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Reem Sahwil

mit Kerstin Kropac

Ich habe

einen Traum

Als Flüchtlingskind in Deutschland

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Ihre Tränen vor der Bundeskanzlerin rührten die Nation: Reem Sahwil wurde 2000 in einem libanesischen Flüchtlingslager geboren und hat in ihrem jungen Leben bereits viel erlebt. Seit ihrer Geburt ist sie zu 30 Prozent gelähmt. Durch Unterstützung des Roten Kreuzes und anderer Organisationen kam sie 2010 nach Deutschland, um operiert zu werden. Seither lebt sie mit ihren Eltern und ihren zwei Geschwistern in Rostock. Ihre Geschichte steht stellvertretend für das Schicksal unzähliger Flüchtlinge in Deutschland, die nur den einen Wunsch haben: endlich in Sicherheit und ohne Angst leben zu können. Der bewegende Lebensweg eines Mädchens und seines Traums von einer besseren Welt.

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Originalausgabe 09/2017

Bildnachweis: Ich habe einen Traum (60392)

Bildredaktion: Tanja Zielezniak, Stand: 21.04.2017

Alle Bilder stammen von Susanne Krauss (susanne-krauss.com), mit Ausnahme von: Privatarchiv Reem Sahwil: Bild 1, Bild 2.; Gettyimages: Bild 3, Bild 4 (Sam Tarling/Kontributor); Imago: Bild 5 (Bildwerk); Picture Alliance: Bild 6, U4 (Steffen Kugler/Bundesregierung/dpa).

Copyright © 2017 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Beratung: Stefan Linde

Redaktion: Anja Freckmann

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich,

unter Verwendung eines Fotos von: © Gordon Welters/laif

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN: 978-3-641-19032-3
V001

www.heyne.de

Haifa.

Hier schimmert das Mittelmeer in seinem schönsten Azurblau. Breite Straßen sind von haushohen Palmen gesäumt. In üppig bewachsenen Gärten blühen rosa und knallpinke Oleander neben Oliven- und Orangenbäumen. Nirgendwo sind die Früchte saftiger oder die Datteln süßer. Auf den sattgrünen Wiesen der riesigen Parks spielen Kinder Fußball. Juden, Muslime, Christen – alle miteinander.

Alles ist friedlich.

Und alle sind glücklich.

Meine Uroma lehnt sich auf ihrer schmalen Bank zurück – gegen die hässlich graue Wand unseres Hauses. Mit ihrem verwaschenen Stofftaschentuch wischt sie sich eine Träne aus ihrem Gesicht. Es zerreißt mir jedes Mal das Herz, wenn ich die alte Dame weinen sehe. Etwas hilflos blicke ich zu ihr auf. In ihren faltigen Händen dreht sie den Schlüssel zu ihrem alten Zuhause. Diesen Schlüssel trägt sie immer bei sich. Jeden Morgen steckt sie ihn in ihr buntes Gewand mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie sich jeden Morgen ihr weißes Kopftuch umbindet – und das, obwohl sie ihr Haus in Haifa bereits vor über sechzig Jahren verlassen hat. Für mich ist das unvorstellbar lange her – unendlich lange bevor ich geboren wurde, sogar unendlich lange bevor meine Eltern geboren wurden.

Ein anderes Leben. In einer anderen Zeit.

Doch für meine Uroma ist es, als hätte sie ihre Haustür erst gestern hinter sich zugezogen. Dieser Schlüssel in ihren Händen fühlt sich an wie ein Versprechen, das noch eingelöst werden muss: das Versprechen ihrer Rückkehr.

Ich sitze zu ihren Füßen auf dem lehmigen Boden vor dem Haus, in dem ich mit meiner Familie lebe: mit meinen Eltern, zwei Onkeln und ihren Familien, einer unverheirateten Tante, einem unverheirateten Onkel, Oma und Uroma – insgesamt 24 Personen. Deshalb ist bei uns auch immer viel los. Natürlich. Immerhin sind wir vierzehn Kinder!

In diesem Moment stürmen einige meiner Cousins und Cousinen lachend aus der Haustür ins Freie, an Uroma und mir vorbei, ohne uns zu beachten. Sie sind mitten im Spiel: Fangen – definitiv eine der Lieblingsbeschäftigungen der Kinder hier im Lager. Meine Cousinen kreischen aufgeregt, und meine Cousins warten jedes Mal, bis der Fänger ganz dicht bei ihnen ist, um dann im letzten Moment zu entwischen. Dabei müssen sie sich in den verwinkelten Gassen immer wieder ducken, weil die Stromkabel, die wie bunte Girlanden sämtliche Häuser des Flüchtlingslagers miteinander verbinden, an manchen Stellen ziemlich tief hängen. Sehnsüchtig schaue ich ihnen hinterher – wie gerne würde ich mit ihnen herumtoben!

Weil auch Uroma kurz abgelenkt ist, versuche ich, den Kindern hinterherzurobben. Laufen kann ich nicht, da ich seit meiner Geburt einseitig gelähmt bin – eine Folge der schlechten medizinischen Versorgung hier im Lager. Aber trotz meiner Behinderung lassen mich meine Cousins und Cousinen immer mitspielen – so gut es eben geht. Gerade will ich meiner Lieblingscousine Doaa zurufen, dass sie auf mich warten soll, da stoppt ein Gehstock meine Flucht. Er steckt plötzlich direkt vor mir im lehmigen Boden.

Frustriert blicke ich an ihm hoch – in das vorwurfsvolle Gesicht meiner Uroma. Leider ist sie selbst mit ihren hundert Jahren noch viel flinker als ich! Resolut treibt sie mich zurück zu ihrer Bank, wo ich mich wieder neben sie setzen soll, um ihr weiter zuzuhören. Uroma liebt es, wenn sie Zuhörer hat. Aber ich bin sechs Jahre alt. Ich will spielen! Trotzig senke ich meinen Blick und schiebe meine Unterlippe vor. Ich finde es gemein, dass ich immer bei der alten Frau hocken muss, während meine Cousins und Cousinen Spaß haben. In solchen Momenten hasse ich meine Behinderung. Zumal ich Uromas Geschichten längst auswendig kenne – schließlich habe ich sie bereits tausendmal gehört. Mindestens.

Nachdem Uroma ächzend zurück auf ihre Bank gesunken ist, streichelt sie mir liebevoll über die Wange und schaut mich aus ihren wässrigen Augen zärtlich an. Schlagartig tut es mir leid, dass ich abhauen wollte. Vorsichtig lehne ich meinen Kopf gegen ihr Knie. Ich höre, wie meine Uroma einen tiefen Atemzug nimmt. Und während sie mir über mein Haar streicht, beginnt sie wieder zu erzählen: Wie sie als Witwe in Haifa ganz friedlich in einer Reihenhauszeile mit drei Einheiten gelebt hat – links neben ihr Christen, in der Mitte meine Uroma, rechts eine jüdische Familie. »Alle Menschen waren gleich. Es gab kein Reich, es gab kein Arm. Die Religion war egal. Wir waren alle nur stolz, in Haifa zu wohnen. Für uns war es die schönste Stadt der Welt. Direkt am Meer.« Sie seufzt. »Ich wäre so gerne dort geblieben!« Wieder werden ihre Augen glasig. Uroma wischt sich eine Träne weg, und ich streichle tröstend über ihr Bein. Dann lasse ich meinen Kopf wieder sinken und höre weiter zu, als meine Uroma wieder in ihren Erinnerungen versinkt, wie sie früher immer am Rande eines sprudelnden Brunnens gesessen hat. Zusammen mit Rachel, ihrer jüdischen Nachbarin. Rachel war damals Uromas beste Freundin. Die beiden haben stundenlang zusammen Tee getrunken, gequatscht und gelacht. Politik hat die beiden Frauen überhaupt nicht interessiert. Natürlich haben sie mitbekommen, dass es in der Stadt Unruhen gab. Vor allem seit die UNO im Herbst 1947 beschlossen hatte, Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Sie wussten auch, dass Haifa demnach künftig zu Israel gehören sollte. Sogar von den Kämpfen, die neuerdings in der Stadt zwischen Arabern und Juden stattfanden, hatten die beiden gehört. Aber irgendwie dachten sie, das Ganze würde sie nichts angehen. Sie hofften, da würden sich ein paar Leute eine Weile streiten, wie es doch eigentlich schon immer in dieser Region gewesen war, aber danach würden in der schönen Hafenstadt wieder Ruhe und Frieden einkehren.

Doch leider haben sich meine arabische Uroma und ihre jüdische Freundin Rachel geirrt. Eines Morgens – ungefähr in der Mitte des Jahres 1948 – hämmerte es in der Frühe an Uromas Haustür. Bewaffnete Männer stürmten in ihr kleines Reihenhaus, bedrohten meine Uroma und forderten sie auf, sofort ihr Haus zu verlassen. Meine Uroma war völlig unvorbereitet. In aller Eile und unter den strengen Augen der aufgebrachten Männer stopfte sie schnell ein paar Kleider und ihren geliebten Messingmörser in eine Reisetasche. Anschließend verließ sie, immer bewacht von den fremden Männern, das Haus und schloss wie selbstverständlich die Haustür ab. Den Schlüssel steckte sie in ihr Gewand. Dann ist sie geflohen – ohne sich von Rachel zu verabschieden. Uroma dachte, sie und ihre Freundin würden sich ohnehin bald wiedersehen, und dann könnte sie ihr von diesem unglaublichen Vorfall erzählen. An ihrem sprudelnden Brunnen bei einer Tasse Tee …

Doch erst einmal musste sie zusammen mit meiner Oma und ein paar anderen aus der Familie fliehen. Immerhin hatte sie so zwar das Wichtigste bei sich, aber gleichzeitig unendlich viel zurückgelassen: ihre beste Freundin Rachel, ihr Haus, in dem so viele Erinnerungen steckten, ihre Vergangenheit, eigentlich ihr gesamtes geordnetes, behütetes, geliebtes Leben. Uroma floh aus Haifa. Zusammen mit unzähligen anderen unglücklich Vertriebenen zog sie am Karmelgebirge vorbei. Es war heiß. Die glühende Sommersonne forderte gerade unter den Ältesten und Schwächsten der Flüchtlinge zahlreiche Todesopfer. Immer wieder ertönte ein Wehklagen durch die Menschenmenge. Leute fielen ab und blieben zurück. Wer sich auf den Beinen halten konnte, marschierte weiter und weiter. Bis der Tross nach ein paar Tagen völlig erschöpft den Libanon erreichte. Knapp zweihundert Kilometer Luftlinie von ihrem Zuhause in Haifa entfernt fanden die Flüchtlinge Zuflucht: in der ehemaligen französischen Militärkaserne Wavel bei Baalbek, nahe der syrischen Grenze. Hier sah alles aus, als wäre es von einer Staubschicht bedeckt. Graue Böden, graue Wände, ein graues Leben. Damals glaubte meine Uroma fest daran, nur ein paar Wochen in Wavel bleiben zu müssen, allerhöchstens zwei oder drei Monate …

Inzwischen leben wir in diesem Lager in der vierten Generation. Meine Eltern wurden hier geboren, auch sie haben als Kinder schon in diesen engen Gassen gespielt. Ohne einen einzigen Spielplatz, ohne grüne Wiesen. Es gibt nicht mal einen Baum in diesem Lager. Stattdessen ist alles trocken, laut und staubig. Obwohl ich es nie anders kennengelernt habe, finde ich unser Lager nicht schön. Ständig fällt der Strom aus. Manchmal gibt es kein Wasser. Alles wirkt schmutzig und verwahrlost. Allein die Menschen hier machen das Leben lebenswert und bunt. Und sie alle warten nur darauf, zurückkehren zu dürfen. In das Leben, das sie eigentlich leben sollten – in einer schönen Umgebung, in einem Haus, das man voller Stolz sein Zuhause nennt, in Sicherheit und mit einer Chance auf eine sorgenfreie und glückliche Zukunft. Ich seufze und schaue frustriert auf die graubraune Fassade des gegenüberliegenden Hauses, von der überall der Putz abbröckelt. Natürlich hat keiner Lust, dieses Lager schön zu machen.

Dies ist nicht unser Zuhause! Auch wenn wir hier leben …

In diesem Moment bemerke ich im Augenwinkel meine Lieblingscousine Doaa, die schnaufend auf uns zusteuert und sich neben mir auf den Boden plumpsen lässt. »Ich kann nicht mehr!«, stöhnt sie. Ihre Wangen sind gerötet, ihre Augen strahlen. Als plötzlich ein Mofa um die Ecke biegt und ganz dicht an uns vorbeiknattert, zucken wir erschreckt zusammen. Mein Vater und meine Onkel schimpfen jedes Mal, wenn sie das mitkriegen: Die Kerle sollen gefälligst auf die alte Frau und uns Kinder Rücksicht nehmen! Aber die jungen Männer lachen bloß und brettern weiter. Meine Cousins und Cousinen kennen das schon und springen jedes Mal kreischend in Richtung Häuserwand. Es ist fast wie ein Spiel, das allerdings sofort vergessen ist, als ein Nachbarsjunge mit seinem neuen Fußball in unserer Gasse auftaucht. Aufgeregt schwirren ihm meine Cousins und Cousinen entgegen. Doaa reckt ihren Hals und rappelt sich dann auf, um zusammen mit den anderen den neuen Ball zu bestaunen.

Ich zucke gleichgültig mit den Schultern. Mit einem Fußball kann ich wirklich überhaupt nichts anfangen. Stattdessen nehme ich vorsichtig Uromas Hand und streichle sie. Dabei fällt mir wieder auf, wie erstaunlich weich ihre Haut ist, obwohl sie so alt und faltig aussieht. Meine Uroma seufzt. Ich spüre ihren unendlichen Schmerz. Natürlich ahnt sie, dass sich ihr Traum von einer Rückkehr nach Haifa niemals mehr erfüllen wird. Deshalb umschließt sie meine beiden Hände und sieht mich beinahe bittend an: »Du musst Haifa in deinem Herzen behalten. Versprichst du mir das?« Ich nicke. Wie immer. Dabei spüre ich den harten Schlüssel auf meinem Handrücken. Uroma lächelt dankbar.

Obwohl bislang keiner außer ihr diese legendäre Stadt gesehen hat, tragen wir alle Uromas Bilder in uns. Haifa ist für uns ein Ort, in dem alle Weltreligionen friedlich zusammenleben, ein Ort, in dem es Kirchen, Synagogen und Moscheen gibt. Ganz selbstverständlich. Und alles nebeneinander. Hier kann man sich Oliven von den Bäumen pflücken, und keiner muss hungern. In Haifa spielen die Kinder auf saftig grünen Wiesen und lernen in modern ausgestatteten Schulen. Es ist der Ort, in dem es für alle Menschen Arbeit und eine sichere gemeinsame Zukunft gibt. Haifa ist die Heimat unserer Herzen. Unsere Hoffnung. Unsere Hoffnung auf ein Zuhause.

Solange ich in dem Flüchtlingslager Wavel lebte, glaubte ich, Haifa sei unsere Zukunft – und hielt an diesem Traum fest, obwohl ich insgeheim längst begriffen hatte, dass er vermutlich niemals wahr werden würde.

Aber dieser Traum war wichtig. Er machte unser Leben leichter. Er ließ uns hoffen.

Hätten wir uns damit abgefunden, dass wir für alle Zeiten in Wavel leben müssten – als Flüchtlinge ohne Rechte, ohne eine Chance auf eine freie Berufswahl, auf Bildung und Krankenversorgung wäre unser Leben dem Tod gleichgekommen. Dann hätten wir alle nur darauf gewartet, dass es vergeht. Ein Tag wie der andere … Aber so behielten wir alle die Hoffnung. Den Mut. Die Zuversicht.

All das schenkte uns der Glaube an Haifa.

Meine Familie und ich hatten sogar besonders großes Glück. Wir durften die besondere Erfahrung machen: Haifa ist nicht nur ein Traum. Haifa ist möglich. Wenn auch an einem anderen Ort. Auch in Rostock stehen überall Bäume, und es gibt Parks, in denen die Kinder aller Weltreligionen friedlich miteinander spielen. Hindus, Juden, Christen und Moslems. Alle dürfen unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer Nationalität gemeinsam eine Schule besuchen und von einer Zukunft träumen, die sie gestalten können, wie sie wollen.

Natürlich ist Rostock nicht Haifa und die Ostsee nicht das Mittelmeer. Hier wachsen auch keine Olivenbäume – und wenn, dann tragen sie keine Früchte. Aber darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist: Wir haben hier in Rostock zum ersten Mal ein Zuhause gefunden. Ein friedliches, sicheres Zuhause. In dem ich davon träumen kann, Journalistin zu werden. Oder Schriftstellerin. Oder einfach nur ein glücklicher, freier Mensch.

Ich möchte all das nie wieder aufgeben müssen.