Für meinen Vater Rüdiger, der mir die ersten Geschichten erzählte.

Silas

 

 

 

Für meinen Onkel Reiner, Danke …
für deine felsenfeste Toleranz,
die du allen entgegenbringen konntest.

 

Danke … Du warst ein toller Mensch.

Natalie

Earl

Prolog Lavis. Eisenminen.

»Guck mal!«, ruft sie. »Earl, guck mal!«

Ich halte in meiner Arbeit inne und drehe mich zu Claire. Sie versucht, die Spitzhacke mit der Rückseite des Holzgriffs auf ihrer Handfläche balancieren zu lassen. Das hat sie bei mir gesehen, die Kleine. Klar, jetzt will sie das auch hinkriegen. Doch da poltert die Spitzhacke schon auf den Boden.

Sie gluckst. »Noch mal.« Claire hebt ihr Werkzeug wieder auf, muss aber beim zweiten Versuch schon von Anfang an so lachen, dass es erneut schiefgeht.

Diesmal hebe ich die Spitzhacke auf und strecke sie ihr entgegen. »Komm schon, Claire. Wir hauen jetzt ein paar weitere Steine, und du kannst es mir dann später auf dem Nachhauseweg vormachen.«

Sie schüttelt den Kopf. »Zeig du noch mal, wie es geht!«

Claire strahlt, sieht mich voller Vorfreude mit ihren weit auseinanderstehenden Augen an. Mensch, wie soll ich da Nein sagen? Diese Augen sind das Einzige, was in diesen dunklen Bergwerken leuchtet.

Ich sehe über die Schulter. Einige Schritt hinter uns hauen andere Grubenmänner ihre Hacken in die Felswände. Auch von links ist nur das übliche Geräusch von Schlägen auf Stein zu hören. Schichtaufseher Karl ist nirgends in Sicht.

Also balanciere ich noch mal die Spitzhacke mit der Holzseite nach unten auf meiner Handfläche.

Claire hüpft auf der Stelle. Sie lacht so herzhaft, dass ich es direkt ein zweites Mal mache, dabei laufe ich sogar einen Schritt vor und zurück, ohne dass die Hacke auf den Boden fällt. Claire klatscht in die Hände. »Toll!«, kreischt sie. »Toll!«

»Schhhhh!« Ich lege den Finger an die Lippen. Sie haut erschrocken die Hand auf den Mund, wie so oft hat sie vergessen, dass wir hier aufpassen müssen. Auch wenn Karl gerade nicht zu sehen ist.

Also mache ich mich wieder an die Arbeit, die einzige Möglichkeit, Claire auch dazu zu bringen. Normalerweise.

Heute ist sie besonders unkonzentriert. Und langsam komme ich ins Schwitzen. Das ist so ein Tag, an dem eigentlich nur ihr Bruder Noel sie beruhigen könnte. Kein Plan, wie der Junge das jedes Mal hingekriegt hat.

Ich wische mir den Schweiß von der Oberlippe. »Komm schon, streng dich noch ein bisschen an, sonst gibt’s heute nichts zu futtern.«

»Suppe?«, fragt sie und reibt sich über den Bauch.

»Nur wenn du mir hilfst.«

Sie schüttelt den Kopf.

»Claire, bitte!«, flehe ich.

Doch da kommen sie schon, die schweren Schritte von Karl. Ich hab’s gewusst! Trotzdem packt mich ein Schreckensgefühl im Nacken, als der große Kraftbolzen vor uns stehen bleibt. Leicht gebeugt schaut er zu uns runter. Die Decke im neuen Stollen ist noch etwas tief. Und wenn man bislang nicht so oft hier unten war, beschleicht einen der Drang, den Kopf einzuziehen.

»Ich hab dir schon mal gesagt, dass es besser für dich ist, nicht auch noch nutzlos zu werden.« Er schielt zu Claire. »Eine davon reicht.«

»Ist gut, ist gut«, sage ich. »Nur …«

»Eine Ration weniger!«, unterbricht er mich. Und nun hilft auch keine Ausrede mehr.

Ich hasse sein Gesicht – das einzige saubere in den Minen. Am liebsten würde ich mit meinen verdreckten Fingern einmal von der Stirn quer bis über sein Kinn schmieren. Der Kerl hat doch keinen Plan davon, was hier abgeht.

»Schönen Abend wünsch ich«, sagt er selbstzufrieden. Er hebt seine Fackel wie zum Gruß, dann stampft er davon und wird schnell vom Dunkel des Stollens verschluckt.

Wütend schleudere ich mein Werkzeug auf den Boden. Claire ist auf einmal ganz still. Oje, ich wollte sie nicht verschrecken! Doch als ich auf sie zugehe, schielt sie nur zu mir hoch und sagt: »Ups.«

Ich tätschle ihr den Kopf. »Lass uns nach Hause gehen, Kleines.«

Sie hebt meine Spitzhacke auf und streckt sie mir entgegen. »Okay.«

Seit drei Tagen schickt man uns in einen neuen Stollen. Jetzt müssen wir auch noch einen weiteren Fußmarsch in Kauf nehmen. Sonst waren wir bis zur Dämmerung zu Hause. Nun bricht meist schon die Nacht an. Aber was juckt das den Brennenden König. Ist ja nicht sein Rücken, der schmerzt. Sind ja nicht seine Hände, die brennen. Ist ja nicht seine verstaubte Lunge!

Eigentlich mag ich dieses Nach-Hause-Schlendern, wenn der Wind einem den Schweiß trocknet und man sich ein paar Grubenfrauen aussucht, die man besonders gut ärgern kann. Aber heute halten wir die Gespräche kurz, während wir in einem gemeinsamen Tross in Richtung Dorf laufen, der von den Schichtaufsehern begleitet wird. Nur noch ein Stöhnen dringt gelegentlich von rechts und links zu mir durch, zwischendrin die übliche Husterei. Und irgendwo vorne in den Reihen ein quengelndes Baby. Tagsüber werden sie abwechselnd von den Grubenfrauen vor den Eingängen der Minen betreut, da kommt es schon öfter mal vor, dass auf dem Heimweg eines weint. Aber selbst Claire scheint müde zu sein, schlurft mit den Füßen. Alle wollen nur noch ins Bett fallen, einschließlich mir.

Ich lasse meine Schultern kreisen, in der Hoffnung, dass es gegen die Verspannung hilft. Außer einem kurzen wohltuenden Knacken geschieht jedoch nichts.

»Aua?«, fragt mich Claire und runzelt die Stirn.

»Ja, etwas«, antworte ich.

Sie streichelt mir daraufhin die Hand, und heute macht mich das besonders wehmütig. Ihre verdreckten Wurstfinger auf meinem haarigen Handrücken sind zum Heulen.

Ich hebe den Kopf. In der Ferne ragt bereits der Zaun des Eisendorfes in den Abendhimmel. Gleich kann ich die Füße hochlegen. Ich seufze tief.

Doch irgendwie mag ich nicht so richtig glauben, dass wirklich Ruhe auf mich wartet. Und dazu quält mich noch der leere Magen.

Karls Stimme geht in meinem Kopf rauf und runter: dass es besser für dich ist, nicht auch noch nutzlos zu werden. Nutzlos. Ich pfeife verächtlich Luft durch die Zähne. Er ist nutzlos!

Ich blicke zu Claire. Mir wäre lieber, sie würde etwas vor sich hin brabbeln oder mich fragen, ob ich mit dem Staub aus den Minen eine Blume auf ihre Arbeiterkleidung male. Unser kleines Ritual. Aber auch das bleibt aus.

Dafür setzt Gemurmel ein. Die Grubenmänner und -frauen dicht vor dem Zaun beginnen zu tuscheln. Bis plötzlich jemand aufschreit. Mein Herz schlägt schneller.

Was ist da vorne los?

Ich dränge mich durch, und dann erblicke ich es. Der Wachmann, der sonst unsere Armplaketten prüft, ist nicht da, stattdessen sticht mir etwas anderes ins Auge: Symbole.

Rot wie Blut prangen sie an den Hüttentüren. An Robins, an Gabriels. Überall. An meiner.

Das Symbol der verhüllten Männer hat unser Dorf wie eine ansteckende Krankheit befallen. Was …?

Hektisch gehe ich weiter vor. Sehe nur noch die leuchtend rote Farbe, als wäre ich in einem Albtraum gefangen. Die Zeichner waren hier. Die Zeichner waren hier. Sie waren hier!

Wir bewegen uns weiter ins Dorf, aufgebrachte Stimmen, die aufkeimende Panik ist nahezu greifbar. Ich werfe einen Blick zur Dorfmitte.

Und in diesem Moment sticht dort eine grelle Flamme lichterloh in den Himmel. Flackert über unsere erschrockenen, beschmutzten Minengesichter.

Noel

1 Vigilis.

Der Thronfolger ist tot, und ich habe ihn sterben lassen. Regungslos liegt er im Gras, sein muskulöser Körper ist vollkommen erschlafft. Lediglich ein Schwall Blut quillt aus den Einstichen der zwei Bolzen in seiner Brust. Als hätte sein Herz eben noch ein letztes Mal besonders kräftig gepumpt, um auch wirklich alle Flüssigkeit aus ihm hinauszupressen. Seine markanten Gesichtszüge sind erstarrt. Die Augen leer.

Ich habe das Leben aus ihnen gezogen.

Dominik. Der Mann mit den hoffnungsvollen blauen Augen und der Sicherheit in der Stimme. Er war der geborene Anführer. Vom ersten Moment an, als ich ihn sah, wollte ich ihn auf dem Thron sehen. An seiner Seite Lavis befreien.

Eine Gänsehaut bahnt sich ihren Weg über meinen Körper, ergreift mich von den Waden über die Wirbelsäule bis hoch zu meiner Kopfhaut, wo ich spüren kann, wie sich jedes einzelne Haar aufstellt.

Der leere Flakon, der bis eben noch den Rest Phönixtrank enthalten hat, zittert in meinen Händen. Er fühlt sich kühl und falsch an.

Ich recke das Kinn. Einige Schritte neben der Leiche des Thronfolgers liegt Lucas. Kyara umfasst gerade seinen Oberarm, und er stützt sich auf die Ellenbogen. Unsere Blicke treffen sich.

Etwas von der Schwere in meinem Körper schwindet. Lucas, mein bester Freund, ist wohlauf. Kaum merklich nickt er mir zu.

Ich schließe kurz die brennenden Augen. Das Szenario der vergangenen Momente spielt sich noch einmal vor mir ab. Ich lege die Hand an meine Kehle, in ihr ist es viel zu eng.

Als ich die Augen wieder öffne, wandert mein Blick zu Jon. Fassungslosigkeit spricht aus seinem Gesicht. Sein Blick bohrt sich in meine Schädeldecke. Seine Arme hängen schlaff nach unten, und da rutscht mir der leere Flakon aus den Fingern, landet im weichen Gras. Ich kehre ihm den Rücken zu, es geht nicht anders.

Meine Beine gehorchen mir kaum, doch ich muss einfach weg hier. Werde plötzlich schneller, mache schließlich einen Bogen, sodass der gewaltige Felskamm wieder dicht vor mir aufragt und ich den Wasserfall sehen kann, der lautstark in das Tosbecken prasselt. Ich stütze die Hände auf meine Knie und keuche. Hier, ein Stück entfernt von den anderen, versuche ich, meine Gedanken zu ordnen.

Mein Brustkorb geht heftig auf und ab, ja, meine Atemzüge überschlagen sich.

Der Thronfolger ist tot und mit ihm die ganze Revolution. Alles, was wir getan haben, was wir zurückgelassen und geopfert haben – war umsonst.

Aber … ich ringe immer hektischer nach Luft … aber was hätte ich denn tun sollen?

Es war Lucas, verdammt! Lucas!

Ich hätte ihn nicht dort liegen lassen können, ich konnte ihm nicht beim Sterben zusehen. Doch nicht ihm!

Die donnernden Wassermassen, die auf den Fluss hereinbrechen, verwandeln sich in meinen Ohren zu einem einzigen Rauschen, werden eins mit dem Rauschen hinter meiner Stirn. Die Gischt treibt zu allen Seiten, wirbelt um Steine und Äste. Unablässig stürzt und stürzt das Wasser hinab.

Unsere Mission ist gescheitert. Der Kampf sinnlos geworden. Der Häscher ist mit Sam davongeritten. Wir haben keinen Hoffnungsträger mehr. Wir haben keinen Phönix, und das Elixier ist bis auf den letzten Tropfen aufgebraucht. Wir haben nichts mehr.

Gar nichts.

Lavis ist verloren.

Ich greife mir fest in die Haare. Dieses Brennen, das Favilla in mir geweckt hat, und dieses Gefühl, etwas bewirken zu können, sind nicht mehr da. Es ist wieder wie in den Minen. Ich bin in dem dunklen Gewölbe gefangen, von Staub verdreckt. Ich schlage auf Stein, die ganze Zeit, und nichts passiert. Am nächsten Tag ist immer noch Stein da. Und nichts wird sich jemals ändern.

Wie konnte ich nur glauben, dass es mehr gibt? Dass ausgerechnet ich in der Lage sein sollte, etwas zu bewirken?

Alles, was ich fertiggebracht habe, sind eine gefangene Sam, ein toter Thronfolger und eine gescheiterte Revolution.

Jon zu enttäuschen.

Ich lasse mich auf die Knie fallen und versuche vergeblich, meine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen.

Plötzlich fahre ich herum. Da war ein Schrei!

Und es war kein menschlicher!

Etwas … Ich reiße den Kopf nach oben.

Der Phönix rauscht nur knapp über mich hinweg. Wind wirbelt meine Haare auf, als er vorbeizieht. Mit irrsinniger Geschwindigkeit rast er auf die anderen zu. Auf Lucas, Kyara, den Dürren, Roland, Estelle, Jon und den leblosen Dominik.

Ein weiterer gellender Schrei bricht aus dem magischen Wesen hervor, ich spüre ihn bis in die Knochen. Und dann sprühen Funken von seinem Schweif auf, verwandeln sich in der Luft in einen ganzen Flammenstoß, der nun zum Boden schießt. Die Hitze schlägt sogar bis zu mir herüber. Instinktiv reiße ich die Arme schützend über den Kopf.

Der Phönix ist längst wieder aufgestiegen und fliegt Richtung Horizont.

Sofort renne ich zu den anderen zurück, auf eine große Rauchwolke zu. Mit jedem Schritt zeichnen sich ihre gebeugten Gestalten deutlicher vor meinen Augen ab. Hier und da sind ein Husten und Stöhnen zu hören.

Zum Glück! Sie scheinen unversehrt. Der Flammenstoß muss dicht vor ihnen auf die Erde geprallt sein, ohne sie richtig zu treffen. Ein Zufall?

Ich schließe die letzten Schritte zu ihnen auf. Als Erstes eile ich zu Estelle, aus deren Haaren immer noch Funken sprühen und die jetzt zu schreien beginnt, genau in dem Moment, als auch ein dritter Schrei des Phönix aus der Ferne erklingt. Sie hat seinen Laut übernommen, sie schreit, als würde ihre Kehle zerfetzen. Estelle kneift die Augen zu und sinkt auf alle viere.

»Er ist aufgebracht … er …«, sie schluchzt, »er brennt von innen, er leidet.«

Ich beuge mich zu ihr runter, drehe ihr Gesicht zu mir, da sieht Estelle mich direkt an.

Ein Ruck durchfährt mich. Ihre Augen! Sie sind von derselben tiefen Schwärze wie die des Phönix. Wie zwei volle, dunkle Monde leuchten sie in ihrem Gesicht, und für einen Moment habe ich das Gefühl, es sei der Phönix selbst, der mich zornig ansieht. Der mich am liebsten mit einem heißen Feuerwirbel verschlingen würde.

Irritiert lasse ich von Estelle ab, doch als ihr Körper vor Schmerz zu zucken beginnt, presse ich sie wieder an mich. Spüre sofort die irrsinnige Wärme, die von ihr auf mich übergeht.

Estelles Finger krallen sich krampfhaft in meine Schultern, als könne sie auf diese Weise etwas von ihrem Schmerz abgeben. Aber es scheint nicht zu helfen, ihr Körper reagiert immer noch völlig unkontrolliert, und dann kippt auf einmal ihr Kopf nach hinten, ihre Lider flattern. Nun ist sie wieder ganz mit dem Feuervogel verschmolzen.

Wie konnten wir das alles nur so weit kommen lassen?

Ich reiße den Blick von Estelles Gesicht los und schaue zu den anderen Favillanern.

Kyara steht noch an Lucas’ Seite. Der schüttelt immer wieder den Kopf, reibt sich über die Stirn und sagt nur ein Wort. An den Bewegungen seiner Lippen kann ich es genau ablesen: Sam.

Die Schwere in meiner Brust wird mit einem Mal schlimmer. Als presse jemand mit seinen Händen meinen Brustkorb zusammen, so fest, dass nur noch ganz wenig Luft hindurchkommt. Sam.

Sie ist nicht hier, sie ist nicht mehr bei uns.

Ich beiße mir fest auf die Lippe. Was hat der König mit ihr vor? Was wird man ihr antun?

Estelle windet sich und stöhnt.

»Schh«, mache ich und wiege sie in den Armen. »Schh.«

Mehr kann ich nicht sagen, kein beschwichtigendes »Alles wird wieder gut«, nichts dergleichen. Es wäre eine Lüge.

Als sie ruhiger wird, lasse ich meinen Blick weiterschweifen.

Der Dürre steht erstarrt da. Roland sieht hektisch Richtung Himmel und reibt sich die Arme. Wahrscheinlich hält er Ausschau nach dem magischen Wesen. Hinter ihnen erstreckt sich das gebirgige Land. Felsen um Felsen.

Und dann ist da noch Jon. Er steht wie vorher mit schlaffen Armen neben dem toten Thronfolger, als hätte er den Feuerstoß des Phönix nicht einmal bemerkt. Doch dann kniet er sich vor Dominiks Leiche. Jons Schultern sind nach vorne gekippt, und auch sein Kopf hängt nach unten. Behutsam streckt er seine Hand aus und schließt die starren Augen des Thronfolgers.

Es schüttelt mich. Beschämt sehe ich weg.

Jon so zu sehen, das ist zu viel.

Er ist keiner, der scheitert oder aufgibt. Er hat immer einen Plan. Jon weiß, was zu tun ist!

Jetzt kann ich nichts mehr dagegen tun, ein Kloß schwillt in meinem Hals an. Ich blinzle die Tränen weg, da entdecke ich etwas neben mir am Boden.

Zwischen den Grashalmen sticht sie hervor: eine Feder des Phönix. Die gelben Fasern gehen an der oberen Fahne in ein leuchtendes Rotgold über, das in der untergehenden Sonne schimmert. Wie eine kleine Flamme tänzelt die Feder auf der Wiese.

Und jetzt kribbelt es in meinem Nacken, mein Herzschlag wird schneller. Eine plötzliche Eingebung hat mich gepackt. Noch sind wir hier nicht fertig!

Entschieden greife ich unter Estelles Achseln und ziehe sie hoch. Dann sehe ich ihr in die Augen.

»Bring mich zu ihm«, sage ich mit fester Stimme. »Bring mich zum Phönix!«

2 Vigilis.

Nasses Gras quietscht unter unseren Schuhen. Der Fluss zerteilt die weite grüne Ebene, fließt ruhig vor sich hin und funkelt im Abendrot. Willkürlich angeordnet wie Sommersprossen in einem Gesicht, ragen Gesteinsbrocken und kleinere Hügel aus dem Boden.

Estelle hat mein Handgelenk so fest gepackt, dass ihre Fingernägel Abdrücke in meiner Haut hinterlassen. »Noel, ich halte das für keine gute Idee.«

Ich folge seit ein paar Hundert Schritt ihren Angaben, sie weiß, wo sich der Phönix befindet, sie kann ihn spüren.

»Aber es ist die einzige Idee, die ich habe«, sage ich entschlossen, in der Hoffnung, dass sie etwas lockerer wird.

Nicht nur das. Mit dem Phönix zu reden, ist unsere letzte Chance. Ich muss es einfach probieren! Ich muss ihn auf unsere Seite bringen. Das bin ich ihnen allen schuldig.

»Er ist aufgewühlt. Zu aufgewühlt, um auf uns einzugehen.« Estelle streicht sich ein paar Haarsträhnen aus der verschwitzten Stirn, bleibt stehen und atmet tief ein. Finster sieht sie mich an. »Und ich werde das genauso wenig durchhalten.« Jetzt kneift sie die Augen zusammen und greift sich auf Brusthöhe in ihr Hemd, als sei da ein plötzlicher Schmerz.

Ich lege meine Hand auf ihre Schulter.

»Was ist los?«

»Wir sind ihm sehr nah«, keucht sie. Und dann entdecke auch ich ihn. Hinter Estelle, etwa fünfzig Schritt von uns entfernt, erhebt sich ein breiter Felsen in der Form einer größer werdenden Welle aus dem Boden. Hoch wie eine Hütte ragt er empor, und darauf sitzt der Phönix. Er hat die Flügel wie eine schützende Decke um sich gelegt und uns den Rücken zugekehrt. Er ist sicher noch nicht ausgewachsen, hat nun aber die Größe einer Sam. Und ich habe das Gefühl, seine Anwesenheit nahezu zu spüren. Die mächtige Kraft, die ihn umgibt.

Ich setze einen Fuß vor, da drückt Estelle mich zurück. »Vorsicht, wir wissen nicht, wie er reagieren wird, wenn er dich sieht.«

Ich stoppe, bedeute ihr mit den Händen, vorauszugehen. »Ist gut.«

Sie nickt und strafft die Schultern. Aufrecht macht sie die ersten Schritte Richtung Phönix. Noch einmal dreht sie den Kopf zu mir, die Augen weit aufgerissen. »Bleib immer ein Stück hinter mir.«

»Okay«, flüstere ich und folge ihr.

Uns trennen noch etwa zehn Schritt vom Felsen, da ruckt der Phönix mit dem Kopf nach oben. Mein Herz pocht wild.

Dann dreht sich das Wesen ganz zu uns herum und krächzt laut. Gleichzeitig entflammt sein Schweif. Er donnert einen weiteren Feuerstoß los. »Runter!«, brüllt Estelle. Die Flammen rasen auf uns zu wie brennende Peitschen.

Ich werfe mich ins Gras. Hitze erfasst mich so schlagartig, als schmelze innerhalb eines winzigen Augenblicks meine Haut von meinem Körper. Und so schnell, wie die Hitze da war, verschwindet sie wieder. Ich blinzle vorsichtig.

Die Ränder meines Hemdes und meiner Hose sind angesengt, das Feuer hat mich nur gestreift. Estelle hat sich über mich gebeugt.

Sie sieht verdutzt an sich hinab. Dieser Feuerstoß prallte direkt auf Estelle. Trotzdem scheint sie unversehrt zu sein, lediglich an den Spitzen ihrer Haare tänzeln erneut die Funken. Das Feuer hat ihr nichts angetan. Sie sieht makellos aus, wie immer. Wie kann das sein? … Wie …

»Alles in Ordnung?«, fragt sie.

»Ja«, sage ich atemlos. »Bei … bei dir?«

Sie nickt.

»Du hast es nicht gespürt?«, frage ich.

Estelle schüttelt den Kopf. Aber eigentlich sollte es mich nicht wundern: Sie ist eine Begabte, ihre Verbindung zum Phönix ist magisch.

Wir blicken beide wieder zum aufgebrachten Feuervogel. Er schlägt nun mit den Flügeln, warme Hitzewellen jagen immer noch von ihm auf uns zu. Schweißperlen rinnen an meinem Gesicht hinab.

Ein weiterer Ruf gellt aus seiner Kehle. Estelle presst ihre Hände auf die Ohren, das Gesicht erneut zur schmerzerfüllten Maske verzogen. Unwillkürlich beiße ich selbst die Zähne fest zusammen.

»Lass uns hier weg, bitte!«, fleht Estelle. »Er will nicht mit uns sprechen, er will alleine sein.«

Nein, wir können jetzt nicht umkehren.

Estelles Hände zittern, ihre Wangen sind gerötet, ich bringe es kaum über mich, aber ich muss. »Nur noch ein Stück«, sage ich. »Lass uns uns ein letztes Stück vorwagen.«

Ich kann die anderen nicht im Stich lassen. Wenn wir ergebnislos zurückkehren, wie soll es dann weitergehen?

Plötzlich hält der Phönix inne. Er kehrt uns wieder den Rücken zu. Estelle sieht misstrauisch zu ihm, ringt mit sich.

»Komm schon!« Ich lasse nicht locker. Wir müssen stark bleiben.

»Na gut!« Grob zieht sie mich mit sich. Mit ein paar Schritt Sicherheitsabstand bleiben wir vor dem Felsplateau stehen, ich lege den Kopf in den Nacken und sehe hinauf. Der Phönix hat den Blick in die Ferne gerichtet.

Estelles Finger krampfen sich nun regelrecht um mein Handgelenk, als rechne sie jeden Moment mit dem nächsten Flammenstoß, aber der Phönix rührt sich nicht.

Ich zögere nicht lange, räuspere mich und beginne zu sprechen.

»Es tut mir aufrichtig leid, was geschehen ist.« Ich halte kurz inne, als er leicht den Kopf zur Seite neigt.

Estelle gibt mein Handgelenk frei. Ihr Kopf kippt auf einmal nach hinten weg, und ihre Lider flattern. Sie wirkt wieder wie in Trance. Wahrscheinlich ist sie jetzt ganz im Kopf des Phönix.

»Er macht Favilla für Dominiks Tod verantwortlich«, sagt sie in einer merkwürdig monotonen Stimmlage.

Und er mag damit sogar recht haben.

Aber ich lasse mich nicht beirren, ich rede weiter und behalte gleichzeitig Estelles Reaktionen im Auge.

»Ich verstehe, dass du so denkst. Doch die tödlichen Bolzen kamen nicht von uns. Und kurz vor seinem Tod hat Dominik sich für den Kampf gegen den Brennenden König entschieden.« Meine Stimme zittert. »Mir steht es nicht zu, so etwas zu sagen, aber trotzdem bin ich überzeugt davon: Es wäre sein Wunsch gewesen, dass wir den Kampf gemeinsam weiterführen.«

Jetzt fährt der Phönix wieder herum, breitet seine Flügel ganz aus, und der Schrei, den er dabei ausstößt, klingt nicht mehr nach tiefer Trauer, sondern nach blanker Wut.

Estelle neben mir schwankt.

Die Luft ist dermaßen geladen, als könne jede noch so kleine Bewegung, ein einziger Atemzug alles zum Explodieren bringen. Das Blut rauscht regelrecht durch meine Adern. Aber …

»Wir gehen!« Estelle drückt mich an der Schulter zurück, sodass ich einen Schritt nach hinten stolpere. Ich blicke den Weg entlang, den wir hergekommen sind. Und ja, womöglich ist es am besten, wieder zu den anderen zurückzukehren. Der Phönix ist unberechenbar, wir … Aber nein!

»Nein!«, sage ich laut, mehr zum Phönix als zu Estelle. Ich sehe ihn fest an, und als ich weiterspreche, ist da kein Zittern mehr in meiner Stimme. »Du kannst uns hassen. Du kannst uns meinetwegen verantwortlich machen für Dominiks Tod, uns dafür verachten. Aber es gibt eine Sache, die du nicht kannst.« Ich schlucke, balle die Hände fest zu Fäusten. Erhebe meine Stimme nun noch etwas: »Sie sitzen im Königshaus. Zwölf magische Wesen, gefangen in undurchdringlichen Käfigen. Eingesperrt vom Brennenden König. Und ja, er foltert sie!«

Meine Worte werden immer energischer, und ich bin fest entschlossen, kein Detail auszulassen.

»Er schneidet ihnen die Kehle durch, er lässt sie kaltblütig ermorden. Und dann, bevor sie aus ihrem Haufen Asche wiederauferstehen, raubt er ihnen einen Teil davon. Und jedes Mal raubt er ihnen damit auch ein Stück ihrer Existenz. Sie sind schwach, sie leiden, sie wachsen nicht mehr zu vollständiger Größe heran. Ihr Gefieder ist schwarz und dünn. Und bald, wenn das so weitergeht, dann …« Ich breche ab und bemerke, dass ich seine volle Aufmerksamkeit habe.

Jetzt rücke ich weiter vor, hole tief Luft.

»Ich sage es noch mal. Du kannst uns meinetwegen hassen, du kannst uns all das Geschehene zuschreiben, aber du kannst nicht deine Artgenossen im Stich lassen. Du kannst nicht zulassen, dass man ihnen das antut, wenn du der Einzige bist, der uns helfen kann, sie zu retten.«

Ich schließe den Mund. Warte. Der Phönix sieht mich aus seinen schwarzen Augen an. Und jetzt sind da nur die gebannte Stille und das stete Trommeln in meinem Brustkorb. Er muss sich für uns entscheiden. Er muss es, sonst ist tatsächlich jede Hoffnung verloren.

Estelle ist wieder in Trance gefallen. Ich hoffe darauf, dass endlich jemand dieses quälende Schweigen bricht. Plötzlich bewegt sie sich neben mir, sie scheint zurückzukommen. Ihre Lider hören auf zu flattern, und die Spannung weicht aus ihren Schultern. Sie wischt sich übers Gesicht, als wäre sie eben aus einem Traum aufgewacht. Dann dreht sie mir den Kopf zu. »Er wird uns folgen«, sagt sie schließlich.

Ich sehe sie an, bin noch zu nichts fähig. Ihre Worte scheinen in meinem Kopf nachzuhallen. Er wird uns folgen. Vorsichtig strecke ich die Hand aus und drücke kurz die von Estelle. »Danke«, sage ich und sehe dann noch mal direkt zum Phönix hinauf. Danke.

Auch wenn es nur ein Funken Hoffnung ist. Es ist etwas.

Ich fühle mich mit einem Mal wacher, die Luft kommt mir frischer vor und die Farben viel leuchtender. Ich blinzle. Es ist noch nicht vorbei.

Der Phönix schwingt nun ein paarmal kräftig mit den Flügeln, erhebt sich in die Lüfte und landet vor uns beiden auf dem Boden.

Es ist das erste Mal, dass ich so dicht vor ihm stehe.

Seine Augen sind bis auf die etwas hellere Pupille komplett schwarz, und doch liegt eine unglaubliche Tiefe in ihnen. Sie erzählen Geschichten – nicht nur aus einem Leben, sondern aus mehreren Jahrhunderten. Erlebtes, Gesehenes.

Und ich weiß, dies ist ein einzigartiger Moment, einer, an den ich mich immer erinnern werde. An den Moment, in dem mich das Magische ansah.

Ich deute so etwas wie eine Verbeugung an, und daraufhin neigt auch der Phönix seinen Schnabel ein kleines Stück.

Es ist das Zeichen, zurück zu den anderen zu gehen. Wir machen uns, ohne zu zögern, auf den Weg und finden sie schließlich vor, wie wir sie verlassen haben: noch immer ratlos vor sich hin starrend. Doch dann, als sie das Vogelwesen an unserer Seite sehen, bedarf es keiner Worte mehr. Jon nickt entschlossen, und die Favillaner greifen zu ihren Waffen, strecken sie gen Himmel.

Tief in unseren Augen flackert es.

3 Vigilis.

Ich betrachte die Sterne am Himmel. Jeder einzelne von ihnen hat seinen Platz in der Nacht. Und dann stelle ich mir vor, ich male Linien vom einen Stern zum anderen und welche Bilder sich daraus ergeben.

Es ist faszinierend.

Willkürlich?

Meine ich, diese Bilder darin zu erkennen, weil ich ihnen diese Bedeutung zuschreibe, oder sind sie tatsächlich so angeordnet worden?

Ich schließe die Augen und ziehe die Luft bewusst bis in den Bauch. Versuche, einen Moment nur bei mir zu sein und den ganzen restlichen Tag zu vergessen. Die Sterne Sterne sein zu lassen. Meinem Kopf ein bisschen Ruhe zu gönnen.

Es ist so viel geschehen, so viel, was es irgendwie zu verarbeiten gilt.

Als ich die Augen wieder öffne, lasse ich meinen Blick über die Landschaft schweifen. Vigilis erstreckt sich in der Dunkelheit vor mir. Gebirgskämme und dazwischen sich windende Flüsse, in denen sich die Sternbilder spiegeln. Umrisse von Bäumen. Es weht ein leichter, nahezu besänftigender Wind.

Ich sitze auf einem kleinen Berg aus verschieden großen Gesteinsbrocken. Als hätte sie jemand hier zu einem Haufen zusammengeschoben.

Ich bin dran mit der ersten Wache. Wir haben uns noch ein ganzes Stück vom Wasserfall entfernt.

Die anderen befinden sich in einer Höhle einige Schritt hinter mir. Dort haben wir Unterschlupf für die Nacht gefunden und sind so bestmöglich vor dem Brennenden König verborgen, sollten er und seine Männer immer noch nach uns suchen. Der Phönix hat sich einen Platz abseits von uns gesucht, aber Estelle hat versichert, dass er in der Nähe bleibt.

Und ja, vielleicht kam mir die Wacheinteilung ganz gelegen. Denn bisher hat sich noch keine Situation ergeben, ein richtiges Gespräch mit Jon führen zu müssen. Aber ewig werde ich mich nicht davor drücken können, irgendwann muss ich mich dem stellen, was er mir zu sagen hat. Wahrscheinlich ist es sogar am besten, wenn ich ihn nach meiner Schicht direkt aufsuche.

»Ist da noch ein bisschen Platz neben dir?«, erklingt eine vertraute Stimme hinter mir. Ich drehe mich um. Lucas klettert den kleinen Hügel zu mir hoch. An seiner Lederrüstung klebt noch getrocknetes Blut.

»Solltest du dich nicht eigentlich ausruhen?«, frage ich.

»Solltest du dir nicht eigentlich denken können, dass ich keinen Schlaf finden kann?«

Wir lachen beide auf, und Lucas setzt sich neben mich. Erst schaut er eine Weile wie ich in die Ferne, dann ergreift er das Wort. »Ich konnte dir noch gar nicht richtig Danke sagen.« Er streicht sich über die Brust, über die Stelle, in die der Bolzen des Häschers eingeschlagen ist und wo jetzt nichts weiter ist als ein blutbeschmutztes Loch im Leder. »Ich meine, der Thronfolger war so wichtig für uns und …«

»Du musst dich nicht bedanken«, unterbreche ich ihn. »Du hättest dasselbe für mich getan.«

»Ja«, sagt er nur, und wir beide fixieren wieder einen Punkt in der Ferne. Lange sagt keiner von uns mehr etwas, und trotzdem empfinde ich die Stille nicht mehr als so unangenehm, wie ich sie vielleicht noch vor ein paar Tagen im Wald von Noctuán empfunden hätte.

Auf einmal schnaubt Lucas verächtlich. »Fragt sich nur, was Lennart an deiner Stelle gemacht hätte.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich kann immer noch nicht fassen, dass er Favilla verraten hat. Er! Ich meine, wir sind die ganze Zeit mit ihm gereist.«

»Er war ja schon immer etwas merkwürdig, aber das hätte selbst ich ihm nie zugetraut. Was mag ihn dazu bewegt haben, das zu tun?«

Ich zucke mit den Schultern. »Obwohl er mir manchmal auf die Nerven gegangen ist, war er mein Freund. Und trotzdem, denk mal zurück. Hat er jemals wirklich von seiner Vergangenheit erzählt? Was wussten wir schon groß über ihn?«

In meinem Kopf wirbelt alles durcheinander. Ich sehe Lennart vor mir. Den unbeholfenen, dünnen Jungen mit den roten Flecken im Gesicht, dem strähnigen Haar und dem wirren Gerede. War das alles nur eine Tarnung?

»Nichts.« Lucas seufzt.

Ich reibe mir den Nacken. »Gar nichts.«

Für eine Weile hängen wir unseren Gedanken nach.

»Und mal ehrlich: Jon wieder bei uns zu haben, fühlt sich auch nicht gerade angenehm an.« Lucas streicht mit seinem Stiefel die Kieselsteine von einem größeren Gesteinsbrocken. »Als hätte sich nichts verändert. Als wäre nie etwas vorgefallen. Wir folgen seinen Anweisungen, wir akzeptieren ihn als Internatsleiter.«

»Vergessen haben wir sicherlich nicht, was vorgefallen ist, aber …«

»Genau das meine ich. Da sollte kein aber kommen«, unterbricht er meinen Satz. Den Rest behalte ich besser für mich. Es ist eben nun mal so, dass Jon trotz allem recht behalten hat. Was soll’s. Ich mag jetzt nicht mit Lucas diskutieren. Und auch er blickt nun flüchtig zu Boden, wollte wohl nicht gleich wieder so bissig sein.

Ich massiere mir die Schläfen. Das alles hängt mir im Kopf, spüre ich in meinen Gliedern.

Nun, wo ich nach all den Strapazen zum ersten Mal wieder zur Ruhe komme, merke ich erst, wie erschöpft ich bin. Bei Lucas scheint es anders zu sein. Selbst die letzten blauen Stellen des Veilchens, das ich ihm bei unserer Schlägerei verpasst hatte, sind verschwunden. Der Phönixtrank hat jegliche Verletzungen geheilt und ihm neue Energie verschafft.

»Wenn du magst, kann ich deine Wache übernehmen. Ich bin so fit wie nach vielen Stundenschlägen Schlaf«, sagt er.

»Ja, das sehe ich«, entgegne ich und deute auf sein Auge. Für einen Moment müssen wir tatsächlich darüber lachen.

»Sei froh, dass du überhaupt noch lachen kannst«, sagt Lucas, als wir uns wieder beruhigt haben. »Hätten wir mit Schwertern gekämpft, wärst du mir gnadenlos unterlegen gewesen.«

Ich boxe ihm gegen die Schulter. »Ja, red dir das nur ein, Kräutersammler.«

Lucas grinst verschmitzt.

Schließlich stehe ich auf und klopfe mir den Sand von den Klamotten. »Also, danke jedenfalls … dass du meine Wache übernimmst und so.«

»Klar doch.«

Wir nicken uns zu.

Ich will mich schon umdrehen, da spricht Lucas weiter. »Noel?«

»Ja?«

»Wenn Sam jetzt hier wäre …« Ein Stich durchfährt meine Brust, als er ihren Namen sagt. »Wenn wir sie wiederhätten.« Er reibt weiter mit dem Stiefel auf den Steinen herum, dann blickt er wieder zu mir hoch. »Ich könnte mich nicht zurückhalten.«

Ich sehe erneut zu den Sternbildern hinauf. So unverwechselbar angeordnet wie die drei Leberflecke in Sams Gesicht. Meine Kehle schnürt sich eng zusammen.

Lucas und ich empfinden dasselbe für Sam, und auf eine verdrehte Art und Weise fühle ich mich ihm deswegen verbunden. »Ja«, sage ich schließlich zu ihm. »Ich auch nicht.«

 

Die Höhle ist größer, als es von außen den Anschein hatte. Und wenn ich so durch ihr Inneres schleiche, mit lediglich einer Blendlaterne in der Hand, dann hat es zwischen den kalten Steinwänden beinahe etwas von Favilla.

Hinten macht die Höhle noch einen Knick, dorthin hat sich Jon mit Roland zurückgezogen. Ich habe mich entschieden, ich werde mich jetzt dem Gespräch stellen und es nicht weiter vor mir herschieben.

Es gibt leider keine Tür, an die ich klopfen könnte, also platze ich einfach um die Ecke.

»… weißt, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt«, schnappe ich noch Jons eiskalte Stimme auf, ehe er abrupt verstummt. Über seine Schulter blickt Roland mich an. Im schummrigen Licht blitzt ein violetter Schein um seine Iris auf. Es schaudert mich.

Ohne ein weiteres Wort verlässt Roland daraufhin die Höhlennische. Beim Vorbeigehen streift seine Schulter meine. Verblüfft sehe ich ihm hinterher, reibe mir über den Oberarm. Was auch immer er da mit Jon zu bereden hatte, es ist offensichtlich nicht für meine Ohren bestimmt.

»Hast du zu mir gefunden.« Jons Stimme jagt mir einen erneuten Schauder über den Rücken.

Ich drehe mich zu ihm, schlucke. Er steht mir mit etwa einem Schritt Abstand gegenüber. Die Arme hinter dem Rücken. Sein Gesicht verrät nichts, wie es das nie tut.

»Lucas hat mich eben bei der Wache abgelöst. Er ist fit«, sage ich. Warum das so ist, spreche ich besser nicht aus, das weiß Jon natürlich selbst. Und dass ich dafür verantwortlich bin.

Die Frage ist nur, wo ich am besten anfange … mit einer Entschuldigung?

Wortlos stehen wir da, und doch ist es zurück, und ich höre es laut und deutlich in meinem Kopf. Ich habe den Thronfolger getötet. Ich habe den Thronfolger getötet. Ich habe den Thronfolger getötet.

Wir beide wissen das.

Jon räuspert sich. Mein Puls rast.

»Ich will, dass du mir alles erzählst«, sagt Jon nun langsam und bestimmt. »Ab dem Zeitpunkt, an dem Lucas nach Favilla zurückgekehrt ist.«

Mein Hals ist trocken. »Gut«, sage ich und bin froh, dass er mir nicht direkt einen Vortrag darüber hält, was ich alles zerstört habe. Und es wird das Beste sein, ehrlich zu erzählen, was vorgefallen ist. Man hat ja gesehen, wohin die Lügen führen. Ich fahre mir durchs Haar, sammle mich noch einen Moment.

»Die Vermummten«, sage ich und behalte Jon fest im Blick, ich beginne nun wirklich ganz am Anfang. »Als wir noch in Favilla waren und als die Anschläge starteten. Nachdem du beschlossen hattest, dich weiter in Ebene Drei zurückzuziehen, haben Sam, Kyara, Lennart, Melvin und ich entschieden, auf eigene Faust zu handeln. Wir wollten diese mysteriösen Angreifer aufhalten, die niemand Geringeres waren als Lucas und Aron, wie sich dann herausstellte.« Ich mache eine Pause. Aber in Jons Gesicht regt sich nichts.

Er winkt nur kurz mit der Hand, wahrscheinlich um mir damit zu verstehen zu geben, dass ich fortfahren soll.

Ich erzähle ihm davon, dass Lucas uns noch in der Nacht, in der wir ihn entlarvt haben, davon berichtete, wie Emma versucht hat, ihn umzubringen, er aber fliehen konnte. Wie er irgendwo in Akila dann Aron aufgegabelt hat, der völlig weggetreten war. Hypnotisiert von Roland.

Auch an dieser Stelle hole ich Luft und sehe Jon forschend an. Aber er steht immer noch wie versteinert vor mir.

Also erzähle ich weiter. Ich erzähle davon, wie Lucas und Sam es ins Königshaus geschafft haben und eine Phönixträne stehlen konnten und welch überwältigende Erkenntnisse sie mitgebracht haben: das Wissen um den Missbrauch der Phönixe, den über 300 Jahre alten Chronisten und dessen Geheimtrank.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Lennart uns jedoch schon an den König verraten, und nach dem Sturz von Favilla haben wir uns im Wald zusammengefunden. Ich lasse nichts aus, erzähle vom ganzen Weg durch Noctuán, von Lennarts Harpyienfäule, den Federträgern und schließlich vom Feuerberg, wo wir auf Jon und seine Gruppe getroffen sind.

»Na ja«, sage ich. »Und was dann passiert ist, weißt du ja.«

Ich habe den Thronfolger sterben lassen.

Stille. Schweigen breitet sich zwischen uns aus, und mein Herzschlag beschleunigt sich wieder. Was wird er nun mit all dem anfangen? Ob er mich noch immer als seinen Nachfolger sieht?

Ich habe keine Ahnung, ich will nur, dass er dieses Schweigen bricht. Ich merke, wie der Griff der Blendlaterne unter meinen Fingern rutschig wird.

Das flackernde Licht wirft zitternde Schatten in Jons Gesicht.

Schließlich erhebt er seine Stimme.

»Du weißt sicher, wie ich über deine Entscheidungen denke.« Seine Augen verengen sich. »Dennoch möchte ich dir danken. Das sind überaus wertvolle Informationen.«

Ist das sein Ernst? Das kann ihn doch nicht kaltlassen. Er, dem sein Informationsnetz immer das Wichtigste war. Er, der mehr vom Wissen besessen ist als von allem anderen. Und er, dessen Vertrauen ich so missbraucht habe.

»Und?«, frage ich.

»Was, und?« Jon zieht die Brauen hoch. »Ich weiß nicht, was du von mir hören willst, Noel. Wir sind über den Punkt hinaus, an dem ich dir etwas von Lehrer zu Schüler zu sagen habe.«

Verdammt, lieber soll er mich anschreien, soll er mich doch verfluchen oder rauswerfen. Soll er es doch einfach aussprechen! Ich habe den Thronfolger sterben lassen. Ich habe die Revolution gefährdet! Und ich weiß doch ganz genau, dass er mich dafür verantwortlich macht. Mich allein.

Denn ja, ich hatte den Trank, um Dominik zu retten, aber ich habe mich für Lucas entschieden.

Und wären wir damals nicht so offensiv vorgegangen, dann hätte Lennart vielleicht nie die Möglichkeit gehabt, sich unbemerkt ins Königshaus zu schleichen und uns an den Brennenden König zu verraten. Auch das weiß Jon.

Es wäre meine Aufgabe gewesen, das Ganze zu stoppen. Doch er sagt nichts.

»Was willst du jetzt mit all den Informationen tun?«, frage ich, um diese Stille zu beenden.

»Wir müssen einen Krieg gewinnen, das müssen wir tun.« Jon beugt seinen Oberkörper leicht zu mir vor. »Dazu solltest du jedoch noch eins wissen.« In seinem Gesicht zuckt es. »Ich schätze es sehr, dass du es geschafft hast, den Phönix auf unsere Seite zu ziehen. Ich schätze auch deinen Mut und deine Überzeugung für unsere Sache. Du bist mein Nachfolger. Mehr noch, du wirst nun die Stimme der Revolution sein müssen, da Dominik es nicht mehr sein kann. Ich glaube immer noch an deine Anführerqualitäten, daran, dass du die Massen bewegen kannst, trotz deiner törichten Handlungen.«

Ich halte die Luft an und sehe gebannt in die grauen Augen.

»Aber mit Mut allein kann man keinen Krieg gewinnen. Wir können uns keine Rückschläge mehr leisten.«

Diese Worte aus Jons Mund zu hören, ist hart. Ich nicke langsam.

»Was an Fehlern geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen«, spricht er weiter. »Aber ich hoffe sehr, dass wir wieder enger zusammenarbeiten können, damit wir nun die richtigen Schritte unternehmen.«

Ich schlucke. Nicke erst langsam, dann energischer. »Ja. Ja, dann lass uns kämpfen, lass uns dafür sorgen, dass all das, was wir bislang getan und geopfert haben, nicht umsonst gewesen ist«, sage ich, die Hände zu Fäusten geballt. »Die Revolution hat grade erst begonnen, wir –« Ich halte inne.

Ja, nur wie? Wie treiben wir sie voran? Wie gehen wir vor?

Ich sehe Jon an, und es ist, als könne er die Gedanken aus meinem Gesicht ablesen. Und plötzlich packt mich das gleiche Gefühl wie früher. Das Gefühl aus den Einzelsitzungen, das mich immer noch mehr angetrieben hat als ohnehin schon: Wir beide arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin, unsere Köpfe funktionieren gut zusammen.

Eine angenehme Aufregung breitet sich in mir aus, während ich auf Jons Antwort warte.

Schließlich lächelt er matt. »Keine Sorge, ich habe bereits einen Plan.«

4 Lavis. Dörfer der Minenarbeiter. Eisen Zwei.

Ich habe meinen Rücken dicht an den Holzzaun gepresst, der mein altes Minenarbeiterviertel umläuft. Zwischen den Schlitzen spähe ich ins Dorf hinein, und in meiner Brust verschließt sich etwas.

Das Bild, das sich mir in der hereinbrechenden Dunkelheit bietet, ist mir nur allzu bekannt. Die Hütten, die sich entlang des Weges aufreihen, der kleine, gepflasterte Platz in der Dorfmitte und dort der Galgen, der sich auf dem hölzernen Podest vor dem Nachthimmel abzeichnet.

Noch ist alles still und verlassen, aber gleich werden die Arbeiter heimkehren. Ich sehe es schon vor mir, ich kenne das unverwechselbare Geräusch von schweren Minenstiefeln, wenn sie über den Schotter schlurfen. Ich kenne die Bewegungen der Arbeiter, wie sie die schmerzenden Rücken durchstrecken und sich die brennenden Handballen massieren.

Earls Hüttentür, die ich von allen anderen im Dorf unterscheiden könnte, wird quietschen, wenn er nach Hause kommt. Das sind Bilder und Geräusche, die sich so oft in meinem Leben wiederholt haben, dass ich sie niemals werde vergessen können. Nur heute, wo Lucas, Estelle und Kyara dicht hinter mir stehen und wir auf den richtigen Zeitpunkt warten, um den Wachmann am Eingang auszuschalten, ist es seltsam. Es ist unwirklich, zu wissen, dass gleich all die Arbeiter heimkehren wie an jedem anderen Tag auch. Dass sich hier einfach nichts verändert hat, während meine Welt eine ganz andere ist, seit mich die verhüllten Männer abgeholt haben. Ich ein ganz anderer bin.

Ja, alles würde gleich so passieren, wie ich es kenne. Nur werden wir das jetzt ändern.

Unser Plan ist folgender: Wir schalten den Wachposten aus, malen die Zeichen der verhüllten Männer an die Hüttentüren und gewinnen die Minenarbeiter für die Revolution. Bloß … wie werden meine Eltern auf mich reagieren, Earl … Claire?

Ich schlucke.

Erneut zieht es in meiner Brust. Oh, Claire! Sie wird auf mich zurennen wollen, und ich würde sie fest an mich drücken, die Hand an ihren Kopf mit den wuscheligen Haaren legen.

Okay, konzentriere dich, Noel!

Ich fixiere den Wachmann vor dem Holzzaun. Er hat sich auf sein Schwert gestützt wie auf einen Stock. Das Phönixzeichen prangt auf seiner Brust. Meine Aufgabe ist es, ihn gleich abzulenken.

Eine Hand legt sich von hinten auf meine Schulter, ich drehe den Kopf, sehe in Lucas’ Gesicht.

»Bereit?«

Ich nicke.

Lucas macht sich daran, leise den Zaun zu überwinden. Estelle und Kyara geben mir ein Zeichen. Los.

Ich stehe auf, stecke die Axt so in meine Gürtelhalterung, dass man meinen könnte, es handle sich um eine Spitzhacke. Ich trage ein braunes Gewand über meiner Rüstung, das wir einem Vagabunden in Aeris abgenommen haben, der wohl dachte, wir wären leichte Beute. Es ist anders geschnitten als die Klamotten der Lavianer, aber die Wache wird mich hoffentlich trotzdem erst mal für einen gewöhnlichen Minenarbeiter halten.

Auch wenn ich versuche, gemächlich auf das Zauntor zuzuschlendern, zittern mir die Knie.

Ich bin jetzt direkt im Sichtfeld des Wachmanns. Er schreckt auf.

»Hey du!«, sagt er. »Minenjunge.«

Ich bleibe stehen. Okay. Das ist Lucas’ Gelegenheit, sich von hinten an ihn ranzuschleichen. Ich muss das hier nur richtig anstellen.

»Was ist denn?«, frage ich.

»Herkommen!«, befiehlt der Wachmann.

Ich gehe langsam auf ihn zu, versuche, so viel Zeit zu schinden, wie ich kann. Schlurfe mit den Schuhen scheinbar gelassen über den Kies.

»Warum bist du schon zurück?« Er mustert mich unter seinem silberveredelten Helm hervor.

»Bin schon mal los, die anderen kommen gleich nach«, sage ich.

»Aha.« Der Wachmann zieht misstrauisch die Brauen hoch. »Zeig mir deine Armplakette.«

Ganz langsam kremple ich das braune Leinen hoch. Strecke ihm dann jedoch mein blankes Handgelenk entgegen.

Der Wachmann sticht mit seinem Schwert wütend in den Boden, nur knapp neben meinen Füßen.

»Willst du mich etwa verscheißern?«, fragt er.

»Ja«, sage ich. »Das will ich.«

Und genau in diesem Augenblick rammt Lucas ihm das Schwert von hinten in den Rücken. Das Gesicht des Wachmanns friert vom einen Moment zum anderen ein, und er sinkt vor mir zu Boden.

Ein schmatzendes Geräusch ertönt, als Lucas das Schwert wieder herauszieht.

Wir sehen uns über die Wache hinweg in die Augen. Härte liegt in seinem Gesicht.

»Das hätten wir«, sagt er und schielt zurück zum Zaun, um Kyara und Estelle zu uns hereinzuwinken.

»Gut. Solange die Arbeiter noch in den Minen sind, befinden sich in der Regel keine weiteren Königsmänner im Dorf«, sage ich. »Aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Und schnell.« Ich verteile die Farbe, die ich in meinem Beutel mitgetragen habe. Jon hat sie uns aus Kräuterextrakten und etwas Blut eines erlegten Hasen angerührt. Jeder bekommt ein Döschen.

Das Minenarbeiterdorf zählt um die vierzig Hütten. Also markiert jeder von uns zehn Türen. Wenn alles läuft wie geplant, sind wir fertig, bevor die Arbeiter heimkehren.

Ich beginne bei der Hütte von Wills Familie. Ich tunke meine Finger in die rote Farbe und strecke sie der Holztür entgegen, halte dann jedoch kurz inne.

Das Symbol der verhüllten Männer zu nutzen, um die Dorfbewohner in Aufruhr zu versetzen und die Wachmänner, die mit den Schichtarbeitern zurückkehren, zu irritieren, war wieder eine von Jons brillanten Ideen.

Und trotzdem fällt es mir jetzt schwer. Will hat zwei Töchter. Sie sind alles, was ihm geblieben ist, nachdem seine Frau bei einem Mineneinsturz ein paar Jahresumläufe zuvor ums Leben gekommen ist. Wenn er mit uns in den Krieg gegen den Brennenden König zieht, wären seine Kinder ganz allein. Warum sollte sich ein Mann wie Will uns anschließen? Mein Magen fühlt sich seltsam flau an. Werde ich ihn wirklich überzeugen können?

Stopp. Diese Gedanken haben hier nichts verloren!

Die Erinnerungen an mein altes Leben dürfen mich nicht aus dem Konzept bringen. Denn endlich ist das Brennen in mir zurück, stärker als je zuvor, und nichts auf der Welt soll es aufhalten.

In meinem Nacken kribbelt es, ich habe die Finger noch immer kurz vor der Hüttentür ausgestreckt. Und schließlich male ich die drei Striche aufs Holz.

Ich beeile mich, schleiche über den Kies zur nächsten Hütte, werfe dabei einen Blick über die Dorfmitte und zum Zaun. Es bleibt unheimlich still. Als müsste jeden Moment irgendetwas schieflaufen. Mein Brustkorb hebt und senkt sich schnell. Das Symbol geht mir nur schwer von der Hand. Viel zu stark zittern meine Finger.

Vor der zehnten Hüttentür zögere ich. Lucas kommt von den oberen Häuserreihen zurück.

»Nur noch diese«, flüstert er.

»Ja.« Ich starre zur Tür. Schwere macht sich in mir breit. »Es ist meine Hütte«, sage ich nüchtern.

Lucas hat schon seine rot beschmierten Finger nach dem Holz ausgestreckt, da hält er in seiner Bewegung inne.

»Oh«, sagt er nur, lässt den Arm wieder sinken und wendet sich mir zu. »Willst … willst du das machen?«

Ich winke ab. »Nein, schon gut.«

»Okay«, sagt Lucas. Ich muss an seine krakelige Handschrift denken und daran, wie sehr er die Schriftkunst gehasst hat. Dafür gelingt ihm das Symbol ganz gut.

Als er fertig ist, bleibe ich noch einen Moment stehen. Ringe mit mir, ob ich zum Fenster hineinlugen soll oder nicht. Dort würde ich unseren Tisch mit der abgebrochenen Kante an der unteren rechten Ecke sehen. Den verkohlten Topf oder vielleicht ein paar von Claires Wachskrümeln, mit denen sie so gerne spielt.

Ich wische mir über den Mund. Grade erst wird mir klar, wie sehr ich sie vermisst habe, wie …

»Noel!« Lucas reißt mich urplötzlich aus meinen Gedanken, ich fahre herum. Zwei Königsmänner eilen mit gezogenen Schwertern auf uns zu! Mist!

»Was macht ihr da?«, brüllt einer von ihnen. »Na wartet!«

Ich ziehe meine Axt und halte mich bereit, da pfeift etwas durch die Luft, und einer der Männer geht zu Boden. Estelle war schneller, sie hat von der anderen Dorfseite soeben einen Pfeil auf den ersten Königsmann abgefeuert. Und bevor der zweite Wachmann sich von seiner Verblüffung erholen kann, sackt er auch schon in sich zusammen. Zwei Pfeile, zwei Treffer.

Ich lasse die Schultern sinken. Das ist gerade noch mal gut gegangen.

Unbeeindruckt hängt Estelle sich ihren Bogen wieder über die Schulter. Sie hat sich verändert in letzter Zeit. Sie ist nicht mehr die, die ich in den Sklavenzellen zurückgelassen habe.

Ich nicke dankend in ihre Richtung.

Jetzt müssen wir warten.

Wir sammeln uns in der Mitte des Dorfplatzes. Und es ist ein merkwürdiges Bild: meine Freunde in meinem alten Leben. Wie ein Puzzle, das jemand falsch zusammengesetzt hat.

Estelle streicht sich die Lockenmähne hinter die Schultern, Kyara reckt das Kinn hoch, und Lucas wischt sich über den Handrücken.

Zweimal bilde ich mir ein, weitere Königsmänner zwischen den Hütten anrücken zu sehen. Aber dann sind es doch nur irgendwelche Schatten. Vielleicht sogar bloß unsere eigenen.

Ich reibe meine schweißigen Hände an meiner Hose ab. Ruhig bleiben, Noel.

Und dann endlich hören wir sie. Stimmen, die aus der Ferne zu uns dringen. Wie das Flüstern von Geistern.

»Versteckt euch«, sage ich leise. Wir drängen uns hinter das Galgenpodest. Es wird das Beste sein, erst hervorzutreten, wenn sich die meisten Arbeiter bereits versammelt haben. Mein Herz klopft.