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Das Buch

Das erste Jahr an der Akademie hat für den angehenden Dämonenkrieger Fletcher ein schlechtes Ende genommen: Weil er seinen Erzrivalen Didric verprügelt hat, wurde er verhaftet und mit seinem Dämon Ignatius in der Kerker geworfen. Gut, vielleicht hat Didric auch den ein oder anderen Feuerstrahl von Ignatius abbekommen, aber deshalb muss man sie doch nicht gleich im Verlies schmoren lassen, findet Fletcher. Als es schließlich zur Verhandlung kommt, erwartet die beiden schon die nächste unangenehme Überraschung: Didric ist inzwischen zum Lord ernannt worden, und er setzt alles daran, Fletcher und seinem Dämon das Leben schwer zu machen.

Als ob die Gerichtsverhandlung noch nicht schlimm genug wäre, werden die Schüler der Dämonenakademie auch noch von König Harold auf eine gefährliche Mission geschickt. Eine Mission, die sie tief ins Land der Orks führen soll – der Feinde aller freien Menschen, Zwerge und Elfen Hominums! Auf dieser Reise müssen die Gefährten und ihre Dämonen zahlreichen Abenteuer bestreiten und lernen, als Dämonenkrieger zusammenzuarbeiten. Doch dann stellt sich heraus, dass es in ihrer Mitte einen Verräter gibt – und plötzlich ist das ganze Königreich in Gefahr …

Der Autor

Taran Matharu wurde 1990 in London geboren und entdeckte schon früh seine Leidenschaft für Geschichten. Nach seinem BWL-Studium und einem Praktikum bei Random House UK schrieb er 2013 seinen ersten Roman Die Dämonenakademie – Der Erwählte, der auf der Leserplattform Wattpatt innerhalb kürzester Zeit zum Publikumsliebling avancierte. Die Fortsetzung Die Dämonenakademie – Die Inquisition erreichte Platz 2 der New York Times-Bestsellerliste. Der Autor lebt und arbeitet in London.

Bereits bei Heyne fliegt erschienen:

Die Dämonenakademie – Der Erwählte

Und exklusiv als E-Book:

Die Dämonenakademie – Wie alles begann

www.heyne-fliegt.de

TARAN MATHARU

Daemonenakademie-Logo.tif

DIE INQUISITION

ROMAN

Aus dem Englischen übersetzt
von Michael Pfingstl

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Die Originalausgabe erscheint unter dem Titel The Inquisition
bei Hodder Children’s Books

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Copyright © 2016 by Taran Matharu Ltd

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Joern Rauser

Karte: Malgorzata Gruska

Illustrationen Dämonenlexikon: David North

Coverillustration by Małgorzata Gruszka

Background images © Shutterstock 2015

Umschlaggestaltung: Das Illustrat GbR, München

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-11421-3
V001

www.heyne-fliegt.de

Für Rob,
den tapfersten Mann,
den ich kenne

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1

Fletcher öffnete die Augen, sah aber nur Dunkelheit um sich herum. Er stöhnte und schob Ignatius, der ihm die Klauen aufs Kinn gelegt hatte, ein Stück zur Seite. Der Dämon stieß ein leises Winseln aus und krabbelte verschlafen auf den kalten Steinboden hinunter.

»Guten Morgen, oder wie spät es auch immer gerade sein mag«, murmelte Fletcher und zauberte ein Wyrrlicht herbei. Wie eine kleine Sonne schwebte es in der Luft und drehte sich dabei langsam um die eigene Achse.

Der Raum wurde in ein kaltes, blaues Licht getaucht. Es war eine fensterlose Zelle mit einem Boden aus glatten Pflastersteinen. In der Ecke befand sich die Latrine – ein nacktes Loch, das lediglich von einer Schieferplatte verdeckt war. Fletcher starrte die schwere Eisentür in der gegenüberliegenden Wand an, da öffnete sich etwas … wie auf ein Zeichen hin.

Es war die kleine Klappe am unteren Rand der Tür. Eine von einem Kettenhandschuh geschützte Hand tastete durch die Öffnung, bis sie den leeren Eimer neben dem Türrahmen zu fassen bekam, und zog sich wieder zurück. Fletcher hörte ein Plätschern, dann wurde der Eimer mit Wasser gefüllt wieder hereingeschoben. Er wartete noch eine Weile und brummte nun enttäuscht, da nichts weiter geschah.

»Wieder nichts, Kleiner«, sagte er und kraulte den niedergeschlagenen Ignatius am Hals.

Das war keineswegs ungewöhnlich. Manchmal waren die Wärter einfach zu faul, ihm etwas zu essen zu bringen. Fletcher ignorierte seinen knurrenden Magen, nahm den scharfkantigen Stein neben seiner Pritsche zur Hand und ritzte einen weiteren Strich in die Wand. Ohne Licht von draußen war es schwer, die Zeit abzuschätzen, aber er ging davon aus, dass sie ihm einmal am Tag Essen und Wasser brachten. Oder manchmal, wie heute, auch nur Wasser. Er musste die Striche an der Wand nicht erst zählen, um zu wissen, wie lange er schon hier war. Die Zahl hatte er genau im Kopf.

»Ein Jahr«, seufzte er und ließ sich zurück ins Stroh sinken. »Einen schönen Jahrestag wünsche ich!«

Er streckte sich aus und dachte über den Grund für seine Gefangenschaft nach. Alles hatte in jener Nacht angefangen, als sich Didric, der Peiniger seiner Kindheit, mit den Plänen seines Vaters gebrüstet hatte, das ganze Dorf Pelz in ein Gefängnis zu verwandeln. Danach hatte Didric versucht, ihn zu ermorden.

Wie aus dem Nichts war da Ignatius aufgetaucht und hatte Didric verbrannt, sodass Fletcher fliehen konnte. Der kleine Dämon hatte sein Leben riskiert, um ihn zu retten, und das, obwohl sie sich erst so kurz kannten. Die Zeit danach verbrachte Fletcher auf der Flucht, denn er wusste: Didrics Familie würde nichts unversucht lassen, um ihm einen Mordversuch an Didric in die Schuhe zu schieben. Fletchers einziger Trost war, dass er niemals an die Dämonenakademie gekommen wäre, wenn die Dinge damals einen anderen Verlauf genommen hätten.

War es wirklich schon zwei Jahre her, dass er Ignatius kennengelernt hatte und selbst in die altehrwürdige Akademie eingetreten war? Er hatte die letzte Zeit dort noch ganz deutlich vor Augen. Othello, sein bester Freund, hatte sich den Respekt der Generäle verdient und die anderen Zwerge davon abgehalten, sich gegen das Reich von Hominum zu erheben. Sylva hatte den Frieden zwischen Menschen und Elfen gesichert und außerdem bewiesen, dass sie und ihr Volk mächtige Verbündete waren. Selbst Seraph, der erste Bürgerliche, der seit eintausend Jahren in den Adelsstand erhoben worden war, hatte die Blaublütigen beim Turnier mit seiner Leistung überzeugen können. Vielleicht das Beste von allem war allerdings gewesen, dass die Forsys mit ihrem Plan gänzlich gescheitert waren. Sie hatten nämlich einen neuen Krieg gegen die Elfen und Zwerge provozieren wollen, um sich mit Waffenlieferungen eine goldene Nase zu verdienen.

Alles war wunderbar gewesen, doch dann war Fletcher von seiner Vergangenheit eingeholt worden.

Ignatius spürte Fletchers Verzweiflung und stupste ihn blinzelnd an. Fletcher schlug halbherzig nach ihm, doch da duckte sich der Dämon weg – und hatte ihn dabei in die Fingerkuppe gebissen.

»Schon gut, schon gut«, sagte Fletcher grinsend zu dem ausgelassenen Salamander. Wenigstens lenkte der Schmerz ihn von seinen düsteren Gedanken ab. »Dann üben wir eben wieder. Welcher Zauber darf’s denn sein?«

Er griff unter das Stroh, das ihm als Matratze diente, und zog die beiden Bücher hervor, die ihn während des vergangenen Jahres überhaupt noch bei Verstand gehalten hatten. Er hatte keine Ahnung, wer sie dort versteckt haben mochte, und wusste nur, dass derjenige ein erhebliches Risiko eingegangen war. Fletcher war seinem geheimnisvollen Wohltäter unendlich dankbar, denn ohne die Bücher wäre er vor Langeweile durchgedreht. In der Enge der Zelle gab es nicht allzu viele Möglichkeiten, sich mit Ignatius die Zeit zu vertreiben.

Das erste Buch behandelte die grundlegenden Zaubersprüche. Es war das gleiche, das Arcturus auch in seinem Unterricht benutzte. Es enthielt nur ein paar Hundert Symbole sowie die Techniken, wie sie in die Luft zu ätzen waren, und war entsprechend dünn. Fletcher hatte dies alles gerade gut genug beherrscht, um die Abschlussprüfung zu bestehen. Damals hatte er sich lieber auf die vier wichtigsten Kampfzauber konzentriert, aber mittlerweile kannte er jedes einzelne Symbol auswendig und war imstande, sie wie im Schlaf anzuwenden.

Der zweite Band war so dick, dass sein Wohltäter den Ledereinband entfernt hatte, damit er unter dem Stroh nicht auffiel. Es handelte sich um James Bakers Tagebuch, das ganz am Anfang von Fletchers Weg zu einem ausgebildeten Schlachtmagier gestanden hatte. Auf den Seiten hatte er Dutzende neuer Zaubersprüche entdeckt, die der Verfasser gewissenhaft von den Wänden der Orkruinen abgeschrieben hatte. Außerdem hatte Baker zahllose Orkdämonen studiert, ihre Stärken und Fähigkeiten festgehalten sowie Statistiken aufgestellt. Mittlerweile war Fletcher selbst ein Experte in Orkdämonologie. Am faszinierendsten fand er Bakers Aufzeichnungen über die Kultur, die Waffen und die Kampftaktiken der Orks. Das Tagebuch war ein wahrer Informationsschatz, den er binnen weniger Tage verschlang, nur um gleich wieder von vorne anzufangen – für den Fall, dass ihm ein Detail entgangen war.

Die beiden Bücher waren das Einzige, das ihn von der drückenden Stille des Kerkers abzulenken vermochte. In jeder Nacht träumte er von seinen Freunden und fragte sich immer wieder, wo sie sein mochten. Kämpften sie an der Front, während er hier in einem Erdloch verrottete? Waren manche von ihnen bereits tot, aufgespießt von einem Orkspeer oder einem Forsys-Dolch?

Am meisten machte ihm jedoch zu schaffen, dass sein Adoptivvater Berdon ganz in der Nähe lebte, nämlich in dem Dorf, das sich über ihm befand. Fletcher erinnerte sich noch gut, wie ihn die Gefängniskutsche damals mitten in der Nacht in Pelz ausgespuckt hatte. Er hatte sich schon so darauf gefreut, einen Blick auf die Heimat seiner Kindheit zu erhaschen, doch dann hatten ihm die Wärter einen Sack über den Kopf gestülpt und ihn in seine Zelle geschleppt, kaum dass die Kutsche angehalten hatte.

Er versank wieder in missmutiges Schweigen, da stieß Ignatius ein Knurren aus, begleitet von einer Flamme, die das Stroh unter Fletchers Hintern versengte.

»He, wir sind aber ungeduldig heute!«, rief er und ließ Mana in einen seiner tätowierten Finger fließen. »Na schön, du willst es ja nicht anders. Mal sehen, wie dir dieser Telekinesezauber bekommt.«

Er kanalisierte einen dünnen Manastrom durch seinen Finger und ließ eine violett leuchtende Spirale entstehen, die vor ihm in der Luft schwebte. Ignatius zog sich ein Stück zurück, da machte Fletcher eine schnelle Handbewegung in Richtung des Dämons und fing ihn mit einem Energielasso, das sich um den Bauch wickelte.

Ignatius wurde in die Luft gewirbelt, da streckte er blitzschnell die Klauen aus und krallte sich an der Decke fest. Staub rieselte auf Fletcher herab, und noch bevor er reagieren konnte, sprang Ignatius los. Wie eine Katze drehte er sich in der Luft und flog mit seinem Schwanzdorn voraus – genau auf Fletchers Kopf zu.

Fletcher konnte sich gerade noch mit einer Seitwärtsrolle in Sicherheit bringen. Als er wieder auf die Füße sprang, war es stockfinster in der Zelle – Ignatius hatte das Wyrrlicht mit einem gezielten Klauenschlag gelöscht.

»Du möchtest also im Dunkeln spielen, wie?« Fletcher lud seinen tätowierten Zeigefinger auf. Diesmal ätzte er eines der unbekannteren Symbole, das er in Bakers Tagebuch entdeckt hatte. Es hieß Katzenauge und sah auch genau so aus: ein leuchtender Kreis mit einer schmalen Ellipse darin. Durch einiges Ausprobieren hatte er herausgefunden, dass der Zauber nur dann wirkte, wenn das gelbe Leuchten direkt auf seine Augen fiel.

Andererseits verriet das Licht seine Position, also rollte er sich ein weiteres Mal zur Seite und wartete, bis er spürte, wie sich seine Pupillen zu schmalen, katzenartigen Schlitzen umbildeten. Fletchers Nachtsicht wurde schlagartig besser. Er sah Ignatius, der wie ein Löwe auf Gazellenjagd auf die Stelle zupirschte, an der er selbst eben noch gestanden hatte. Normalerweise sah der Salamander im Dunkeln weit besser als er selbst, doch die undurchdringliche Schwärze der Kerkerzelle bereitete selbst dem kleinen Dämon Probleme.

»Hab dich!«, rief Fletcher und packte Ignatius mit einem Hechtsprung. Gemeinsam kugelten sie über das Stroh, Ignatius bellte erschrocken, und Fletcher hielt sich vor Lachen den Bauch.

In diesem Moment flog die Tür auf. Helles Licht strömte herein und blendete Fletchers empfindliche Augen. Eilig versteckte er die Bücher unter dem Stroh, da traf ihn schon ein Stiefel seitlich am Kopf und schmetterte ihn gegen die Wand.

»Nicht so schnell«, krächzte eine Stimme.

Fletcher hörte das übliche Klicken eines Pistolenabzugs und spürte, wie ihm jemand den kalten Lauf an die Schläfe presste. Die Wirkung des Katzenaugenzaubers ließ allmählich nach, sodass er die Umrisse einer Gestalt mit Kapuze erkennen konnte, die neben ihm mit einer eleganten Pistole in der Hand auf dem Boden kauerte.

»Wenn du auch nur die kleinste Bewegung machst, puste ich dich weg«, rasselte der Mann wie jemand, der kurz vorm Verdursten war.

»Verstanden«, erwiderte Fletcher und hob langsam die Hände.

»Aber nein, nicht doch«, höhnte die Gestalt und drückte den Lauf noch fester gegen seine Schläfe. »Bist du taub? Ich habe nur zu deutlich gehört, was du mit deinen tätowierten Fingern so alles anstellen kannst, also lass die Hände schön unten.«

Fletcher zögerte. Immerhin war das hier die beste Fluchtmöglichkeit, die er je gehabt hatte.

Die verhüllte Gestalt seufzte verärgert. »Rubens, gib ihm eine kleine Kostprobe von deinem Gift.«

Fletcher hörte ein Flattern. Es kam direkt aus der Kapuze des Kerls. Ein grellroter Kerf löste sich daraus und stürzte sich auf Fletchers Hals, dann spürte er einen Stich, gefolgt von einer Kälte, die sich schnell über seinen ganzen Körper ausbreitete.

»Jetzt wissen wir beide, dass du keine Tricks mehr versuchen wirst«, sagte der Mann hüstelnd und erhob sich. Er stand jetzt so deutlich vor der Tür, dass sich seine Silhouette im Schein der Fackeln draußen auf dem Flur abzeichnete. »Da wir gerade davon sprechen: Wo steckt dein Salamander?«

Fletcher wollte schon den Kopf heben, doch sein Nacken fühlte sich an, als wäre er aus Stein. Er wusste, dass sich sein Dämon gerade zum Angriff bereit machte – aber dann pfiff er ihn mit einem Gedankenbefehl zurück. Selbst wenn es ihnen gelang, den Eindringling zu überwältigen, in seinem jetzigen Zustand konnte Fletcher gewiss nicht einmal bis zur Tür krabbeln geschweige denn aus dem Gefängnis fliehen.

»Ah, da ist er ja. Sorge dafür, dass er sich ruhig verhält, wenn ich dir nicht das Hirn aus dem Schädel pusten soll. Es wäre eine Schande, dich zu töten, nachdem wir alles so gut vorbereitet haben.«

»Vorr… vorr… vorrberreitet?«, nuschelte Fletcher. Vom Gift des Kerfs war seine Zunge dick und schwer.

»Für deine Gerichtsverhandlung«, erwiderte der Mann und ließ Rubens auf seiner Hand landen. »Wir haben sie so lange hinausgezögert wie möglich, aber deine Freunde ließen einfach nicht locker und haben beim König eine Petition nach der anderen eingereicht. Wirklich schade.«

Der Fremde verstaute den Kerf wieder in seiner Kapuze, als wollte er ihn möglichst nahe bei sich haben. Die Haut auf seiner Hand sah glatt und weich aus, beinahe weiblich, die Fingernägel waren sorgfältig manikürt. Seine Stiefel bestanden aus handbesticktem Kalbsleder, dazu trug er eine modische, eng anliegende Hose. Auch die Kapuzenjacke war aus feinstem Leder. Offensichtlich handelte es sich um einen wohlhabenden jungen Mann, wahrscheinlich war er der Erstgeborene eines Adligen.

»Ich gestatte dir noch eine letzte Frage, dann muss ich dich allerdings in den Gerichtssaal bringen. Lass dir aber Zeit, bis die Lähmung nachlässt. Ich habe keine Lust, dich zu tragen.«

Fletchers Gedanken sprangen erst zu seinen Freunden, dann zu Berdon und schließlich zum Verlauf des Orkkriegs, doch er bezweifelte, dass der Fremde tatsächlich eine Antwort auf diese Fragen wusste. Woher kannte er Fletcher überhaupt?

Er rief sich die anderen Beschwörer von der Akademie ins Gedächtnis, aber keiner von ihnen hatte eine dermaßen raue Stimme gehabt. War es vielleicht Tarquin, der da sein grausames Spiel mit ihm trieb? Nur in einem war er sich sicher: Solange sein Häscher anonym blieb, war er in der besseren Position.

»Wer … bist … du denn?«, presste er schließlich hervor, obwohl ihm seine gefühllosen Lippen kaum gehorchten. Dass er überhaupt sprechen konnte, bedeutete wohl, dass Rubens ihm nur eine geringere Dosis Gift verpasst hatte. Vielleicht würde sich doch eine Möglichkeit zur Flucht ergeben.

»Bist du noch immer nicht dahintergekommen?«, krächzte der junge Adlige. »Was für eine Enttäuschung. Ich hätte dich für schlauer gehalten. Andererseits sehe ich tatsächlich ganz anders aus als bei unserer letzten Begegnung.« Der Mann ging in die Hocke und beugte sich so nahe heran, dass die dunkle Kapuze Fletchers gesamtes Gesichtsfeld ausfüllte. Dann zog er sie langsam zurück.

»Erkennst du mich jetzt?«, zischte Didric.

2

Didric setzte ein schiefes Grinsen auf und legte den Kopf so in den Nacken, dass der Fackelschein auf sein Gesicht fiel. Die rechte Seite schimmerte eitrig und war von knotigen, roten Narben übersät. Ein Stück der Oberlippe fehlte, darunter blitzten weiß die Zähne hervor. Wimpern und Brauen hatte er ebenfalls keine mehr, was die Augen aussehen ließ, als wären sie in ständiger Alarmbereitschaft weit aufgerissen. Die eine Seite seines Kopfes war vollkommen kahl, lediglich auf der andern wuchsen ein paar Haarbüschel aus dem vernarbten Gewebe.

»Hübsch, nicht?« Didric fuhr sich mit den langen, dünnen Fingern über die zerfurchte Kopfhaut. »Mein Vater hat damals ein Vermögen ausgegeben, damit noch in derselben Nacht ein Beschwörer an mein Bett kommt und den Heilzauber ausführt. Das war übrigens Graf Faverham. Lustig, dass er unwissentlich ausbaden musste, was sein eigener Sohn angerichtet hat, findest du nicht?«

Fletcher war sprachlos. Ob es an der Lähmung lag oder am Schock, wusste er nicht genau. Wie in aller Welt hatte Didric von seiner angeblichen Verwandtschaft mit den Faverhams erfahren? Offensichtlich war während des letzten Jahres eine Menge geschehen.

»Wahrscheinlich sollte ich dir sogar dankbar sein«, sprach Didric weiter, während er sich das lange Haar, das auf der unversehrten Seite seines Schädels wuchs, über die kahlen Stellen strich. »Der Grund für das Beste und Schlimmste, was im vergangenen Jahr passiert ist, bist jedenfalls du.«

»Wie das?«, hauchte Fletcher, ohne Rubens aus den Augen zu lassen, der gerade über Didrics Brust krabbelte.

Didric war kein Beschwörer. Ob ein anderer den Kerf kontrollierte, um Fletcher Angst zu machen?

»Das habe ich alles dir zu verdanken, Fletcher.« Didric rief ein Wyrrlicht herbei, das die Zelle in ein unirdisch blaues Licht tauchte. »Das Phänomen ist in der gesamten bisherigen Geschichte erst ein einziges Mal vorgekommen, aber Gerüchte und Legenden darüber, dass ein magischer Angriff, der das Opfer an den Rand des Todes bringt, die Gabe übertragen kann, hat es schon immer gegeben. Das Mana des Dämons kann beträchtliche Veränderungen im Körper des Angegriffenen bewirken. Das Feuer deines Salamanders mag meine Stimmbänder versengt und mein Gesicht verunstaltet haben, aber gleichzeitig ist mir ein kostbares Geschenk zuteilgeworden, und dafür danke ich dir.«

»Das ist unmöglich …«, stammelte Fletcher benommen.

»Ganz und gar nicht«, widersprach Didric und streichelte Rubens’ Rückenpanzer. »Vor mehreren Jahrhunderten ist das Gleiche in einer anderen Adelsfamilie passiert. Ein Streit unter den Erben lief derart aus dem Ruder, dass der jüngere Bruder eine volle Dosis Mantikor-Gift abbekam. Eigentlich hätte er daran sterben müssen, stattdessen erhielt er die Gabe.«

Didric beobachtete zufrieden das Entsetzen auf Fletchers Gesicht. »Komm, es wird Zeit für deine Verhandlung. Aber mach dir keine Sorgen, du kommst bald wieder zurück in dein armseliges Loch. Ich kann es kaum erwarten, dich bis ans Ende aller Zeiten dort einzusperren.«

Schwankend stand Fletcher auf. Seine Muskeln schienen immer noch unter der Einwirkung des Gifts zu stehen, sie zitterten und krampften unkontrolliert. Eine Gerichtsverhandlung also … Würde er nun endlich Gerechtigkeit erfahren? Zum ersten Mal seit einer schieren Ewigkeit sah er einen Hoffnungsschimmer am Horizont.

Er drehte eine Hand in Richtung des Strohs, in dem sich Ignatius versteckt hielt. Das darauf tätowierte Pentagramm erstrahlte violett, dann löste sich der kleine Dämon in Fäden weißen Lichts auf, die in Fletchers Hand strömten. Besser, er nahm seinen Salamander in sich auf, damit sie nicht voneinander getrennt wurden. An die Möglichkeit, ohne seinen kleinen Freund eingesperrt zu sein, wollte er gar nicht erst denken.

Didric deutete mit der Pistole auf die offen stehende Tür. »Du zuerst.«

Fletcher stolperte aus der Zelle. Einen Moment lang genoss er die Freiheit, mehr als nur ein paar Schritte in die gleiche Richtung gehen zu können, da spürte er schon wieder die kalte Mündung in seinem Nacken.

»Keine plötzlichen Bewegungen. Wir wollen doch nicht, dass du stirbst, bevor der Spaß überhaupt losgeht«, knurrte Didric, während sie durch den langen steinernen Tunnel gingen. Weitere Zellentüren säumten die Wände. Es herrschte Totenstille, lediglich unterbrochen vom Widerhall ihrer Schritte.

An einer Treppe blieb Didric stehen. Links und rechts zweigten weitere Tunnel ab, die sich irgendwo in der Dunkelheit verloren. »Hier sind die gefährlichsten Gefangenen eingesperrt, solche Leute wie du: Rebellen, Mörder und Vergewaltiger. Der König bezahlt uns gut dafür, dass wir sie hier sicher verwahren. Unsere Auslagen belaufen sich lediglich auf einen Eimer Wasser und eine Mahlzeit pro Tag. Ein gutes Geschäft.«

Fletcher erschauerte und stellte sich vor, allein in einer dieser Zellen zu sitzen, ohne Ignatius oder die Bücher, dafür mit dem Wissen, dass er nie wieder das Tageslicht erblicken würde. Eine Woge des Mitleids für die armen Seelen, die hier einsaßen, erfasste ihn, ganz gleich, was sie getan hatten. Dann wurde ihm bewusst, dass er schon bald einer von ihnen sein konnte, für immer tief unter der Erde weggesperrt. Eine eisige Furcht legte sich um sein Herz.

»Weiter«, befahl Didric und scheuchte ihn die Stufen hinauf. Es war eine Wendeltreppe wie in einem Zwergenhaus, nur dass bei jedem Absatz eine Gittertür eingelassen war, die ein Wärter für sie öffnete. Immer weiter ging es nach oben, bis Fletchers Knie schmerzten. Er hatte sein Bestes getan, um in der engen Zelle in Form zu bleiben, aber nach so vielen Monaten ohne richtige Bewegung und ausreichendes Essen war er abgemagert und schwach. Ob er noch ein weiteres Jahr unter diesen Bedingungen überstehen würde, war fraglich – und wenn es sogar der ganze Rest seines Lebens wäre?

Schließlich erreichten sie eine schwere Flügeltür. Didric schob ihn unsanft hindurch und hinaus auf einen überfüllten Exerzierplatz. Überall standen Soldaten in Formation, machten Schießübungen oder trainierten mit dem Bajonett. Ihre aus Kettenhemd und leichter Lederpanzerung bestehenden Uniformen waren gelb-schwarz gestreift, was sie fast wie einen Wespenschwarm aussehen ließ. Insgesamt waren es so viele wie bei einem kleinen Heer.

Fletcher sog die frische Luft ein, genoss den Anblick des freien Himmels über sich und die Wärme der Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Die ungewohnte Weite machte ihn beinahe schwindlig, trotzdem breitete er die Arme aus, als wollte er die kühle Brise umarmen. Es war wunderbar.

Didric schubste ihn weiter über den Hof, durch ein breites Eisentor und schließlich auf die Straße hinaus.

Fletcher drehte den Kopf ein Stück und betrachtete das Gefängnis in seinem Rücken. Einige der Gebäude erkannte er wieder. Dies war das Anwesen der Cavells. »Hübsch, was du aus eurer Hütte gemacht hast«, kommentierte er trocken.

»Jaja, das war der alte Vorplatz. Es war Zeit für ein paar Veränderungen, jetzt, da ich zu ungewohntem gesellschaftlichem Rang aufgestiegen bin.« Didric deutete nach oben. »Wie gefällt dir mein neues Zuhause?«

Das Dörfchen Pelz lag am Fuß des höheren der beiden Bärenzahngipfel. Wie ein riesiger Fels ragte er über dem Tal auf und tauchte Pelz schon lange vor Sonnenuntergang in Schatten. Doch als Fletcher in die Richtung blickte, in die Didric zeigte, sah er, dass der Gipfel nicht mehr … da war. Stattdessen thronte dort eine Burg mit Türmen, Zinnen und Schießscharten. Oben auf den Mauern entdeckte er Kanonen, deren schwarze Mündungen drohend auf Pelz zeigten, ganz so, als würden sie jeden Moment das Feuer eröffnen. Die Anlage wirkte eher wie eine Festung denn wie ein Zuhause.

»Das ist der sicherste Ort in ganz Hominum. Unsere Vorräte reichen aus, um eine zehnjährige Belagerung zu überstehen. Wenn uns die Elfen verraten oder die Orks einmarschieren, und selbst wenn die Gefangenen das Dorf an sich reißen sollten, es kratzt uns nicht. Nicht einmal das größte Heer der Welt kann diese Mauern erstürmen. Das heißt, wenn es den Soldaten überhaupt gelingt, die steilen Felswände zu erklettern.«

»Du klingst, als littest du unter Verfolgungswahn«, versetzte Fletcher, um sich seine Erschütterung nicht anmerken zu lassen. »Oder als hättest du was zu verbergen.«

»Nur unseren immensen Reichtum, Fletchy. Mein Vater traut den Banken nicht, und er muss es wissen, schließlich war er selbst einmal Bankier.«

»Ein Geldverleiher und Halsabschneider, meinst du wohl.«

Didric erstarrte kurz, ignorierte aber die Spitze und scheuchte Fletcher weiter.

Überall auf den verlassenen Straßen sah Fletcher Anzeichen von Elend. Viele Häuser und Geschäfte lagen verlassen, andere waren zu Kerkern umfunktioniert worden. Die Insassen pressten die rauen, ungewaschenen Gesichter gegen die Gitterstäbe und verfolgten den einherstolzierenden Didric mit hasserfüllten Blicken. Armut und Verzweiflung lagen in der Luft wie der Gestank einer Jauchegrube. Pelz hatte nicht mehr das Geringste mit dem geschäftigen kleinen Dörfchen zu tun, in dem Fletcher aufgewachsen war.

Didrics Vater, Caspar Cavell, war zum reichsten Mann im ganzen Tal geworden, indem er Geld an die Bedürftigen verliehen hatte. Dabei täuschte er seine Kreditnehmer und ließ sie Verträge unterschreiben, die sie zwangen, weit mehr zurückzuzahlen, als sie überhaupt geliehen hatten. Offensichtlich hatten die Cavells das Geld mittlerweile eingetrieben. Sie hatten ihren Schuldnern alle Ersparnisse abgenommen – die natürlich nicht reichten – und sie dann aus ihren Häusern geworfen, um das ganze Dorf in ein Gefängnis zu verwandeln.

Fletcher blieb angewidert stehen und ließ seine Fingerknöchel knacken. Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, Didric nicht hier und jetzt ins Gesicht zu schlagen.

»Vorwärts«, fauchte dieser und verpasste ihm einen Schlag auf den Hinterkopf.

Fletcher glühte vor Zorn, aber seine Hände waren immer noch taub, und das Gift beeinträchtigte nach wie vor sein Reaktionsvermögen. Selbst wenn er im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre, bezweifelte er doch, ob es ihm gelingen würde, Didric die Pistole schnell genug aus der Hand zu schlagen. Wohl oder übel musste er abwarten.

Als sie das Haupttor erreichten, drehte sich Fletcher endgültig der Magen um – Berdons Hütte war verschwunden! Doch das war noch nicht alles: Auch die anderen Hütten waren weg. Der gesamte Bereich vor dem Tor war eingeebnet worden, und statt Häusern standen dort nur noch Waffenständer mit Lanzen, Wurfspießen und Schwertern. Außerdem hatte sich vor dem Tor eine lange Schlange gebildet. Worauf warteten all diese Männer?

Nein. Das waren keine Männer.

»Zwerge …«, keuchte Fletcher.

Es mussten Hunderte sein, sogar noch mehr, als er beim Kriegsrat der Zwerge gesehen hatte. Sie trugen die traditionellen Hosen aus dickem Leder und Leinenhemden, wirkten aber seltsam ungepflegt. Ihre langen Bärte waren zerzaust, die Kleidung dreckig von Schweiß, Erde und Ruß. Ihre Gesichter sahen finster und verschlossen aus, als würden sie wütend miteinander tuscheln.

»Sie sind gerade erst über den Bärenzahnpass gekommen, um nach zwei Jahren Dienst an der Nordfront ihre neue Ausrüstung hier abzuholen«, erklärte Didric lächelnd. »Der Krieg gegen die Elfen hätte ruhig noch länger dauern können. Die Friedensverhandlungen hatten nämlich einen empfindlichen Rückschlag erlitten, nachdem die Elfen-Häuptlinge Sylvas Zustand nach dem Turnier an der Dämonenakademie zu sehen bekamen. Sie war eine Freundin von dir, nicht?«

Bilder der geschlagenen und geschundenen Sylva tauchten zwar vor Fletchers innerem Auge auf, doch er erwiderte nichts. Wahrscheinlich erzählte Didric ohnehin nur Lügengeschichten.

Der Ruf eines Soldaten riss Fletcher aus seinen Gedanken. »Edler Herr!«, rief er. »Dieser Unhold hat schon einmal versucht, Euch zu ermorden. Er ist gefährlich. Wir werden ihn für Euch eskortieren.«

»Hab ich dich nach deiner Meinung gefragt, Stiefellecker?«, fauchte Didric und fuchtelte mit seiner Pistole in der Luft herum. »Du richtest gefälligst nur das Wort an mich, wenn du angesprochen wirst. Und jetzt mach dich wieder an deine Arbeit.«

»Wie Ihr wünscht, edler Herr«, erwiderte der Mann mit einer tiefen Verbeugung.

Didric versetzte dem Soldaten einen so heftigen Tritt, dass er der Länge nach in den Dreck viel.

Angewidert beobachtete Fletcher die Szene. Didric führte sich auf, als wäre er allen anderen Menschen überlegen. Glücklicherweise war die Wirkung von Rubens’ Gift inzwischen restlos verflogen, also stellte Fletcher seinen Erzfeind zur Rede. »Du lässt dich von den Soldaten mit edler Herr ansprechen?«, spöttelte er. »Die lachen doch nur über dich, sobald du dich wegdrehst, du aufgeblasener, blaublütiger Gefängniswärter.«

Didric wurde knallrot im Gesicht. So ehrliche und treffende Worte hatte er offenbar schon lange nicht mehr gehört. Dann brach er plötzlich in schallendes Gelächter aus. Sein krächzendes Gegacker hallte von der Dorfmauer wider, und zahlreiche Köpfe drehten sich in ihre Richtung.

»Was glaubst du denn, warum sie mich mit edler Herr ansprechen?«, prustete Didric und wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. »Weil ich einer bin, Fletchy. Mein Name lautet jetzt Graf Cavell.«

3

Fletcher starrte Didric fassungslos an. Mehrere Einzelheiten, die er übersehen hatte, drängten sich nun in sein Bewusstsein: der dicke Siegelring an Didrics kleinem Finger. Die schwarz-gelben Soldatenuniformen und die schwere Bewaffnung – das war tatsächlich Didrics eigenes Heer, ein Privileg, das der König nur dem Adel zugestand. Auf Didrics Brust war sogar ein Wappen gestickt, und zwar in den gleichen Farben, die auch die Soldaten trugen. Es zeigte Gitterstäbe mit zwei dahinter überkreuzten Schwertern. Wie passend.

Didric warf den Kopf in den Nacken, als genieße er Fletchers Bestürzung. Fletcher wiederum tat sein Bestes, sich nichts anmerken zu lassen, aber das war so gut wie unmöglich. Ihm wurde beinahe schlecht vor Abscheu.

»Während du im Kerker vor dich hin verrottet bist, war ich an der Dämonenakademie, selbstverständlich in meiner eigenen Luxussuite«, prahlte Didric grinsend. »Herzog Forsys war so freundlich, mir Rubens, der sich seit Generationen in Familienbesitz befand, zum Geschenk zu machen. Natürlich ist er nicht mein einziger Dämon, aber immerhin – es war ein Anfang. Vielleicht interessiert es dich ja zu erfahren, dass in wenigen Tagen das nächste Turnier stattfindet. Eigentlich sollte ich jetzt trainieren, aber ich möchte das hier um keinen Preis versäumen.«

»Bringen wir’s endlich hinter uns«, knurrte Fletcher und hielt nach dem Gerichtsgebäude Ausschau. »Du redest zu viel.«

»Schön. Es überrascht mich, dass du es so eilig hast, wieder in deine Zelle zu kommen. An deiner Stelle würde ich die wenigen Stunden Sonnenlicht an der frischen Luft genießen. Es werden deine letzten sein.« Dann drückte er Fletcher wieder die Pistole in den Rücken.

Man hatte das ehemalige Gemeinschaftshaus zu einem Gerichtsgebäude umgebildet. Es hatte einen ovalen Grundriss, große Eichentüren und sogar einen Turm. Die Mauern waren frisch getüncht, und über der Tür prangte das Gerichtswappen, ein schwarzer Hammer und ein Holzblock, die unheilverkündend über Fletcher schwebten, während ihn Didric nach drinnen schob.

Der Saal erinnerte Fletcher an eine Kirche. An den Wänden links und rechts standen niedrige Holzbänke, die bis auf den letzten Platz besetzt waren. Am Ende des Mittelgangs warteten schon zwei Soldaten mit Handschellen und Ketten auf ihn. Dahinter thronte ein grimmig dreinschauender Richter in seiner Kanzel. Er trug eine prächtige schwarze Robe und eine gepuderte Perücke.

»Brillante Idee, das Gericht hier unterzubringen. Der Weg zum Kerker ist schön kurz«, flüsterte Didric aus dem Mundwinkel. »Natürlich ist es hier normalerweise nicht so voll. Dein Fall zieht eine Menge Zuschauer an.«

Im Saal war es totenstill. So gut es ging blendete Fletcher die neugierigen Gesichter ringsum aus. Die vielen Blicke machten ihn nervös. Erst jetzt fiel ihm auf, dass man die stinkenden und verdreckten Lumpen an seinem Leib kaum als Kleidung bezeichnen konnte. Aber das wenige Wasser, das man ihm im Gefängnis gegeben hatte, hatte einfach nicht gereicht, um sich damit auch noch zu waschen. Das Haar hing Fletcher in fettigen Strähnen vom Kopf, und der beginnende Bartwuchs ließ sein Gesicht vermutlich wie einen Kaktus aussehen. Wenn er jetzt einen Spiegel hätte, würde wahrscheinlich nicht einmal er selbst sich wiedererkennen.

Didric führte seinen Gefangenen stolz den Gang entlang, als wären sie auf einer Monstrositätenschau. Fletcher sah sich verstohlen um, ob Berdon anwesend war, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Dann standen sie vor der Kanzel.

»Fesselt ihn«, befahl der Richter mit hoher, näselnder Stimme. Fletcher ließ sich von den Soldaten an den Boden ketten, als wäre er ein Bär in einer Grube. Nicht mehr lange, dann würden sie die Hunde auf ihn hetzen.

Schweigend wartete er ab, was als Nächstes geschehen mochte. Was blieb ihm schon anderes übrig? Er sah keinen Ausweg und wusste nicht, was er tun sollte. Das Beste war vermutlich, nach der Urteilsverkündung einen Fluchtversuch zu unternehmen. Das konnte allerdings schwierig werden, falls Didric persönlich ihn zurück zu seiner Zelle brachte. So oder so, eines wusste Fletcher genau: Eher würde er sterben, als in einem Kerker bei lebendigem Leib zu verfaulen.

»Die Verteidigung soll hinzutreten.« Der Richter deutete auf die Tür zu seiner Linken. Ein Soldat klopfte zweimal, dann öffnete er mit einer zeremoniellen Verneigung die Tür. Heraus trat ein groß gewachsener Mann in blauer Offiziersuniform, der zahlreiche Narben im Gesicht hatte.

Fletcher vergaß jegliche Verhaltensregeln. »Arcturus!«, rief er überglücklich.

Der Hauptmann schenkte ihm ein grimmiges Lächeln, dann schüttelte er kurz den Kopf, als sollte Fletcher besser den Mund halten.

»Ruhe!«, bellte der Richter und zeigte mit einem knorrigen Finger auf Fletcher. »Noch so ein Ausbruch, und ich lasse dich knebeln.«

»Verzeiht, Euer Ehren. Es war nicht meine Absicht, das Gericht zu entehren.«

»Hm, gut.« Der Richter hob seine Brille an und musterte den Angeklagten über die lange Adlernase hinweg. Fletchers gute Manieren schienen ihn zu überraschen, als wäre er von den Angeklagten sonst anderes gewohnt. »Wie dem auch sei. Ich dulde kein ungebührliches Betragen im Saal. Ist das klar?«

»Ja, Euer Ehren«, antwortete Arcturus, der sich inzwischen neben Fletcher gestellt hatte, noch bevor dieser selbst etwas sagen konnte. Arcturus’ Botschaft war eindeutig: Ab jetzt übernahm er das Reden.

»Wer vertritt die Anklage?«, fragte der Richter, während er die Unterlagen auf seinem Schreibpult sortierte.

»Ich, Euer Ehren«, verkündete Didric und drehte sich zu den Zuhörern um.

»Ähem. Das ist aber sehr … ungewöhnlich«, erwiderte der Richter, während Didric zu seinem Platz stolzierte. »Aber durchaus mit dem Gesetz vereinbar. Ich muss Euch allerdings darauf hinweisen, dass Ihr als Ankläger keine Aussage vor diesem Gericht machen könnt. Seid Ihr Euch dessen bewusst?«

»Das Urteil ist schon so gut wie gefällt, Euer Ehren. Die Aussagen der beiden Zeugen sollten mehr als genügen, um diesen Schurken zu verurteilen. Ob ich nun als Zeuge auftrete oder nicht«, antwortete Didric mit einem zuversichtlichen Lächeln.

»Wie Ihr meint«, kommentierte der Richter mit einem Kopfschütteln. »Anklage und Verteidigung sollen sich setzen. Gerichtsdiener, bringt den ersten Zeugen!«

Arcturus und Didric nahmen auf den Seiten Platz, die ihnen zugewiesen waren, nur Fletcher wurde vor der Kanzel festgekettet. Der Diener wartete, bis sich alle gesetzt hatten, dann öffnete er mit einer Verbeugung die Tür zu einem Seiteneingang. Im ersten Moment erkannte Fletcher die junge Frau nicht, die hereintrat. Erst als sie ihm einen höhnischen Blick zuwarf, wusste er, wer sie war.

Calista hatte sich in den zwei Jahren, die seit dem Überfall in der Krypta vergangen waren, stark verändert. Das Haar, damals noch ein kaum gebändigter, kurz geschorener Schopf, fiel ihr nun elegant und glänzend bis hinab auf die Schulter. Sie trug ein hellblaues, mit Rüschen und Spitzen besetztes Kleid, in dem sie beinahe wie eine Puppe aussah. Ihr Gesicht war so hart und verkniffen wie immer, doch sie – oder jemand anderes – hatte große Mühe auf Puder und Schminke verwendet, um ihre Haut und die kantigen Züge zu glätten.

Selbst ihr Gang war nicht mehr der gleiche. Keine Spur von den O-Beinen, die sie damals hatte. Sie setzte sich artig auf die Zeugenbank, wo alle sie sehen konnten. Dann biss sie sich auf die Lippe und rückte so weit von Fletcher weg, wie es möglich war. Es schien ganz so, als hätte sie Angst vor ihm.

Von da an wusste Fletcher, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten steckte. Jemand hatte es geschafft, die raubeinige Dorfwache Calista in ein Unschuldslamm mit großen wässrigen Augen zu verwandeln. Wie in aller Welt sollte er den Richter davon überzeugen, dass es in Wahrheit Calista, Didric und Jakov gewesen waren, die versucht hatten, ihn umzubringen? Die Zuhörer tuschelten jetzt schon und warfen Fletcher giftige Blicke zu.

»Ich möchte darauf hinweisen, dass das Urteil allein meinem Ermessen obliegt. Dies ist kein Militärtribunal, es werden also weder Geschworene noch Adlige hinzugezogen. Von daher dulde ich auch kein voreingenommenes Gemurmel in der Zuhörerschaft. Wer sich dennoch nicht zurückhalten kann, verlässt das Gericht.« Der Richter schickte seinen Worten noch einen strengen Blick hinterher, dann wandte er sich wieder der Zeugenbank zu. »Nun, meine Liebe, können wir beginnen?«

Calista rang die Hände auf dem Schoß, schließlich nickte sie.

Didric stand auf und legte lässig eine Hand auf Calistas Lehne. »Ich werde mich kurzfassen, um die Zeugin nicht länger hier festzuhalten, als es unbedingt nötig ist. Konzentriere dich ausschließlich auf mich, Calista, und blende alles andere aus. Es gibt nichts, wovor du Angst haben müsstest. Erzähle dem netten Herrn Richter einfach, was in jener Nacht passiert ist, dann ist alles im Nu vorbei.«

Calista neigte sittsam das Haupt, sodass ein Vorhang aus schwarzem Haar ihr Gesicht vor den Zuhörern verbarg. Alles in allem war dies ein meisterlicher Auftritt, auf den selbst Fletcher hereingefallen wäre, hätte er nicht das sadistische Grinsen gesehen, das sie ihm gerade eben zugeworfen hatte.

»Didric, Jakov und ich, wir hatten in dieser Nacht Wachdienst am Tor«, begann sie mit einem ganz leichten Zittern in der Stimme. »Da sahen wir, wie Fletcher mit einem schweren Buch unterm Arm aus Berdons Hütte kam. Am Tag zuvor war ein Soldat im Dorf gewesen, der genau so ein Buch verkaufen wollte. Also nahmen wir an, dass Fletcher es gestohlen hatte. Wir wollten das Beweisstück sicherstellen und folgten ihm durch die Dunkelheit, da merkten wir, dass er auf dem Weg zum Friedhof war. Als wir ihn stellten, hat er behauptet, er hätte das Buch gekauft …«

Didric hob die Hand. »Bitte, Euer Ehren, nehmt zur Kenntnis, dass im Zuge der Untersuchung, die noch in derselben Nacht erfolgte, ein großer Sack voll Geld im Zimmer des Angeklagten gefunden wurde. Somit erscheint es äußerst unwahrscheinlich, dass er das Buch tatsächlich bezahlt hat. Das wäre ein weiteres seiner Verbrechen – auf der langen Liste.«

»Diebstahl … in … einem Fall …«, murmelte der Richter und schrieb mit einem Schwanenfederkiel in seine Notizen. »Fürwahr ein Schurke.«

»Ganz recht, Euer Ehren. Das Geld wurde selbstverständlich konfisziert«, kommentierte Didric mit einem Zwinkern in Fletchers Richtung. »Verzeih, dass ich dich unterbrochen habe, Calista. Bitte fahre nun fort.«

»Danke, Graf Cavell«, erwiderte Calista mit einem theatralischen Augenaufschlag. »Dumm, wie wir waren, glaubten wir Fletchers Geschichte. Dann erzählte er uns, er wolle mithilfe des Buchs einen Dämon beschwören, und fragte, ob wir nicht Lust hätten zuzusehen. Wir dachten, es könnte interessant werden, also blieben wir …«

Sie zitterte jetzt und schaute immer wieder mit angstverzerrtem Gesicht zu Fletcher hinüber. Schauspielern konnte sie, das musste er ihr lassen.

»Ich weiß nicht, wie, aber er hat es tatsächlich geschafft. Es war schrecklich laut und blendend hell, als würde die Welt untergehen! Und dann ist es passiert.« Eine Träne lief ihr über die Wange.

Der Richter reichte ihr von der Kanzel ein Taschentuch herunter und murmelte: »Sprich weiter. Berichte, was geschehen ist.«

Calista schluckte und wischte sich die Träne weg, dann deutete sie mit einem zitternden Finger auf Fletcher.

»Er hat sich auf uns gestürzt und versucht uns umzubringen!«, rief sie und sprang auf. »Er hasst uns und hat uns für jedes Missgeschick, das ihm je widerfahren ist, die Schuld gegeben! Ich weiß noch, wie er uns lachend in die Kapelle getrieben hat. Unsere Schwerter konnten gegen das Feuer seines Dämons nichts ausrichten, und als ich anfing zu weinen, hat er mich angeschaut und gesagt, ich würde als Erste sterben.«

Calista stand von der Zeugenbank auf und ging auf Fletcher zu, den Zeigefinger wie eine Pistole auf ihn gerichtet.

»Die Damen immer zuerst, hast du gesagt, du Ungeheuer!«, zischte sie.

Dann drehte sie sich weg und vergrub das Gesicht in Didrics Halsbeuge. Er tätschelte ihre Schulter, während sie immer heftiger schluchzte, als würde sie von einem Weinkrampf geschüttelt werden.

Angeekelt verdrehte Fletcher die Augen, was ihm einen missbilligenden Blick des Richters einbrachte, da machte sich Calista von Didric los und schwang sich auf zum Finale.

»Erst als Didric – der tapfere Didric – sich vor mich stellte, hat er von mir abgelassen. Didric hat noch versucht, ihn zu besänftigen, aber es war zwecklos. Dann hat der Dämon Didric plötzlich Feuer ins Gesicht gespuckt. Sogar sein Haar hat gebrannt! Doch Didric konnte die beiden in das Gewölbe unter der Kapelle treiben, dann hat er das Bewusstsein verloren und sich fürchterlich den Kopf angeschlagen. Wir mussten ihn zum Haus seines Vaters tragen. Der Rest ist bekannt.«

Der Richter legte die Fingerspitzen aneinander und betrachtete Calista nachdenklich. Trotz ihrer Schluchzer war ihr Gesicht vollkommen trocken geblieben, nur die Wangen leuchteten rot vor Aufregung.

Einen Moment lang glaubte Fletcher, der Richter würde die Täuschung durchschauen, doch dann schenkte er Calista ein freundliches Lächeln und bedankte sich für ihre Aussage. Calista machte einen tiefen Knicks vor Didric und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, aus dem Saal.

»Der nächste Zeuge!«, rief der Richter.