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ZUM BUCH

»Der kriegerische Alrik war kein Jarl, aber ein sehr ehrgeiziger Mann und ein großer Kämpfer. Er war mächtig genug geworden, um König Guthrum herauszufordern. Sigurd und seine Schwertkämpfer hatten für ihn die Hügelfestung erobert, und jetzt wollte Alrik sich erkenntlich zeigen. Nach dem Blutvergießen hatte er Sigurd eine Seetruhe gegeben, gefüllt mit Silber und Eisen. Mit einem solchen Reichtum konnte sich Sigurd Speerkämpfer und vielleicht sogar Schiffe kaufen. Er würde eine Kriegerhorde um sich scharen und nach Norwegen zurückkehren, um den eidbrüchigen König Gorm anzugreifen – um endlich Rache an seinem Todfeind zu nehmen.«

ZUM AUTOR

Seine norwegische Herkunft und die Werke von Bernard Cornwell inspirierten Giles Kristian dazu, historische Romane zu schreiben. Um seine ersten Bücher finanzieren zu können, arbeitete er unter anderem als Werbetexter, Sänger und Schauspieler. Doch Kristians Herz schlägt für die Welt der Wikinger, die er in Götter der Rache zum Leben erweckt. Mittlerweile ist Giles Kristian Bestseller-Autor und kann sich ganz dem Schreiben widmen. Mehr Informationen zum Autor finden Sie unter www.gileskristian.com

GILES KRISTIAN

STURM

DES TODES

Roman

Aus dem Englischen

von Wolfgang Thon

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe WINGS OF THE STORM erschien 2016

bei Bantam Press/Transworld Publishers,

Penguin Random House UK, London

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Vollständige deutsche Erstausgabe 09/2017

Copyright © 2016 by Giles Kristian

Copyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Heiko Arntz

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung des Originalartworks von © Stephen Mulcahey

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-16383-9
V001

www.heyne.de

Für Simon Taylor, mit aufrichtigem Dank.

Du hast an meine Geschichten geglaubt,

und deinetwegen war das Schreiben dieses Werks

ein Vergnügen statt der harten Arbeit,

die ich erwartet hatte.

Wenn der Windgott über den Himmel reitet

mit seiner Meute und den Geistern der Menschen

und die Seelen der schon lange Gefallenen

in der wilden Jagd über Holz und Farn dahinfliegen

und hinter ihnen die Witwen klagen,

dann hütet euch vor Einauge und Sleipnir

weil die Seelen aus den Körpern gerissen werden

vom brausenden Sturm des Todes.

Sigurd Haraldarsons Saga

PROLOG

Anno Domini 775, Avaldsnes, Norwegen

Der Junge war nicht aufgefordert worden, seinen Speer zu schleudern, als die empfindlichen Nasen der Bluthunde des Königs sie endlich zu dem Elchbullen tief in den Kiefernwäldern westlich von Gorms Halle geführt hatten.

»Wir dürfen kein Risiko eingehen, Junge, nicht nach dem letzten Mal«, hatte Harald ihm zugeraunt. Dabei hatte er sich bereits ausgemalt, wie sein Speer das große Tier zur Strecke brachte. Wie der Schaft mit der stählernen Spitze wie ein himmlischer Blitz aus seiner Hand flog, wie König Gorm ihm lachend auf den Rücken schlug. Ihm, einem Jungen! Weil er, ein Kind zwischen erwachsenen Männern, einem König und einem Jarl, diesen mächtigen Elch zur Strecke gebracht hatte.

Aber weder der König noch der Vater des Jungen hatten ihm erlaubt, den Speer zu werfen, den er in diesen letzten vier Tagen in seinen Händen getragen hatte. Seit sie das Tier das letzte Mal gesehen und versucht hatten, es um der Ehre willen und für die Tafel des Königs zu erlegen. An diesem Tag hatte sein Wurf ihm König Gorms Lob und den Stolz seines Vaters eingetragen. Der Speer hatte den Elchbullen in der rechten Hinterhand getroffen, aber der Junge hatte nicht genug Kraft gehabt, ihn so zu schleudern, dass er auch dort stecken blieb. Der Wurf seines Vaters wäre fast würdig gewesen, in einem Heldenlied erwähnt zu werden. Aber das Tier hatte sich im letzten Moment weggedreht, sodass der Speer des Jarls nur eine Furche über seinen Hals gezogen hatte. Dann war der Elch verschwunden und brüllend zwischen den Kiefern davongaloppiert.

Diesmal jedoch hatten sie ihm keine Fluchtmöglichkeit gelassen. Der mächtige Elch war zwar immer vor dem Rudel geblieben, hatte jetzt jedoch das Ende seines Lebensfadens erreicht. Er saß zwischen der Jagdgruppe aus Herdkarls und Bluthunden und einer Felswand fest, über deren graue bemooste Flanke der Regen lief. Er drehte sich zu seinen Verfolgern herum.

»Wenn mein Tag kommt, Junge, dann hoffe ich, dass ich dem Tod ebenso mutig entgegentrete«, hatte sein Vater gesagt, als er auf einen einladenden Wink des Königs vortrat, um seinen mächtigen Speer zu schleudern. Aber davon hatte der Junge nichts hören wollen. Er grämte sich immer noch, dass man ihm seinen Moment des Ruhms versagt hatte.

»Ziel auf sein Herz«, sagte König Gorm und hielt seinen eigenen Speer bereit, falls Haralds Wurf danebenging oder der Elch im letzten Moment losstürmte. Die Männer hinter ihnen nahmen die Hunde an die Leine, die kläfften und knurrten, weil sie sich unbedingt auf das Tier stürzen wollten. Aber einige von ihnen würden ganz sicher sterben, bevor der Elch zu Boden ging, denn das Geweih des Bullen war gewaltig. Die Schaufeln erhoben sich hoch auf seinem mächtigen Schädel, sechs Geweihsprossen pro Seite, zwölf scharfe Spitzen insgesamt. Und das über eine Spannbreite von mehr als anderthalb Schritten. Sie waren mehr als fähig, einem Hund den Wanst aufzureißen. Oder einem Mann.

Und dann stell dir vor, was sie mit einem Jungen machen könnten.

»Es tut mir leid, dass ich dich nicht bei unserer letzten Begegnung getötet habe, Freund«, sagte Harald zu dem Elch. Der hob sein mächtiges Geweih wie ein Krieger, der den Göttern vor dem letzten Kampf sein Schwert zeigt. Dann stieß er einen schrillen Schrei aus, der klang, als würde ein großer Mann in ein kleines Horn stoßen, und blies eine Atemwolke in die kalte Luft. Der Junge erwartete, dass der Bulle jeden Moment angriff. Sein Vater schien das ebenfalls zu denken, denn er packte den Speerschaft plötzlich mit beiden Händen und hielt ihn vor sich, während er gleichzeitig, einen Fuß stützend, zurücksetzte. Aber der Elch war bereits am Ende. Er hatte keine Kraft mehr, keine Wut, keinen Trotz. Er stand einfach da und wartete.

Harald ließ ihn nicht allzu lange warten. Der Jarl nahm zwei Schritte Anlauf und schleuderte den Speer beim dritten Schritt. Er flog gerade durch die Luft und bohrte sich mit einem Klatschen in die Brust des Elchs, das die Hunde förmlich verrückt machte. Der Bulle rutschte durch die Wucht des Aufpralls ein Stück nach hinten, grunzte tief in der Kehle und leerte seine Blase. Die Flüssigkeit dampfte an diesem feuchtkalten Tag, während die Herdkarls des Königs murmelten und den Wurf des Jarls mit anerkennendem Brummen kommentierten.

Einen Moment stand das große Tier einfach nur da, während Haralds Speer tief in seiner Brust steckte. Aber alle Männer auf dieser kleinen Lichtung wussten, dass die Speerspitze ihm das Herz zerfetzt hatte.

»Ein herrliches Tier«, brummte König Gorm. Selbst der Junge, der erst sieben Sommer gesehen hatte, spürte, dass der König mit diesen Worten vergeblich versuchte, dieses wenig ruhmreiche Ergebnis ihrer Jagd zu versüßen.

Die Vorderbeine des Elchs gaben nach, und er kippte nach vorne. Sein Lebensblut strömte aus seiner Brust wie Wasser aus einem Leck in einem Schiffsrumpf. Dann versagten auch seine Hinterbeine den Dienst, und er fiel mit einem verächtlichen Schnauben auf die Seite. Die Hunde hörten auf zu kläffen, denn auch sie wussten, dass es vorbei war.

Der Junge folgte Harald und dem König zu dem erlegten Wild. Der moschusartige Geruch des Elchbullen drang ihm in die Nase, und schließlich stand er vor dem einst so stolzen Tier, dessen glasige Augen jetzt ins Leere starten. Aber der Junge hatte nur Augen für die beeindruckenden Schaufeln des Elchs. Sie erhoben sich wie ein uralter abgestorbener Baum vor ihm, und die Sprossen waren mit einer moosigen Haut überzogen, die bis zum Ende des Sommers vollkommen abgeschabt worden wäre. Ein Herdkarl murmelte, dass dieses Vieh verdammt stolz auf diese mächtigen Waffen hatte sein müssen und dass die anderen Bullen ihn sicher gefürchtet hatten.

»Deine Beute, Harald«, erklärte König Gorm. »Und auch die des Jungen, hej?«, setzte er hinzu und deutete mit dem Speer auf den erlegten Elch. Jetzt sah der Junge die Wunde, die er dem Elch vor vier Tagen versetzt hatte, das Loch zwischen dem Rumpf des Tieres und den Muskeln weiter oben auf seiner rechten Hinterhand. Es war ein blutiger Schnitt. Maden wimmelten darin, ebenso wie in der blutigen und vereiterten Furche, die Haralds Fehlwurf in der Haut am Hals des Tieres hinterlassen hatte.

»Keine schöne Art zu gehen«, brummte Harald finster, als er seinen Speer aus der Brust des Elchs zog. Sein Blick fiel auf das dunkle Herzfleisch, das an der Stelle klebte, wo die Klinge auf dem Schaft saß.

Jetzt setzte der Regen richtig ein. Er rauschte durch die Kiefernzweige, sodass die Bluthunde des Königs sich rasch davonstahlen. Einige seiner Männer fluchten. Sie waren sehr weit von der Halle ihres Herrn entfernt, und es würde lange dauern, bevor sie wieder im Trockenen waren. Aber der Junge achtete kaum auf den Regen. Er starrte immer noch auf die Maden in der Wunde und begriff plötzlich, dass sein Vater und der König ihm nicht verboten hatten, den Speer zu werfen, weil sie fürchteten, dass der Elch entkommen könnte, wie beim letzten Mal. Sie wollten ihn nicht mit dem Tod dieses einst so mächtigen, aber jetzt leidenden Tieres beflecken. Denn am Ende war der Erfolg der Jagd keineswegs ruhmreich gewesen. Der Elchbulle war dem Untergang geweiht gewesen. Er war bei lebendigem Leib verfault und wäre ohnehin in einigen Tagen tot umgefallen, obwohl es ihm bis jetzt irgendwie gelungen war, vor der Jagdmeute des Königs zu bleiben.

Trotzdem, es war ein beeindruckendes Tier, und es mussten Rituale beachtet werden, ganz gleich ob es wie aus Eimern schüttete. Harald zückte seinen Scramasax und kniete sich neben den Kopf des Elchs. Er befahl dem Jungen barsch, dasselbe zu tun. Der gehorchte. Der Jarl schob eine Hand in die klaffende Wunde, die sein Speer geschlagen hatte, und als er sie wieder herauszog, dampfte sie vom heißen Blut des Tieres. »Ich weihe diese Beute Ull, dem Herrn der Jagd«, sagte er, hob seine Hand vor sein Gesicht und leckte seine Finger ab. Dabei spritzte er rote Tropfen auf seine Wange und seinen Bart. Dann machte er dasselbe bei dem Jungen, der blinzelte, als die warmen Tropfen ihn trafen. Er atmete tief den fremdartigen, aber nicht unangenehmen Geruch des Blutes ein, das durch dieses prachtvolle Tier geflossen war.

Dann sah Harald, was den Blick des Jungen so fesselte. »Bier!«, rief er über die Schulter. Olaf nahm einen prallen Schlauch vom Rücken eines Pferdes und trat vor. Er blinzelte dem Jungen zu, als er den Schlauch seinem Jarl reichte. Harald zog den Stopfen heraus und goss das Bier in die vereiterte Wunde, die der Speer des Jungen einige Tage zuvor hinterlassen hatte. Dann strich er mit der Hand die Maden heraus, und jetzt witterte auch der Junge den Gestank in der feuchten Luft, als er sich den Regen von der Stirn wischte und sah, dass sein Handrücken mit dem Blut ihres Opfers verschmiert war.

»Es wird der Tag kommen, an dem du einen Speer so schleudern kannst wie dein Vater, Junge.« König Gorm fuhr dem Jungen mit seiner großen Hand über den Kopf.

»Ha!«, sagte Harald zum König. »Vergiss nicht, dass Grimhild die Mutter des Jungen ist.« Er stand da und spülte sich mit noch mehr Bier das Blut von der Hand. »Mit ihrem Blut in seinen Adern wird der Junge mich im Speerwurf übertreffen, wenn seine ersten Barthaare sprießen.«

»Ich freue mich schon darauf, das zu sehen, mein Freund.« Gorm grinste seine Männer an, die trotz des Regens sein Grinsen erwiderten. Ein alter grauhaariger Krieger namens Gerik meinte, dass der Junge schon jetzt die Aura eines Jarls habe und Harald besser aufpassen solle, damit er nicht irgendwann in seine Halle zurückkehre und den Jungen auf seinem Hochsitz vorfinde, Haralds eigenes Methorn in den Fäusten. Das brachte ihm schallendes Gelächter ein, und sein Vater lächelte ihn an, stolz auf die Aufmerksamkeit, die sein Junge sich verdient hatte.

Dann winkte der König zwei seiner Männer heran. Sie zogen ihre Waidmesser und machten sich daran, den Elch auszunehmen, damit sie alle so schnell wie möglich in die trockene Wärme der Halle ihres Königs zurückkehren konnten.

Niemand konnte behaupten, dass König Gorm ein schlechter Gastgeber wäre oder nicht wüsste, wie man ein Fest veranstaltete, bei dem die Männer am Ende auf allen vieren in ihre Betten krochen oder gleich auf den Binsen in der Halle liegen blieben und mit den Hunden und den Mäusen schliefen. Und er versäumte auch nicht, die Götter zu ehren, bevor der Met, das Bier und das Fett von dem Fleisch, das fast bis zu den Dachbalken aufgestapelt war, in die Bärte seiner Männer lief.

»Der König will deinen Vater beeindrucken«, sagte Olaf leise, als die Leute von Avaldsnes sich vor der großen Halle auf der Hügelgruppe versammelten, von der aus man einen freien Blick auf die Karmsund-Enge hatte. In diesem schmalen Meereskanal hätte genauso gut geschmolzenes Silber fließen können, so viel Silber nahm König Gorm den Schiffern und Mannschaften ab, die auf ihrem Weg nach Norden hindurchmussten. »Er will, dass wir sehen, wie großzügig er denen gegenüber ist, die ihm Treue schwören«, fuhr Olaf fort. »Er will den Treueeid deines Vaters, Junge.«

»Wird mein Vater ihm Treue geloben?«, erkundigte sich der Junge.

Olaf hob eine Braue und nahm dann einen tiefen Schluck Met aus seinem Trinkhorn. Das war nicht gerade eine Antwort. Also beobachtete der Junge die anderen Gäste, von denen viele ihre besten Umhänge, Broschen und Fibeln angelegt hatten und mit Silber und Bernstein behängt waren. Wenigstens die Hälfte der Männer trugen Schwerter an den Hüften, zeigten ihre Armreifen aus gedrehtem Silber und Fingerringe. Etliche von ihnen hatten ihre eigenen Trinkhörner mitgebracht, von denen viele am Rand mit Silber beschlagen waren. In alle waren Wölfe, Adler eingeätzt, oder Reptilien, die nach ihrem eigenen Schwanz schnappten. Die Ärmel und Säume der Tuniken waren mit gelben, roten oder blauen Fäden bestickt. Bunte Perlen und Bartringe und glänzende Thór-Hämmer trotzten dem grauen Tag. Gürtelschnallen, die Enden von Riemen und Schwertgriffe glänzten wie Fischschuppen, wann immer sich die Wolken teilten und Sonnenstrahlen auf die Menge fielen, die sich auf diesem Hügel versammelt hatte.

Aber niemand strahlte so wie Aesa, König Gorms junge Frau. Sie lachte und flatterte durch das Gedränge wie ein Schmetterling über eine Sommerwiese. Und so wenig Sommer der Junge auch zählen mochte, so wusste er doch um die Wirkung, die sie auf die Männer hatte.

»Sieh sie nicht an, Junge, sie bedeutet Ärger.« Olaf murmelte diese Worte leise in sein Ohr, obwohl sein eigener Blick ihr folgte wie Möwen einem Ackerpflug. »Genauso viel Ärger wie eine zersplitterte Rumpfplanke.«

Ein Schlag auf den Rücken riss Olaf aus Aesas Bann. »Das ist ein Bulle, was?« Harald drückte die Schulter des Jungen und deutete auf das schnaubende Rind, das die Thralls über den Hügel zerrten, damit alle es sehen konnten. Harald hatte rote Wangen und bereits viel Met intus. Er hatte mit einem gut aussehenden Mann namens Randver gesprochen, der den Gerüchten zufolge schon bald einen Jarlreif um seinen Hals tragen würde. Der Junge hatte gehört, dass der Jarl drüben in Hinderå unter Schmerzen in den Eigenweiden litt und sehr wahrscheinlich den nächsten Winter nicht überleben würde.

»Ich habe dem Jungen gerade gesagt, dass sie nur Ärger bedeutet«, erklärte Olaf. Denn Haralds Blick ruhte nicht mehr auf dem Bullen, sondern folgte Aesa.

»Ja, hör auf Olaf, Junge. Sie alle bringen einem nur Ärger ein«, sagte sein Vater, als Aesa erneut laut lachte. Ihre Augen glänzten wie ein Bach im Sonnenlicht.

»Der König will deinen Treueschwur, Harald.« Olaf drehte sich zu seinem Herrn herum. »Er will ihn nicht nur. Ich glaube, er braucht ihn auch. Um dafür zu sorgen, dass er noch andere bekommt.

Harald brummte nur, weil er genauso gut wie alle anderen auf diesem Hügel wusste, dass er der Ehrengast des Königs war. Und deshalb war Harald der eigentliche Grund, warum sechs von Gorms Knechten an diesen Seilen und Stricken zerrten und mit diesem gehörnten Berg aus Wut kämpften, dem beeindruckendsten Bullen, den der Junge oder sein Vater je gesehen hatten.

Der Bulle wehrte sich gegen die Männer, weil er merkte, dass man ihm Böses wollte, und darüber nicht besonders froh war. Er schnaubte, trat um sich und schwang seinen gehörnten Schädel hin und her. Die Augen traten ihm aus den Höhlen. Das Fell auf seinem Rücken war gesträubt und stach ab wie Dornen.

»Das sollte gelingen«, bemerkte Olaf, als die Thralls den verängstigten Bullen endlich in ihre Gewalt gebracht hatten und der König selbst die langstielige Axt nahm, die ihm einer seiner Herdkarls hinhielt. Es war eine von zwei gleichen Äxten, deren Klingen mit Silber eingelegt waren. Seinen Zwilling hielt ein anderer Herdkarl, der auf einen Wink des Königs vortrat und sie Randver von Hinderå gab.

Randver packte den Schaft und prüfte das Gewicht der Waffe. Dann grinste er und bedankte sich mit einem kurzen Nicken bei Gorm für diese Ehre. Denn mit dieser Geste hatte der König praktisch den Halsreif eines sterbenden Jarls um Randvers Hals gelegt. Dieser Moment mit den beiden Äxten entging niemandem, und der Junge hörte, wie Olaf murmelte, dass Jarl Englis Eingeweidefäule wahrscheinlich gar keine Chance bekäme, ihn umzubringen. Engli würde vermutlich tot sein, kurz nachdem Randver sein Boot an dem Steg in Hinderå vertäut hatte.

»Das hier lohnt sich anzusehen, Junge«, sagte Harald. »Daran wirst du dich noch erinnern, wenn dein Bart weiß ist und deine Knie knarren.«

»Richtig, aber wir sollten trotzdem ein paar Schritte zurücktreten«, meinte Olaf. Bei diesen Worten wichen sie und die anderen Gäste um sie herum ein Stück zurück, während Randver sich vor den schnaubenden Bullen stellte. Er kehrte dem Jungen den Rücken zu, als er die wundervolle Axt packte. Mit einer Hand hielt er das Ende des Schafts, mit der anderen umklammerte er den Schaft unmittelbar unter dem mit Silber beschlagenen Kopf. Der König hatte seinen blauen Umhang abgelegt und ihn seiner jungen Königin gegeben. Er stand an der Seite des Bullen, sein Haar offen und glatt gekämmt, bis auf die Zöpfe, die sein Gesicht einrahmten. Obwohl sie die letzten vier Tage, während sie den Wald nach dem verletzten Elch durchstreift hatten, mehr Zeit unter Kiefernzweigen verbracht hatten als unter den Dachbalken der Halle des Königs, war Gorms Bart ordentlich gekämmt und glänzte. Für den Jungen war er das Abbild eines großen Königs, ein Mann, der näher bei den Göttern war als alle anderen Männer. Und in den Augen dieses Jungen kam nur sein Vater ihrem Gastgeber an Statur und Ausstrahlung gleich. Und doch war er sicher, dass der König trotz all seines Silbers und seiner Schiffe, seiner Krieger und seines goldenen Mets, der, wie Olaf sagte, der beste war, den er je gekostet hatte, niemals einen Speer so weit werfen konnte wie sein Vater. Und auch nicht so weit rudern konnte, einen wütenden Widder niederringen oder eine nervöse Kuh besser beruhigen konnte als Harald. Der Junge wusste das alles ohne den geringsten Anflug von Zweifel, während er zusah, wie der König seine Schultern lockerte und Randver zunickte, sich bereit zu machen. Der Bulle brüllte heiser und zerrte an den Seilen, die die Thralls festhielten. Sie zogen das Tier in alle Himmelsrichtungen, damit es so ruhig stand, wie es nur ging.

»Óðin! Ich schlachte dieses Tier dir zu Ehren, damit es dir Kraft gebe und damit du weißt, dass ich, Gorm, Sohn von Grimar, ein würdiger König bin. Dass ich ein Ringgeber bin, der seine Leute mit Met und Fleisch versorgt, im Austausch für ihre Treue.«

»Óðin! Óðin! Óðin!«, riefen Gorms Herdkarls. Andere nahmen den Ruf auf, und etliche blickten in den wolkenverhangenen Himmel. Einige beobachteten dagegen ihren König, der von Óðin sehr geliebt wurde, jedenfalls dem Festmahl nach zu urteilen, das sie schon bald auf den Bänken in der Halle ihres Herrn verzehren würden.

Dann flogen die mit Silber beschlagenen Äxte. Randver holte mit seiner aus und drehte dabei den Schaft, sodass der Kopf auf dem Bullen landete, nicht die Klinge. Er traf das Tier genau zwischen seinen aufgerissenen Augen, und das unmissverständliche Knacken, mit dem ein Schädel gespalten wurde, ertönte. Einen Herzschlag später traf auch die Klinge des Königs. Die Zuschauer keuchten angesichts der enormen Kraft, die hinter diesem Axthieb saß. Sie durchschlug die dicke Haut, den Knorpel und die Halsknochen des Bullen und trennten ihm sauber den Schädel vom Körper, bevor sich die Klinge in die Erde grub. Blut spritzte wie roter Regen aus dem Stumpf. Die Fontäne reichte mehr als vier Schritt weit, bespritzte Sigurds Schuhe, während sie in rhythmischen Stößen aus dem klaffenden Hals pumpte. Dann gaben die Beine des Bullen nach, so wie die des Elchs, und das große Tier stürzte zu Boden.

Randver drehte sich zu der Menge herum. Sein Gesicht war blutverschmiert, und seine Zähne blitzten weiß unter dem Rot. Männer, Frauen und Kinder jubelten ihm zu.

Nur aus dem Mund des Jungen kam kein Jubel.

Aber dann reichte König Gorm seine Axt einem Diener und trat zu Harald. Er legte ihm einen Arm über die Schulter. »Und jetzt trinken wir!« Harald grinste, als sie beide, der König und der Jarl, an der Spitze der Leute den Hang hinauf zu den offenen Türen der großen Halle gingen – jener Halle, die hoch über der Karmsund-Enge thronte, gleich der Seetruhe eines Giganten, angefüllt mit Hacksilber aus jedem Schiff, das an ihr vorbeisegelte. Die Halle war eine Schatzkiste, auf der König Gorm saß und um die sich andere reiche und mächtige Männer versammelten, in der Hoffnung, dass etwas von ihrem Glanz auch auf sie übergehen möge.

»Da hast du ein paar schöne Geschichten zu erzählen, wenn du nach Skudeneshavn zurückkehrst, was, Junge?« Olaf und der Junge waren an den Tisch des Königs gebeten worden, an dem nur seine wichtigsten Herdkarls saßen. Harald selbst saß Schulter an Schulter bei dem König. »Sag mir, warum der König gerade dieses schöne Tier geköpft hat, Junge.« Olaf hielt sein Horn einer Thrall hin, die es aus einem Krug füllte, der so schwer war, dass sie ihn kaum heben konnte.

»Er will, dass alle sehen, wie großzügig er ist«, gab der Junge zurück. Er wusste, dass er eigentlich mit großen Augen dasitzen und über all das Essen auf dem Tisch vor ihm staunen sollte, auf die Platten mit Wildschwein, Ziege, Pferd, Gans und Hase. Über die vielen Laibe heißen Brotes und die gekochten Möweneier, die Berge von reifen roten Trauben und Pflaumen, über all den Käse, die Schüssel mit Skyr und Honigwaben. Aber etwas an der Art und Weise, wie dieser stolze Bulle gestorben war, war ihm auf den Magen geschlagen.

»Zum Teil, ja«, erwiderte Olaf und nickte. Dann trank er und fuhr sich mit der Hand über seinen Schnauzbart. »Aber warum hat er es selbst getan?« Olaf deutete mit einer Kopfbewegung auf die Männer des Königs, die ihnen gegenüber am Tisch saßen. »Jeder dieser Männer hätte für ihn diesem Bullen die Kehle durchschneiden können, und fertig. Kurz und bündig.« Ein Hüne, der Olaf gegenübersaß, fing seinen Blick auf. Die beiden Krieger hoben ihre Trinkhörner zum Gruß, nickten und spülten dann den Met durch ihre Kehlen.

Der Junge zuckte mit den Schultern. Olaf beugte sich so dicht zu ihm, dass er den süßen Met-Atem des Mannes riechen konnte. »Natürlich ging es auch um das Blut«, sagte Olaf leise. »So wie es gespritzt ist und unsere Schuhe getränkt hat. Das war ein Opfer für die Götter. Aber es erfordert sehr viel Geschicklichkeit und viel Kraft, wenn man einem Bullen so den Kopf abschlagen will, selbst mit einer scharfen Axt.« Olaf lächelte. »Man muss genau im richtigen Moment zuschlagen. Das Tier hätte von Randvers Hieb auf seinen Hirnkasten umfallen können, und der König hätte diese glänzende Klinge nur in den Schlamm gehackt. Und wenn man statt eines Bullen Würmer in zwei Teile hackt, bringt einem das nicht gerade Ruhm ein.« Der Junge musste unwillkürlich bei dieser Vorstellung lächeln, während Olaf einen weiteren Schluck nahm. »König Gorm wollte, dass wir alle sehen, wie er mit einer Axt umgehen kann. Denn es braucht mehr als Silber, mehr als ein Festmahl, um Männern wie deinem Vater zu zeigen, dass du ihre Treue verdienst. Er will, dass Harald sein Schwert küsst. Und er will, dass alle hier es sehen, denn er weiß, dass dein Vater ein Krieger ist.« Er fuhr mit dem Trinkhorn durch die verrauchte Luft. »Alle in dieser Halle wissen das. Also muss der König uns ab und zu daran erinnern, dass auch er ein Krieger ist. Verstehst du das, Junge?«

Der Junge nickte nachdenklich. »Könntest du das auch tun, Olaf? Einem Bullen mit einem Hieb den Kopf abschlagen?«

Olaf dachte einen Moment darüber nach und fuhr sich mit dem Arm über seinen schimmernden Bart. »Selbst mit dem Schaftende, Junge.« Er grinste. »Und mit halbem Schwung.« Er lachte, und der Junge stimmte in das Lachen ein. Da beugte sich der König vor und rief ihm über den Tisch hinweg zu, er solle ihnen doch erzählen, worüber er und der Junge von Harald so herzlich lachten wie zwei junge Bettsklaven unter ihren Fellen.

»An diesem Ende des Tisches reden wir gerade über Schiffssteuern und was wir wegen der Insel-Karls unternehmen sollen, die die Kühe, die Schweine und das Getreide nicht hereinbringen, das sie mir schulden.« Gorm lächelte. »Wenn ihr also etwas Lustiges zu erzählen wisst, nur heraus damit.«

Alle Augen richteten sich auf sie, und der Junge fühlte sie wie die Hitze aus einer Esse auf seiner Haut.

»Herr König.« Olaf nickte respektvoll. »Ich habe dem Jungen gerade erzählt, wie sein Vater und ich mehr als einmal von einem Widderbock auf den Hintern gesetzt wurden. Dein Bulle war wirklich ein Gigant, das kann niemand bestreiten. Aber dieser Widder war ein zweiter Grendel, stimmt’s, Harald?«

»Mich fröstelt immer noch, wenn ich nur an ihn denke«, sagte Harald. »Aber die Geschichte hat wenigstens ein gutes Ende genommen«, fügte er hinzu und prostete Olaf mit seinem Trinkhorn zu. Allerdings schien es König Gorm nicht zu gefallen, außen vor gelassen zu werden. Oder aber er wusste vielleicht auch sehr genau, dass Olaf und der Junge nicht über einen Widder geredet hatten, und es gefiel ihm nicht, belogen zu werden. Doch er nahm den Faden auf, um ihn in seinem Sinne weiterzuspinnen.

»Das ist eine gute Lektion, die du den Jungen lehren kannst, Olaf.« Er deutete mit einem dicken beringten Finger auf den Krieger. »Haralds Junge sollte immer bedenken, dass Größe und Stärke allein einem Krieger noch nicht zum Sieg verhelfen.« In der Halle war es jetzt still bis auf das Knistern der Flammen in der Esse und dem Geräusch, mit dem ein Bluthund des Königs unter dem Tisch an einem fleischigen Knochen herumkaute. »Muskeln sind wichtig. Aber der Verstand ist noch wichtiger.« König Gorm tippte an seinen Schädel, und der Junge hörte das Pochen selbst da, wo er saß. Wie das Festmahl auf diesem Tisch für Haralds Augen aufgetragen worden war, so galten seine Worte jetzt den Ohren des Jarls, was alle wussten. »Ich bin nicht König geworden, in dem ich wie ein Berserker herumgerannt bin und mir Feinde gemacht habe. Ein Mann muss Geduld haben, wenn er hoffen will, zu Ruhm und Ehre zu kommen.«

Alle wussten genau, wie Gorm König geworden war, wie er im Süden und an der Ostküste von Svealand Raubzüge unternommen und seine Seetruhe mit Beute gefüllt hatte. Aber er hatte es aufgespart, auf seinen Moment gewartet, bis er genug Silber zusammenhatte. Genug, um die Jarls und Kriegshäuptlinge und die wohlhabenderen Karls innerhalb eines Umkreises von einer Woche Seereise rund um Karmøy zu überzeugen, ihn dabei zu unterstützen, Jarl Grubbis Sitz zu erobern. Und alle wussten auch, dass er, nachdem er selbst einen Speer in Grubbis Bauch gerammt und so den Sitz errungen hatte, angefangen hatte, den schmalen Kanal in der Enge unter der Halle noch enger zu machen – mit Booten, die sicher an den Felsen vertäut waren. Keine Mannschaft konnte hoffen, unbemerkt hindurchzuschlüpfen. Sie musste Gorm Wegezoll bezahlen oder aber darum kämpfen, was den sicheren Tod bedeutete.

Kurz danach hatte er sich selbst zum König ausgerufen, und keiner der Jarls hatte Einwände erhoben. Genauso gut hätten sie dem Regen verbieten können, auf ihre Dächer zu fallen.

»Geduld ist das, was den großen Jäger vom hungrigen Jäger unterscheidet, Junge«, fuhr Gorm jetzt fort. »Was du ja selbst weißt, denn haben wir die Jagd auf den großen Elch aufgegeben, als er vor vier Tagen im Wald verschwunden ist?« Der Blick des Königs bohrte sich in seinen, bis er nicht mehr länger schweigen konnte.

»Nein, mein König«, sagte er.

»Nein, das haben wir nicht«, meinte Gorm. »Du selbst hast einen Speer geschleudert wie ein kleiner Gott, wie der junge Thór, und du hast diesem mächtigen Elchbullen eine blutige Wunde versetzt. Dann hast du dir Zeit gelassen, niemals an dem Ergebnis gezweifelt, bis wir ihn schließlich eingeholt haben und dein Vater die Sache zu Ende gebracht hat.« Bei diesen Worten stieß er mit seinem Methorn gegen das von Harald. »Dein Junge weiß sich in Geduld zu üben, Jarl Harald«, sagte Gorm. »Aber das kann ich auch. Deshalb sind wir jetzt schon so lange Freunde, und deshalb habe ich dich kein einziges Mal aufgefordert, mir den Treueeid zu schwören. Nicht einmal. Ich habe dich nie gebeten, mein Schwert zu küssen, obwohl andere Jarls das längst getan haben, ebenso wie jeder einzelne Mann an meinem Tisch.«

Harald nickte und räumte damit ein, dass dies die Wahrheit war. Er wusste, dass seine Anwesenheit hier in Avaldsnes, all der Met des Königs, den er getrunken hatte, all das zu diesem Moment geführt hatte. Und auch wenn sich sein Freund tatsächlich Zeit gelassen und bewiesen hatte, dass er ein geduldiger und geschickter Jäger war, war diese Zeit jetzt an ein Ende gekommen.

Der Junge versuchte, all das zu verstehen, aber es war zu verwirrend. Selbst wenn Olaf neben ihm saß und versuchte, ihn durch diese unruhigen Wasser zu steuern. Der Junge dachte bereits an andere Dinge, an die Maden im Fleisch des Elchs oder daran, wie der zukünftige Jarl Randver und der König den Bullen geschlachtet hatten. Und wie das Blut geflossen war, in einem roten Strahl, der wie ein blutiger schimmernder Bifrøst die Welt der Götter und Menschen miteinander verband. Selbst seine Schuhe waren von dem Blut bespritzt worden. Es war ein Tag des Blutes gewesen, aber jetzt erlebten sie eine Nacht des Speisens und Trinkens, eine Nacht der Lieder der Skalden und der Freundschaft.

Und später, als die Tranlampen bereits anfingen zu flackern und die Flammen in der Esse heruntergebrannt waren, als die ersten Männer und Frauen auf ihren Bänken eingeschlafen waren, während sie noch ihre Trinkhörner umklammerten, da leistete Jarl Harald dem König seinen Treueschwur.