. Aber innerhalb von ein paar Sekunden, meine Situation drastisch ändern konnte.

 

Wo steckst du, du billiges Miststück?

Ich habe dir nicht erlaubt, die Wohnung zu verlassen. Also beweg deinen Arsch sofort hierher und mach mir was zu essen.

 

Ich schluckte schwer und steckte das Handy zurück. »Jade, ich muss gleich los. Ich habe einen Termin mit meinem Therapeuten vergessen und Ben hat mich eben daran erinnert. Wir holen das nach, okay?«

Ich betete, dass meine Ausrede plausibel klang. Es würde nicht lange dauern, bis die nächste SMS von Ben ankam. Und ich wusste genau, wie diese aussah.

»Oh Schade. Aber dein Termin ist momentan wichtiger. Geh ruhig. Ich mache das hier schon.« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, sprang ich auf und verabschiedete mich hastig von ihr.

Ich ließ das kleine Café mit der hübschen Sommerterrasse und den Ausblick hinter mir zurück und ging die kleine Straße hinauf. Mein Weg führte mich hinaus aus der Innenstadt.

 

Mit zitternden Fingern schob ich den Schlüssel ins Schlüsselloch. Angst und Vorahnung krochen langsam und unaufhaltsam meinen Rücken hinauf.

Noch ehe ich die Tür richtig öffnen konnte, wurde sie gewaltsam aufgerissen. Ben stand vor mir. In seinem Blick konnte ich unbändige Wut erkennen. Fast automatisch nahm mein Körper, eine »Hab Acht Stellung« ein und verkrampfte sich spürbar. Ohne ein Wort packte er meinen Oberarm und zog mich brutal in unsere Wohnung. »Ich hatte dir verboten, auch nur einen Schritt vor die Tür zu setzen. Mit wem hast du dich getroffen?«, zornig brannte sich sein Blick in Meinen.

»Meine Schwester hatte mich spontan eingeladen, zum Eis essen. Bitte, es war nicht meine Absicht.« Schützend legte ich meine freie Hand um meinen Körper. »Ich hoffe, du weißt, welche Strafe auf Ungehorsam steht!«

Mit schnellen Schritten zog er mich über den Flur in Richtung Schlafzimmer. Jede Gegenwehr verschlimmerte meine Bestrafung, das wusste ich. Mir blieb nichts weiter übrig. Ich musste stark sein und es ertragen. Unsanft wurde ich über die Bettkante gedrückt.

Kleine Tränen liefen bereits über meine Wange und verschleierten meinen Blick. Verängstigt presste ich meine Lippen aufeinander, damit er mein Wimmern nicht hören konnte.

»Zehn Schläge. Deine Verfehlungen sind nicht mehr zu ertragen!« Mein Herz setzte endgültig aus. Heute würde ich, das doppelte an Schlägen ertragen. Innerlich wappnete ich mich auf den ersten Schlag mit der Holzleiste. Sein Lieblingsstück im »Bestrafungsarsenal«. Nach meinem Selbstmordversuch hatte er das Sortiment an Möglichkeiten erweitert. Ben lag nur nichts daran, sich mit diesen Methoden erotisch aufzugeilen. Nein. Er wollte mich leiden sehen. Ich sollte mich winden vor Schmerz, damit er sein Machtgefühl ausleben konnte.

Trotz der mentalen Vorbereitung, traf mich der erste Schlag absolut unerwartet.

»Immer schön mitzählen, Helen. Und zwar Laut.«

Innerlich zerbrach ich schon vor Schmerz. Meine Oberschenkel brannten. Doch wie so oft nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und zählte. »EINS.« Wieder traf mich ein fester Schlag. »ZWEI.« Abermals schlug er fest zu und ein unterdrücktes Wimmern entfloh meinen zusammengepressten Lippen. Ben zielte jedes Mal direkt auf dieselbe Stelle. Ohne Pause und ohne Erbarmen. »DREI«, schrie ich schmerzerfüllt. Bei dem nächsten Treffer spürte ich förmlich, wie meine Haut zu reißen drohte. Dieses Mal konnte ich nicht darauf hoffen, dass ich mit ein paar blauen Flecken davon kam. »VIER.« Sofort folgte der Nächste. »FÜNF.« Ich ließ mich schmerzerfüllt auf die Bettkante sinken. Das Holz drückte schwer auf meine Rippen. Doch es war nichts, im Vergleich zu dem Schmerz, an meinen Schenkeln. Das Brennen war unerträglich.

Ohne Vorwarnung packte Ben meine langen schwarzen Haare. »Das nächste Mal erträgst du alle zehn Schläge. Und nun mach dich sauber. In 20 Minuten will ich mein Essen auf dem Tisch haben.« Er ließ mich so abrupt los, dass ich auf den Boden landete. Einen kurzen Moment gönnte ich mir und weinte drauf los. Was hatte ich in meinem Leben nur falsch gemacht, um so bestraft zu werde? Und wie so oft, wollte ich nur eins - Mein Leben endgültig beenden. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Reden brachte all die Menschen, die mir wichtig waren, nur unnötig in Gefahr. Und ein Leben, in Flucht, war ebenso kaum die Erfüllung.

Unter Schmerzen zog ich mich am Bett hoch und betrachtete mich im Spiegel. Meine Haare waren durcheinander und bildeten ein einziges, Wirrwarr, auf meinem Kopf. Mein Gesicht war blass und die braunen Augen waren vom Weinen aufgequollen. An meinem Oberarm prangten blaue Flecken. Während der Therapie hatte ich 10 kg abgenommen und meine Jeans hing locker auf meinen schmalen Hüften. Ich drehte mich noch ein wenig mehr, um hinten etwas sehen zu können. Die Jeans war an den Oberschenkeln aufgerissen und die Fransen waren leicht blutdurchtränkt.

Meine Verletzung müsste jedoch warten, egal wie sehr es schmerzte. Bens Anweisung war klar und ich wollte seinen Groll, nicht wieder erregen.

Humpelnd ging ich ins Bad, um das Make-up zu entfernen, welches durch mein Weinen, völlig verschmiert war. Dann würde ich ihm sein Essen machen und hoffen, dass ich ihm heute keinen Grund mehr bot, mich zu schlagen.

Kapitel 2

 

Die restliche Woche verbrachte ich zwischen Furcht und Hoffnung. Bens Stimmung wechselte immer zwischen unbändiger Wut und Ausgeglichenheit, hin und her. Heute hatte ich meinen nächsten Termin, bei Dr. König. Meiner Psychologin, eine Frau Mitte 50, schlank und mit einer extremen Dauerwelle. Eigentlich konnte ich mir das Ganze theoretisch schenken, denn über meine aktuelle Situation sprach ich sowieso nicht. Aber die Möglichkeit, aus dieser Hölle zu entfliehen und so 2 Stunden lang, nicht zu Hause sein zu müssen gaben mir Mut.

»Wohin gehst du?«, herrschte Ben mich barsch an.

»Ich habe einen Termin bei meiner Therapeutin. Und du weißt, dass ich da hin muss«, entgegnete ich vorsichtig. Meine Antwort ließ ihn verstummen und er ging aus dem Schlafzimmer.

Schnell packte ich meine Handtasche, ehe er es sich anders überlegte. Mit blauen Flecken und aufgequollenen Augen wollte ich nicht bei, Ihr Erscheinen.

 

 

 

»Guten Tag, Helen. Wie geht es Ihnen heute?«, höflich bat sie mich hinein.

»Alles wie immer, Frau König.« Ihre kleine Praxis war gemütlich. Viele kleine Kerzen und Lichtquellen luden zum Entspannen ein. Ein kleines gemütliches Sofa stand in der Mitte des Raumes. Mein Platz seit ungefähr zwei Monaten. Am Anfang kam ich 2-mal die Woche zur Sitzung. Inzwischen allerdings nur noch 1-mal. »Das hört sich nach wie vor sehr unsicher an, Helen. Wollen Sie mir nicht endlich erzählen, was sie so bedrückt?« Sie setzte sich in den Sessel, mir gegenüber und lediglich ein kleiner Glastisch trennte uns. Wie auch bei den letzten Sitzungen versuchte Sie in Erfahrung zu bringen, warum ich mir das Leben nehmen wollte. Kurze Zeit dachte ich darüber nach, ob ich ihr nicht doch endlich erzählen sollte, was bei mir nicht stimmt. Doch Ben kam mir in den Sinn und ich verwarf den Gedanken so schnell, wie er gekommen war.

»Das habe ich doch bereits oder nicht?« So teilnahmslos wie möglich beantwortete ich ihr die Frage.

»Helen, sie verdanken es Ihrer Schwester, dass sie nach 6 Wochen bereits aus der Klinik konnten. Eine aktive Mitarbeit, in unseren Sitzungen, war damals die Bedingung dafür. Ich kann Sie keinesfalls drängen mir etwas zu sagen, allerdings wird sich Ihre Situation dadurch nicht ändern und in kürzester Zeit, stehen wir vor dem gleichen Problem«, eindringlich sah sie mich an. Ich wusste, was diese Worte bedeuteten. Sie dachte ernsthaft darüber nach, mich wieder in die Klinik einweisen zu lassen. Doch ich hatte keine Wahl. Die Klinik war mir Lieber, als Bens Zorn.

»Ich habe Ihnen wirklich alles gesagt. Wenn Sie der Meinung sind, dass ich in der Klinik besser aufgehoben bin, dann sei es so. Sie sind meine Therapeutin und haben die Erfahrung«, erwiderte ich ruhig.

»Ach Helen. Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich das nicht möchte. Aber inzwischen lassen Sie mir wirklich keine Wahl. Vertrauen Sie mir doch. Alles was sie sagen, bleibt bei mir. Aber ich könnte Ihnen endlich helfen und sie auf ein glückliches Leben vorbereiten.«

Sie sprach, als hätte sie einen Verdacht, was mein Unheil betraf. »Tut mir leid«, war das Einzige, was ich ihr dazu zu sagen hatte.

»Einen letzten Versuch starte ich noch mit Ihnen. Ich rate ein wenig und mehr als ein Nicken oder ein Kopfschütteln möchte ich nicht. Dann lasse ich Sie in Ruhe. Wie klingt das?«

Sie ließ einfach nicht locker. Was sollte ich dazu sagen? In gewisserweise setzte sie mir die Pistole auf die Brust und ich wollte auch nicht den Rest meines Lebens in irgendeiner Irrenanstalt verbringen.

»In Ordnung, versuchen wir es.« In Ihren Augen blitze eine kleine Erleichterung auf.

»Schön.« Sie stand auf und nahm sich einen kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber vom Tisch.

»Liegt ihr Problem im beruflichen Umfeld?«

Entschieden schüttelte ich mit dem Kopf.

»Haben sie Probleme innerhalb Ihrer Familie?«

Wieder erwiderte ich die Frage mit einem Kopfschütteln.

»Dann bleibt nicht mehr viel, Helen. Ich vermute einen häuslichen Missbrauch. Schlägt sie ihr Partner?«

Erschrocken fuhr ich zusammen. Sämtliche Farbe in meinem Körper entwich.

»Okay, sie brauchen nicht zu Antworten. Ich sehe es Ihnen an Helen.«

Ohne, dass ich etwas unternehmen, konnte traten kleine Tränen hervor.

»Häusliche Gewalt kommt leider viel zu häufig vor. Und die Betroffenen reden auch kaum darüber. Ich bin froh zu wissen, in welcher Richtung wir uns bewegen.« Frau König stand entschlossen auf und ging an Ihren Schreibtisch. Statt des Notizblockes kam sie jedoch mit einem Flyer in der Hand zurück.

»Wir sehen uns weiterhin 1-mal die Woche. Ich möchte ihnen jedoch einen Flyer mitgeben. Es geht um eine Selbsthilfegruppe in Wernigerode. Frauen und Männer mit dem gleichen Problem, wie ihren, treffen sich dort 2-mal in der Woche. Ich möchte Sie bitten, dort einmal vorbeizugehen. Die Nummer der Kursleiterin finden Sie hinten. Und wenn Sie reden möchten oder Hilfe benötigen, wissen Sie, wo Sie mich erreichen.«

Ich nahm den Flyer und stand auf. »Danke, bis nächste Woche.« Ich war noch nicht bereit, um darüber nachzudenken. Geschweige denn, darüber zu reden.

»Auf Wiedersehen, Frau König.«

Damit verließ ich die Praxis. In meinem Kopf hallte es Vorwürfe. Ich hätte mich nie darauf einlassen dürfen. Auch wenn ich wusste, dass sie eine Schweigepflicht hatte. In besonderen Fällen zählte das nicht.

Den Flyer, den sie mir oben in der Praxis gab, hielt ich nach wie vor in meinen Händen. Was sollte ich schon damit? Wenn Ben das mitbekommen würde, dann könnte ich mir gleich einen Strick nehmen.

Eine kleine Welle der Traurigkeit erfasste mich. Wieso hatte ich nicht am Anfang schon mitbekommen, was für ein Arschloch er war? Dabei fing alles so wunderbar an. Jeden Wunsch hatte er mir damals von den Augen abgelesen. Und jetzt? Jede Kleinigkeit ließ ihn, Ausrasten. Freunde und Kollegen wandten sich ab. Seine Eifersuchtsattacken machten alles kaputt. Und als wäre das noch nicht schlimm genug, nein, obendrein schlug er mich bei jeder Gelegenheit. Und ich war zu Feige, etwas dagegen zu unternehmen.

Ich bog auf den kleinen Pfad zum Park ein. Ein paar Minuten Ruhe wollte ich mir jetzt noch gönnen.

Der Flyer in meiner Hand fiel mir auf und während ich mich auf eine Bank setzte, las ich kurz.

 

 

Als häusliche Gewalt werden alle Formen körperlicher, sexueller, seelischer, sozialer und ökonomischer Gewalt bezeichnet, die zwischen erwachsenen Personen, in einer bestehenden oder ehemaligen Beziehung zueinander ausgeübt wird. Das sind vor allem Personen in Lebensgemeinschaften, aber auch in anderen Verwandtschaftsbeziehungen.

 

Häusliche Gewalt bezeichnet, unabhängig vom Tatort und Wohnsitz:

*Gewalt in Partnerschaften

*Gewalt gegen erwachsene Angehörige, im sozialen Nahraum

 

Unser Ziel:

 

- Rahmenbedingungen schaffen, die den Schutz und die Unterstützung, von Frauen und Kindern gewährleisten.

- Rechte, misshandelter Frauen stärken.

- Täter in die Verantwortung nehmen.

- die Öffentlichkeit aufklären.

 

Unsere Selbsthilfegruppe trifft sich regelmäßig, Montag und Donnerstag 18-20Uhr. Da diese Treffen der Geheimhaltung und dem Schutz der Frauen unterliegen, bitten wir um vorherige telefonische Absprache.

 

Ela Reiners - Kursleiterin

Telefon: 03943 / 124578

E-Mail: ElaReiners@SHG-Wernigerode.com

 

Nachdem ich den Flyer gelesen hatte, faltete ich ihn sorgsam zusammen und versteckte ihn, in einem kleinen Fach, in meiner Geldbörse.

Hoffentlich würde Ben ihn nicht finden.

 

 

»Wo warst du so lange? Deine Therapie ist seit 30 Minuten beendet«, wütend stand Ben in der Tür. So, als hätte er bereits auf mich gewartet. »Ich habe noch ein wenig im Park gesessen und die Zeit vergessen«, antwortete ich wahrheitsgemäß.

»Ach ja? Habe ich dir das nicht verboten? Wie oft willst du noch ungehorsam sein?«, böse funkelte er mich an und aus Angst wurde ich immer kleiner. »Ich rede mit dir, du Miststück!« Grob packte er mich an den Oberarmen und schubste mich gegen den Esstisch. »Ben, hör auf, Bitte«, flehte ich ihn an. »Das hättest du dir vorher überlegen müssen«, herrschte er mich an. Ich wurde hochgerissen. Zornige Augen starrten mich an. »Ben, warum machst du das? Hör auf damit, bitte.«

Erneut stieß er mich weg. Dieses Mal knallte ich an die gegenüberliegende Wand. Schmerz brannte in meinem Rücken und ich ließ mich zu Boden sinken.

»Ich habe doch nichts getan. Warum tust du das?«

»Anders scheinst du mir ja keinen Respekt mehr zu zollen. Steh auf!« Ängstlich tat ich, was er mir sagte.

Ben drängte mich in Richtung Schlafzimmer. Das Klingeln meines Handys unterbrach sein Vorhaben allerdings. »Los geh ran«, wies er mich an.

 

»Hallo Schwesterlein.«

»Hi Jade, hab ich was vergessen oder wolltest du nur mal so anrufen?«

»Nein, alles Okay. Ich wollte dich Fragen, ob du Lust hast, mit mir einen Kaffee trinken zu gehen?«

»Oh tut mir leid, daraus wird wohl leider nichts.«

»Schade Kleine. Na gut, melde dich, wenn du Zeit hast. Ich hab dich lieb. Bis dann.«

»Ja bis dann. Ich dich auch.«

 

»Braves Mädchen. So und nun geh ins Schlafzimmer. Ich gebe dir Zeit, um über deine Fehler nachzudenken.«

Mit diesen Worten schloss er die Schlafzimmertür. Ich konnte noch hören, wie die Tür abgeschlossen wurde. Entkräftet ließ ich mich auf das Bett sinken. Das war zwar besser, als geschlagen zu werden, dennoch war ich kein Vogel, der sich in einen Käfig sperren ließ. Aber welche Wahl hatte ich schon?

Kapitel 3

 

Ein paar Tage später traf ich mich mit meiner Schwester. Ben musste heute den ganzen Tag arbeiten und würde mein Fehlen somit nicht bemerken.

»Du bist blass, Kleines«, wandte sich meine Schwester an mich. Dieses Mal konnte ich ihr nur recht geben. Tagelang hatte mich Ben im Schlafzimmer festgehalten. Hin und wieder hatte er mir etwas zu essen und trinken gebracht.

»Ja ich weiß. Ich fühle mich auch nicht ganz wohl«, erwiderte ich lustlos.

»Magst du nicht endlich sagen, was los ist? Hast du Streit mit Ben?« Wie aufs Stichwort. Was sollte ich ihr denn sagen? Die Wahrheit? Nein das konnte ich nicht. »Ein wenig, Jade. Aber lass uns nicht darüber reden. Du wolltest mir doch etwas erzählen.« Hoffentlich funktionierte der Ablenkungstrick. Heute Morgen rief sie mich nämlich aufgeregt an und sagte das sie ganz dringend mit mir reden müsste.

»Ja. Du weißt doch, dass meine beste Freundin in der Klinik arbeitet, wo du operiert wurdest?«

Ich nickte. Meine Neugier war geweckt. Hatte sich Frau König doch umentschieden und bereitete meine Einweisung vor?

»Ein Mann hat sich nach dir erkundigt. Wie es dir geht und ob er deine Kontaktdaten haben könnte.«

Überrascht sah ich sie an. Wer sollte sich denn nach mir erkundigen? Bis auf die engste Familie und Ben wusste niemand etwas darüber. Freunde konnte ich ebenfalls ausschließen. Die wollten ja nichts mehr mit mir zu tun haben.

»Hat er gesagt, wer er war?«

»Oh, das hat er. Und ich habe auch eine Nummer, nur falls es dich interessiert«, triumphierend sah sie mich an.

»Nun lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen, Jade. Erzähl schon«, drängte ich sie.

»Also. Sein Name ist Raoul. Er hat dich an dem Abend gefunden. Mel war ganz begeistert von ihm.«

Raoul? Gefunden? Mein Selbstmordversuch!

»Okay«, war das Einzige, was ich im Moment sagen konnte. Er hat also dem Schicksal dazwischen gefunkt. Nur seinetwegen musste ich mein Martyrium weiterhin ertragen.

»Melde dich bei ihm. Jedenfalls schien ihm viel daran zu liegen. Und wenn du ihm nur eine SMS schreibst.«

Mir gingen ihre Worte durch den Kopf. Es gab nichts, was ich diesem Raoul zu sagen hätte.

»Ich denke darüber nach. Gibst du mir die Nummer?«

Grinsend griff meine Schwester in die Tasche ihrer Jacke. »Na aber sicher. Und versprich mir, dass du dich bei ihm meldest«, drängte sie.

»Ja, ja. Mache ich auf jeden Fall.«

»So und nun lass uns endlich unseren Kaffee trinken, bevor er kalt ist.«

Es tat gut, mit Jade hier zu sitzen und die Seele baumeln lassen zu können. Auch wenn meine Gedanken oft an meinem Lebensretter hängen blieben. Ein wenig interessierte es mich ja auch. Wer war der Mann? Und vor allem, was machte er mitten in der Nacht am See? Fragen über Fragen.

»Na, woran denkst du?« Meine Schwester sah mich an. »An nichts besonderes Jade.«

Sie gab sich mit meiner Antwort zufrieden und blickte wieder in die warmen Strahlen der Frühlingssonne. Für März war es angenehm warm hier im Oberharz. Von der Terrasse aus hatte man einen herrlichen Ausblick über das kleine Tal. Die ersten Frühblüher reckten sich bereits der Sonne entgegen und die Bäume trugen bereits die ersten Knospen und Blätter. Der Frühling gehörte schon immer zu meiner Lieblingsjahreszeit. Als Kind bin ich gern über die blühenden Wiesen gelaufen und habe meiner Mutter schöne Sträuße mit nach Hause gebracht. Wo war diese Zeit nur hin? Wie schön es wäre einfach, noch mal von vorne zu beginnen. Doch keiner von uns konnte das.

»Ich werde mich langsam auf den Weg nach Hause machen, Jade. Ben kommt auch bald von der Arbeit und ich möchte das Essen dann fertig haben.«

»Geh ruhig Helen. Ich mache das hier schon. Außerdem mag ich noch ein wenig das schöne Wetter genießen.« Ich verabschiedete mich mit einem kleinen Küsschen und machte mich auf den Weg nach Hause.

 

 

Den ganzen Abend lang, dachte ich an den Zettel in meiner Hosentasche. Ben war heute recht friedlich und ließ mich in Ruhe. Von meinem kleinen Ausflug hatte er ja zum Glück nichts mitbekommen.

Ich griff nach meinem Handy und zog den Zettel aus der Tasche. Ben schlief so ruhig auf dem Sofa, dass er sicher nichts mitbekommen würde. Schnell tippe ich die Ziffern in mein Handy und speicherte die Nummer. Den Zettel steckte ich erstmal in die Hosentasche. Das Engagement des jungen Mannes erstaunte mich noch immer. Normalerweise kümmerte sich heutzutage niemand um den anderen. Und er ging so weit und erkundigte sich im Krankenhaus persönlich nach mir. Ben regte sich und blickte kurz verschlafen um sich. »Bring mir endlich mein Bettzeug«, lallte er Versschlafen. Ich beeilte mich und ging ins Schlafzimmer. Wenigstens musste ich mein Bett nicht mit ihm teilen. Und mit mir schlafen wollte er seit Monaten, zum Glück auch nicht.

Eilig legte ich ihm sein Bettzeug auf das Sofa und verschwand so schnell, wie ich gekommen war.

Im Schlafzimmer nahm ich mein Handy in die Hand und scrollte nach der Nummer meines Lebensretter. Doch was sollte ich ihm schreiben? Danke schön, aber das war nicht nötig! Oder: Danke du Idiot, jetzt muss ich das alles weiter ertragen! Ich schaltete das Handy wieder ab und legte es auf den Nachttisch.

Der Flyer von meiner Therapeutin kam mir in den Sinn. Doch auch hier resignierte ich. Es hatte alles keinen Sinn. Inklusive meines Lebens. Der Tiefpunkt packte mich ohne Vorwarnung. Riss ohne Grund an mir. So war es immer. In einem Moment ging es mir gut und im nächsten schien alles sinnlos. Stopp! Mein Leben ist sinnlos. Keine Freunde, zu meiner Familie darf ich nicht und zu allem übel, hatte ich einen gewalttätigen Freund.

Wenn ich doch nur mit jemandem darüber reden könnte. Niedergeschlagen ließ ich mich auf die Matratze sinken. Mein Blick fiel auf den kleinen Karton unter dem Sideboard vor mir. Mist. Der Karton stand nach wie vor da und in meiner jetzigen Situation schien er wieder nach mir zu rufen. Immer lauter wurde der Klang in meinem Kopf. Wie hypnotisiert starrte ich ihn an. Dann siegte die Verzweiflung und ich holte die Rasierklingen heraus. Eigentlich sollte es eine Art Mahnung sein, nie wieder so einen Blödsinn zu machen, aber es ging einfach nicht anders. Von hier bis zum See waren es gute drei Kilometer. Und gegen 22 Uhr würde sich sicher niemand mehr dort aufhalten. Es könnte mir heute gelingen, mich von meiner Last zu befreien.

 

 

Eine Dreiviertelstunde später, hatte ich die Strecke zum See, ohne Probleme zurückgelegt. Nur der Mondschein und meine Taschenlampe erhellten den Weg vor mir. Damit mein Vorhaben heute gelingen würde, hatte ich mir aus dem Badezimmerschrank meine Schlaftabletten mitgenommen. Ich wollte und musste meinem Leben ein Ende setzen. Nur so konnte ich mich von Ben befreien und meine Familie vor seinem Zorn schützen. Das hätte vor Monaten bereits so sein sollen, allerdings verhinderte Raoul, mein unbekannter Lebensretter, meinen selbst gewählten Tod.

Ich hatte den blauen See gewählt, weil sein türkisblaues Wasser, mich an schönere Dinge erinnert hatte. Schon als Kind bin ich oft von zu Hause ausgebüxt und hing hier meinen Träumen nach. Als Prinzessin über den blauen See oder aber, das hier wundervolle Meerjungfrauen auf mich warteten. Keiner konnte meine Vorliebe für diesen alten Kalksee verstehen. Ich allerdings fand ihn wunderschön. Er zog mich auf seine Art in den Bann. Genau aus diesem Grund wollte ich hier sterben. Hier, wo ein Stück meiner gebrochenen Seele noch immer fest verwurzelt war.

Ich ignorierte die Stille um mich herum und setzte mich an eine kleine Stelle direkt am See. Auch in der Dunkelheit konnte ich den blauen Schimmer erkennen, welcher durch den Mondschein hervorgehoben wurde.

Gedankenversunken kramte ich in meiner Tasche, um die Rasierklingen und die Tabletten herauszuholen.

Als ich hinter mir Schritte auf dem Kies hörte, erschrak ich so heftig, dass alles außer meiner Tasche, im Wasser landete.