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JORGE GALÁN wurde 1973 in El Salvador geboren und lebt zurzeit in Spanien. Sein Werk ist vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem salvadorianischen Nationalpreis. 2016 wurde er zum wichtigsten spanischsprachigen Dichter Lateinamerikas (geboren nach 1970) gekürt und mit dem Preis der Real Academia Española geehrt. Mein dunkles Herz ist sein erster Roman.

»Überraschend, berührend – die Stimme einer salvadorianischen Frau namens Magdalena wird auf ewig im Gedächtnis des Lesers eingebrannt sein. So etwas schafft nur das Wunder der Literatur.«
Almudena Grandes

»Nur sehr selten lese ich andere Autoren, dies ist eine Ausnahme. Ein wundervolles Buch in der Tradition von García Márquez und Juan Rulfo. Jorge Galán hat großes Talent und Einfühlungsvermögen.«
Eduardo Mendoza

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JORGE GALÁN

MEIN DUNKLES
HERZ

Roman

Aus dem Spanischen von
Angelica Ammar

Die spanische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
La habitación al fondo de la casa bei Valparaíso Ediciones, Granada, Spanien.

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Copyright © 2013 by Jorge Galán

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe by 2017 Penguin Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Sabine Kwauka

Umschlagmotiv: Bridgeman Images/Scarlet Macaw; Arcangel/Roberto Pastrovicchio; Shutterstock/Hein Nouwens; darqdesign; Konstantin Christian

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-20553-9
V001

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Für Nieves García Prado, voller Dank

EINE MYTHISCHE GEBURT

1

EIN GELLENDER SCHREI DURCHSCHNITT die Nacht. Er schallte aus einem dunklen Haus. Ein Mann auf einer Frau hatte ihn ausgestoßen. Ein fürchterlicher Schrei, der sich fortsetzte wie ein Donner, nur folgte darauf kein Blitz, der die Dunkelheit erhellte, sondern endlose Stille. Es klang wie ein Schrei des Entsetzens, doch es war einer der Lust. Der Mann, der schrie, stürzte sich mit seiner Stimme in die Finsternis. Die Frau unter ihm gab nur ein ersticktes Stöhnen von sich. Mehr erlaubte sie sich nicht, aus Rücksicht auf ihre beiden kleinen Kinder, die im Zimmer nebenan schliefen.

Seit sie Kinder hatten, liebten sie sich lautlos. Aber diese Nacht war für ihn anders. Etwas sank aus seiner Brust in seinen Bauch, und er begriff, dass er nicht nur mit seinem Körper fühlte, sondern auch mit seiner Seele, dass seine Bewegungen, sein Zustoßen, der Genuss ihn beinahe zum Explodieren brachten.

Er wusste, was kommen würde, so sehr die Wollust ihn auch vereinnahmte, aber er wollte sich nicht zurückhalten. Er überließ sich seinem Körper. Er überließ sich ihm mit einem übermächtigen Begehren, bis sein Unterleib den Samen ausstieß, der ihn zum Mann machte, bis seiner Kehle mit dem Schrei auch seine Seele entschlüpfte, die ihn zum Menschen machte.

Zurück blieb ein befriedigter Körper. Eine leere Hülle. Der Mann, der geschrien hatte, war tot. Er war ein Wanderer gewesen, der nach fast einem Jahrhundert unablässigen Umherziehens innegehalten hatte. Er war neunundneunzig Jahre alt und starb mit dem Wissen, ein drittes Mal Vater zu werden. Seine Frau würde es erst einige Wochen später erfahren.

2

DER WANDERER HATTE KEINEN Namen. Bei seiner Geburt nannte seine Mutter ihn Sohn, und da es auf dem Berg, auf dem sie lebten, sonst niemanden gab, außer den Vögeln, den Agutis, den Hasen und ein paar Bergkatzen, bestand keine Notwendigkeit, ihm einen anderen Namen zu geben. Als er älter wurde, suchte er sich Arbeit auf einer nahegelegenen Hazienda, und dort nannte man ihn Junge.

»Wie heißt du?«, fragte ihn der Vorarbeiter.

»Sohn«, antwortete er.

»Du heißt Sohn, sagst du?«

»So nennt mich meine Mama.«

»So ein Unsinn. Wenn du keinen Namen hast, bist du hier eben der Neuling, denn Sohn werden wir dich bestimmt nicht nennen.«

Und so wurde er der Neuling, aber da er das Glück hatte, vom Besitzer der Hazienda, Don Eustacio, zu seinem persönlichen Helfer gemacht zu werden, weil er fleißiger war als alle anderen, schneller begriff, besser gehorchte, nannte ihn bald niemand mehr verächtlich den Neuling, sondern Junge, wie der Herr ihn rief. Dreißig Jahre lang hieß er so. Dann starb Don Eustacio, und sein Erstgeborener, Eustacio Genaro, übernahm die Hazienda und ihre Arbeiter, darunter den Jungen, der inzwischen lesen und schreiben konnte und zum Mann geworden war: schwarzes Haar, schräge Augen, Hut, weißes Hemd, selbst gemachte Ledersandalen, gesunde Zähne, komplett und ohne Karies, weshalb man sagte, er sei aus gutem Holz.

»Und wer war dein Vater?«, fragte Eustacio Genaro ihn eines Tages.

»Meine selige Mutter hat es mir nie gesagt.«

»Und wo bist du geboren?«

»Ich habe auf dem Berg San Jacinto gelebt, bis ich hierherkam und bei Ihrem Vater zu arbeiten begann.«

»Schön, aber ein Junge bist du nicht mehr. Vielleicht nennen wir dich am besten einfach Mann.«

Und so kam es. Wenn die Frauen ihn sahen, tuschelten sie hinter seinem Rücken.

»Da kommt der Mann«, sagte eine.

»Dieser seltsame Mann, der noch nie eine Frau gehabt hat«, sagte eine andere.

»Wer weiß, warum, vielleicht hat er ja nur Luft zwischen den Beinen«, sagte eine Dritte, und alle kicherten.

Da war der Mann um die vierzig und hatte noch nie bei einer Frau gelegen, hatte auch nie das Bedürfnis verspürt. Er war ein sonderbarer Einzelgänger, der, wenn der Chef auf Sauftour war und die Hazienda unbeaufsichtigt ließ, was des Öfteren vorkam, lange Wanderungen unternahm, in die Berge oder entlang der Flüsse, und er legte sich auch gern unter die Bäume und lauschte ihrem Rauschen, und wenn die Leute ihn so im Gras liegen sahen, mit offenen Augen und einer stillen Fröhlichkeit um den Mund, sagten sie, er verstehe die Sprache der Bäume, höre sie Geschichten erzählen, alte Geschichten von alten Welten, Geschichten, die älter waren als die Menschheit selbst. Er habe den Bäumen so lange gelauscht, hieß es, bis er ihre Sprache beherrschte, wie auch die der strömenden Flüsse und pfeifenden Winde. Man erzählte sich Geschichten über den Mann, und der Mann erzählte den Kindern Geschichten, und für kurze Zeit, zwischen seinem sechzigsten und siebzigsten Lebensjahr, nannte man ihn den Geschichtenerzähler oder den alten Geschichtenerzähler oder den Alten mit den Geschichten, und er wanderte auf der Hazienda umher oder quer durchs Land und die Dörfer, setzte sich in die Parks und bannte die Kinder mit Geschichten von Zauberern und schrecklichen Kriegen und tapferen Rittern, und alle waren verblüfft, ihn so anders reden zu hören, so gebildet, und niemand konnte sich erklären, wo er das gelernt hatte.

Mit zweiundsiebzig Jahren übernahm Eustacio Genaros Sohn, Genaro Alberto, die Hazienda, da sein Vater, der sich ein Leben lang dem Schnapstrinken gewidmet hatte, an der Leber litt. Genaro Alberto entschied, dass der Mann zu alt sei, um mehr zu tun, als Nachrichten von einem Hof zum anderen zu bringen. Und diese Aufgabe vertraute er ihm an, nicht, weil er den Mann loswerden wollte, sondern weil er ihn schätzte und bewunderte, vor allem, weil der Mann immer noch ein lückenloses Gebiss besaß, weiß wie Meeresschaum, ohne ein einziges Loch.

»Sag, was machst du mit deinen Zähnen?«, fragte er ihn eines Tages.

»Ich spüle sie einfach nur aus«, antwortete der Mann.

»Nur mit Wasser?«

»Nur mit Wasser, ja.«

»Dafür sind sie aber wirklich gesund, so hätte ich meine auch gern.«

Der Mann, der so gut wie nie lächelte, gestattete sich ein flüchtiges Grinsen, und Genaro Alberto konnte sich erneut der ausgezeichneten Gesundheit dieser weißen Zähne überzeugen.

»Ich habe dir etwas aufzutragen«, sagte Genaro Alberto. »Du sollst mir eine Nachricht zu Don Fausto bringen, dem von der Finca El Pital. Das Gehen macht dir doch keine Mühe, oder?«

»Nein, ich bin mein Leben lang gegangen«, war die Antwort.

Als Kind war er von San Marcos, wo er lebte, bis auf die andere Seite des San-Jacinto-Bergs nach Ilpango gegangen, nur um dort im See zu baden. Als Junge und später als Mann war er von der Hazienda aus so lange gewandert, bis er auf einen Fluss mit Bäumen stieß. Manchmal marschierte er tagelang, ohne einen Bissen zu essen, nur einen Schluck Wasser trank er gelegentlich im Gehen. Noch als alter Mann wanderte er von einem Ort zum anderen, von einem Dorf ins nächste, quer durchs Land. Er brachte Botschaften zur Finca El Pital, zur Finca El Aro de Bronce, zur Finca El Paraíso, zur Finca Los Bueyes, zur Finca Santa María und zur Finca Santa Eugenia und kam mit den Antworten zurück. Ein ums andere Mal marschierte er, ohne einmal stehen zu bleiben, und wenn Don Genaro Alberto oder ein Vorarbeiter ihn fragten, ob er müde sei, ob er sich nicht ein wenig in seiner Hängematte ausruhen wolle, sagte der Mann Nein, er sei lieber den ganzen Tag auf den Beinen, das verschaffe ihm Lebenslust. Weshalb die Leute, die Vorarbeiter und sogar Don Genaro Alberto hinter seinem Rücken tuschelten: »Der Alte ist noch voller Kraft, weil er in seinem Leben keine Frau gehabt hat.«

»Das muss es sein.«

»Schon, aber nicht einmal die Priester sind so, sogar die Priester bekommen graue Haare, und schaut ihn nur an, was für ein zäher Kerl er ist«, sagte Don Genaro Alberto.

»Aber ist es nicht furchtbar, niemals eine Frau gehabt zu haben?«

»Das ist es wohl. Ein seltsamer Mensch, sein Leben lang, und jetzt tut er kaum noch den Mund auf, erzählt nicht einmal mehr die merkwürdigen Geschichten, die man früher von ihm hörte.«

»Ja, nicht einmal mehr das, es ist wahr«, sagte Don Genaro Alberto.

Er wanderte über den Berg, um eine Nachricht zur Finca Santa Petrona zu bringen, als er an einem Holzhaus mit Strohdach vorbeikam und das Stöhnen einer Gebärenden hörte. Er blieb stehen und fühlte, wie sein Kopf von einem fremden Geruch erfüllt wurde, der aus dem Inneren des Hauses kam, und er dachte, ohne dass er damals wusste oder wir jetzt wüssten, warum, dass dieser Geruch den gespreizten Beinen der Frau entstieg, ohne ihrer zu sein. Kurz darauf hörte er das Greinen eines Neugeborenen, und der Geruch wurde noch stärker. So stark, dass dem Mann die Beine nachgaben, er sich plötzlich ganz schwach fühlte und zu Boden sank und auf diese Weise die Erde schmeckte, den Staub des Pfades, über den er gekommen war.

Er fiel in einen tiefen Schlaf, an ebender Stelle, an der er hingesunken war. Es war fast vier Uhr nachmittags. Erst in den Morgenstunden des nächsten Tages erwachte er wieder, unter den Sternen, nachdem er die ganze Nacht von Engeln geträumt hatte, mit denen er sich über etwas unterhalten hatte, das er niemandem je erzählen würde. Damals war er achtzig Jahre alt, und wie die Vorarbeiter und Don Genaro Alberto richtig sagten, hatte er nie bei einer Frau gelegen.

3

IM JAHR DARAUF GING er wieder zur Finca Santa Petrona und im Jahr danach wieder und im darauffolgenden auch. Erst sah er eine Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm, dann sah er die Frau mit dem Mädchen an der Hand, dann sah er ein Mädchen, das sich in einem Becken vor dem Holzhaus das Gesicht wusch. Das Mädchen hatte glattes Haar, ein rundes Gesicht, leicht geschlitzte Augen und einen dunklen Teint, es trug ein abgenutztes rotes Kleid und war barfüßig. Sechzehn Jahre lang ging der Mann einmal im Jahr an diesem Haus vorbei.

Als er fünfundneunzig Jahre alt wurde, verspürte er das Bedürfnis, nicht mehr nur einmal im Jahr dort vorbeizugehen, sondern jeden Monat. Der Vater der Familie, den er nie gegrüßt hatte, begann ihm zuzunicken, und ab und an wechselten sie sogar ein paar Worte, und eines Tages blieb der Wanderer im Schatten eines Baumes stehen und erzählte dem Vater eine Geschichte. In dem Haus lebten neun Personen, die Eltern und sieben Kinder, aber nur das Mädchen kam heraus und setzte sich zu ihnen. Es hatte kräftige Schenkel und breite Hüften und langes schwarzes Haar, das es im Flusswasser mit Kernseife wusch und in das es manchmal weiße Blumen steckte, die es auf dem Feld pflückte. Viele Geschichten an vielen Nachmittagen folgten auf diesen ersten Nachmittag und diese erste Geschichte.

Eines Tages merkte der Wanderer, dass es an der Zeit war, die Geschichte zu erzählen, die er von Anbeginn an in sich trug, die Geschichte eines inzwischen sehr alten Mannes, der in ein sehr junges Mädchen verliebt war. Also erzählte er sie ihnen, und der Vater mochte sie sehr, das Mädchen auch, und ehe die Mutter die Brüder des Mädchens herbeirufen konnte, um es zu verhindern, hatte das Mädchen seine Sachen gepackt und war dem gefolgt, der mittlerweile nur noch der Greis genannt wurde.

Der Greis nahm das Mädchen mit in ein lehmverputztes kleines Haus am San-Jacinto-Berg, auf der Seite von San Marcos, und dort legte er sich, mit sechsundneunzig Jahren, zum ersten Mal zu einer Frau, und er zeugte seinen ersten Sohn, einen Knaben, den die Mutter Pedro Luis nannte, weil sie, im Gegensatz zu ihrem Mann, Namen mochte. Sie selbst hieß Marta Tita. Ein Jahr später beschloss der Greis, sich ein zweites Mal zu seiner Frau zu legen, und so geschah es auch, und er schwängerte sie wie beim ersten Mal. Neun Monate später bekamen sie ein Mädchen, das Marta Tita nach sich selbst nannte, und der Zufall wollte, dass es an einem zweiundzwanzigsten Mai geboren wurde wie sein Bruder im Vorjahr.

Zwei Jahre vergingen. Da wollte der Wanderer sich ein drittes Mal zu seiner Frau legen, und so geschah es auch, in einer windigen Nacht, und er beglückte sie noch mehr als zuvor. Ihr alter Mann mit den makellosen Zähnen hatte seine ganze Energie für die letzten Jahre seines Lebens bewahrt, und die stieß er in dieser Nacht von sich, inmitten des Windes, unter den Sternen, umgeben vom Duft des wilden Jasmins, der auf der Wiese vor dem Lehmhaus wuchs, er stieß alles von sich und blieb leblos auf ihr liegen, nach einem letzten durchdringenden Schrei, der die Nacht entzweite wie ein Blitz.

4

MARTA TITA WAR EINE Frau mit drei Kindern, einem toten Mann und einem Land, auf dem noch nichts gesät war. Die Geburt des dritten Kindes hatte sie sehr geschwächt, aber sie wollte nicht in ihr Elternhaus zurückkehren, das sie mit sechzehn an der Hand eines Greises verlassen hatte, ihres zukünftigen Mannes. Ihr drittes Kind kam 1920 zur Welt. Die darauffolgenden Jahre wurden sehr arbeitsreich für sie. Sie musste ihr Land fruchtbar machen, Schweine und Hühner versorgen. Trotz ihrer mangelnden Erfahrung und ihrer Einsamkeit erging es ihr gut. Bis das erste Kind sechs Jahre wurde. Am Vorabend seines Geburtstags schmerzten Pedro Luis der Kopf und die Augen, was Marta Tita sehr besorgte, denn er war seit seiner Geburt nicht einmal krank gewesen, hatte nie eine Grippe oder auch nur Bauchschmerzen gehabt. Sie wickelte ihn die Nacht über in eine Wolldecke, legte ihn in ihr Bett und gab ihm warme, mit Melasse gesüßte Kuhmilch zu trinken. Am nächsten Morgen, dem zweiundzwanzigsten Mai, war das Kind tot, und die untröstliche Mutter ließ einen Monat lang alle Arbeit ruhen und weinte sich die Augen aus.

Ein Jahr später sagte die kleine Marta Tita am Vorabend ihres sechsten Geburtstags zu ihrer Mutter, ihr schmerzten Kopf und Augen, und so sehr die Mutter auch die ganze Nacht über inbrünstig betete und flehte, ihrem Mädchen möge nicht das gleiche Schicksal widerfahren wie dem älteren Bruder, es halfen weder Gebete noch Rosenkranz noch Fürbitten an alle ihr bekannten Heiligen und die Mutter Gottes: Am nächsten Morgen war das Mädchen tot. Die Mutter verfiel in einen apathischen Zustand und sagte sich in ihrer unendlichen Trauer, in einer tiefen Verbitterung, die ihre Zunge schal und pelzig machte, dass ihr Leib und ihre Kinder verflucht waren und dass die Schuld daran der Mann trug, den sie aus ihr nicht mehr erfindlichen Gründen einige Jahre lang geliebt hatte.

Einige Zeit nach dem Tod ihrer Tochter, als sich der sechste Geburtstag des dritten Kindes näherte, beschloss Marta Tita, den Berg zu verlassen und Hilfe zu suchen. Ein Kloster erschien ihr dafür am besten geeignet. Sie nahm das Kind, packte etwas Kleidung in ein Bündel und verließ das Lehmhaus eines frühen Morgens im Jahr 1926. Der Junge, der den Namen Vicente trug, war ebenfalls an einem zweiundzwanzigsten Mai zur Welt gekommen, und sie wollte alles daransetzen, ihn vor dem Unglück zu bewahren.

5

IM KLOSTER SANTA LUCÍA befanden sich die Zimmer in unterirdischen Katakomben, wie auch die Zellen, in die sich die Nonnen begaben, wenn sie fernab aller Geräusche beten wollten. Doch das Erdgeschoss war hell, versehen mit etlichen Bogen- und Bleiglasfenstern und von großzügigen Gärten umgeben, in denen das Gras spross. Im Innenhof war ein Gemüsegarten angelegt, in dem die Nonnen Tomaten, Thymian, Petersilie, Zwiebeln und Kartoffeln anbauten. An der linken Seite des Hofs befand sich ein Schuppen mit Ziegeldach und Holzkäfigen, in denen Hühner gehalten wurden. Schwester Angela, die Mutter Oberin, war eine Frau mit freundlichem Gesicht und Auftreten, die Marta Titas Bericht mit einem Lächeln auf den Lippen lauschte und ihr beipflichtete, dass jener Mann, der Vater ihrer Kinder, ein Hexer gewesen sein müsse.

»Das ist nicht christlich«, sagte die Mutter Oberin, und Marta Tita nickte stumm. »Aber Gott lässt seine Kinder nicht im Stich, so wenig wie wir unsere Töchter, wenn sie Hilfe brauchen. Du kannst hierbleiben, zumindest bis nach dem Geburtstag deines Sohnes. Wir werden Tag und Nacht mit dir beten. Du wirst sehen, alles wird gut, dein Kind wird leben.«

Am einundzwanzigsten Mai in aller Frühe wurde mit den Gebeten begonnen. Die Nonnen schlossen das Kloster und empfingen keine Besuche. Den ganzen Tag beteten sie Rosenkränze für den Knaben und baten, jeder Fluch und alles Böse, das ihm gelten könnte, möge abgewendet werden. Vicente schickten sie zum Spielen in den Hof, ließen ihn die Hühner anschauen, mit Schwester Berenice singen, den Köchinnen beim Backen eines Biskuitkuchens helfen, mit Cayetano, dem Gärtner, Fußball spielen. Abends riefen sie ihn zum Gebet. Nach dem Nachtmahl gaben sie ihm ein warmes Glas Milch mit Bienenhonig, in das ein wenig Vanilleessenz geträufelt und etwas Zimt gepudert war. Gegen acht Uhr schlief das Kind ein, und sie saßen schweigend darum und beteten die ganze Nacht. Sie beteten für sein Leben und seine Seele und für das Leben und die Seele seiner Mutter. Am nächsten Morgen öffnete Vicente die Augen, war sechs Jahre alt, es war der zweiundzwanzigste Mai 1926, und er war gesund und kräftig und quicklebendig und sogar glücklich, denn es war sein Geburtstag, und die Köchinnen hatten einen wunderbaren Geburtstagskuchen für ihn gebacken. Das Kind stand auf und sah aus wie immer, trotzdem betete ein Großteil der Nonnen und seine Mutter den ganzen Tag lang weiter. Ausgenommen Schwester Angela, die zur Mutter sagte: »Marta Tita, deinem Sohn wird bestimmt nichts passieren, schau nur, wie er die Hühner ärgert, außerdem hat er schon mit dem Finger vom Kuchen genascht, der kleine Bengel ist putzmunter.«

Da war es Vormittag, dennoch betete Marta Tita weiter für ihren Sohn. Erst am darauffolgenden Morgen, als sie aufwachte und sah, dass er noch immer am Leben war und lachend im Kloster Santa Lucía umherlief, atmete sie auf und fühlte Frieden in sich einkehren. Das Kind würde weder an diesem Tag noch am nächsten noch am übernächsten sterben. Der Fluch, wenn es denn einen gab, hatte ihm nichts anhaben können.

6

VICENTE VERBRACHTE SEINE KINDHEIT und einen Großteil seiner Jugend zwischen Gärtnern, Nonnen und Köchinnen. Zu seinem Glück wollte seine Mutter nicht mehr in das alte Haus zurück, aus Furcht, das Böse, vor dem sie geflüchtet waren, warte dort noch auf sie. Ebenso zu seinem Glück boten die Nonnen ihr an, bei ihnen zu bleiben und sich im Kloster nützlich zu machen. Und so lebte Marta Tita dort mit ihrem Sohn Vicente, den die Nonnen in der Religion unterwiesen, die Köchinnen im Kuchenbacken, der Gärtner im Gemüseanbau und sie selbst, Marta Tita, darin, festen Glauben in die Dinge zu haben. Darüber hinaus lernte er den Brauch, Weihnachten mit einem großen Festschmaus zu feiern, schließlich war es, wie Schwester Angela sagte, der Geburtstag von Jesus Christus, und da dürfe man nicht knausern oder heuchlerische Überlegungen anstellen. Weihnachten war die beste Zeit des Jahres im Kloster Santa Lucía. Die Nonnen buken Kuchen, brieten Truthähne, schoben Brotlaibe in den Holzkohleofen und bereiteten Milchreis, Karamellpudding und Biskuitkringel zu. Schwester Genoveva studierte mit allen Weihnachtslieder ein, und Mutter Ursula baute mit Vicente die Krippe mit den Lehmfiguren auf. Es waren glückliche Jahre, denn die Nonnen im Kloster Santa Lucía waren alles andere als langweilig. Sie beteten nicht mehr, als sie beten mussten, und schimpften nicht mehr als nötig. Es war nicht leicht für Vicente, als Halbwüchsiger den Entschluss zu treffen, den Ort zu verlassen, an dem er so glücklich gewesen war.

Doch eines Abends, sie waren im Garten, teilte er seiner Mutter seine Entscheidung mit.

»Ich glaube«, sagte Vicente, »es ist an der Zeit für mich, zu gehen. Ich glaube, es ist so weit.«

»Ich wusste, dass du das eines Tages sagen würdest«, antwortete seine Mutter.

»Aber Mama, das Leben ist nun mal so.«

»Ich sage ja nicht, dass es nicht so ist, sondern nur, dass ich diesen Moment erwartet habe. Ich wusste, dass du zu mir kommen und mir sagen würdest, dass du gehen willst.«

Marta Tita kannte nicht viel von der Welt, aber das wenige, was sie wusste, teilte sie ihm mit, und zwei Wochen später, an einem Junitag im Jahr 1940, verabschiedete sie ihren Sohn am Bahnhof. Sie sollte ihn nie wiedersehen. Als sie drei Jahre später in einer unbeleuchteten Straße von einem Auto überfahren wurde, befand sich ihr Sohn irgendwo am Panamakanal. Die Nachricht erreichte ihn zwei Tage später in Form eines Telegramms, das er ins Meer warf, kaum hatte er es gelesen.

Als er vom Tod seiner Mutter erfuhr, überkam ihn ein Gefühl der Einsamkeit, wie er es nie zuvor gekannt hatte. Er fühlte sich leer, als gähne ein finsterer Abgrund in ihm. Von da an sagte er kaum noch ein Wort und begann, in seiner freien Zeit lange Strecken zu wandern, zumeist ohne festes Ziel. Er kam durch Wälder, in denen er lernte, dem Rauschen des Windes zwischen den Ästen und dem Murmeln der Flüsse zu lauschen und nächtelang mit offenen Augen auf dem Boden zu liegen und die Sterne zu betrachten, als hoffe er, in ihrer Unermesslichkeit eine Antwort darauf zu finden, was er mit seinem Leben anstellen solle, mit diesem Leben, das ihm so sonderbar anmutete. Denn die anderen Männer, mit denen er auf der Mole arbeitete, gingen in Bars und tranken Bier, besoffen sich, schliefen mit Prostituierten oder hatten wechselnde Liebschaften, doch all das war nichts für ihn, noch nie hatte er Verlangen nach einer Frau empfunden, nicht einmal, wenn er die Europäerinnen an den Stränden sah, in ihren zu knappen Badeanzügen und mit den herrlichen bloßen Beinen, schön wie die Sonne. Er gewahrte die Schönheit, aber er gewahrte auch sein fehlendes Verlangen. Und das machte ihn noch verschlossener, schweigsamer. Und diese Verschlossenheit brachte ihn dazu, noch mehr zu wandern und noch eingehender dem Wind in den Blättern oder dem Meer zu lauschen, wenn er bei Sonnenuntergang im Sand saß und die Wellen seine Füße umspülten, und zunehmend kam es ihm vor, als würde er von der Welt abdriften, immer weniger den Menschen angehören. Er hatte sogar die merkwürdige Gewohnheit angenommen, manchen neuen Bekanntschaften zu sagen, er habe keinen Namen, seine Eltern hätten ihm keinen gegeben, sie hätten ihn erst Kind, dann Junge und dann Mann gerufen, und es sei ihm egal, ob man ihn Juan oder Gilberto oder Pablo nenne oder wie seinen eigenen Vater, einfach Mann. Viele Leute nannten ihn in dieser Zeit deshalb so.

Die Jahre vergingen, bis zu einem Januarmorgen im Jahr 1951. In der Nacht hatte der Mann einen seltsamen Traum gehabt, in dem er Engel gesehen hatte, und erinnerte er sich auch an nicht viel mehr als an ein Gleißen, das ihn geblendet hatte, und an ein Wispern in einer unverständlichen Sprache, wusste er doch, dass der Moment gekommen war, dorthin zurückzukehren, wo alles seinen Anfang genommen hatte. Ein paar Wochen später packte er seine Sachen in einen schwarzen Koffer, zog sein kaffeebraunes Jackett an, band sich eine Krawatte um und setzte einen Filzhut auf. Er ging zum Bahnhof, kaufte ein Ticket und verließ den Kanal, die Schleusen, das Meer, an dem er die letzten zehn Jahre verbracht hatte. Wenige Tage später kam er nachmittags um drei Uhr zwanzig an einem vollen Bahnhof an und stieg in einer Stadt aus dem Zug, die er nicht kannte, weil er nie in ihr gelebt hatte. Ohne sich umzusehen, ging er über den vollen Bahnsteig, wo niemand auf ihn wartete, denn nicht einmal die Nonnen vom Kloster Santa Lucía hätten von Santa Tecla nach San Salvador kommen können, sie wussten nichts von seiner Ankunft. Doch da geschah etwas Unverhofftes: Ein Mädchen winkte ihm zu. Für einen Augenblick fiel sein Blick auf sie. Er nahm an, dass sie nicht ihn meinte. Ihr Gruß musste jemand anderem gelten. Er kannte sie nicht. Er war sich sicher, dass er sie nie zuvor gesehen hatte. Sie war sehr schön, wie er aus den Augenwinkeln sah, und sie winkte ihm weiter zu, was ihn nervös machte. Er konnte es sich nicht erklären. Wer war sie? Woher kannte sie ihn? Verwechselte sie ihn mit jemandem? Da dachte er: Sollte das Mädchen jetzt zu ihm kommen und ihn nach seinem Namen fragen, würde er sich nicht mehr an ihn erinnern. Das dachte er, doch im gleichen Moment merkte er, dass er sich doch erinnerte, dass er ihr nicht sagen würde, nenne mich Juan oder Gilberto oder einfach nur Mann, weil er ganz plötzlich seinen eigenen Namen wieder wusste: Vicente Sánchez, und er merkte, dass er ihm nicht nur wieder eingefallen war, sondern dass er ihn ihr auch sagen wollte. Da spürte er die Hand auf der Schulter, die warme Hand, die ihn abholen gekommen war.

MAGDALENA