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– Für Jesper –

3. Auflage 2017
© 2017 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle Rechte vorbehalten
Innenillustrationen und Cover: Vera Schmidt
Umschlagkonzeption: Sandra Filić / Illustration Pfeil: Freepik.com
AW • Herstellung: AJ
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Reproduktion: ReproLine Mediateam, München
ISBN 978-3-641-19634-9
V002

www.cbj-verlag.de

Inhalt

1 Fährt der Bauer morgens Mist,
ändert sich alles, oder es bleibt wie es ist

2 Kräht der Hahn schon früh am Morgen,
muss man Ohrstöpsel besorgen

3 Bekommt man vor Langeweile eine Meise,
macht man sich am besten auf die Reise

4 Will man im Dorf mal shoppen geh’n,
muss man nach alten Joghurts seh’n

5 Verirrt ein Fremder sich aufs Land,
ist er entweder verwirrt oder verwandt

6 Kannst du krumme Dinger dreh’n,
bist du hier hoch angesehn

7 Damit man was Tolles ernten kann,
packen alle kräftig mit an

8 Willste Bauersfrauen nerven,
musste Pferdeäpfel werfen

9 Bist du auf dem Dorf ein großer Held,
weiß es bald die ganze Welt

10 Wenn Landfrauen Theater machen,
haben Kinder nix zu lachen

11 Pack die Badehose ein,
nimm dein kleines Brüderlein
(und dann nischt wie raus zum Plörrsee)

12 Wenn du denkst, es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her

»Dieses Kaff nervt!«, brüllte Meggy am Morgen des ersten Sommerferientages. Hahn Pavarotti hatte sie aus dem Schlaf gerissen, und kurz darauf brachte der schwere Traktor von Bauer Kunze, der direkt an ihrem Zimmer vorbeirauschte, ihr klappriges Bett zum Beben. Müde und wütend zog sie sich die Decke über den Kopf.

Das Kaff hieß Dümpelwalde und lag inmitten von weiten, saftigen Wiesen und unzähligen Apfelbäumen. Manche nannten Dümpelwalde auch das Ende der Welt, da, wo der Hund begraben liegt oder wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Der ein oder andere an Altersschwäche oder Langeweile gestorbene Hofhund lag in Dümpelwalde auch bestimmt begraben, aber Füchse, die irgendwas zu Hasen sagen, hatte Meggy hier noch nie gesehen. Und das Ende der Welt war ja wohl eher das fünf Kilometer entfernte Nest Sumpflitz. Denn dort hörte die Hauptstraße mitten im Dorf auf und ging in einen vermatschten Trampelpfad über, der in einem Acker endete.

Aber ganz egal, wie die Leute Dümpelwalde nannten, Meggy liebte diesen Ort, auch wenn sie das an diesem ersten Sommerferienmorgen nicht zum Ausdruck bringen konnte. Ihr Wecker zeigte 6:25 Uhr. Das war wirklich sehr früh für einen Ferientag, aber nachdem Pavarotti ein zweites Mal schiefe Töne ins Tal gekräht hatte, war Meggy endgültig wach. Am liebsten hätte sie irgendwas nach draußen auf Pavarotti geworfen, was das Federvieh zum Schweigen gebracht hätte, doch dafür war sie gerade zu faul. An Weiterschlafen war allerdings auch nicht zu denken, denn Pavarotti krächzte, als wäre er bei »Deutschland sucht den Superhahn«.

Eigentlich hatte Meggy gehofft, dass sie Dümpelwalde in diesen Sommerferien mal für ein paar Wochen verlassen würde. Einfach, um zur Abwechslung mal was anderes zu sehen. Einige Kinder aus ihrer Klasse machten in fernen Ländern Urlaub, doch Meggys Eltern hatten dafür momentan einfach kein Geld übrig.

Meggys Mutter hatte vor Kurzem ihren eigenen Hofladen eröffnet, in dem sie Apfel-Delikatessen verkaufte. Äpfel gab es in Dümpelwalde auch ohne Ende, nur Kunden gab es nicht so viele. Deshalb musste ihr Vater einige Extraschichten einlegen, damit die Familie über die Runden kam. Er war Versicherungsvertreter und daher ständig in den umliegenden Dörfern unterwegs. Ein Bauer aus Sumpflitz hatte bei ihm sogar mal eine Versicherung für seinen Gockel abgeschlossen, weil der mit seinem fürchterlichen Gekrähe Glasscheiben zum Platzen brachte.

Meggy würde später mal einen ganz anderen Beruf wählen als ihre Eltern, das stand fest. Ihr größter Wunsch war es, Gangsterbraut in San Francisco zu werden. Manchmal saß sie mit geschlossenen Augen unter einem der Apfelbäume im Garten und träumte davon, sich in den kurvigen und buckeligen Straßen von San Francisco Verfolgungsjagden mit der Polizei zu liefern. Meggy war sich sicher, dass das ihre Bestimmung, ja ihr Schicksal war. Und dass sie das Zeug dazu hatte, war schon seit vielen Jahren klar. Bereits im Kindergarten war sie die Anführerin einer gefürchteten Bande gewesen. Und diese Bande existierte heute noch: die Heuhaufen-Halunken!





Meggy

• richtiger Name: Margarethe

• Alter: 10

• Berufswunsch: Gangsterbraut

• Anführerin und kreativer Kopf der Bande

• Halunken-Spezialität: Pläne schmieden und Aufgaben verteilen





Schorsch
(Meggys Bruder)

• richtiger Name: Georg

• Alter: 8

• Berufswunsch: Profiboxer

• ist extrem frech, aber manchmal auch extrem nett

• Halunken-Spezialität: bekommt mit seinen Fäusten jede Tür auf





Knolle*

• richtiger Name: Ben

• Alter: 9

• Berufswunsch: Restaurant-Tester

• ist etwas faul und träge

• Halunken-Spezialität: Gaunereien, die irgendwas mit Essen zu tun haben

* Seinen Spitznamen hat Knolle als kleines Baby bekommen. Damals hatte er nämlich eine Nase, die aussah wie eine Kartoffel. Das Beweisfoto hängt noch bei ihm zu Hause im Wohnzimmer. Mittlerweile sieht seine Nase aber ganz normal aus.





Alfons

• Alter: 10

• Berufswunsch: darüber macht er sich noch keine Gedanken

• ist sehr schlau, aber manchmal etwas dickköpfig

• Halunken-Spezialität: er kann einfach alles besorgen




Lotte (Cousine von Meggy und Schorsch)

• Alter: 5

• Berufswunsch: auf keinen Fall Prinzessin!

• hat es als Nachwuchs-Halunke faustdick hinter den Ohren

• Halunken-Spezialität: wenn sie ihr zuckersüßes Lächeln aufsetzt, kann ihr niemand böse sein

»Na, meine Kleine. Schon so früh wach?«, wunderte sich ihre Mutter, als Meggy total verschlafen in die Küche trottete. »Es sind Sommerferien, da kannst du doch ausschlafen.«

»Sag das mal dem brüllenden Geflügelmonster draußen auf dem Misthaufen«, murmelte sie und setzte sich an den Küchentisch. Es roch nach frischem Kaffee und die Sonne schien freundlich und sanft durchs Fenster. Auf dem Tisch standen unzählige Gläser mit selbst gemachter Apfelmarmelade. Meggys Mutter war damit beschäftigt, in wunderschöner Schnörkelschrift Etiketten zu beschriften. Diese klebte sie dann auf die Marmeladengläser, um sie später in ihrem Hofladen zu verkaufen.

Meggys Mutter stand immer sehr früh auf, weil sie jeden Tag so unendlich viel zu tun hatte. Selbst in den Ferien. Doch leider lief der Hofladen noch nicht so gut, wie sie sich das zunächst vorgestellt hatte. In Dümpelwalde gab es einfach nicht genügend Kundschaft. Doch Meggys Mutter wollte nicht aufgeben. »Wenn sich in den anderen Dörfern erst mal rumspricht, wie lecker meine Marmeladen und Kuchen sind, rennen mir die Leute schon die Bude ein«, machte sie sich immer wieder selbst Mut. Meggy beobachtete, wie sie die Marmeladengläser vorsichtig in einen schön geschmückten Korb stellte und dabei zufrieden lächelte.

Kurz darauf kam Schorsch gähnend in die Küche geschlichen. Seine Augen waren nur halb geöffnet und er setzte sich wortlos an den Tisch. Meggy und ihre Mutter schauten sich lachend an und sagten gleichzeitig: »Pavarotti!«

Es war unglaublich. Am ersten Ferientag saßen die Heuhaufen-Halunken bereits um 8 Uhr morgens in ihrem Hauptquartier in der Scheune von Meggys und Schorschs Eltern.

Dort trafen sie sich bei dem alten stillgelegten Volvo von Meggys Opa, der hinter ein paar Heuhaufen versteckt war. Also der Volvo, nicht der Opa. Der Opa war unter der Erde auf Dümpelwaldes Friedhof versteckt – direkt neben der Oma.

Lotte, die mit ihrer Mama neben der Scheune wohnte, war ebenfalls von Pavarotti aus dem Schlaf gerissen worden. Alfons wurde von Bauer Kunzes Hofhund geweckt, der immer wie wild zu bellen anfing, wenn Pavarotti krähte. Knolle dagegen wachte von heftigen Bauchschmerzen auf. Die hatten wohl mit den zwei Tüten Chips zu tun, die er am Vorabend gegessen hatte. Nach einer Tasse Kakao, einem Brötchen mit Salami und einer großen Portion Rührei mit Speck waren die Schmerzen zwar weg, aber schlafen wollte er dann auch nicht mehr.

»Wenn das jetzt jeden Morgen so geht, brauchen wir nach den Ferien erst mal Urlaub«, stöhnte Alfons. Er rieb sich die Augen und riss den Mund beim Gähnen so weit auf, dass man fast in seinen Hals gucken konnte.

»Jemand muss das Federvieh zum Schweigen bringen«, meinte Schorsch wütend. Er nahm einen Besen und hielt ihn wie ein Gewehr vor sich.

»Au ja – und dann machen wir lecker Chicken Wings«, sagte Knolle, und rieb sich den Bauch.

»Ihr spinnt wohl!«, protestierte Meggy energisch. »Ihr wisst genau, dass der Hahn ein Erbstück von Opa ist. Benannt nach seinem Lieblingsopernsänger. Wir werden Pavarotti keine Feder krümmen!«

Lotte, die sich Nase bohrend die Diskussion angehört hatte, kam plötzlich die rettende Idee: »Meine Mama hat eine ganze Packung Ohrstöpsel. Die nimmt sie immer, wenn ich schnarche!«

Lotte bewohnte gemeinsam mit ihrer Mutter die Einliegerwohnung neben der Scheune. Weil dort wenig Platz war, schliefen sie in einem Zimmer.

»Bin gleich wieder da!«

Lotte sauste aus der Scheune und kam schon wenige Augenblicke später mit einem kleinen Päckchen mit Ohrstöpseln in der Hand zurück. »Für jeden zwei Stück«, sagte sie und gab den anderen die Packung. Die Stöpsel reichten genau für zehn Ohren und das Problem mit Pavarotti war fürs Erste gelöst.

Allerdings erkannten die Kinder gleich das nächste Problem. Es war nämlich immer noch sehr früh am Morgen und die langen Sommerferien lagen vor ihnen.

»Und was machen wir jetzt?«, brachte es Schorsch auf den Punkt. Er scharrte gelangweilt mit seinen Füßen auf dem dreckigen Scheunenboden.

»Gute Frage«, bestätigte Alfons. »Das Freibad in Bröckelbach haben sie letztes Jahr dichtgemacht und die Busverbindung zum Plörrsee wurde im Frühjahr stillgelegt. Und da keiner von uns in den Urlaub fährt, sitzen wir hier alle die nächsten sechs Wochen fest.« Er schnaubte wie ein alter Mann und ließ sich rückwärts ins Heu plumpsen.

Lotte bohrte weiter in der Nase und Knolle schob sich vorsichtig die Brötchenkrümel, die an seiner Backe klebten, in den Mund.

In der Scheune herrschte nun absolute Stille. Von Sommerferienfreude war nichts zu spüren. Stattdessen drohte die Langeweile die Kinder schon am ersten Ferientag zu übermannen. Dümpelwalde schien seinem Namen wieder einmal alle Ehre zu machen.

In Meggy hingegen stieg nun langsam die Wut auf. Für sie gab es nichts Schlimmeres als Langeweile.