FÜR MEINE MUTTER

Ich hatte Mühe, die richtigen Worte zu finden, um Dir zu danken.

Am einfachsten sage ich es wohl so:

Ohne Dich wäre ich nichts.

Ich liebe Dich.

UND FÜR AMY

Du warst die Erste, die das Feuer dieses Traums geschürt hat, und ohne Dich wäre es vielleicht schon lange erloschen.

 Prolog 

So viele Jahre hatte er auf diesen Tag gewartet. Das hielt ihn am Leben, während alle anderen starben. Bewahrte ihn davor, durchzudrehen, als der Wahnsinn sein einziger Freund war. Es hatte ihn angetrieben, als sein Leben nicht mehr lebenswert schien. Sie hatten ihm alles genommen, und er hatte es ihnen heimgezahlt.

Rache, schnell und süß.

Er hatte den Himmel in Flammen gesetzt, die Wellen der Meere zu seinen Waffen gemacht. Er hatte Winde wehen lassen, stark genug, um Mauern einzureißen, und Wirbelstürme wie prasselnden Regen vom Himmel geschickt. Er hatte Zorn und Zerstörung über Caelira gebracht, wie es der Kontinent noch nicht erlebt hatte, und doch war es nicht genug gewesen.

Dieses Mal war ihm die Rache misslungen, aber er glaubte an zweite Chancen.

Es war an der Zeit, dass die Stürme wieder regierten, an der Zeit, den Unwürdigen ihre Magie zu entreißen und von Neuem zu beginnen. Dies war ein Krieg, den nur er führen konnte. Denn die Stürme dieser Erde waren grausame Ungeheuer, die nach Zerstörung, Tod und Verzweiflung lechzten. Und sie nannten ihn Meister.

»Als die ersten Bewohner Caeliras ihre Vorfahren in den Sternen verließen, schuf die Göttin Rezna sich neue Kinder. Kinder des Lichts und der Luft, des Wassers und des Feuers. Kinder, deren Wut und Trauer der ihren glichen. Und sie sandte ihre Nachkommen vom Himmel auf das Land. Das Firmament verfinsterte sich, und die Erde erzitterte, und die ganze Menschheit spürte der Göttin Zorn.«

 

– Die Mythen der Entstehung Caeliras –

 1 

Du bist fleischgewordener Blitz. Kälter als fallender Schnee. Unaufhaltsam wie der Wüstensand im Wind. Du bist ein Sturmling, Aurora Pavan. Glaube daran.

Glaube daran, dann tun es andere auch.

Diesen Wahlspruch hatte ihr ihre Mutter an dem Tag beigebracht, als sie zwölf Jahre alt wurde. Sie hatte ihre Tochter fest an den Schultern gepackt, und Rora erinnerte sich noch genau an den stechenden Schmerz und das wilde Hämmern ihres Herzens, als sie sah, wie besorgt die Königin war. Und schon bald war sie ebenso besorgt gewesen.

Heute hatte diese Sorge Aurora Pavan dazu gebracht, ihr Leben aufzugeben, bevor sie überhaupt die Chance gehabt hatte, es wirklich zu leben.

Während man sie schmückte und ausstaffierte wie eine Opfergabe, war sie in Gedanken noch immer beim Vormittag im Thronsaal. Sie dachte an das Geräusch des Papiers, als der Vertrag entrollt wurde und ihre Finger plötzlich zu schwach schienen, eine Feder zu halten. Viele Tage ihres behüteten Lebens hatte sie damit zugebracht, Gedanken, Zahlen und Fakten für ihre Lehrer aufzuschreiben, aber in diesem Moment war es ihr sogar schwergefallen, ihren eigenen Namen zu Papier zu bringen. Dann hatte ihr Blick den ihrer Mutter getroffen, und die vertrauten Worte waren ihr wieder eingefallen.

Kälter als fallender Schnee.

So musste Rora werden, als sie mit zitternder Hand und einer schwachen, kritzeligen Linie ihr Schicksal besiegelte. Und nun, Stunden später, blickte ihr eine Fremde aus dem Spiegel entgegen. Weiß gepudert, damit keiner ihrer Makel zu sehen war.

Ihr weißblondes Haar war in Locken gelegt und in einen kunstvollen Kopfschmuck geflochten worden, der mit unzähligen Edelsteinen, Blumen, Federn und mit vier gezackten Kristallen verziert war, die wie Blitze in die Luft ragten, genau wie bei der Krone ihrer Mutter. Schmückende Kopfbedeckungen zu Ehren der Vorfahren spielten eine wichtige Rolle in der pavanesischen Tradition – für den Adel wie auch für die Untergebenen. Man trug sie bei Taufen und Beerdigungen und bei jedem wichtigen Ereignis dazwischen, einschließlich Verlobungen. Dieser Kopfschmuck jedoch war größer als alle, die Rora je gesehen hatte, verzierte Verschlüsse verbanden ihn mit dem schweren Collier, das sie um den Hals trug. Er lastete fast so schwer auf ihr wie die Ereignisse, die an diesem Abend noch folgen sollten.

Mit dem schimmernd weißen Puder auf ihrer ohnehin blassen Haut sah sie aus, als sei sie gerade aus einem Schneesturm gekommen. Ihre Rippen waren in ein enges Korsett gepresst, das drückte und drückte, bis es ihr vorkam, als säßen all ihre inneren Organe am falschen Platz. Darüber trug sie ein schweres, perlenbesetztes Kleid mit weitem Ausschnitt, der deutlich mehr von ihrem Dekolleté preisgab, als sie je freiwillig gezeigt hätte. Der Stoff lag eng am Körper und breitete sich auf Kniehöhe zu einer weiten Schleppe. Die Farbe des Kleides ging von Weiß über Aschgrau in glänzendes Schwarz über.

Rora sah genau so aus, wie sie nach den Worten ihrer Mutter aussehen sollte: fleischgewordener Blitz – blendend hell am dunklen Himmel, während die Schleppe zu ihren Füßen die verbrannte Erde symbolisierte, die er nach dem Einschlag hinterließ.

Es war atemberaubend. Wunderschön. Selbst Rora, die Kleider jeglicher Art verabscheute, konnte das nicht leugnen. Trotzdem war es eine Lüge. Jeder Edelstein, jede Perle, jede Blüte zeichnete das Bild einer Person, die nicht sie war. Doch genau das war Ziel und Zweck der Verlobung, die heute Abend stattfinden sollte. Eine andere zu sein. Die perfekte Sturmlingprinzessin. Denn wenn sie versagte, war alles verloren.

Ein Quietschen erfüllte den Raum, und alle um sie herum erstarrten. Das schrille Geräusch fuhr Rora durch die Knochen wie der Donner, wenn er nah war. Dann legte sich das unheilvolle Kribbeln von Sturmmagie auf ihren Körper wie eine zweite Haut. Ihr Blick glitt zu der kleinen Truhe, die ihre Mutter gerade geöffnet hatte, und zu den Edelsteinen darin, die sie in ihren Albträumen plagten.

Sturmherzen.

Die Herzen waren ähnlich wie die Stürme selbst, von dunkler Schönheit – bedrohlich und gefährlich, bisweilen sogar tödlich. Eine Beschreibung, die auch auf ihren zukünftigen Ehemann zutraf.

Langsam leerte sich der Raum. Diener, Zofen und Schneiderinnen zogen sich zurück, und Herrscherin und Thronerbin blieben allein. Schon seit Generationen wurden die Sturmherzen in der Familie Pavan weitervererbt. Sie waren die letzten Überreste der Stürme, die Roras Vorfahren vor langer Zeit besiegt hatten, um ihre Magie zu erlangen. Damals lag der Kontinent von Caelira in Schutt und Asche, und die Menschen suchten Zuflucht in der Burg ihrer Familie. Sie boten ihre Dienste an, Waren oder Gold, um im Schutze derer leben zu dürfen, die von der Göttin mit der Fähigkeit gesegnet waren, es mit den Gefahren des Himmels aufzunehmen. Sie nannten sie Sturmlinge. Ihre Vorfahren hatten drei Dinge an ihre Erben weitergegeben: die Krone des jungen Königreichs, die Herzen der Stürme, die sie besiegt hatten, und die damit verbundene Magie, die jetzt durch ihre Adern floss. Ohne ein Sturmherz reichte die magische Kraft eines Sturmlings gerade einmal aus, um kleinere Wetterereignisse zu beeinflussen, aber mit einem dieser Steine konnte er Unwetter besiegen, die heftig genug waren, ganze Städte auszulöschen. Und heute Abend, wenn Aurora und ihr Verlobter dem Hof vorgestellt werden sollten, würde sie zum ersten Mal die Sturmherzen tragen, die für den Thronerben oder die Thronerbin bestimmt waren.

Die Königin nahm das erste Sturmherz aus der Truhe, und Rora bekam eine Gänsehaut. Plötzlich war es, als knisterte die Luft. Wenn sie so nah bei ihrer Mutter stand, spürte sie die verborgene Magie noch viel deutlicher, als wenn sie selbst einen der Steine hielt.

Dieser hier war matt und perlmuttfarben und repräsentierte einen Blitz, das Wetterereignis, zu dem ihre Familie die stärkste Wesensverwandtschaft besaß. Bisher war es stets ihre Mutter gewesen, die Pavan beschützte, wann immer diese gezackten, blendend hellen Lichtstreifen zu Dutzenden gleichzeitig vom Himmel schossen. Doch nun, da Aurora achtzehn war, würde man von ihr erwarten, dass sie ihr half, wenn das nächste Mal dunkle Wolken über ihr Land zogen.

»Licht in deinem Blut, und der Blitz unterwirft sich dir«, murmelte ihre Mutter, bevor sie den Stein in die Fassung mitten auf der festlichen Kopfbedeckung gleiten ließ. Rora zitterte, und der Blick ihrer Mutter zuckte rasch zu ihrem. Sie unterbrach ihr Ritual. »Hast du etwa …?«, fragte sie.

Es lag so viel Hoffnung in ihrer Stimme, dass Rora es nicht einmal fertigbrachte, sie anzusehen, während sie den Kopf schüttelte. Stirnrunzelnd bückte sich die Königin, um das nächste Sturmherz aus der Truhe zu nehmen. Einen tiefroten Rubin, fein und scharf wie eine Glasscherbe.

»Feuer in deinem Blut, und der Feuersturm unterwirft sich dir.«

Feuerstürme bildeten sich schnell und ließen es fast ohne Vorwarnung glühenden Hagel regnen. Der fraß sich direkt durch die Haut und konnte das flache, grasbewachsene Land des Königreichs in Sekundenschnelle in Brand setzen. Vorsichtig platzierte ihre Mutter den Edelstein an einer freien Stelle in Roras Collier. Wie ein blutrotes Herz ruhte er mitten auf ihrem Dekolleté. Drum herum lagen halbkreisförmig mehrere kleinere Versionen der kristallenen Blitze, die ihren Kopfschmuck zierten.

Dem Ganzen fügte die Königin noch vier weitere Sturmherzen hinzu und wiederholte dabei die Worte, die ihr Vater einst zu ihr gesprochen hatte. Ein flacher blauer Stein für Gewitterstürme fand seinen Platz in Roras Armband. Das graue, zylindrische Herz eines Orkans glitt in eine Fassung an dem schmalen Silbergürtel, den sie um die Taille trug. Ein gezackter, schiefergrauer Stein für Nebel schmückte kurz darauf ihr zweites Handgelenk. Und zum Schluss nahm ihre Mutter einen silbernen Ring mit einem kleinen schwarzen Edelstein aus der Truhe. Es war das einzige Sturmherz, das nicht aus früheren Zeiten stammte.

Nein, dieses Sturmherz war gerade einmal zwölf Jahre alt. Roras Bruder hatte es einem Tornado gestohlen, der nahe der südwestlichen Grenze ihres Reiches übers Land gefegt war. Sturmlinge erbten gewöhnlich ihre Fähigkeiten von ihren Vorfahren, manche hielten es aber auch für möglich, wenngleich höllisch gefährlich, eine neue Gewalt zu erlangen, wie die ersten Sturmlinge es getan hatten: indem sie das Herz des Sturms stahlen und seine Magie in sich aufnahmen. Alaric hatte kurz nach seiner Initiation mit achtzehn Jahren geglaubt, er könnte einen Tornado besiegen und eine neue Fähigkeit für seine Familie gewinnen.

Er hatte sich geirrt. Der Erbe von Pavan hatte die Hand ins Herz des Sturms gestoßen, um es für sich zu beanspruchen. Doch als der Kampf schon fast vorbei war, hatte sich der Sturm revanchiert und ihm einen Ast ins Herz gerammt.

Die wenigen frommen Priester im Königreich, die noch an die alten Götter glaubten, hatten es für eine Warnung des Himmels gehalten, nicht nach den Sternen zu greifen. Manchmal fragte Aurora sich, ob sie immer noch bestraft wurden.

Der Stein auf dem Ring erwachte nicht zum Leben, als die Königin ihn berührte, sondern blieb kalt und tot, während sie ihn Rora auf den Finger steckte. Er hätte nur Alaric und seinen Nachkommen gehorcht. Sie taten beide so, als wäre es ein ganz normaler Ring. Genauso wie Rora immer so tat, als wäre sie jemand, der sie nicht war. Und wie ihre Mutter so tat, als wäre sie nicht von ihrer Tochter enttäuscht. Und als wären sie nicht alle besser dran, wenn Alaric noch lebte.

Rora würde weiter so tun; während der Feierlichkeiten heute und während der anschließenden Hochzeit. Und danach ihr ganzes Leben lang. Sie würde so tun, als wünschte sie sich nicht sehnlichst, besser zu sein. Anders. Mehr.

Ihre Mutter packte sie fest an den Schultern, wie sie es öfter tat. »Vergiss nicht, sei stolz und besonnen. Lass dich nicht von ihnen einschüchtern.«

»Lasse ich nicht.«

»Sprich nicht mehr, als du musst. Zügele dein Temperament, sonst …«

»Sonst verrate ich mich. Ich weiß, Mutter.«

Die Königin hielt kurz inne und sah ihre Tochter traurig an. »Ich weiß, es ist nicht so, wie du es gerne willst. Ich wünschte, wir hätten alle Zeit der Welt und könnten warten, bis du jemanden findest, den du liebst, oder wenigstens jemanden, den du selbst aussuchst.«

»Haben wir aber nicht. Es ist zu spät. Ich weiß.«

Arrangierte Ehen waren die Ausnahme in der königlichen Geschichte Pavans. Meistens heirateten die Herrscher aus Liebe, wie Roras Mutter und Vater es getan hatten. Manchmal veranstaltete man auch Turniere, damit sich die jungen Adeligen vor der Thronerbin beweisen konnten. Aber bald schon würde die Zornige Zeit erwachen und der Himmel würde reißen und bluten und heulen, und wenn Aurora bis dahin nicht verheiratet wäre, würde ihr Lügengebäude gemeinsam mit ihrem Königreich zusammenbrechen.

»Versprich mir, dass du versuchst, das Gute an der Sache zu sehen. Versuchst, ein bisschen glücklich zu sein«, sagte die Königin.

Rora nickte. Sie brachte es nicht übers Herz, ihrer Mutter zu sagen, für wie unmöglich sie das hielt, mit einem Mann, der so hart und kalt war wie Cassius Lock, zweitgeborener Sohn des Königreichs Lock. Die Familie hatte den Ruf, clever, durchtrieben und genauso grausam zu sein wie die Unwetter, die ihre Stadt vom Meer aus heimsuchten. Wenn sie irgendeine Schwäche zeigte, würden sie das ohne Zweifel ausnutzen. Und wenn sie erfahren würden, was sich hinter all den Juwelen, dem Puder und den edlen Stoffen verbarg? Dann würde sich Auroras letzte Hoffnung, ihr Reich zu behalten, in Luft auflösen.

»Bist du so weit?«, fragte ihre Mutter.

Am liebsten hätte sie schreiend protestiert und um Erlaubnis gefragt, in den Wäldern zu verschwinden, um ein neues Leben anzufangen. Aber die Königin hatte in diesem Leben schon genug verloren. Ihr Mann war an einer Krankheit gestorben, der ihre Zauberkraft nichts anhaben konnte. Und ihr Sohn hatte das Herz eines Sturms gewonnen und dafür sein eigenes gegeben. Die Einzige, die ihr noch blieb, war ihre Tochter. Diese Tochter, die aussah wie die perfekte Sturmlingprinzessin – so überirdisch schön und stolz, dass niemand es je wagen würde, die Wahrheit zu glauben.

Nämlich, dass sie kein bisschen Sturmmagie besaß.

Auroras Muskeln zuckten unwillkürlich, als sie vor dem Thronsaal stand, als würde ihr Körper jede Sekunde beschließen, davonzulaufen, ohne dass ihr Geist vorher zustimmte. Taven und Merrin, zwei der Palastwachen, warteten ein paar Schritte entfernt und folgten ihr dann hinein. Als die schwere Tür sich geschlossen hatte, herrschte gespenstische Stille.

Kurz darauf löste sich Cassius Lock aus dem Schatten. Ganz in Schwarz gekleidet und mit ebenso dunklen Haaren und Augen wirkte er eher wie ein Verbrecher als wie ein Prinz. Mit seinen zwanzig Jahren war er gerade einmal zwei Jahre älter als sie. Aber er kam ihr älter, größer vor … viel männlicher, als sie erwartet hatte. Er erinnerte sie an die Gewitter, die am Horizont verharrten und immer gewaltiger und dunkler wurden, während sie sich dort auf der Stelle drehten.

Als ihre Blicke sich trafen, hielt sie seinem mit gestrafften Schultern stand. Unter ihrem üppigen Kleid lief ihr der Schweiß über den Rücken. Der schwere Kopfschmuck ließ ihre Schläfen schmerzhaft pochen, aber sie ließ sich nichts anmerken. Der Prinz senkte den Blick, musterte eingehend ihre Figur. Roras Herz schlug schneller. Je länger er sie anstarrte, umso unwohler fühlte sie sich. Und umso mehr ärgerte sie sich, dass sie sich von ihm aus der Fassung bringen ließ.

Wenn ihre Mutter sie eins gelehrt hatte, dann, dass niemand einen dazu bringen konnte, sich klein zu fühlen, solange man es nicht zuließ. Also atmete sie tief durch, redete sich ein, sie sei die unerschütterliche, mächtige Prinzessin, für die jeder sie hielt, und starrte zurück.

Vielleicht besaß Rora keine Zauberkraft, aber das wusste er nicht. Sie hatte sich ihr ganzes Leben darauf vorbereitet, Königin zu werden, und sie sollte verdammt sein, wenn es sie auch nur ansatzweise interessierte, was er von ihr dachte. Sie musterte ihn genauso wie er sie und hoffte, es wäre ihm genauso unangenehm wir ihr. Sie taxierte ihn, angefangen bei seinen pechschwarzen Haaren, seinen dichten Brauen, seiner geraden Nase und seinem ausgeprägten Kinn. Sein Gesicht war fast wie gemeißelt, so schön. Rora runzelte die Stirn und ließ ihren Blick hinunter auf eine muskulöse Brust und breite Schultern gleiten.

Doch anstatt dass es ihm unangenehm gewesen wäre, begann sie sich während ihrer kritischen Begutachtung unwohl zu fühlen. Er sah einfach zu gut aus. Viel besser als die jungen Männer aus Pavan, von denen sie vielleicht einen ausgewählt hätte. Seine Schönheit wurde allerdings durch seinen harten Gesichtsausdruck geschmälert, durch die eisige Kälte in seinem Blick und durch die präzisen, schroffen Bewegungen, die ahnen ließen, dass er tödlich sein konnte und offensichtlich wollte, dass auch jeder es wusste.

Er war einen halben Kopf größer als sie, was ungewöhnlich war angesichts Roras hochgewachsener Statur. Als sie ihn schließlich direkt ansah, krümmte er eine Braue und verzog die Mundwinkel zu einem Grinsen.

»Lasst Euch durch mich nicht stören. Schaut Euch ruhig an, was Ihr bekommt, Prinzessin.« Er drehte sich langsam im Kreis und zeigte sich von allen Seiten. Sie wollte ihn gerade wegen seiner Überheblichkeit verspotten, als sie ihn im Profil erblickte und es ihr den Atem verschlug.

Sein Waffenrock hatte mitten auf dem Rücken eine Öffnung, die den Blick auf eine Art Panzer freigab, entlang seiner Wirbelsäule reihten sich unnatürlich hervorstehende Wölbungen.

Er wandte ihr den Kopf zu und grinste. Ein Grinsen, das die scharfen Kanten seines Gesichtes überdeutlich hervortreten und ihn grausam erscheinen ließ … gefährlich.

»Dachtet Ihr, Ihr seid die Einzige, die heute Herzen trägt?«

Er drehte sich ganz um, und tatsächlich, wie riesige Wirbel, die seinen Waffenrock durchbohrten, ragten da Sturmherzen an seinem Rücken hervor. Fast ein Dutzend. Einige davon kannte sie – das Kristallrot der Feuerstürme, das Perlmutt von Blitzen. Andere hatte sie noch nie gesehen. Und im Gegensatz zu Rora besaß er manchmal gleich zwei von einer Sorte.

»W-w-wie?« Zweitgeborene trugen niemals Sturmherzen. Sie waren Herrscher und Thronfolger vorbehalten.

»Diese Herzen gehören mir, nicht dem Königreich Lock.« Plötzlich hatte sie das Gefühl, als schnürte sich ihr Korsett noch enger zusammen, wie eine Schlange, die sich um ihre Taille wand. Zwölf Herzen für ihn allein? Selbst mit der Macht eines Sturmlings war es extrem gefährlich, einem Sturm das Herz zu stehlen. Die Geschichtsbücher berichteten, dass außer ihrem Bruder schon viele andere bei dem Versuch ums Leben gekommen waren. Und selbst diejenigen, die es schafften, wurden später oft von Leid und Tod heimgesucht, als würden die Elemente sich an ihnen rächen. Cassius fürchtete offenbar weder den Zorn der Götter noch den der Naturgewalten. Wenn er die Herzen wirklich selbst gestohlen hatte, war er in der Tat gefährlich.

»Ich genieße dieses Gefühl«, sagte er mit tiefer, dunkler Stimme. »Die Hand in die dunklen Tiefen eines Sturms zu strecken und ihm das Herz herauszureißen. Es gibt nichts, was sich großartiger anfühlt.«

Rora lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ob sie je so viel Freude an der Zerstörung empfinden würde, wenn sie magische Kräfte besäße? Er beobachtete sie, und sie setzte rasch eine ausdruckslose Miene auf. Abgesehen davon, dass sie keine Magie besaß, war das ihre größte Schwäche als Thronerbin. Sie dachte zu viel, fühlte zu viel, und selbst nach Jahren des Trainings kostete es sie immer noch Anstrengung, ihr Temperament nicht offen zu zeigen. »Wie war die Reise?«

Er hob eine Braue. »Lang. Die Bergpässe waren beschwerlicher, als wir es um diese Jahreszeit erwartet hatten.«

»Unwetter?«, fragte sie.

Er nickte. »Schneesturm.«

Rora sah ihn erstaunt an. »Aber … wir haben doch noch Stille Zeit.«

»Sagt das den Schneemassen, die uns beinah am Madaleira-Pass festgesetzt hätte. Die Natur ist in letzter Zeit noch unberechenbarer als sonst.«

Soviel Rora wusste, hatte niemand im Geschlecht der Locks je Gewalt über Schneestürme gehabt. Die kamen gewöhnlich nicht weit genug nach Süden, um ihr Reich zu bedrohen. »Euer Vater … konnte er ihn bändigen?«

Er schüttelte den Kopf. »Keiner von uns hatte je zuvor einen Schneesturm gesehen. Und mein Vater nimmt es inzwischen nur noch selten mit Unwettern auf. Die meiste Arbeit erledigen mein Bruder und ich.«

Hätte sie Magie besessen, hätte auch Aurora längst die Schutzpflichten für Pavan übernehmen müssen. Stattdessen hatte ihre Mutter die Übertragung immer wieder hinausgezögert. Und ihre fehlenden magischen Kräfte waren auch der Grund, warum sie jetzt heiraten musste. Die Zornige Zeit stand kurz bevor, sie konnten nicht mehr länger warten.

»Und wie habt Ihr …?« Noch bevor sie die Frage ausgesprochen hatte, streckte er seine freie Hand aus und berührte das oberste Sturmherz auf seinem Rücken. Es glitzerte strahlend weiß, nahezu silbern, und war fast rund. »Ich habe nie Schneeblut gehabt. Bis jetzt.«

Plötzlich wurde ihr eiskalt, und sie bekam eine Gänsehaut. Er trat auf sie zu, nahm ihre Hände und ließ seine warmen Handflächen über ihre Arme gleiten. »Verzeiht«, sagte er mit tiefer Stimme. »Aber die neueren Herzen … reagieren.« Er fasste sie an den Ellbogen und zog sie näher zu sich, während ihre Handflächen auf seiner Brust landeten. Dann strichen seine Hände weiter über ihre Haut, langsamer jetzt, und vertrieben die Kälte. Ihre innere Stimme sagte ihr, sie sollte zurückweichen, schrie es ihr zu, aber das Blut in ihren Adern war plötzlich ganz träge und dick wie Honig.

Die Unwetter in Caelira waren nicht nur wegen ihrer Zerstörungskraft gefährlich, sondern auch wegen der Magie, die sie besaßen. Ein mächtiger Sturm konnte einen Menschen so verzaubern, dass er nicht mehr reagieren konnte, obwohl er wusste, dass er fliehen oder kämpfen sollte. Schon als Kind lernten alle, ihr Bewusstsein zu schützen, aber manchmal reichte das nicht. Ganze Armeen von Sturmlingen wurden schon dahingerafft, ohne dass sie auch nur einen Finger zu ihrer Verteidigung gerührt hätten – im Angesicht des Todes wie zu Salzsäulen erstarrt. Aurora fragte sich, ob Cassius wohl einen Weg gefunden hatte, den Naturgewalten nicht nur das Herz, sondern auch diese Fähigkeit zu stehlen. Obwohl sie sich unwohl fühlte, war sie nicht in der Lage, sich aus seinem Griff zu befreien. Er beugte sich so nah zu ihr, dass sie seinen Atem auf ihrer Wange spürte. »Ihr erinnert mich daran.«

Sie schluckte, während ihre Haut plötzlich anfing zu glühen, wo sein Atem sie berührte. »Woran?«

»An den Schneesturm. Wild, gefährlich, schön und anders als alles, was ich je erblickt habe.«

Ihr wurde ganz heiß bei diesen Worten, und ihr Mund war plötzlich trocken. Vielleicht sah sie in ihrem gleißenden Gewand gefährlich aus, aber sie fühlte sich nicht so. Nicht, wenn er ihr so nah war. Er hatte sie kaum berührt, und schon hatte sie das Gefühl, die Mauern um sie herum stürzten eine nach der anderen ein.

Die Prinzessin sah Cassius an, die Lippen leicht geöffnet. Er war überwältigt gewesen, als sie den Saal betrat, so atemberaubend und unbezähmbar schien sie ihm, und kälter als der tiefste Winter. Das Kleid, das sich eng an ihren Körper schmiegte und mit Blitzkristallen geschmückt war, die von ihren Schultern ragten wie eiserne Zacken einer Rüstung, wirkte verführerisch und bedrohlich zugleich. Und trotz der ganzen Aufmachung brauchte es nur ein Kompliment, um sie aus der Fassung zu bringen. Sie sah sehr jung aus in diesem Augenblick, und sehr niedlich, was für eine zukünftige Herrscherin nicht unbedingt von Vorteil war.

»Ihr könnt Euch Eure Komplimente sparen«, erwiderte sie barsch und setzte eine undurchdringliche Miene auf. »Die Verlobung ist sowieso schon beschlossen.«

Wieder dieser frostige Blick. Sie hatte ungewöhnliche blaugraue Augen, groß und ausdrucksvoll und so atemberaubend, dass sie damit jeden anderen in die Knie gezwungen hätte. Ihr selbstsicheres Gehabe hätte die meisten wahrscheinlich getäuscht, aber er hatte sein ganzes Leben an einem Hof verbracht, der kaum sicherer war als die Höhle des Löwen, und seine Sinne waren geschärft. Die Prinzessin war eindeutig angespannt – irgendwie sorgenvoll und ängstlich. Er nahm ihr Handgelenk und verspürte den unerklärlichen Drang, sie fortzuziehen, irgendwohin, nur nicht zu der Verlobungszeremonie, die am oberen Ende der Treppe auf sie wartete. Das Mädchen war ein zartes Vögelchen, und sein Vater war ein Habicht. Sie waren alle Räuber in seiner Familie, Cassius eingeschlossen. Unwillkürlich fragte er sich, wie lange es wohl dauern würde, bis man diesem kleinen Vögelchen die Flügel stutzen würde.

Sie zog die Hand aus seiner, und er hätte sie am liebsten wieder gepackt. Sich zu nehmen, was er wollte, entsprach seiner Natur. Aber sie blitzte ihn scharf an. Er lächelte als Antwort. Vielleicht hatte sein kleiner Vogel ja wenigstens scharfe Krallen.

Genug. Sie war nicht sein kleiner Vogel. Ein Raubtier interessierte seine Beute nicht, auch wenn es sie mehr begehrte als alles, was es je kannte. Er schob seine gewissenlosen Triebe beiseite. Das würde seine größte Herausforderung sein – gegen den Drang anzukämpfen, zu jagen, zu beherrschen, zu zerstören. Darin war er gut. Das war es, was man ihm beigebracht hatte, seitdem er laufen konnte. Aurora aber musste er umschmeicheln, besänftigen, erobern. Nur so würde er bekommen, was er wollte.

»Wir sollten gehen. Sie werden uns schon erwarten«, sagte sie.

Cassius bot ihr den Arm an, und sie legte zögernd ihre Hand darum. Doch bevor sie noch einen Schritt taten, zeigte sich, dass der üppige Stoff ihres Kleides es nicht zulassen würde, dass sie Seite an Seite liefen. Also zog Cassius ihre Hand von seinem Ellbogen und nahm sie in seine. Ganz langsam hob er sie hoch und strich ihr mit den Lippen über die Fingerknöchel. Roras dunkle Pupillen weiteten sich und verschlangen die schöne Farbe um sie herum. Sie zuckte zusammen und versuchte zurückzuweichen. Schmunzelnd ging er ein bisschen auf Abstand, ließ sie aber nicht los.

In ihrer pompösen Aufmachung dauerte es eine Ewigkeit, den Thronsaal zu durchqueren. Vor jedem Schritt musste Rora den Saum ihres Kleides wegtreten, damit er sich nicht unter ihren Füßen verfing. Cassius hätte gewettet, dass sie mit Kleid und Kopfschmuck bestimmt zehn Kilo zusätzlich trug. Trotzdem lief sie kerzengerade und ruhigen Schrittes.

Als sie die Treppe am Ende des Saales erreichten, war sie außer Atem. Langsam fing dieses Kleid an, ihn zu nerven, wie beeindruckend eng es ihr auch auf den Leib geschneidert war.

»Wisst Ihr«, sagte er, »ich habe ein Messer dabei und würde am liebsten ein Stück von diesem albernen Kleid abschneiden, damit Ihr laufen könnt wie alle anderen.«

Da legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen, zögerlich zuerst, aber dann immer breiter, bis es schließlich strahlte.

»Tut Euch keinen Zwang an. Aber wahrscheinlich habt Ihr das Messer dann eher an der Kehle, mit meiner Mutter am anderen Ende.«

»Nicht mit Euch?«

»Wenn es nach mir ginge, würden wir das Kleid sofort verbrennen, wenn Ihr fertig seid. Und diesen lächerlichen Kopfschmuck gleich mit.«

Er lächelte, und zum ersten Mal schien es fast natürlich.

»Vielleicht sollten wir unsere Hochzeit mit einem Freudenfeuer feiern.«

Jedes Mal, wenn er die Hochzeit erwähnte, verkrampfte die Prinzessin sich. Die Sache an sich war natürlich schon besiegelt, aber er hatte Pläne, die nicht aufgehen würden, wenn sie sich weiter zierte.

Langsam stiegen sie die ersten Stufen hinauf, während sich der perlenbesetzte Stoff eng um ihre Beine zog. Am liebsten hätte er sie sich über die Schulter geworfen und wäre den Rest des Weges mit ihr gerannt. Um sich von dieser dummen Idee abzulenken, blickte er sich um. Der Gang, aus dem sie kamen, war voller Porträts und Standbilder der Ahnen der Familie Pavan. Und am Ende prangte eine große goldene Statue der jetzigen Königin in einer verzierten Mauernische. Früher einmal hatten dort vielleicht auch Altäre für die alten Götter gestanden – um für eine gute Ernte zu beten, für Fruchtbarkeit und Glück und Wohlstand –, aber das war lange vorbei. Gefolgt von vielen Jahren furchtbarer Zerstörung und ungehörter Fürbitten.

Inzwischen hatten die Sturmlinge den Platz der Götter eingenommen. Cassius und seinesgleichen waren jetzt diejenigen, die Gebete erhörten oder unbeachtet ließen.

»Ihr sagtet, Ihr hättet es unterwegs mit einem Schneesturm aufgenommen, obwohl Ihr eigentlich keine Gewalt über Schneestürme habt.«

Er drückte ihre Hand, die er immer noch hielt. »Stimmt.«

»Erzählt Ihr mir irgendwann davon?«

Er neigte den Kopf, um sie wieder anzulächeln, und sie sah weg. Schüchtern. Noch ein Teil des großen Puzzles, das sie ausmachte. »Unter einer Bedingung.«

»Und die wäre?«

Er hatte erwartet, dass sie wie die adligen Damen am Hof in Lock sein würde. Eine Sirene mit Klauen und Reißzähnen oder ein ängstliches kleines Mäuschen, das mühelos rumzukriegen wäre. Aurora hingegen schien weder bösartig noch schwach, war allerdings sehr darauf bedacht, ihm eine Fassade zu präsentieren, die es ihm unmöglich machte zu erkennen, was genau sie eigentlich wirklich war.

Er musste es herausfinden. Das war sein Fluch, der Grund, warum er so gierig auf den Nervenkitzel war, den ein Sturm auslöste. Er musste wissen, wie etwas funktionierte, musste wissen, warum. Und da war das Mädchen vor ihm keine Ausnahme. Das Bedürfnis, hinter all ihre Geheimnisse zu kommen, war umso stärker, weil sie bald ihm gehören würde. Sie zu erobern würde wahrscheinlich aufregender sein als jeder Sieg, den er je über einen Sturm errungen hatte.

Anstatt ihr seine Bedingung zu nennen, ließ er ihre Hand los und legte ihr den Arm um die Taille. Sie versuchte, einen Schritt rückwärts zu machen, blieb aber mit den Füßen in ihrem Kleid hängen und griff nach seiner Jacke, um sich aufrecht zu halten.

Und da war sie. Eine Spur von Angst in ihrem Blick. In dem Moment hätte er aufhören können, aber er besaß wenig Selbstbeherrschung, was so etwas betraf. Es reichte ihm nicht, ein gewisses Maß an Emotion in ihrem Gesicht zu sehen. Er wollte alles. Also ging er noch ein bisschen weiter. »Eure Geduld mag vielleicht reichen, um Euch noch lange mit diesem Kleid abzuplagen, meine jedenfalls nicht«, sagte er. »Erlaubt mir, uns diese Treppe hinaufzubringen, und ich verspreche, Euch zu erzählen, was immer Ihr wollt.«

»Abgemacht«, sagte sie dann und streckte ihr zartes Kinn nach vorn.

Rund um ihre Lippen löste sich langsam die Schminke und offenbarte rosige Haut. War sie etwa rot geworden unter all dem Puder? Er fuhr ihr mit den Fingern über die Rippen und fühlte harte, längliche Erhöhungen unter dem schweren, verzierten Stoff. »Korsett?«

Sie zog erschrocken den Bauch ein, und er wusste, dass er sie schockiert hatte. Unschuldig. Er sammelte jedes Einzelteil ihrer Persönlichkeit wie ein Fährtensucher im Wald. Kurz sah er Panik in ihrem Gesicht aufflackern, bevor diese wieder verschwand und sie ihn anblickte.

Tapferer kleiner Vogel.

»Dann machen wir es so.« Bevor sie ihre Meinung ändern oder seine eigene Vernunft ihn davon abhalten konnte, bückte er sich, schlang ihr die Arme um die Oberschenkel und hob sie hoch. Sie war groß und schlank, und er drückte sie fest an sich, sodass sich ihre Hüften gegen seine Brust pressten und sie mit dem Bauch vor seinem Gesicht hing. Sie rang nach Luft, stützte sich mit der einen Hand auf seine Schulter und griff mit der anderen nach oben, um ihren Kopfschmuck festzuhalten. So sah er ihr Gesicht nicht, aber sie war bestimmt außer sich vor Empörung.

Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Tut mir leid. Ich hätte Euch vorwarnen sollen.«

Er riskierte, sie zu kränken oder dass ihre Mutter durch die Diener davon erfuhr, die ihnen folgten. Was beides nichts war im Vergleich zu dem Risiko, dass sein Vater davon Wind bekam. Cassius war wie ein Kind, das den Fisch mit dem Angelstock ärgerte, anstatt die Schnur hochzukurbeln, wie er es sollte. Aber er konnte nicht anders.

Zügig stieg er die Treppe hinauf. Roras Körper schwankte ihm entgegen, und der perlenbesetzte Stoff ihres Kleides strich rau über sein Kinn. Er spürte, wie ihr Atem schneller wurde. Ihre Hand wanderte von seiner Schulter an ihre Brust, wo sie ihr Bestes tat, um den Ausschnitt zu verdecken, der oberhalb seines Sichtfeldes lag.

Seine Begierde drängte ihn, noch ein bisschen weiter zu gehen, aber diesmal beherrschte er sich. Er hielt den Kopf gesenkt und lief schneller. Wieder schwankte ihm Aurora durch die Bewegung entgegen, heftiger diesmal und ohne die stützende Hand auf seiner Schulter. Er drehte das Gesicht rasch zur Seite, und ihr Bauch presste sich kurz an seine Wange, bevor ihre Hand wieder auf seiner Schulter lag und sie sich aufrichtete.

Die letzten paar Stufen nahm er fast im Dauerlauf, und als sie oben ankamen, blickte er zu ihr hoch. Ihre zarten Lippen waren geöffnet. Das Heben und Senken ihrer Brust verriet, dass ihr Atem stoßweise ging, und in ihren Augen lag ein gewisser Glanz. Keine Angst. Keine Panik. Nicht einmal Zorn.

Verlangen.

Damit konnte er leben.

»Die Hauptstadt des Königreichs Lock liegt scheinbar am Ende von allem. Von wilden Wäldern umschlossen ragt sie ins tosende Meer wie das Ende der Welt, das Ende von Schönheit, Macht und Gefahr. Ein schimmerndes Juwel im Maul eines Raubtiers, und wer es berührt, wer dort an der Schwelle zum Nirgendwo wohnt, der kennt Leben und Tod und beherrscht alle beide.«

 

– Gefährliche Regionen Caeliras –

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Wären ihre Augen geschlossen gewesen, hätte Rora geglaubt, ein Feuersturm wäre über sie hereingebrochen und glühender Hagel hätte ihre Haut versengt, gebrannt und gebrannt und gebrannt, bis sie zu Asche zerfiel. Da löste Cassius seinen Griff, und sie glitt langsam Richtung Boden.

Seine Augen waren gar nicht schwarz, wie sie zuerst gedacht hatte, sondern tiefblau. Wie der Ozean im Sturm. Oder wie sie sich den Ozean vorstellte, denn bis jetzt hatte sie nur darüber gelesen. Wie über so vieles, denn sie verbrachte viel Zeit mit der Lektüre. Ihr Lieblingsbuch handelte von einem Entdecker, der auf der Suche nach einer sichereren Heimat über die Meere gesegelt war. Sie hatte es schon so oft gelesen, dass der Buchrücken gebrochen und die Seiten ganz lose waren. Sie würde alles darum geben zu wissen, wie es sich anfühlte, am Strand zu stehen und zu spüren, wie einem die Wellen gegen die Knie schlugen. Vielleicht würde Cassius sie ja eines Tages dorthin bringen.

Die Zukunft entfaltete sich vor ihr wie eine Blüte im Zeitraffer. Zu schnell. Alles ging viel zu schnell. Er blickte auf ihre Lippen, und sie blickte auf seine. Ein Funken brannte sich ihr Rückgrat hinauf, als sei es eine Zündschnur, und zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie sich vorstellen, wie es war, einen Blitz zu zähmen.

Macht zu besitzen.

Doch gerade als ihre Aufregung die Furcht verdrängte und sie fast schon wollte, dass alles ganz schnell ging, ließ er sie los und trat einen Schritt zurück. Taven und Merrin hatten sich diskret entfernt, als Cassius sie hochgehoben hatte, und warteten nun ein paar Stufen unter ihnen.

Bestimmt konnten sie sehen, wie ihre Wangen sich röteten, alle konnten das, selbst durch die dicke Schicht Puder in ihrem Gesicht. In ihrem Bemühen, sie von der Außenwelt fernzuhalten und ihr Geheimnis zu wahren, hatte ihre Mutter praktisch jeden persönlichen Kontakt, den Rora hatte, unterbunden. So hatte Rora Freundschaft gegen Einsamkeit getauscht, menschliche Begegnungen gegen Bücher. Auf Befehl der Königin hatte sie alle, die sie kannte, von sich gestoßen, um ein Geheimnis zu wahren, das schwerer wog als dieses schreckliche Kleid und der grässliche Kopfschmuck zusammen. Sogar ihre Dienstmädchen wechselten regelmäßig, damit niemand ihr so nahe kam, dass er die Wahrheit entdeckte.

Und ganz sicher hatte noch nie ein Mann sie so an sich gedrückt wie Cassius, als er sie im Arm hielt. Sie hatte Angst, er würde es merken, würde sie auch in diesen Dingen für unfähig halten. Aber er lachte sie weder aus, noch zog er sie auf. Stattdessen ging er vor ihr auf die Knie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während er sorgfältig die schwarze Stoffmasse ihres Rockes glatt strich. Als er zu ihr aufblickte, drehten sich ihre Gedanken um ihre Hochzeitsnacht. Und dass sie sich daran gewöhnen musste, dass er ihr noch viel näher kommen würde als in diesem Moment.

Ihre Gedanken spielten verrückt, Cassius zu ihren Füßen blieb jedoch völlig ruhig und unbeeindruckt. Er schenkte ihr ein sanftes Lächeln, sanfter, als sie es je von ihm erwartet hätte. Vielleicht hatte ihre Mutter ja recht. Der Mann hatte zwar eine raue Schale, brachte ihr aber am Ende vielleicht doch das Glück.

»Na bitte«, sagte er und richtete sich wieder vor ihr auf. Er umfasste ihr Kinn und hob es ein wenig. Bestimmt sah er die Aufregung in ihrem Gesicht. Seine Hand wanderte zu dem funkelnden Blitzkristall in ihrer Halskette. Er strich mit dem Finger daran entlang, ganz knapp über ihrer Haut. Vielleicht lag der Stein schief und musste gerichtet werden. Vielleicht auch nicht. Sie wünschte sich jedenfalls, dass er es noch einmal tat. Er zwinkerte ihr schelmisch zu. »Eure Mutter wird nichts davon erfahren.«

Bevor sie ihr Gefühlschaos ordnen konnte, öffnete sich die Tür vor ihnen. Ein Diener fragte, ob sie so weit seien, und Rora nickte zitternd. Kurz darauf war Applaus im Festsaal zu hören. Cassius nahm ihre Hand und zog sie vorwärts.

Als sie durch die Tür traten, blieb ihr fast das Herz stehen. Hunderte von Menschen hatten sich in dem Saal versammelt, um ihre Verlobung zu feiern. Lächelnde Gesichter, so weit das Auge reichte. Der Applaus schallte durch den Raum, dröhnte ihr in den Ohren, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Sie heftete den Blick auf ihr Lieblingsstück im Palast, den Kronleuchter, den ihr Großvater angefertigt hatte, indem er Blitzmagie in einem prunkvollen Gebilde aus Glas einfing. Heute erstrahlte er in besonders hellem Glanz – als hätte die Göttin selbst das Blitzlicht vom Himmel geholt.

Ein Händedruck lenkte ihre Aufmerksamkeit auf Cassius’ hübsches Gesicht. Er lächelte sie an, strahlender als zuvor, und sie lächelte zurück. Plötzlich begann etwas in ihr zu vibrieren, wie die Saite einer Gitarre, an der man zupfte, und das Vibrieren wurde stärker, zuckte durch ihre Adern, bis ihr ganzer Körper bebte.

Es war lange her, dass Aurora sich wie eine wirkliche Prinzessin gefühlt hatte. Sie erschien selten in der Öffentlichkeit – auch ein Versuch, ihr Geheimnis so lange wie möglich zu wahren. Gelegentlich begleitete sie ihre Mutter bei Kutschfahrten durch die Stadt, aber dann winkte sie immer nur durch die geschlossenen Fenster. Ohne so viel Aufmerksamkeit fühlte sie sich wohler. Sie genoss die Zeit allein, wenn sie lesen, mit ihrem Pferd Honey ausreiten oder lernen konnte. Sie wollte keine extravaganten Kleider tragen oder Feste besuchen oder am oberflächlichen Hofleben teilnehmen.

Wenigstens hatte sie sich das bisher immer selbst gesagt. Jetzt aber fühlte sie sich, als wäre sie mitten in die Geschichte eines ihrer Bücher getreten oder zum ersten Mal aus dem Schatten ihres eigenen Lebens.

Der Applaus legte sich, und Cassius führte sie zum ersten Tanz in die Mitte des Saals. Er zog sie an sich, bis sie geborgen in seinen kräftigen Armen lag wie eine Raupe im Kokon, bevor sie zum Schmetterling wird. Er roch nach Leder und Salz und ausgesprochen männlich. Als die Musik begann und sie anfingen, sich zu bewegen, unterdrückte sie das Verlangen, ihren Kopf auf seine Schulter zu legen.

Sie hatte erwartet, den ganzen Abend an das Geheimnis denken zu müssen und daran, nichts vom Plan ihrer Mutter zu verraten, den Thron in der Familie Pavan zu halten und gleichzeitig einen Herrscher zu gewinnen, der das Königreich schützt. Doch zwischen einer Drehung und der nächsten lösten sich all diese Sorgen in Luft auf, und die Gedanken an Cassius und an ihre gemeinsame Zukunft nahmen ihren Platz ein.

Auroras gerötete Haut schimmerte hier und da durch das Puder, das sie trug – an ihrem Hals, auf ihrer Wange, über ihrer Lippe.

»Ihr seid anders, als ich erwartet hatte«, murmelte er, als sich ihre Körper beim Tanzen näherten.

Der Blick, mit dem sie ihn ansah, hatte sich verändert. Er war sanfter geworden, als hätte sich ihr anfängliches Misstrauen verflüchtigt. Am liebsten hätte er sie geschüttelt, ihr gesagt, wie dumm sie sei, irgendwem zu vertrauen, vor allem einem Mann wie ihm. Aber mehr noch sehnte er sich nach diesem Blick, brauchte sie wie eine Blume die Sonne.

»Auf positive Weise anders?« Verwirrung, Hoffnung und Angst spiegelten sich in ihrem Gesicht. Für ein Mädchen, das vor Kurzem noch versucht hatte, eiskalt zu sein, herrschte jetzt ein ziemliches Gefühlschaos bei ihr.

Er ließ die Hand hinab auf ihre Hüfte gleiten und strich dabei mit den Fingern wieder über die Stäbchen ihres Korsetts. »Sehr positiv.«

»Ihr seid auch nicht, wie ich es erwartet habe.« Sie sah ihn mit diesem süßen Lächeln an. Wenn sie wüsste, was das mit ihm machte, wäre sie nicht so großzügig damit.

Er war nicht wirklich erfahren in Gefühlsdingen. Die Ehe seiner Eltern war reine Berechnung gewesen, und dieselbe Haltung dominierte ihren Erziehungsstil. Als Junge hatte er nicht gewusst, dass nicht in jeder Familie gnadenlose Konkurrenz zwischen Geschwistern herrschte. Aber jetzt wusste er es. Er spürte die Last der väterlichen Kontrolle immer schwerer werden, und es machte ihm mittlerweile so viel aus, dass er angefangen hatte, sich dagegen zu wehren. Oder vielleicht machte es ihm auch gar nichts mehr aus. Konsequenzen spielten keine große Rolle mehr für ihn.

Also reagierte er gar nicht, als er merkte, wie der wütende Blick seines Vaters zu seiner Hand glitt, die noch immer sanft über Roras Hüfte strich. Er war zwar auf Befehl des Königs hier, aber der König würde die Fäden nicht mehr lange in der Hand haben. Cassius zog die Prinzessin näher, bis er den warmen Hauch ihres Atems an der Halsgrube spürte. Dann schob er seine Hand gefährlich tief ihren Rücken hinunter. Darauf hatte sein Vater keinen Einfluss. Aurora war sein Ausweg, sein Neuanfang. Und wenn sie erst verheiratet waren, würde der König merken, dass seine Macht über Cassius in dem Moment erloschen war, als sie Lock verlassen hatten.

Das erste Musikstück war zu Ende, und die Tanzfläche füllte sich mit weiteren Paaren. Cassius führte die Prinzessin zu dem Podium, wo ihre Familien sich versammelt hatten. Königin Aphra saß auf einem prunkvollen Thron, der aus dem gleichen Sandstein gefertigt war wie der Palast. Er glänzte golden im Licht. Daneben stand eine kleinere Version, vermutlich Auroras Platz. Außerdem hatte man mehrere kunstvoll verzierte Stühle für die Familie des Bräutigams aufgestellt.

Trotz der bescheideneren Sitzgelegenheit thronte Cassius’ Vater über dem Saal und den Anwesenden, als stünde alles unter seinem Befehl. Mit gerümpfter Nase musterte seine Mutter den Raum und schien in Gedanken bereits die Umgestaltung zu planen. Cassius geleitete Aurora zu ihrem Thron. Noch bevor sie sich setzen konnte, hob er ihre Hand an seine Lippen und hauchte einen sanften Kuss darauf. Er beobachtete, wie sich die zarte Stelle an ihrem Kehlkopf bewegte, als sie schluckte. Als sie sich niederließ, blieb er neben ihr stehen.

Kurz darauf nahmen ihre Eltern das Gespräch wieder auf, und er hörte, wie sein Vater sich bei Königin Aphra nach den pavanesischen Besitztümern erkundigte. Sie sprachen über die verschiedenen Getreidesorten, die auf den umliegenden Feldern wuchsen, über den Fluss, der die Stadt von Norden her mit Wasser versorgte, über die Grenzen und die Handelsbeziehungen zu anderen nahe gelegenen Sturmlingprovinzen.

Cassius hatte sein bisheriges Leben abgeschottet zwischen Meer und Urwald verbracht. Nur wenige trauten sich in die unbewohnte Wildnis; und noch weniger in die Wildnis, die nach Lock führte. Von Eroberungen hörte man im modernen Caelira selten. Die Anforderungen, das eigene Land zu verteidigen, waren zu groß, um auch noch davon zu träumen, neues zu erobern. Immerhin bot die gefährliche Lage des Lock’schen Reiches Schutz und Abgeschiedenheit, und, am allerwichtigsten, es erlaubte den Locks, den Informationsfluss in die Stadt hinein und aus der Stadt heraus zu kontrollieren. Ihre Macht war so weit über die Grenzen hinaus berühmt, weil sie dafür gesorgt hatten. Pavan hingegen lag im Zentrum des Kontinents und hatte deshalb Verbündete (und Feinde) auf allen Seiten. Es würde eine … Umstellung werden.

Die Geschichten, die der König im Gegenzug von Lock erzählte, waren wie immer übertrieben und prahlerisch. »Nehmt das alles nicht so ernst, was mein Vater sagt«, murmelte Cassius Aurora ins Ohr. Er berührte die Spitze des Blitzkristalls auf ihrer Schulter. »Wir stellen uns heute alle ein bisschen zur Schau.«

»Und Ihr?«, fragte sie. »Soll ich Euch auch nicht alles glauben, was Ihr sagt?«

Er reagierte nicht, fuhr stattdessen mit den Fingern an dem Kristall entlang bis zur Rundung ihrer Schulter. Und während er überlegte, was er antworten sollte, von da aus weiter bis zu ihrem Nacken. Er legte seine Handfläche darum, und ihr Kopf neigte sich etwas. »Wenn man dazu erzogen wird, König zu sein, lernt man, seine Worte mit Bedacht zu wählen und sie so sicher einzusetzen wie das Schwert im Kampf. Aber ich …«

»Ihr seid der Zweitgeborene.«

Er runzelte die Stirn, und die Hand in ihrem Nacken verkrampfte sich kurz, bevor er seinen Fehler bemerkte und rasch losließ. »Stimmt. Außerdem bin ich nicht wie mein Vater.« Er wusste, dass sein Tonfall zu aggressiv war, und als sie den Blick hob, verlor er fast komplett die Geduld. Er wollte dieses Mädchen. Mehr als das … er brauchte es. Und er war kein geduldiger Jäger. Er wollte Aurora gerade um einen weiteren Tanz bitten, als sein Bruder in ihr Blickfeld trat.

»Eine so schöne Prinzessin wie Ihr sollte den ganzen Abend auf der Tanzfläche verbringen«, sagte er. »Erlaubt mir, das Versäumnis meines kleinen Bruders wiedergutzumachen.«

Casimir hielt Aurora die Hand hin, und Cassius’ Finger zuckten nach dem Schwert an seiner Hüfte.

»Mir«, knurrte er warnend, doch das spornte seinen Bruder nur noch mehr an. In dieser Hinsicht waren sie sich ähnlich. Als Aurora ihre Hand in Casimirs legte, drückte er ihr einen Kuss in die Handfläche. Einen langen Kuss. Da loderte an Cassius’ Rücken plötzlich Feuer auf, und fast ein Dutzend Sturmherzen glühten abwechselnd heiß und kalt und füllten sich mit seiner Energie. Sein Bruder konnte sich glücklich schätzen, dass die Herzen Stürme nur beeinflussen und sie nicht heraufbeschwören konnten. Cassius hätte sich nämlich nicht beherrschen können, Bruder hin oder her.

»Das reicht, Casimir«, zischte er.

»Komm schon, Bruderherz. Du hast doch sicher nichts dagegen, dass ich meine zukünftige Schwägerin ein bisschen kennenlerne.«

Cassius entblößte die Zähne zu einem grimmigen Lächeln. »Lern sie gefälligst von Weitem kennen.« Und nichts an seinen Worten verbarg den Hass, der darin lag.

»Er hat noch nie gern geteilt«, sagte Casimir und zwinkerte Aurora zu.

»Und du konntest noch nie die Finger da lassen, wo sie hingehören.«

Cassius zitterte inzwischen vor Wut, während sein Bruder immer noch die Ruhe selbst war und sanft mit dem Daumen über Roras Hand strich.

Da packte Cassius Aurora an der Schulter und zog sie zurück an seine Brust. Der Kopfschmuck versperrte ihm kurzzeitig die Sicht, bevor er sich zur Seite beugte und seinen Bruder böse anblitzte.

»Vorsicht, Cassius«, warnte der ihn lächelnd. »Du verschreckst sie noch, bevor sie überhaupt dir gehört.«

»Aber Jungs.« Ein schrilles, falsches Lachen kam vom Tischende herüber, wo ihre Mutter saß. »Tut wenigstens so, als könntet ihr euch benehmen.« Der Abstand zwischen Podium und Saal war so groß, dass wohl niemand ihre Worte gehört hatte, aber die Warnung seiner Mutter rief Cassius wieder in Erinnerung, dass sie Zuschauer hatten.

»Ein bisschen Konkurrenz hat noch nie geschadet«, antwortete sein Vater und warf Casimir einen anerkennenden Blick zu. Früher hätte es Cassius einen schmerzhaften Stich verpasst, wenn sein Bruder bevorzugt wurde. Inzwischen war er schon so daran gewöhnt, dass er den Schmerz nicht mehr spürte.

»Ihr habt Glück, dass Ihr keine Söhne habt. An ihren besten Tagen sind sie wie die Tiere.«

Königin Aphras Lächeln verschwand plötzlich für einen Moment. Anders als in Lock, wo man Geheimnisse leicht begraben konnte, sprach sich auf dem Kontinent alles schnell herum, und es gab kein Königreich, in dem man nicht vom Tod des Erben von Pavan gehört hatte. Cassius’ Mutter blickte auf die Tanzfläche und verzog in gespielter Freundlichkeit die Lippen. Eigentlich hätte alles an ihr Wärme ausstrahlen müssen – ihre honigfarbene Haut, ihr dunkelbraunes Haar, ihre funkelnden Augen, die in irgendeiner Farbe dazwischen glänzten. Aber nichts konnte die Kälte verbergen, die in ihrem Inneren war.

Genug. Cassius machte sich nichts aus dummen Tänzen und sinnlosen Festen, trotzdem würde er Aurora bis zum nächsten Morgen über die Tanzfläche führen, wenn sie das in seinen Armen und seine Familie auf Abstand hielt. Er nahm wortlos ihre Hand und zog sie fort. »Du wirst sie wohl ein anderes Mal auffordern müssen. Vielleicht nach unserer Hochzeit. Dieser Abend gehört uns!«, rief er seinem Bruder zu.