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Dana Sheen

Im Rampenlicht

Aus dem Englischen

von Dagmar Schmitz

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1. Auflage

Deutsche Erstausgabe September 2017

© 2017 by Working Partners Ltd

With special thanks to Crystal Velasquez.

© 2017 für die deutschsprachige Ausgabe by cbt Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Dagmar Schmitz

Lektorat: Kerstin Kipker

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München

unter Verwendung eines Motivs von

© Agencja FREE/Alamy

he · Herstellung: eS

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-20062-6
V001

www.cbt-buecher.de

1

Also, glaubt mir, das Einzige, das schöner ist, als mit Brett Curtis zu knutschen, ist mit Brett Curtis in Prag zu knutschen.

Wir sind jetzt schon eine Weile hier und sozusagen die Beyoncé und Jay Z von Tschechien – gleiches Maß an Verknalltheit bei halb so viel tänzerischem Talent. Ich habe Brett schon mindestens hundert Mal geküsst, seit sich unsere Lippen in der Nacht der Razzie-Verleihung das erste Mal berührt haben, aber in dieser jahrtausendealten Stadt zu sein, in der hinter jeder Ecke die Geister von Künstlern und Dichtern lauern, macht alles noch viel prickelnder.

Auf jeder Kopfsteinpflasterstraße gibt es einen abgeschiedenen Torweg, ideal, um sich fernab der Touristenströme unbemerkt einen Kuss zu stehlen. Samstags findet auf dem Platz an der Moldau-Uferpromenade ein Bauernmarkt statt und man ist plötzlich von Körben voller gelber Blumen umgeben. Schwäne gleiten Brotkrumen pickend den Fluss entlang, während S-Bahnen auf schmalen Metallschienen, die wie Lametta aussehen, durch die Straßen sausen. Sogar die leicht gruselig wirkenden Wasserspeier, die mit starrem Blick von den Dächern herabspähen, verströmen eine gewisse Romantik. Sie haben schon so viel gesehen: wie Mozart, den Kopf voller Musik, durch diese Gassen streift oder wie Einstein im Café Louvre übers Universum philosophierend seinen Kaffee schlürft. Und jetzt schauen sie auf Kim Cassidy herab, die von Brett Curtis gerade leidenschaftlich umarmt wird. Es ist beinahe zu viel des Guten.

Ich balanciere auf den Zehenspitzen, während er mich küsst, bis ich fast keine Luft mehr kriege – aber auf eine gute Art. Das ist die bei Weitem schönste Art, sich die Zeit zu vertreiben, bis der Hotelparkservice den Wagen bringt. Brett lockert den Griff um meine Hüften etwas, starrt mich aber mit diesem sehnsüchtigen Blick aus seinen smaragdgrünen Augen an, der mir sagt, dass er drauf und dran ist, mich zu einem weiteren stürmischen Kuss an sich zu pressen. Irgendwie finde ich die Kraft, die Hände gegen seine Brust zu stemmen und ihn sanft von mir zu schieben.

»Ganz ruhig, Filmstar«, sage ich lächelnd. »Wenn wir so weitermachen, legt man uns noch nahe, ein Zimmer zu nehmen.«

»Ich habe ein Zimmer«, erwidert Brett schlagfertig. »Eigentlich kann ich es dir noch schnell zeigen …« Er beugt sich vor, um erneut die Arme um meine Taille zu legen, aber ich weiche zurück und ziehe ihn hinter eine breite Säule neben der Drehtür des Hoteleingangs – weg von neugierigen Blicken. Ein paar Leute gucken schon komisch. Schwer zu sagen, ob sie uns anstarren, weil sie Brett erkennen, oder weil sie solche öffentlichen Liebesbekundungen vor dem vornehmen Four Seasons nicht gewöhnt sind. Hoffentlich Letzteres. Wir haben uns nämlich große Mühe gegeben, darauf zu achten, dass keine entfesselten Fans herausfinden, wo Brett während der Dreharbeiten zu Schnittreste wohnt. Sein Agent hat alle möglichen falschen Fährten gelegt, um die Paparazzi vom tatsächlichen Drehort wegzulocken, und Brett hat unter seinem Lieblings-Decknamen Robert Squarepants im Hotel eingecheckt. Deshalb wäre es sogar beruhigend, wenn er die Blicke nur deshalb kassieren würde, weil die Leute denken, er könne seine Hände nicht bei sich behalten.

Sicher hinter der Säule verborgen, verschränke ich die Arme vor der Brust und werfe Brett einen Blick unter hochgezogener Augenbraue zu. »Wir warten auf den Wagen, schon vergessen? Du lernst doch Tschechisch, oder? Was heißt ›Denkt immer nur an das Eine‹ auf Tschechisch?«

Er lässt zerknirscht den Kopf hängen, hebt den Blick aber gleich wieder und sieht mich augenzwinkernd an. »Okay. Sorry. Ich hab’s übertrieben. Aber sei nicht so streng mit mir. Ich bin total nervös. Es ist lange her, dass ich die Eltern von einem Mädchen kennengelernt habe. Wie lange wollen deine Mum und dein Dad bleiben?«

»Bloß drei Tage«, sage ich lächelnd.

Als ich ihn nicken und die Innenseite seiner Wange einsaugen sehe – ein sicheres Zeichen dafür, dass er nicht ganz so locker und entspannt ist wie ich –, umfasse ich grinsend seine Gesäßtaschen und zwicke ihn in die Außenseite seiner anderen Wangen (meine bevorzugten, ehrlich gesagt).

»Hey!« Er reibt sich die schmerzenden Pobacken. »Das geziemt sich nicht für eine junge Dame! Wie soll ich deine Eltern unter diesen Umständen davon überzeugen, dass ich ehrenvolle Absichten hege?«

»Bleib einfach locker«, empfehle ich ihm. »Du bist toll und sie werden dich mögen!« Die meisten Leute mögen Bretts Filmrollen, aber jeder, der ihn persönlich kennenlernt, findet ihn in natura sogar noch toller.

»Bist du sicher?«, fragt er noch einmal. »Der erste Eindruck ist immer der wichtigste.«

»Nicht immer. Ich konnte dich anfangs nicht ausstehen«, erinnere ich ihn. »Und jetzt schau uns an.«

»Ja, aber es hat zwei Monate gedauert, dich für mich zu gewinnen. Für deine Eltern bleiben mir nur drei Tage, deshalb will ich nichts dem Zufall überlassen. Ich habe so viel wie möglich über Irland gelesen und sogar mehrere Begrüßungsarten eingeübt. Sag mal, welche dir besser gefällt.« Er tritt aus unserem Versteck auf den schmalen Gehsteig und bleibt kurz vor den am Rand wartenden Taxis stehen; er dreht den Kopf nach rechts und links, um die Nackenmuskulatur zu lockern, dehnt die Arme und kommt mit einem gigantischen Lächeln auf mich zu, bei dem er mehr Zähne aufblitzen lässt, als ein Schauspieler in einem Zahnpasta-Werbespot. »HALLO MR UND MRS CASSIDY! ICH FREUE MICH SEHR, SIE KENNENZULERNEN!« Er versucht, meine Hand zu schütteln.

Als ich in lautes Prusten ausbreche, stutzt er, hebt die Arme und lässt sie verzweifelt wieder sinken. »Was ist?«

»Sie sind nicht taub«, erkläre ich ihm.

»Nein, du hast recht.« Brett senkt erneut geknickt den Kopf. »Zu enthusiastisch. Wirkt verzweifelt. Ich fange noch mal neu an.«

Ich schaue zu, wie er an seine Ausgangsposition zurückkehrt und sich für einen zweiten Versuch wappnet. Ein elegant gekleidetes Paar, das sein Gepäck soeben von einem Hotelpagen auf einen Rollwagen laden lässt, bleibt stehen, um Brett anzustarren, ehe beide prüfend die Straße auf und ab blicken, als hielten sie nach Filmkameras Ausschau. Sie glauben, wir proben eine Szene, dämmert es mir.

Diesmal kommt Brett lässig auf mich zugeschlendert, die Hände in den Hosentaschen und die Augenlider auf Halbmast, als wäre er gerade erst aufgestanden. »Hey, Cassidys, alles klar, Leute?«

Ich mache mir gar nicht erst die Mühe, diese Version zu kommentieren, sondern ziehe ihn wieder hinter die Säule, bevor er noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.

»Ja, okay, ich weiß, das war schlecht«, räumt Brett ein. »Was hältst du davon, wenn ich übers Angeln rede? Dein Dad angelt doch gern. Oder wie wär’s –«

Ich halte ihm die vollen Lippen mit der Hand zu.

»Würdest du bitte damit aufhören?«, falle ich ihm lachend ins Wort. »Begrüß sie mit einem ganz normalen ›Hallo‹, du Spinner. Wenn dich der Ehrgeiz packt, dann gib meiner Mum einen Kuss auf die Wange.«

»Aber …«, stößt er aus dem linken Mundwinkel hervor.

»Kein ›Aber‹. Muss ich dich wirklich daran erinnern, dass du ein megaberühmter Filmstar bist und meine Eltern bloß gewöhnliche Sterbliche sind? Sie kommen aus einem Vorort von Dublin, der so ruhig und abgelegen ist, dass ihn nicht mal Dubliner kennen. Wenn jemand nervös sein wird, dann sie.«

In Wahrheit würde es mich nicht wundern, wenn meine Eltern Brett einem Verhör nach FBI-Manier unterzögen und ihn über seine Vergangenheit, seine Zukunftsplanung und seine Absichten in Bezug auf ihr kleines Mädchen ausquetschen. Sie sind nämlich noch voller Argwohn, nachdem sich mein langjähriger Freund Frankie als absoluter Mistkerl entpuppt hat. Aber wahrscheinlich lasse ich das besser unerwähnt, weil nämlich mein jetziger Freund kurz davor ist, in Panik auszubrechen.

»Außerdem werden sie viel zu sehr damit beschäftigt sein, unser herrliches Set zu bestaunen, um sich mit dir zu befassen«, fahre ich stattdessen fort. »Es kommt schließlich nicht jeden Tag vor, dass sie bei der Entstehung eines Films dabei sein dürfen. Oder … nie, genau genommen.«

»Denkst du nicht, dass sie sich von der Handlung abgestoßen fühlen werden?«

Ich stelle mir die blutbespritzten Wände vor und das glänzende Schlachtermesser, das Brett nachher am Set von Schnittreste schwingen wird. Er spielt den Regisseur eines düsteren Horrorschockers, der seine Schauspieler einen nach dem anderen zerstückelt. Da mein Dad vermutlich ohnehin schon jeden, der sich seiner kostbaren Tochter nähert, für einen Axt schwingenden Mörder hält, dürfte es kaum hilfreich sein, Brett aus nächster Nähe einen spielen zu sehen. Zumal ihm in der Maske – also dank moi und meinen Assistenten – noch ein extra Mörder-Flair verliehen wird. Aber meine Eltern haben schon erdulden müssen, dass ich mit einem Boygroup-Sänger zusammen war. Ein Psycho-Killer erscheint ihnen verglichen damit womöglich gar nicht so schlimm.

»Sie werden total cool sein. Versprochen.«

»Wenn du es sagst. Aber bist du sicher, dass ich es bei einer ganz normalen Begrüßung belassen soll? Ich habe noch mindestens vier andere auf Lager … mit unterschiedlichen Akzenten.« Er fummelt nervös an seinem Hemdkragen.

»Du bist echt süß.«

»Kim …«

»Es bleibt bei der ganz normalen Begrüßung. Aber ich muss jetzt los.« Ich gestikuliere zu dem Mietwagen, der gerade hinter ihm vorgefahren wird. »Ich möchte am Flughafen sein, wenn Mum und Dad von der Gepäckausgabe kommen. Ich kann meine Eltern unmöglich allein durch die Goldene Stadt spazieren lassen.«

Brett nickt. »Okay. Ich fahre in ein paar Minuten ans Set. Schreib mir eine Nachricht, wenn ihr zu uns unterwegs seid.« Er zieht mich wieder an sich, aber anstatt mich noch einmal leidenschaftlich auf den Mund zu küssen, zielt er höher und drückt mir einen züchtigen Kuss auf die Stirn. Angesichts meines verdutzten Gesichtsausdrucks zuckt er bloß die Schultern. »Ich muss allmählich anfangen, für meine bisher schwierigste Rolle zu üben: Freund, der sich von seiner besten Seite zeigt.«

Freund. Das Wort schwirrt mir durch den Kopf, als ich mich in den Mietwagen setze. Dieser umwerfende Mann ist mein Freund. Obwohl ich es inzwischen fast schon normal finde, ihn so zu nennen, kann ich mein Glück manchmal immer noch kaum fassen. Vor ein paar Monaten war ich noch ein schlecht bezahltes Mädchen für alles bei einer Late Night Comedy Show. Dann habe ich es geschafft, diesen Job als Sprungbrett für meine Laufbahn als SFX-Make-up Artist zu nutzen. Und jetzt ist obendrein auch noch Brett Curtis – der Mega-Hollywoodfilmstar, der in den angesagtesten Liebeskomödien alle Herzen zum Schmelzen bringt und von dem ich einmal glaubte, ich würde ihn nicht ausstehen können – mein Freund.

Und was für ein Freund er ist. Die vielen Vorteile, die sein Promi-Status so mit sich bringt, sind ja ganz nett, aber er wäre selbst dann ein Hauptgewinn, wenn er bisher nur eine einzige Rolle in einem Theaterstück an der Grundschule gespielt hätte. Er ist romantisch, lustig, der beste Küsser diesseits und jenseits des Atlantiks und … wir wohnen jetzt quasi zusammen! Okay, wir haben jeder ein Zimmer im selben Hotel. Kommt fast aufs Gleiche raus! Der Punkt ist doch: Wir sind so unzertrennlich, dass wir ebenso gut zusammenleben könnten.

Auf der Fahrt zum Václav Havel Flughafen setze ich im Geiste noch einmal kurz meine Sonnenbrille mit den großen Gläsern auf und aale mich im Glanz meines neuen traumhaften Lebens. An den grauen und bewölkten Himmel hier habe ich mich schon nach drei Wochen gewöhnt. Er erinnert mich an die Sommer zu Hause in Dublin! Aber am Anblick der Turmspitzen der Prager Burg, die herausragen aus einem sonnenuntergangsfarbenen Meer von roten und orangefarbenen Dächern, kann ich mich immer noch nicht sattsehen. Dieser Ort ist unfassbar schön, und aus irgendeinem Grund werde ich dafür bezahlt, hier zu sein. Und das Beste ist, ich kann das alles mit Brett und meinen Eltern teilen. Noch ein Quäntchen mehr Glück, und es wäre zu unerträglich, um weiterzuleben. »Hier ruht Kim Cassidy. Sie starb an einer Überdosis Glückshormonen«, wird dann auf meinem Grabstein stehen.

Als ich im Ankunftsbereich des Flughafens eintreffe, bin ich vor Aufregung total aus dem Häuschen. Es ist vier lange Monate her, dass ich Mum und Dad länger als einen Tag gesehen habe. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten zu Schnittreste bin ich einmal kurz nach Hause geflogen, allerdings nur für eine Übernachtung, weil ich gleich am nächsten Tag schon mit der Arbeit anfangen musste. Nicht annähernd genügend Zeit für ein Cassidy-Familientreffen. Aber das Allerbeste ist, dass ich meinen Eltern jetzt auch endlich einmal zeigen kann, wie mein Traumberuf eigentlich aussieht. Anscheinend verschwindet das Bedürfnis, seine Mum und seinen Dad stolz zu machen, nie. Ich kann es kaum erwarten, ihnen mein neues Leben zu zeigen. Dem Anlass entsprechend habe ich mich extra in Schale geworfen. Dank Jimmy, Bretts Chauffeur, trage ich eine schwarz glänzende Chauffeurskappe und halte ein amtlich aussehendes Schild mit der Aufschrift »Mrs und Mr Cassidy« hoch. Es macht nichts, dass beides nicht wirklich zu meiner umgekrempelten Boyfriend-Jeans und den Sportschuhen passt. Ich lasse den Blick suchend über den Strom der erschöpften Fluggäste wandern, die von der Gepäckausgabe kommen, kann aber meine Eltern nicht entdecken – bis ein ohrenbetäubender Schrei durch den Flughafen gellt. »Kimmyyy!«

Ich erspähe Mum, die sich mit ausgebreiteten Armen und strahlendem Lächeln an den anderen Passagieren vorbeidrängt. Hinter ihr schleppt sich Dad mit einer Tasche in jeder Hand ab, sein roter Schopf sticht wie ein Signalfeuer aus dem Gewusel brauner, schwarzer und blonder Köpfe ringsum hervor.

»Mum! Dad!«, brülle ich. Ich lasse das Schild fallen – sowie jeden Hauch von Coolness – und renne auf sie zu. Als ich endlich vor ihnen stehe, schlinge ich ihnen je einen Arm um die Schultern und presse beide an mich. Sie erwidern die Umarmung genauso fest und lassen mich lange nicht los. Normalerweise würde ich bei so einem Wirbel in aller Öffentlichkeit Einspruch erheben. Seit ich in Prag bin, versuche ich nämlich, ein cooles Profi-Image zu kultivieren. Aber Scheiß drauf. Sie haben mir gefehlt.

Obwohl ich von Schildern in einer fremden Sprache umgeben bin und Prags graues Kopfsteinpflaster nichts mit den smaragdgrünen Hügeln Irlands gemeinsam hat, fühle ich mich augenblicklich zu Hause, als meine Eltern mich umarmen. Plötzlich bin ich wieder zehn Jahre alt und sauge in der wohligen Wärme von Mums zartgelber Küche den Duft des Irish Stew ein, das auf dem Herd blubbert, während Dad mit tiefer Stimme ein Lied über alte Freunde singt. Das Einzige, was den Moment noch perfekter machen würde, wäre, wenn mein Bruder John ebenfalls hier wäre. Aber die irische Marine zeigt sich echt kleinlich, wenn es darum geht, einen ihrer Matrosen für ein Familientreffen von einer wichtigen UN-Mission freizustellen.

»Lass dich mal anschauen.« Mum umfasst meine Schultern, hält mich auf Armlänge von sich und unterzieht mein sommersprossiges Gesicht und meine kupferroten Haare einer eingehenden Musterung. Ich tue es ihr gleich und freue mich über das vertraute fröhliche Funkeln in ihren blaugrünen Augen. Sie ist einen Hauch fülliger um die Taille geworden und um ihre Mundwinkel haben sich ein paar zusätzliche Lachfältchen eingenistet, seit ich nach L. A. gezogen bin, aber ihr heller Teint ist unverändert übersät von Sommersprossen, die den Farbton ihrer flammend roten Haare haben. Genau genommen auch den von Dads Haaren. Wir könnten hier in Tschechien gleich unser eigenes Rothaarigen-Treffen veranstalten. Nach ein paar Sekunden lächelt sie mich an, um ihre Augen kräuselt sich ein feines Netz aus Fältchen. »Aye«, sagt sie. »Das ist mein Mädchen. Wunderschön wie immer.«

»Ach, Mum.« Ich verdrehe betont übertrieben die Augen und wische mir unauffällig (hoffe ich jedenfalls) eine Träne weg, die mir über die Wange kullert.

»Sie hat recht.« Dad zieht die buschigen Brauen hoch. »Ich wette, die tschechischen Jungs reißen sich alle um dich. Als wir jung waren, hatten es sämtliche Kerle auf deine Mutter abgesehen. Sie war ein ziemlich heißer Feger damals.«

Mum versetzt ihm einen liebevollen Klaps auf den Arm. »Was heißt denn hier ›damals‹?«, sagt sie. »Das bin ich immer noch. Du hast Glück, dass ich nicht mit einem meiner vielen Verehrer durchbrenne.«

»Die sollen sich gefälligst hinten anstellen«, erwidert Dad lachend und drückt ihr einen Kuss auf die Schläfe.

Ich lächele bloß und schüttle den Kopf. Das ist ihre private kleine Sketcheinlage, die sie hin und wieder aufführen. Schon seit ich denken kann. Der Wortwechsel ist mir so vertraut, dass ich Dads letzten Satz mit den Lippen stumm mitforme.

»Apropos Verehrer …«, sagt Dad. »Wo ist denn dieser Brett? Wartet er im Wagen?«

»Nein.« Ich tippe an meine Chauffeurskappe. »Heute bin ich euer Chauffeur. Brett musste ans Set, wir treffen ihn dort später.«

»Ein echtes Filmset!«, sagt Dad und zieht Mum neben sich. »Was sagt man dazu? Wir beide mit den Stars auf du und du.«

Auf dem Weg zum Wagen löchern mich die beiden abwechselnd mit anbetungswürdig absurden Fragen über Brett.

»Hat er einen Aufzug in seiner Wohnung? Und einen eigenen Liftboy dazu?« (Mum.)

»Heißt er wirklich Brett? Ich wette, in Wirklichkeit hat er einen überkandidelten Namen wie Aloicious.« (Dad.)

»Wir haben vorhin im Flugzeug einen Film mit ihm in der Hauptrolle gesehen«, flötet Mum. »Wie hieß der noch gleich, Schatz?« Mum stupst Dad ein paar Mal den Finger in den weichen Bauch, als wäre er ein Auskunftsautomat, bei dem man nur die richtigen Knöpfe drücken muss.

»Ach, was weiß denn ich? Keine Ahnung. Der Überflieger? Auf der Gegenspur?«

»Auf der Überholspur«, helfe ich aus. Schätze, das ist es wohl, was man in der Touristenklasse zu sehen bekommt. Der Film war Bretts größter Fehler.

»Genau! So hieß er!«, sagt Mum. »Diese Blondine hat auch mitgespielt … Jessie? Jessica?«

»Jessabel«, murmele ich.

»Richtig! Jessabel«, sagt Mum mit strahlendem Lächeln. »Hübsches Mädchen. Zwischen den beiden haben buchstäblich die Funken gesprüht! Als wären sie schwer verliebt.« Sie sieht mich sorgenvoll an. »Das sind sie aber nicht, oder?«

Ich muss mich beherrschen, dass mir nicht mitten im Flughafenparkhaus das Frühstück wieder hochkommt. Eine Reflexreaktion. Sobald ich Jessabels Namen höre, wird mir schlecht. Ich kann nichts dafür. Und obwohl ich weiß, dass die ganze Brettabel-Beziehung nur vorgetäuscht war, hat Mum recht: Die Chemie auf der Leinwand zwischen den beiden war sensationell. Hätte ich nicht gewusst, dass ihre Liebe bloß inszeniert wurde, um die Kinokassen zum Klingeln zu bringen, hätte ich beim Anschauen von Auf der Überholspur vermutlich auch gedacht, Brett und Jessabel wären füreinander bestimmt. Tatsächlich war es das einzig Überzeugende an dem Film, wie sogar ich zugeben muss. Aber das Letzte, was ich von Jessabel gehört habe, war, dass sie in irgendeinem Club gesehen wurde, wo sie mit einem berühmten Mode-Designer geknutscht haben soll, der doppelt so alt war wie sie.

»Das nennt man Schauspielkunst, Mum«, erwidere ich lachend. »Eine Kunst, die Brett zufällig verdammt gut beherrscht.«

Zum Glück taucht vor uns gerade das Hotel auf, was mich davon abhält, über all das nachzugrübeln, was Brett sonst noch außergewöhnlich gut beherrscht. Mit meinen Eltern in unmittelbarer Nachbarschaft wird diesbezüglich wohl ein paar Tage lang Flaute herrschen.

Ich bremse vor dem Four Seasons und lasse den Kofferraum aufspringen. Dad steigt aus, um das Gepäck herauszuholen, muss aber zu seiner Überraschung feststellen, dass ihm der Portier zuvorgekommen ist und die Taschen bereits auf einen Gepäckwagen geladen hat. Ich kenne meinen Dad. Normalerweise würde er grantig darauf bestehen, seine Taschen schon selbst tragen zu können, vielen Dank auch. Aber er ist wie hypnotisiert, als er mich die Autoschlüssel einem jungen Typen in schwarzer Livree mit Messingknöpfen überreichen sieht.

»Hoteleigener Parkservice?«, sagt er geschockt. »Wie vornehm.«

»Bloß eine der Annehmlichkeiten des Jobs, Dad.«

Eigentlich ist es eher eine der Annehmlichkeiten, die das Reisen in Bretts Begleitung mit sich bringt. Sein Assistent Hunter hat das beste Hotel am Platz für ihn gebucht, und Brett bestand darauf, auch den anderen aus der Filmcrew den Aufenthalt im teuersten Hotel von Prag zu bezahlen. (Ja, mein Freund hat seinen eigenen Assistenten. Er braucht keine Entourage, die ihn umgibt oder Ähnliches, aber man kann unmöglich ein kompliziertes Leben wie Brett führen, ohne ein bisschen organisatorische Hilfe. Es ist zwar sonderbar, aber auch cool – bisher habe ich mit Hunter nur telefoniert, aber egal, was Brett braucht, Hunter besorgt es. Es ist fast schon irgendwie unheimlich.)

Der Film wird mit äußerst knappem Budget gedreht, deshalb war Jane, die Regisseurin und Produzentin, total begeistert, als sie erfuhr, dass sie das Geld für die Unterbringung der Crew nun ebenfalls in den Film stecken konnte, anstatt die Leute in ganz Prag verstreut in möglichst preiswerten Hotels wohnen zu lassen. Im Grunde opfert Brett sein Honorar, damit wir es uns gut gehen lassen können.

Habe ich nicht gesagt, dass er toll ist?

Ich gebe Dad ein Zeichen, dem Portier durch die Glasdrehtür in die Hotellobby zu folgen, wo meine Eltern erneut wie angewurzelt stehen bleiben und sich fassungslos umsehen.

»Du meine Güte!«, ruft Mum. »Ist das schön hier.«

Ich habe mich inzwischen an diesen noblen Ort gewöhnt. Aber als ich ihn jetzt mit den Augen meiner Mum betrachte, wird mir wieder klar, wie luxuriös es hier ist. Vornehme grüne Polstersessel mit hoher Rückenlehne umstehen runde Tische, auf denen Blumenarrangements aus lilafarbenen Orchideen und rosafarbenen Chrysanthemen leuchten. Ein Läufer mit einem Ornament aus kunstvoll ineinander verschnörkelten Rot- und Goldtönen bedeckt den größten Teil des glänzenden Marmorbodens der Hotellobby. Und von der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter, dessen Kristall im Glanz der durch die hohen Bogenfenster hereinströmenden Sonnenstrahlen funkelt. Das alles ist Lichtjahre entfernt von dem einstöckigen Haus, das wir in Dublin unser Eigen nennen. Dort sitzen wir nach wie vor auf der hässlichen karierten Couch, die meine Eltern schon hatten, als sie mich nach meiner Geburt aus dem Krankhaus mit nach Hause brachten.

»Das ist unglaublich, Liebes.« Dad dreht sich einmal um sich selbst, um alles zu bestaunen. »Unser kleines Mädchen hat alles richtig gemacht, würdest du das nicht auch sagen, Sheila?«

»Würde ich.« Mum zieht mich zu einer weiteren festen Umarmung an sich. »Ich bin wahnsinnig stolz auf dich, Kimmy«, flüstert sie mir ins Ohr.

»Danke, Mum.« Ich kämpfe mit den Tränen und unterdrücke mühsam ein Schniefen. Wenn sie so weitermacht, werde ich bis zu ihrer Abreise auf Make-up verzichten müssen.

Nachdem ich Mum und Dad zum Einchecken an die Rezeption begleitet habe, gehe ich mit ihnen nach oben, um ihr Zimmer anzusehen. Dort entfährt Mum erneut ein »Du meine Güte!«, während Dad seine Kamera zückt und zu fotografieren beginnt, als befände er sich bereits auf Sightseeing-Tour. Fairerweise muss gesagt werden, dass ihr Zimmer wirklich zum Sterben schön ist. Angefangen von dem himmelblau bezogenen Boxspring-Bett bis zu dem makellos weißen weichen Teppich und den modernen Kunstwerken an den Wänden verströmt alles puren Luxus. Aber das Beste sind die riesigen, vom Fußboden bis zur Decke reichenden Fenster mit Blick auf die Moldau. Ich schätze, das wird Hunter wohl gemeint haben, als er sagte, für meine Eltern würde er weder Kosten noch Mühen scheuen. Er dürfte wohl auch für die Flasche Champagner gesorgt haben, die auf dem Nachttisch in einem Eiskübel für sie bereitsteht, zusammen mit einer Karte von Jane, die ihnen im Namen von Slice Films einen angenehmen Aufenthalt wünscht. Nette Geste.

Nachdem ich dem Hotelboy ein Trinkgeld in die Hand gedrückt und ihn zur Tür begleitet habe, drehe ich mich zu meinen Eltern um. »Tja, also, ihr seid sicher erschöpft von der Reise. Ich lasse euch Zeit, um auszuruhen und auszupacken –«

»Bist du verrückt?«, sagt Mum. »Der Flug hat doch nur ein paar Stunden gedauert. Wir sind putzmunter, stimmt’s Eoin?«

»Du vielleicht.« Dad sitzt auf der Bettkante und federt auf und ab wie ein kleines Kind. »Ich für mein Teil würde am liebsten für alle Ewigkeit in diesem Hotelzimmer bleiben. Probier mal, wie weich das Bett ist.«

Mum winkt ab. »Ach was, hör nicht auf deinen Vater. Das Zimmer ist fantastisch, aber wir sind schließlich hergekommen, um uns ein Filmset anzusehen und wollen keine Sekunde länger warten! Stimmt’s, Eoin?«

»Ja, mein Schatz.«

»Du hast deinen Vater gehört.« Mum drängt uns strahlend aus dem Zimmer.

Fünfzehn Minuten später habe ich meine Eltern in eine Straßenbahn bugsiert, die uns ans Set fährt: eine kleine Gasse mitten in der Altstadt. Als Dad über die Tatsache staunt, dass ich weiß, welche Bahn wohin fährt und in welchen Zeitabständen, wird mir klar, wie gut ich mich inzwischen in der Stadt auskenne und wie sehr ich sie liebe. Jane wusste, was sie tat, als sie beschloss, Schnittreste hier in Prag zu drehen.

Tagsüber wirkt alles ziemlich harmlos. Altertümliche Pferdekutschen klappern einträchtig neben albern aussehenden Touristen auf Segways durch die Straßen. Die Künstler und Souvenirhändler mit ihren handgefertigten Marionetten, Schlüsselanhängern und Kunstdrucken, die ihre Werke auf der Karlsbrücke präsentieren, sorgen dafür, dass man sich auf dem breiten Kopfsteinpflasterweg sicher fühlt.

Aber sobald die Sonne untergeht, sieht es auf der Brücke ganz anders aus. Die steinernen Skulpturen der mit Dämonen ringenden Heiligen scheinen zum Leben zu erwachen und mit ihnen eine ganze Armee von Geistern, die diesen Ort heimsuchen. Abends konzentriert man sich weniger darauf, wie wunderschön die Moldau ist, sondern grübelt eher über Johannes Nepomuk nach, der angeblich von der Karlsbrücke in den Fluss gestoßen und ertränkt wurde. (Warum es Glück bringen soll, ausgerechnet an dieser Stelle seine Hand aufzulegen, ist mir schleierhaft. Der Typ scheint nicht besonders viel Glück gehabt zu haben.) Was ich damit sagen will, ist: All die Schauermärchen und die geschichtlich verbriefte Anzahl von Toten machen Prag zum perfekten Drehort für einen klassischen Slasher-Film.

An unserer Haltestelle angekommen, führe ich meine Eltern an dem großen Platz vorbei durch die Hintergassen. Wir biegen ein paar Mal rechts und links ab, bevor ich unsere Wohnwagen erspähe. Ich halte für Mum und Dad das gelbe Absperrband hoch, damit sie sich darunter durchducken können, und führe sie dann schnurstracks zum Security-Wagen, wo ich wie üblich drei Mal gegen die Metallverkleidung klopfe und anschließend die schmalen silbernen Stufen hochsteige.

»Hey Kim!«, ruft David Chu, der Chef des Sicherheitsdienstes, als ich durch die Tür trete. Er wirft einen gelangweilten Blick auf meine Eltern. »Für heute brauchen wir keine Komparsen mehr. Aber Sie können gern morgen wiederkommen.«

»Komparsen?« Mum lacht entzückt. »Hast du das gehört Eoin? Er denkt, wir wären hier, um im Film mitzuspielen!«

Dad fährt sich grinsend mit den kurzen dicken Fingern durch die allmählich lichter werdende rote Mähne. »Muss an meiner stattlichen Erscheinung liegen.«

Mum kichert und knufft ihn in den Bauch, während ich den Kopf schüttele und mich an den Security-Chef wende. »Sie sind keine Komparsen, Dave. Das sind meine Eltern.«

Dave steht mit einem erfreuten Lächeln von seinem Stuhl auf. »Wieso sagst du das nicht gleich?« Er nimmt zwei Sicherheitsausweise von seinem Schreibtisch, geht zu Mum und Dad und bindet sie ihnen um den Hals. »Ihre Tochter ist sehr begabt, wissen Sie das?«

»Oh ja, das wissen wir.« Mum strahlt mich an.

Nachdem ich mich bei Dave bedankt habe, bringe ich meine Eltern zum Maskenmobil. An der Tür prangt sogar ein kleines schwarzes Schild: »KIMBERLY CASSIDY – LEITUNG SPECIAL-EFFECTS-MAKE-UP

Jetzt bin ich schon vor einer ganzen Weile von zu Hause ausgezogen und habe in L. A. gelebt. Ich hatte zwei Jobs und drei Beziehungen. Gewissermaßen bin ich sogar Mum geworden. (Ein weißes Kaninchen namens Magik zählt total. Tia und Bruno kümmern sich um ihn, solange ich in Prag bin, und schicken mir jeden Tag Fotos.) Trotzdem fühle ich mich erst in dem Moment wirklich erwachsen, als ich Mum und Dad in meinen Wohnwagen voller Schminkutensilien und Prosthetics führe. Verrückt oder?

»Hier arbeitest du also?« Dad blickt sich in dem Zehn-Quadratmeter-Wagen um.

»Ja, genau«, sage ich und folge seinem Blick. Es ist nicht gerade das größte Modell aller Zeiten – so viel gab das Budget nun auch wieder nicht her – aber es ist der größte Arbeitsplatz, den ich bisher mein Eigen nennen konnte, auch wenn ich ihn mit den Schauspielern teilen muss, die von meinem Team – ich habe jetzt ein eigenes Team – und mir geschminkt werden.

Ich weise Mum und Dad auf die drei hell erleuchteten Schminkplätze hin, deren Spiegel jeweils zu beiden Seiten mit einer Reihe von Glühbirnen eingefasst sind, und auf die diversen Behälter und Schubladen, in denen ich meine Prosthetics, die Modelliermasse, sowie die entsprechenden Utensilien zum Formen aufbewahre. Ich habe sogar ein Waschbecken, falls ich mal jemandem die Haare schamponieren muss – gewöhnlich, um Farbe auszuwaschen. Der Unterschrank ist mit hochwertigen Kosmetikprodukten ausgestattet und mit einem eingebauten Mini-Kühlschrank zur Aufbewahrung von Getränken – oder in meinem Fall geronnenem Kunstblut. Die weiß glänzenden Wände verleihen dem Wohnwagen ein sauberes und stylishes Ambiente. Aber natürlich habe ich dem Raum meine persönliche Note verliehen, indem ich farbenfrohe Seidentücher über die Rücklehnen der Sessel drapiert und eine Wand zwischen zwei Spiegeln mit Polaroidfotos zugepflastert habe – die Mum nun betrachtet, wie mir auffällt. Bei den meisten handelt es sich um Vorher-Nachher-Bilder der Schauspieler – auf dem ersten Foto noch in jugendlicher Frische lächelnd, auf dem zweiten bluttriefend und mit klaffenden Wunden.

»Das da ist mein Lieblingsfoto«, sage ich ihr und zeige auf das »Nachher« eines hübschen braunhaarigen Mädchens, dessen Kehle von einem Ohr zum anderen aufgeschlitzt ist. »Nicht schlecht, was? Man kann tatsächlich die Sehnen sehen, das heraussickernde Blut hat die perfekte Konsistenz und …«

Ich verstumme, als ich Mums entsetzten Blick auffange. Um den grünlichen Farbton ihres Gesichts zu treffen, müsste ich vermutlich vier verschiedene Acrylharze zusammenmischen.

»Ähm … es ist gar nicht so gruselig, wie es aussieht, Mum. Schau her. Ich zeig dir, wie es gemacht wird.« Hastig mische ich eine von meinen Gelatine-Masken zusammen und erkläre ihr Schritt für Schritt, wie ich dabei vorgehe. »Ich hätte ja Latex genommen, aber weil die Schauspielerin dagegen allergisch ist, arbeite ich mit Gelatine und Bühnenblut. Es ist etwas kniffelig, weil man die Gelatine lange genug erhitzen muss, um sie geschmeidig zu machen, aber auch nicht zu lange, weil sie einem sonst die Haut verbrüht …« Sobald die Mischung heiß ist, greife ich zu einem Pinsel und trage rote Farbe in unterschiedlichen Schattierungen auf und appliziere dann noch kleine Garnstücke, damit es wie Gewebemasse aussieht. Zum Schluss runde ich das Ganze noch mit einem Teelöffel Kunstblut ab. Innerhalb von zehn Minuten halte ich so etwas wie eine klaffende Wunde auf meiner Handfläche.

Dad betrachtet sie staunend. »Mein lieber Schwan, Kimberly. Du bist ein Genie.«

Ich grinse stolz. »Na ja, ich will nicht prahlen, aber …«

»Aber ich! Ich werde für uns beide mit dir prahlen, Liebes«, sagt Mum, deren Teint seine normale Farbe noch nicht komplett zurückerlangt hat.

Während sie mich umarmt, sehe ich über ihre Schulter hinweg einen der Kollegen vom Catering an der offen stehenden Tür vorbeieilen.

»Hey, Lukas!«, rufe ich ihm zu. »Hast du Brett irgendwo gesehen?« Eigentlich müsste er nämlich schon längst unter dem Vorwand, sich nachschminken zu lassen, zu mir in die Maske gehuscht sein, um ein oder zwei Küsse abzustauben und mir so unglaublich süße Sachen ins Ohr zu flüstern, dass jede andere einen Zuckerschock bekäme. (Ja genau, diese Sorte Paar sind wir. Tut mir leid. Nein, nicht wirklich.) Doch bisher glänzt Brett durch Abwesenheit.

Ohne den Schritt zu verlangsamen, deutet Lukas mit dem Kinn Richtung Torbogen ein Stück weiter die Gasse hinunter. »Mh-hm. Hab ihn vorhin zur Location für die nächste Szene gehen sehen.«

Typisch mein zuverlässiger Freund. Stets ist er früh genug am Set, um vorher noch einmal zu proben, oder mit Jane die geplante Szene zu besprechen und was er daran noch verbessern kann. Das ist einer der Gründe, warum sich viele Regisseure darum reißen, mit ihm zu arbeiten. Das, und die Tatsache, dass sein Anblick für die Augen so wohltuend ist wie eine All-inclusive-Reise auf die Fidschi-Inseln.

Da ich sehr gern für einen kurzen Moment in die paradiesischen smaragdgrünen Tiefen seiner Augen eintauchen würde, führe ich meine Eltern auf der Suche nach Mr Brett Curtis aus meinem Maskenmobil. Ich dirigiere sie einen sorgsam markierten Weg entlang durch das Minenfeld des abgesperrten Sets. Weißes Tape auf dem Boden zeigt an, wohin man treten darf – um die kreuz und quer verlegten Kabel und das Absperrband herum, vorbei an den großen weißen Vans und Zelten voller Galgenmikrofone, Reflektoren und Stative.

»Sieht aus, als wäre für die Szene, die wir heute drehen, alles bereit«, erkläre ich, als ich uns den Weg durch das glamouröseste Kriegsgebiet aller Zeiten bahne.

Dad schaut sich mit offenem Mund um, während er über zusammengebündelte Drähte hinweg schreitet und ein paar Leuten aus der Crew ausweicht, die mit ihren auf Klemmbrettern befestigten Drehbüchern an uns vorbeihasten. »Und das alles nur für eine einzige Szene?«

»Du würdest dich wundern, wie viel Arbeit in zehn Minuten Film steckt«, erwidere ich, und spüre wieder das altbekannte Prickeln der Gänsehaut vor dem Dreh. »Und heute drehen wir eine wichtige Szene. Mir ist schon klar, dass ihr Brett vorhin erst in Auf der Überholspur gesehen habt, aber in diesem Film wird er viel besser sein«, versichere ich ihnen. Ich weiß nicht, warum ich das Bedürfnis habe, meinen Eltern Bretts Schauspielkönnen anzupreisen. Sie sind so ziemlich die pflegeleichtesten Filmkritiker der Welt. Aber ich wünsche mir so sehr, dass sie ihn mögen – ich komme nicht dagegen an. »Wartet nur ab, wenn ihr ihn in Aktion seht!«, fahre ich fort. »Im wirklichen Leben ist er ein totaler Schatz.« Wir gehen durch den Torbogen und biegen um die Ecke. »Gleich werdet ihr verstehen, was für ein großartiger Schauspieler er ist, wenn er den totalen Widerling gibt und seine Filmpartnerin aus voller Lunge anbrüllt und …«

Starr vor Entsetzten bleibe ich stehen. Dort ist Brett. Er presst eine blonde Schönheit gegen eine Mauer und saugt an ihrem Gesicht, als wäre er unter Wasser und sie der letzte noch verbliebene Sauerstoff. Zu allem Überfluss trägt die blonde Schönheit nichts außer einem Lächeln und etwas, das ein äußerst knappes Negligé zu sein scheint.

»Das sieht für mich nicht nach Anbrüllen aus.« Dads Gesicht läuft feuerrot an. »Aber mit dem ›totalen Widerling‹ hattest du anscheinend recht.«

2

Eigentlich fluche ich in Gegenwart meiner Eltern nicht. Aber jetzt kann ich nicht anders. »Was geht hier ab, verdammt?«

Brett löst sich in Zeitlupe von seiner Knutschpartnerin. Er dreht sich zu mir um und blickt sogar noch bestürzter drein, als ich mich fühle.

Nicht so die halb nackte Schönheit. Oh nein. Sie scheint sehr genau zu wissen, was hier abgeht. Nachdem Brett jetzt keine aufreizenden Wiederbelebungsversuche mehr an ihr durchführt, sehe ich, wer sie ist: Sadie Hayes-Cooper, die Schauspielerin, die die weibliche Hauptrolle spielt – die von Daphne, der einzigen Überlebenden von Bretts mörderischem Amoklauf. Ich vermute, dass die Art, wie sie in einem Nichts von Nachthemd aussieht, etwas mit ihren Überlebenschancen zu tun hat. Jane sagt immer, sie habe die Rolle mit Sadie besetzt, weil sie eine vielversprechende junge Nachwuchsschauspielerin mit einer treuen männlichen Fangemeinde sei. Jep, eine sehr anspruchsvolle Fangemeinde. Sie stehen auf Körbchengröße D und lange Beine. Echte Schocker-Fans.

Okay, Sadie hat mehr zu bieten als Körbchengröße D. Zufällig hat sie auch einen tollen Humor, etwas Talent und stets gute Laune. Alle im Team lieben sie – sogar all die Typen, mit denen sie zusammen war und die sie wieder abserviert hat, seit wir hier sind – und bisher habe ich mich wirklich gut mit ihr verstanden. Sie ist eine der wenigen Schauspielerinnen, die es geschafft haben, mich zum Lachen zu bringen, während ich sie schminke.

Aber im Augenblick ist sie für mich nur das Mädchen, das ich beim Knutschen mit meinem Freund erwischt habe.

Falls er noch mein Freund ist.

Sadie sieht mir jetzt direkt in die Augen und lässt ein so selbstzufriedenes Grinsen aufblitzen, dass ich unwillkürlich an das rothaarige Mädchen denken muss, das ein Selfie mit meinem Ex-Freund Frankie im Hotelzimmer gemacht und dann ins Netz gestellt hat – vor einer halben Ewigkeit, als ich noch mit ihm zusammen war und glaubte, er wäre die Liebe meines Lebens. Die Erkenntnis, dass mich Frankie betrog, war furchtbar, aber ich dachte, mit Brett hätte ich diese Art von Erfahrung endgültig hinter mir gelassen. Ich kann nicht fassen, dass es schon wieder geschieht. Es kann nur eine Art Scherz-Déjà-vu sein.

Brett macht zwei Schritte auf mich zu, seine Augenbrauen stehen fast senkrecht vor Besorgnis. »Was ist los, Kim? Alles in Ordnung mit dir?«

Meint er das etwa ernst? Glaubt er tatsächlich, das hier wäre okay?

»Ja, das würde ich auch gern wissen, Kim. Ich hoffe, du hast einen guten Grund, mitten in eine Schlüsselszene hineinzuplatzen«, sagt eine Stimme hinter mir.

Jane. Und ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin. Sie dreht.

Jane steht von ihrem Regiestuhl auf und kommt auf mich zu. »Und sag’s mir bitte schnell. Wir vergeuden nämlich Tageslicht.« Sie macht eine Handbewegung zu den Kameras und der fassungslosen Crew hinter ihr, als wolle sie sagen, erinnerst du dich? Wir drehen hier einen Film.

»Ich, ähm …«, beginne ich. »Ich wusste gar nicht, dass es in der Szene zu einem Kuss kommen sollte.«

»Sollte es auch nicht«, räumt Jane ein. »Jedenfalls nicht, bevor ich ihn heute Morgen hineingeschrieben habe. Ich fand, die Szene brauchte noch eine kleine überraschende Wendung.«

Klingt plausibel, aber wirklich überzeugt bin ich immer noch nicht.

»Wo ist denn das Licht für die Szene?«, frage ich und lasse den Blick übers Set schweifen, das nur vom trüben Schein einer Straßenlaterne beleuchtet ist. Normalerweise gibt es gleißend helle strategisch ausgerichtete Scheinwerfer und spezielle Schirme, die das Licht reflektieren und die Helligkeit verstärken. Aber selbst mein Smartphone verströmt ein helleres Licht als die Straßenlaternen in dieser Gasse.

Jane lächelt und hält den Sucher in ihrer Hand hoch. »Ich probiere etwas aus«, sagt sie. »Ich will sehen, ob es den Gruselfaktor erhöht, wenn wir bei natürlichem Licht drehen und die Schauspieler im Schatten bleiben. Wenn der Himmel so stark bewölkt ist, hat das zusätzlich etwas. Ich lasse sie die Szene ein paar Mal durchgehen, um die beste Einstellung zu finden.«

Die Realität beginnt endlich zu mir durchzusickern. Das Gefühl der Erleichterung ist derart groß, dass ich heulen könnte. Brett hat bloß seine Arbeit gemacht und ich habe mich völlig grundlos bis auf die Knochen blamiert. Außer, dass es nicht völlig grundlos war. Ich habe gesehen, wie Brett eine andere geküsst hat. Etwas, womit man rechnen muss, wenn man mit einem Schauspieler zusammen ist. Aber ich war nicht darauf gefasst, dass es direkt vor meinen Augen geschieht – und vor denen meiner Eltern – ohne jede Vorwarnung.

»Wenn du irgendwelche Einwände hast …«, fährt Jane fort.

»Nein, nein … natürlich nicht«, sage ich hastig. »Macht ruhig weiter.« Ich beiße mir auf die Unterlippe und starre zu Boden, während ich spüre, wie mir die Hitze den Nacken hochschießt. Wenn ich mich wie eine verdammte Idiotin fühle, tendiere ich dazu, rot zu werden. Die Knutscherei war Arbeit, nicht Vergnügen. Trotzdem, als Jane nickt und der Crew zuruft, wieder auf Position zu gehen und den Dreh zu wiederholen, bricht es aus mir heraus: »Ich verstehe bloß nicht, was es für die Szene bringen soll.« Diesmal bin ich mir bewusst, dass mich absolut jeder anstarrt – einschließlich Mum und Dad.

»Wie bitte?«, fragt Jane.

Ich lächele zerknirscht. »Ähm … ach nichts.« Ich versuche es mit einem realitätsnahen Lachen. »Ich wollte bloß … ähm … meinen Eltern hier mein Schauspieltalent beweisen. Wie habe ich dir in der Rolle der eifersüchtigen Freundin gefallen?«

Jane spielt mit, obwohl sie definitiv peinlich berührt ist. »Du warst perfekt«, flüstert sie. »Wisst ihr was, Leute?«, ruft sie der Crew zu. »Ich schlage vor, wir machen mit Szene zwölf weiter. Randy, lass bitte die Streifenwagen und die Steadicam in Position bringen …«

Als Jane der Crew weitere Anweisungen zurufend davongeht, räuspert sich Brett unbehaglich und hebt die Hand zu einem verlegenen Winken. »Tja, also … ähm … Sie müssen Mr und Mrs Cassidy sein«, krächzt er. »Freut mich sehr, Sie kennenzulernen. Ich bin Brett Curtis. Ihre Tochter hat mir schon viel von Ihnen erzählt.« Er versucht es mit einem charmanten Lächeln, das allerdings dank des schwarzen Kajal um seine Augen und den Blutspritzern auf seinem Hemd eher wie das von Norman Bates in Psycho ausfällt als wie das von Superman Clark Kent. Ganz zu schweigen von Sadies Lippenstift, der auf seinem Mund verschmiert ist.

»Von Ihnen hat sie uns offenbar nicht ausführlich genug erzählt.« Mum mustert Brett argwöhnisch.

Ich sehe Panik in Bretts Augen aufblitzen, kurz bevor er das Undenkbare tut: Er geht auf meine Mum zu, um sie auf die Wange zu küssen. Nein, Brett, nicht!, rufe ich ihm stumm zu. Ja, okay, ich habe ihm dazu geraten, das zu tun, wenn er besonders ehrgeizig ist, aber ich hätte hinzufügen sollen: »Je nach Stimmungslage«. Im Augenblick sind meine Eltern eindeutig nicht empfänglich für Brett Curtis Ausstrahlung – kein bisschen. Brett will gerade mit seinen Lippen Mums Wange berühren, als sie entschieden beide Hände gegen seinen Brustkorb stemmt und ihn zurückstößt.

»Lieber nicht, junger Mann. Nicht mit dem Lippenstift einer fremden Frau auf Ihrem Mund.« Sie greift in ihre Handtasche, zieht ein paar Papiertaschentücher heraus und reicht sie Brett.

Er nimmt sie und beginnt, sich hektisch den Mund abzuwischen, wobei er die ganze Zeit versucht, etwas von dem grauenhaften ersten Eindruck zu retten, den er hinterlassen hat. »Ach so, ja, richtig …« Wisch. »So ist das beim Film, wissen Sie.« Wisch wisch. »Natürlich wäre der Lippenstift nicht verschmiert, wenn Ihre Tochter ihn bei Sadie aufgetragen hätte. Ich kenne Kims Geheimnis nicht, aber …«, wisch wisch wisch, »… wenn sie einen schminkt, sitzt das Make-up immer perfekt, egal wie lange wir uns küssen oder …«

Zu seinem Glück bleiben ihm genau in dem Moment die Worte im Hals stecken, weil ich ihn sonst nämlich hätte erwürgen müssen, damit er endlich die Klappe hält. Eigentlich sollte es zum Allgemeinwissen gehören, aber da dies offenbar nicht der Fall ist, habe ich hier einen Profitipp auf Lager: Niemals, unter gar keinen Umständen – und schon gar nicht beim ersten Kennenlernen – sollte man in einem Gespräch mit den Eltern seiner Freundin das Thema Knutschen aufs Tapet bringen.

Dad gibt eine Art Grunzlaut von sich und verschränkt die Arme vor der Brust, während sich Mum kerzengerade aufrichtet und das Kinn vorstreckt. »Kim. Ich glaube, dein Vater ist müde. Wir warten vor deinem Wohnwagen auf dich, bis du mit der Arbeit fertig bist.« Sie wirft Brett einen letzten stahlharten Blick zu, nimmt Dads Hand und verschwindet mit ihm um die Ecke, zurück zu meinem Maskenmobil.

»Das ist wohl nicht so gut gelaufen, oder?«, fragt Brett und stupst mich sanft mit der Schulter an, während wir ihnen hinterherschauen.

Ich bewege mich einen Zentimeter von ihm weg. »Nicht besonders. Nein.«

»Wahrscheinlich denken sie, ich wäre irgendwie pervers.« Brett stöhnt verzweifelt. »Habe ich wirklich davon gesprochen, dass wir uns geküsst haben und Pünktchen-Pünktchen-Pünktchen?«

»Ja, hast du«, sage ich ausdrucklos.

Brett schlägt sich gegen die Stirn, so richtig fest. »Schätze, ich hätte es wohl doch besser mit ›Hi Leute, was geht?‹ versuchen sollen.«

Ich möchte lachen, aber ich bin noch nicht bereit, ihn so leicht aus der Sache herauskommen zu lassen. Nur weil er eigentlich nichts falsch gemacht hat, bedeutet das nicht, dass er auch tatsächlich nichts falsch gemacht hat. Wenn es nichts Schöneres gibt, als Brett zu küssen, dann gibt es nichts Schlimmeres, als ihn dabei zu erwischen, wie er eine andere küsst – besonders jemanden wie Sadie, die so heiß aussieht, dass es mich ohnehin wundert, wieso ihre Klamotten nicht zeitweise in Flammen aufgehen.

Da wir gerade von der halb nackten Teufelin sprechen … Sadie sucht sich ausgerechnet diesen Moment aus, um an uns vorbeizurauschen, während sie sich einen extrem kurzen weißen Morgenmantel über ihre als Kleid getarnten Dessous streift. »Tolle Arbeit heute, Brett«, schnurrt sie. »Du bist ein echter Glückspilz, Kim.« Sie zwinkert uns zu und geht rüber zu Jane, wobei sie die Hüften schwingt, als wäre es ihre natürliche Gangart. Genervt dämmert mir, dass es wahrscheinlich sogar der Fall ist. Plötzlich verstehe ich, warum Marilyn Monroe nicht allzu viele Freundinnen hatte.

»Hey.« Brett zieht mich vor sich und hebt mit den Fingerspitzen mein Kinn an, sodass ich anstatt auf Sadies perfekt geformten Hintern in seine Augen starre. Mein Kryptonit. »Dir ist doch wohl hoffentlich klar, dass ich nur meine Arbeit gemacht habe, oder?«, sagt er in sachlichem Tonfall. »Wenn ich vorgehabt hätte, vor den Augen deiner Eltern irgendjemanden zu entehren, dann hätte ich gewollt, dass du es bist. Das weißt du, oder?«

Jetzt muss ich doch lachen. »Du willst mich vor meinen Eltern entehren?«, frage ich. »Spinner.« Ich schweige einen Herzschlag lang oder zwei. »Hör zu, ich weiß, es gehört dazu, hin und wieder mit irgendeiner Sadie zu knutschen. Aber es wäre nett, wenn du mich beim nächsten Mal vorwarnen würdest. Schreib mir eine Nachricht oder so, okay?«

Brett nickt. »Geht klar. Obwohl ich nicht glaube, dass es ein nächstes Mal geben wird. Ziemlich sicher wird mich dein Dad im Schlaf ermorden«, sagt er ernst.

Ich lege meine Arme um seine Schultern und ziehe ihn zu einer Umarmung an mich. »Ja, vermutlich. Aber keine Sorge. Ich glaube, von hier an kann dein Stunt-Double deine Szenen übernehmen.«

Brett lacht und drückt mich fester und unser kleiner Streit ist offiziell beigelegt. Aber insgeheim frage ich mich schon, wie oft sie die Szene wohl schon gedreht haben, bevor ich aufgetaucht bin? Ein einziges Mal fühlt sich an wie eins zu viel. Ich dachte, ich würde damit umgehen können, die Freundin eines berühmten Mädchenschwarms zu sein, aber wenn mich schon eine einfache Kussszene so zum Durchdrehen bringt, muss ich mich in Zukunft wohl noch auf eine Menge mehr Ausraster gefasst machen. Ich kann nur hoffen, dass sie nicht alle vor meiner Mum und meinem Dad passieren.