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Über den Autor

Rainer Ammel arbeitet seit über 15 Jahren als Mathematiklehrer und Schulpsychologe am Gymnasium. Er berät Schüler und Eltern bei Lern- und Leistungsstörungen, Prüfungsängsten, Mobbing sowie Konflikten mit der Lehrkraft. Nebenberuflich betreibt er die Video- und Übungsplattform Mathegym, die 2016 mit dem begehrten Comenius-Award ausgezeichnet wurde.

Rainer Ammel

Gute Noten
ohne Stress

Ein Lehrer verrät
die besten Tipps und Tricks,
um das Gymnasium
erfolgreich zu bestehen

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

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Originalausgabe 9/2017

Copyright © 2017 by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Michael Schmidt

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-19728-5
V001

www.heyne.de

Inhalt

daumen.tif  Kapitel, in denen ich die Schüler direkt anspreche

Eine Abifeier – Blick zurück in Zorn oder Dankbarkeit?

Wie gut oder schlecht sind unsere Gymnasien?

Wer bin ich, und wen spreche ich an?

Schlechten Gewohnheiten vorbeugen

Hausaufgaben

Hausaufgaben pro und kontra

Fixierung auf das Schriftliche

daumen.tif Hausaufgaben richtig machen

daumen.tif Probleme selbstständig meistern

Eltern und Hausaufgaben

Prüfungen vorbereiten

daumen.tif Die entspannte Phase

daumen.tif Die heiße Phase

Eltern und Prüfungsvorbereitung

Wiederholung von Grundwissen

Bulimielernen

Konstant lernen und regelmäßig wiederholen

daumen.tif So geht regelmäßige Wiederholung

daumen.tif Verschiedene Systeme

Eltern und regelmäßiges Wiederholen

Motivation

daumen.tif Wann ist man motiviert?

daumen.tif Demotivation

daumen.tif Herausfinden und beseitigen, was demotiviert

Kein Bock auf den Lehrer

Eltern und Motivation

Besser werden im Problemfach (besonders Mathematik)

daumen.tif Schadensbegrenzung

daumen.tif Schattenseite der Nachhilfe

daumen.tif Instruktionsverständnis trainieren

daumen.tif Wissen strukturieren und vernetzen

daumen.tif Grundwissen trainieren/Sonstiges

In schwierigen Situationen richtig unterstützen

Zoff mit den Eltern und schlechte Noten – ein Fallbeispiel

Die eigene Rolle überdenken: Kontrolle vs. Motivation

Vertrauen schenken/Freiräume lassen

Zeitliche Befristung

Das wöchentliche Lerngespräch

»Notenpause« einlegen

Einen Plan B haben

Plan B Realschule – weniger schlimm als befürchtet

Prüfungsangst überwinden

daumen.tif Negative Gedanken und Einstellungen

daumen.tif Körperliche Reaktionen

daumen.tif Prüfungsvorbereitung und Notfallplan

Eltern und Prüfungsangst

Konflikte mit Mitschülern (Mobbing usw.)

Ist der Betroffene selbst dran schuld?

Schauen Lehrer weg?

Was man tun kann und was man besser lässt

Der No-Blame-Approach

Konflikte mit Lehrkräften

Sachlichkeit am Esstisch

Der passende Rahmen für das Konfliktgespräch

Anliegen deutlich formulieren

Vorwurfston vermeiden

Wenn sich nichts ändert

Erfolgreich am Gymnasium – was heißt das eigentlich?

Eine Abifeier – Blick zurück in Zorn oder Dankbarkeit?

Die Hitze staut sich in der großen Turnhalle, in der an diesem Abend nichts an ausfahrbare Reckstangen und wuchtige Medizinbälle erinnert. Rund 800 zumeist festlich gekleidete Menschen haben sich an die liebevoll dekorierten Biertische verteilt und freuen sich nach der verspäteten Vorspeise auf den nächsten Gang. Sieht man sich die Tischgruppen genauer an, so entdeckt man dort viele bekannte Gesichter – jung und strahlend, umgeben von stolzen Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden. Hier und da winkt einem ein gut gelaunter Vater zu, nickt eine Mutter höflich in Richtung der beiden Lehrertische, wo auch ich sitze.

Direkt vor mir ist die mit allen technischen Raffinessen ausgestattete Bühne. Im Moment gehört sie dem Moderatorenduo Selina und Hendrik, die in dieser Turnhalle noch vor knapp zwei Monaten bibbernd ihrem schriftlichen Abitur entgegensahen. Doch vom Prüfungsstress ist nun nichts mehr zu erkennen. Top gestylt, charmant und witzig führen die beiden durch die Abiturfeier, und gerade kündigen sie die Verabschiedung meines Kurses an.

Gott steh mir bei! Die meisten Kurse verabschieden sich von ihren Lehrern in Form eines Sketches, bei dem die Schrullen der Pädagogen aufs Korn genommen werden. Das kann unterhaltsam sein, manchmal aber auch peinlich oder sogar verletzend. Vor zwei Jahren verließ eine schwer gekränkte Kollegin mit Tränen in den Augen umgehend die Veranstaltung. Gespannt beobachte ich also, wie meine 23 Kursteilnehmer im Gänsemarsch die Bühne betreten.

Einige von ihnen kenne ich noch aus ihrer Anfangszeit am Gymnasium: Manuel, dem schon als Zehnjährigem der Schalk im Nacken saß und der auch in den letzten zwei Jahren für Spaß im Unterricht sorgte. Jakob, der sich in der sechsten Klasse eine Zeit lang so erfolglos abmühte, dass man Zweifel haben konnte, ob er diesen Tag jemals erleben würde. Anna, die von der ersten Stunde an immensen Ehrgeiz an den Tag legte, der bis zuletzt anhielt und ihr nun ein erstklassiges Abitur beschert hat. Jan, der Deutschamerikaner, der im Unterricht immer zu schlafen schien, aber voll bei der Sache war, sobald einmal nicht-mathematische Themen anstanden.

Hat mein Mathematikunterricht sie bereichert, ihnen etwas fürs Leben gebracht? Den wenigen, die Mathematik, Physik oder ein technisches Fach studieren werden, mit Sicherheit – aber wie steht es um den großen Rest? Wir Mathelehrer betonen gern, dass selbst in Studiengängen wie etwa Psychologie oder BWL, die mit höherer Mathematik nichts am Hut zu haben scheinen, kein Weg um anspruchsvolle Statistikklausuren herumführt. Dennoch bleibt die Frage, ob man von allen Schülern verlangen muss, sich zwei Jahre lang mit hoch abstrakten, vom persönlichen Alltag völlig losgelösten Bereichen der Mathematik zu beschäftigen. Wäre es für die mathematisch weniger Interessierten und Talentierten unter ihnen nicht sinnvoller, verstärkt die Basics zu trainieren, die heute vielen Abiturienten trotz bestandener Prüfung völlig abgehen?

»Herr Ammel, bitte kommen Sie auf die Bühne!«

Jetzt hilft nur noch Beten, dass sie es gut mit mir meinen. Leise seufzend mache ich mich auf den Weg ins Rampenlicht und nehme gefasst auf dem exponierten Stuhl Platz, von dem aus ich vermutlich gleich eine Karrikatur meiner selbst vorgeführt bekomme. Die Show beginnt – und mein Angstzentrum sendet schon nach wenigen Sekunden: Entwarnung. Nein, hier findet kein Abwatschen statt, sondern eine gekonnt inszenierte Darbietung von »Highlights« aus zwei Jahren Mathematikunterricht! Lustige, zum Teil skurrile Szenen, die einer Lehrveranstaltung zuweilen so etwas wie Eventcharakter verliehen: Eisessen bei strömendem Regen während der Unterrichtszeit, Klimmzüge des Lehrers vor dem Klassenzimmer, gemeinsam gedrehte Spaßvideos und vieles mehr. Am Ende des Spektakels bedanken sich die Schüler bei mir für zwei Jahre kompetenten und abwechslungsreichen Unterricht.

Man könnte dies selbstkritisch mit dem Schlussapplaus nach einem lahmen Theaterstück vergleichen, in dem sich vor allem die Freude darüber ausdrückt, dass es nun endlich vorbei ist. Aber womöglich sehen Schüler vieles von dem längst nicht so negativ, worüber sich Schulkritiker den Kopf zerbrechen, zuweilen auch ich. Am Beispiel Mathematik: Der Stoff mag in den höheren Klassen für die meisten belanglos, ohne erfahrbaren Anwendungsbezug sein – und doch gelingt es vielen Jugendlichen, sich dafür zu motivieren. Vielleicht finden sie Gefallen am Aufdecken versteckter Muster, von denen auch die abstrakte Mathematik reichlich zu bieten hat. Vielleicht erfreuen sie sich an der widerspruchsfreien Logik oder nehmen es einfach sportlich, so viel wie möglich zu kapieren und in der nächsten Klausur gut abzuschneiden. Entscheidend ist dabei offensichtlich das Verhältnis zum Lehrer. Stimmt diese Beziehung, kann man jedem noch so trockenen Fach eine positive Seite abgewinnen.

Wie gut oder schlecht sind unsere Gymnasien?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich halte das Gymnasium, so, wie ich es in meinen bislang 15 Berufsjahren erlebt habe, an vielen Stellen für optimierbar. Auch ich weiß, dass es für einzelne Schüler und deren Eltern phasenweise zum Albtraum werden kann. Erst neulich sprach mich der Wirt einer Gaststätte beim Bezahlen an: »Sie sind doch Lehrer. Ich hätte da mal eine Frage: Mein Sohn ist jetzt in der achten Klasse und kommt an manchen Tagen erst um fünf Uhr nach Hause – bis er mit allem fertig ist, kann es acht Uhr werden. Ist das bei euch auch so?« Die Frage stimmt mich nachdenklich. Meine eigenen Kinder sind noch an der Grundschule, ob sie später einmal das Gymnasium besuchen werden, steht in den Sternen. Die Vorstellung von einem derart zeitfressenden Schulalltag, in dem persönliche Interessen kaum noch Platz haben, bereitet mir jedoch jetzt schon Sorgen.

Wenn ich da an meine Schulzeit denke! Ich weiß noch, wie ich mit etwa 14 Jahren, Mitte der 1980er-Jahre, im Quelle-Katalog meiner Mutter den heute legendären Commodore 64 entdeckte, einen der ersten für den Massenmarkt gefertigten PCs. Mein Interesse für die Mathematik lag damals noch in weiter Ferne, aber dieser programmierbare Computer hatte es mir sofort angetan. Noch am selben Abend überredete ich meinen Vater, sich zur Hälfte an der Finanzierung zu beteiligen. Eine Woche später war mein Sparkonto leer und ich stolzer Besitzer einer solchen Zauberkiste. In den nächsten ein bis zwei Jahren verschlang ich etliche Handbücher, eignete mir zunehmend komplexere Programmiersprachen an und entwickelte eine bunte Palette von selbst erfundenen Videospielen und Anwendungsprogrammen für den täglichen Bedarf. Besonders knifflig war eine »App« zur individuellen Horoskoperstellung, die sich eine Astrologin aus unserem Bekanntenkreis gewünscht hatte. Viel Herzblut verschwendete ich auch an ein aufwendig animiertes Spiel, mit dem ich dem C64-Klassiker »Quest of tyres« Konkurrenz machen wollte. Rückblickend betrachtet, ist es doch sehr erstaunlich, wie ich mir diese Nachmittage füllende Leidenschaft über viele Monate hinweg – neben Sport und Klavierstunden – leisten konnte, ohne schulisch in Schwierigkeiten zu geraten. Und wie froh bin ich heute über diese Erfahrung! Was ich mir damals als Jugendlicher auf dem Gebiet der Programmierung aneignete, hat zwei Jahrzehnte später wesentlich dazu beigetragen, die bekannte Online-Lernplattform »Mathegym« ins Leben zu rufen.

Man weiß inzwischen eine ganze Menge über die Pubertät, über die kognitive Umstrukturierung in dieser Entwicklungsphase und die damit einhergehende Motivation für praktische Aufgabenstellungen. Wie traurig, dass das Gymnasium der 1980er-Jahre diesem modernen Konzept von Pubertät noch viel eher gerecht wurde – indem es den Jugendlichen mehr Freizeit und damit auch Chancen bot, praktische Herausforderungen zu suchen und zu bewältigen.

Andererseits: Bei all den Schwächen, die ich am Gymnasium von heute erkenne, kann ich mit der fundamentalen Schulkritik von Autoren wie Richard David Precht nur wenig anfangen. Die Behauptung, Schüler würden im Laufe ihrer Schulzeit ihrer natürlichen Neugier beraubt, deckt sich jedenfalls nicht mit meiner Erfahrung. Wenn ich mir meine 23 Kursteilnehmer so ansehe, die inzwischen die Bühne verlassen haben, möchte ich behaupten, dass am Gymnasium nach wie vor vieles gelingt. Ich sehe hoffnungsvolle junge Erwachsene, die sich nach acht Jahren zum Teil schweren Herzens von ihrer Schule trennen – wo sie gelernt, musiziert, Theater gespielt, als Streitschlichter gewirkt, Partys gefeiert, sich Disziplin und Frustrationstoleranz anerzogen haben – und jetzt auf ihr Studium oder ihre Ausbildung gespannt sind.

Nun weiß ich nicht, welchen Erfahrungshintergrund und welche Einstellung zum Gymnasium Sie haben. Mag sein, dass Sie es weitaus kritischer betrachten, dass Sie viel mehr oder auch ganz andere Schwachstellen erkennen als ich. Vielleicht finden Sie es auch völlig in Ordnung, so, wie es im Moment ist. Es hängt wohl davon ab, mit welchen Lehrern Sie zu tun hatten und an welchen Fächern Ihr Kind sich erfreut oder aber verzweifelt. Mir geht es in diesem Buch weder darum, das Gymnasium zu verbessern, noch darum, diese Schulform gegen fiese Attacken in Schutz zu nehmen. Mein Anliegen ist es, als Praktiker und Kenner des Systems »Gymnasium« zu einer erfolgreichen Schulzeit Ihres Kindes beizutragen.

Dabei sollten wir die Dinge, die sich nicht ändern lassen, einfach mal als »schicksalhaft« hinnehmen und uns umso mehr auf die Bereiche konzentrieren, die von Ihnen und Ihrem Kind gestaltet werden können. Auch wenn die schulischen Probleme im Einzelfall auf das Konto inkompetenter Lehrkräfte oder überfrachteter Lehrpläne gehen mögen – die Kernfrage dieses Buches lautet doch eher, welche Einstellungen, Strategien oder Techniken von Ihnen und Ihrem Kind abzurufen sind, um mit den gegebenen Umständen bestmöglich klarzukommen.

Wer bin ich, und wen spreche ich an?

Ich bin seit über 15 Jahren als Mathematiklehrer und Schulpsychologe an bayerischen Gymnasien tätig. Als Betreiber der Lernplattform »Mathegym« und durch meine Lernvideos auf YouTube bin ich bereits einem größeren Personenkreis auch außerhalb Bayerns bekannt.

Mathematiklehrer und Schulpsychologe – vielen erscheint diese Kombination zunächst einmal merkwürdig. Doch an bayerischen Schulen ist es bereits seit mehreren Jahrzehnten Praxis, dass Schulpsychologen gleichzeitig Lehrer sind; am Gymnasium unterrichten sie in der Regel noch Englisch, Latein oder eben Mathematik. Wer der Mathematik und damit dem logischen Denken anhängt, hat mitunter einen anderen Zugang zur Psychologie als jemand, der dramatische Stoffe liebt. Die Stärken des »mathematischen« Psychologen liegen vielleicht gerade in der Nüchternheit, die Mathematiklehrer oft unnahbar und langweilig erscheinen lässt – dem psychologischen Berater hilft sie dagegen, den Überblick zu bewahren und die Lösung des Problems im Auge zu behalten.

Auf die Idee zu diesem Ratgeber bin ich auf der Liege eines Physiotherapeuten gekommen. Seit zwei Jahren schleppe ich ein Rückenproblem mit mir herum, das meiner maximalen Tagesdosis an Schreibtischarbeit enge Grenzen setzt. Zwei Jahre lang war ich überzeugt, dass ich dies zu akzeptieren hätte, zumal ich nicht gerade wenig Sport treibe – was soll der Physiotherapeut da schon verbessern können? Und siehe da, schon nach der dritten Sitzung und einigen neuen Übungen zu Hause beginnen sich die Schmerzen zu verflüchtigen.

Auch die Eltern schulpflichtiger Kinder erleben so manche Probleme. Vielleicht haben sie sich auch schon an gewisse Missstände gewöhnt, oder sie erscheinen ihnen als so hartnäckig, dass sie erst gar keine Hilfe in Anspruch nehmen. Dabei gäbe es viele Wege aus dem Dilemma, und oft bedarf es nur geeigneter Impulse.

Folgende Zielgruppe spricht mein Buch an:

• aufgeschlossene Kinder und Jugendliche, die ich in ausgewählten Kapiteln direkt anspreche, um ihnen Tipps zu Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitung, Motivation usw. zu geben,

• Eltern, die noch wenig Erfahrung mit dem Gymnasium haben und eine Art Anleitung für ihren erfolgreichen Eltern-Job suchen. Die hier vorgestellten Strategien sind vielfach erprobt und bewährt.

• Eltern, die ihre Einstellung und ihr Handeln in Sachen Schule reflektieren wollen, weil sie im Lauf der Zeit unsicher geworden sind, ob ihr erzieherisches Wirken dem Kind oder Jugendlichen wirklich hilft,

Eltern in einer (schulischen) Erziehungskrise, die den Gang zum Schulpsychologen scheuen oder sich mithilfe dieses Ratgebers schon einmal auf den ersten Termin vorbereiten wollen. Auch begleitend zu einer mehrstündigen Beratung oder im Anschluss daran könnte die Lektüre bereichernd sein.

Ein ganz besonderes Motiv für dieses Buch, vielleicht auch für meine Berufswahl an sich, liegt schließlich in meiner schulischen Biografie begründet. Als ich ans Gymnasium übertrat, ging es mit meinen Leistungen erst einmal steil bergab. Der damals stellvertretende Direktor empfahl den Wechsel an die Hauptschule. Zum Glück sollte er in seiner Einschätzung nicht recht behalten. Doch meine Schulleistungen, soweit ich sie aus meiner Erinnerung (siehe Diagramm) abrufen kann, waren von der dritten bis zur dreizehnten Klasse auf ganz unterschiedlichen Niveaus angesiedelt – und damit auch ein nicht unwichtiger Teil meines Selbstvertrauens.

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Ich kenne das demütigende Gefühl schulischen Versagens, ich weiß aus meiner gymnasialen Anfangszeit, wie es sich anfühlt, wiederholt der Schlechteste bei einer Klassenarbeit zu sein. Ebenso durfte ich, zum Glück in dieser Reihenfolge, später den Ruf des guten bis sehr guten Schülers genießen. Zwischen diesen Erfahrungen liegt im Wesentlichen ein Zugewinn an Know-how. Dieses Know-how möchte ich mit Ihnen teilen.

Ein paar Worte zum Aufbau des Buches: Immer dann, wenn ich zum »Du« übergehe, wende ich mich direkt an die Schülerinnen und Schüler. Meistens geht es in diesen Kapiteln um ganz konkrete Tipps, die von Kindern und Jugendlichen leicht verstanden und umgesetzt werden können. Das heißt aber nicht, dass Eltern von der Lektüre dieser Kapitel ausgeschlossen sind. Umgekehrt möchte ich keinen Schüler davon abhalten, auch die »Erwachsenen«-Kapitel zu lesen. Als Eltern brauchen Sie übrigens keine Sorge zu haben, dass Ihr Kind Ihnen dadurch in die Karten schaut. Hier wird schließlich kein »Herrschaftswissen« vermittelt, das Sie als Erzieher streng hüten sollten. Vielmehr geht es um ein offenes Miteinander – und da schadet es sicher nicht, wenn Ihr Kind auch einmal die Elternperspektive einnimmt.

Schlechten Gewohnheiten vorbeugen

Viele Tipps und Ratschläge in diesem Buch zielen auf einen guten Lernstil ab. In meiner täglichen Arbeit begegnen mir Schüler mit ganz unterschiedlichen Lerngewohnheiten. Manche begleitet man über Jahre – bei diesen Schülern lässt sich dann ganz gut erkennen, ob der jeweilige persönliche Lernstil von Erfolg gekrönt ist oder eher zu Problemen geführt hat. Das Heimtückische an falschen Lerngewohnheiten liegt darin, dass diese sich oft erst nach vielen Jahren als schlecht herausstellen. Noten in der gymnasialen Anfangszeit können trügerisch sein – in meiner Praxis begegnen mir viele Schüler, die die ersten Schuljahre am Gymnasium mit guten bis mittelmäßigen Leistungen hinter sich gebracht haben, plötzlich aber, mit denselben Lerngewohnheiten, zu scheitern beginnen. Teilweise sind das Gewohnheiten, die von den Eltern mit unterstützt wurden. Zeigt sich in der neunten Klasse, dass man mit seiner Art, zu lernen, nicht weiterkommt, stehen die Chancen auf Veränderung ziemlich schlecht. Tatsächlich, so meine Erfahrung, ist es äußerst mühsam, mit 14 das Lernen (neu) zu lernen. Nicht selten verabschieden sich diese Kinder nach vergeblichem Kampf gegen den inneren Schweinehund, vielleicht auch durch die Notenlage gezwungen, vom Schultyp Gymnasium.

Ich will den Wechsel an die Realschule nicht schlechtreden – im Gegenteil: Oft erscheint er, obwohl man eigentlich fürs Gymnasium geeignet wäre, als die beste aller praktikablen Lösungen. Wenn die Situation erst einmal so festgefahren ist und der Teufelskreis aus Unlust, falschem Lernen und miserablen Noten nicht geknackt werden kann, eröffnen sich durch die veränderten Anforderungen oft ganz neue Perspektiven. Ich bin aber überzeugt davon, dass viele Schüler erst gar nicht in diese Situation gekommen wären, wenn sie sich von Anfang an einen guten Lernstil angeeignet hätten.

Als Eltern können Sie gerade in der gymnasialen Anfangszeit großen Einfluss darauf nehmen, dass Ihr Kind einen guten Lernstil entwickelt. Ich meine damit nicht, dass Sie die Rolle des Hilfslehrers übernehmen sollen, zumal viele von Ihnen durch Ihre beruflichen Verpflichtungen dazu gar nicht in der Lage sind. Es gibt ganz gute Wege, sein Kind beim »Lernen lernen« zu unterstützen, auch wenn man bei der Erledigung der Hausaufgaben nicht anwesend sein kann.