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Veronica Henry

Liebe zwischen den Zeilen

ROMAN

Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und

Norbert Möllemann

Zum Buch

Die Buchhandlung ihres Vaters Julius Nightingale ist für Emilia ein magischer Ort – hier hat sie eine glückliche Kindheit zwischen Büchern verbracht. Als Julius im Sterben liegt, kehrt die 32-Jährige von ihrer Weltreise in die englische Heimat zurück und gibt ihm das Versprechen, den Laden weiterzuführen. Nightingale Books ist zwar das Herzstück der Kleinstadt Peasebrook, schreibt aber schon lange keine schwarzen Zahlen mehr. Genau in diesem Moment taucht der charmante Jackson auf, der Emilia im Auftrag eines Großinvestors ein ansehnliches Angebot macht. Doch Freunde und Stammkunden entschließen sich, an ihrer Seite für die geliebte Buchhandlung zu kämpfen. Da ist Sarah, die Inhaberin des Herrenhauses Peasebrook Manor, die mit Julius eine heimliche Affäre verband, die schüchterne Thomasina, die sich zwischen Kochbüchern in den Käseverkäufer Jem verliebt, und der Musiker Marlowe, für den Emilia schon lange schwärmt. Werden sie gemeinsam Emilias Erbe retten können?

Zur Autorin

Veronica Henry arbeitete für die BBC und als Drehbuchautorin für zahlreiche Fernsehproduktionen, bevor sie sich dem Schreiben von Romanen zuwandte. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Devon, England. Nach Für immer am Meer, Wie ein Sommertag und Nachts nach Venedig ist Liebe zwischen den Zeilen ihr vierter Roman im Diana Verlag.

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Zitatnachweise

S. 142, 143: Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz.

Übers. v. Grete und Josef Leitgeb. © 1950 und 2014

Karl Rauch Verlag, Düsseldorf, S. 31.

S. 296: Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 2:

Im Schatten junger Mädchenblüte. Übers. v. Eva Rechel-Mertens.

© 1954 Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, S. 63.

Deutsche Erstausgabe 09/2017

Copyright © 2016 by Veronica Henry

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel

How to find Love in a Bookshop bei Orion Books, an imprint

of the Orion Publishing Group Ltd, London

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2017

by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Melike Karamustafa

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotive: © David Shawley, Anne Kitzman, Franck Boston, ankudi, BrAt82, ziviani, Konstantin L, luckyraccoon, sriyota/shutterstock

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-20650-5
V001

www.diana-verlag.de

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»Lesen ist alles«

Nora Ephron

PROLOG

Februar 1983

Er hätte es niemals geglaubt, wenn man es ihm vor einem Jahr gesagt hätte. Dass er mit einem Baby im Kinderwagen in einem leeren Ladenlokal stehen und ernsthaft in Erwägung ziehen würde, ein Angebot dafür zu machen.

Der Kinderwagen war ein Glücksfall gewesen. Er hatte eine Anzeige für einen Gartenflohmarkt in einer vornehmen Gegend in Nord-Oxford gesehen, und der Schnäppchenjäger in ihm hatte einfach nicht widerstehen können. Die Leute hatten zwei kleine Kinder, zogen aber nach Paris. Der Kinderwagen war so gut wie neu und unglaublich schick; so einen hätte die Queen durch die Gegend geschoben – na ja, zumindest die Kinderfrau der Queen. Die Besitzerin hatte nur fünf Pfund dafür haben wollen. Julius war sich sicher, dass das Ding wesentlich mehr wert war und die Frau es ihm nur aus Gefälligkeit so billig angeboten hatte. Aber wenn er in letzter Zeit etwas gelernt hatte, dann gehörte dazu, Gefälligkeiten anzunehmen. Und zwar auf der Stelle, ehe die Leute es sich anders überlegen konnten. Also hatte er den Kinderwagen gekauft, ihn sorgfältig mit Desinfektionsmittel geschrubbt, obwohl er sehr sauber wirkte, eine neue Matratze und Bettzeug gekauft und voilà: Es war das perfekte Gefährt für seine kostbare Fracht, bis diese selbst laufen konnte.

Wann fingen Kinder eigentlich an zu laufen? Debra zu fragen hatte keinen Zweck. Seine im Feenland weilende, verträumte Mutter hatte es sich in ihrer patschuligetränkten Souterrainwohnung in Westbourne Grove gemütlich gemacht und nur noch vage Erinnerungen an seine Kindheit. Laut Debra hatte er schon mit zwei Jahren lesen können, eine Legende, die er ihr nicht abkaufte. Obwohl sie vielleicht sogar der Wahrheit entsprach, denn er erinnerte sich an keine Zeit in seinem Leben, in der er es nicht gekonnt hatte. Lesen war für ihn wie atmen. Trotzdem konnte und wollte er sich nicht von seiner Mutter in Sachen Kindererziehung beraten lassen. Es grenzte überhaupt an ein Wunder, dass er seine eigene Kindheit überlebt hatte. Seine Mutter pflegte ihn in seinem Gitterbett allein zu lassen, wenn sie abends in die Weinbar um die Ecke ging.

»Was hätte denn passieren sollen?«, fragte sie, wenn er sie darauf ansprach. »Ich bin doch immer nur eine Stunde weggeblieben.«

Vielleicht erklärte das sein ausgeprägtes Gefühl der Fürsorglichkeit gegenüber seiner Tochter. Er brachte es kaum fertig, ihr auch nur einen Moment lang den Rücken zuzuwenden.

Noch einmal betrachtete er die nackten Wände. Es roch unverkennbar nach Feuchtigkeit, und Feuchtigkeit wäre eine Katastrophe. Die Treppe, die zum Zwischengeschoss hochführte, war morsch; so morsch, dass er sie nicht betreten durfte. Durch die beiden Erkerfenster rechts und links der Eingangstür fiel schimmerndes Licht, das die warme Farbe des Eichenparketts und den aufwendigen Stuck an der Decke zur Geltung brachte. Durch den allgegenwärtigen Staub wirkte die ganze Szenerie beinahe überirdisch, wie ein Geisterladen, der darauf wartete, dass etwas geschah: eine Verwandlung, eine Renovierung, eine Wiedergeburt.

»Ursprünglich ist das hier mal eine Apotheke gewesen«, sagte der Makler. »Dann ein Antiquitätenladen. Na ja, so haben die Besitzer ihn bezeichnet, aber ehrlich gesagt habe ich noch nie so viel Schrott auf einem Haufen gesehen.«

Er sollte sich von einem Profi beraten lassen, wirklich. Eine bauliche Bestandsaufnahme anfertigen und die Feuchtigkeit im Gemäuer prüfen lassen. Aber Julius fühlte sich verwegen, sein Herz klopfte. Alles stimmte. Er wusste es einfach. Die beiden oberen Stockwerke waren ideal als Wohnung für ihn und seine Tochter. Direkt über dem Laden.

Dem Buchladen.

Er hatte vor drei Wochen mit der Suche angefangen, nachdem er zu dem Schluss gekommen war, dass er aktiv werden musste, wenn er ein normales Leben mit seiner Tochter führen wollte. In Anbetracht seiner Talente, seiner finanziellen Situation und der Anforderungen, die an ihn als alleinerziehenden Vater gestellt wurden, gab es eigentlich nur eine einzige Möglichkeit für ihn.

Er war in die Bibliothek gegangen, hatte die Gelben Seiten aufgeschlagen und daneben eine detaillierte Karte des Countys ausgebreitet. Dann hatte er einen Kreis mit einem Radius von fünfundzwanzig Kilometern um Oxford gezogen und sich gefragt, wie es wohl wäre, in Christmas Common, Ducklington oder Goosey zu wohnen. Anschließend hatte er sämtliche Buchläden nachgeschlagen und die Orte, in denen sie sich befanden, auf der Karte durchgestrichen. Schließlich hatte er sich die übrig gebliebenen Städtchen angesehen. Es waren insgesamt sechs. Dann hatte er sich einen Busplan besorgt und in den folgenden Tagen jeden dieser buchladenfreien Orte aufgesucht. Die ersten drei waren so trist und seelenlos gewesen, dass er beinahe den Mut verloren hätte. Doch der Name Peasebrook hatte ihn neugierig gemacht, und so hatte er beschlossen, auch dieser Stadt einen Besuch abzustatten, ehe er seinen Traum aufgab.

Peasebrook lag mitten in den Cotswolds, am äußersten Rand des Kreises, den Julius um Oxford gezogen hatte. Er stieg aus dem Bus und schaute die Hauptstraße hinauf. Sie war breit und von Bäumen und einer kunterbunten Mischung aus goldgelben Gebäuden gesäumt. Es gab Antiquitätenläden und einen traditionellen Metzger, von dessen Markise Kaninchen und Fasane baumelten und in dessen Schaufenster fette Würste auslagen. Außerdem gab es ein großes Postgebäude, ein paar nette Cafés und einen Käseladen. Vor dem Rathaus veranstaltete das Women’s Institute gerade einen Flohmarkt. Auf Klapptischen wurden riesige Obstkuchen, Körbe voller erdverkrustetem Wurzelgemüse und Töpfe mit Stauden, die sich unter der Last von violetten und gelben Blüten bogen, angeboten.

In Peasebrook herrschte reges Treiben, das nicht hektisch, aber zielstrebig wirkte wie an einem Sommertag um einen Bienenkorb herum. Leute blieben für ein Schwätzchen auf der Straße stehen. Die Cafés waren gut gefüllt. Die Kassen schienen zu klingeln. Es wurde mit Begeisterung eingekauft. Julius entdeckte ein elegantes Restaurant mit einem Lorbeerbaum vor der Tür und einer eindrucksvollen Nouvelle-Cuisine-Speisekarte in einem Schaukasten. Es gab sogar ein kleines Theater, wo »Ernst sein ist alles« gegeben wurde. Wenn das kein positives Zeichen war – Julius war ein großer Fan von Oscar Wilde. Als Student hatte er eine wissenschaftliche Arbeit über ihn geschrieben: Oscar Wildes Einfluss auf W.B. Yeats. Er betrachtete das Theaterstück als gutes Omen, nahm sich jedoch noch etwas Zeit, die Straßen des Orts weiter zu erkunden, nur für den Fall, dass seine Recherchen nicht gründlich genug gewesen waren. Nicht dass er am Ende um eine Ecke bog und unverhofft auf etwas stieß, das ihm total missfiel.

Nachdem er Peasebrook kennengelernt hatte, wollte er es zu seinem Zuhause machen. Zu ihrem gemeinsamen Zuhause. Allerdings war es ihm ein Rätsel, warum so ein anziehender Ort keinen Buchladen besaß. Schließlich war eine Stadt ohne Buchhandlung eine Stadt ohne Herz. Sein Geschäft würde alles nur noch besser machen. Für alle. Für alle in Peasebrook. Julius stellte sich jeden, dem er begegnete, als potenziellen Kunden vor. Er malte sich aus, wie sich alle in seinem Laden drängten und ihn um Rat baten. Wie er die Bücher, die sie erstanden, in Papiertüten verstaute. Wie er mit der Zeit die Vorlieben seiner Kunden kennenlernte. Wie er für einen Kunden ein ganz bestimmtes Buch beiseitelegte, weil er wusste, dass es genau dessen Geschmack entsprach. Wie er den Leuten beim Stöbern zuschaute, ihre Freude über einen neuen Autor bemerkte, eine neu entdeckte Welt miterlebte.

»Würde der Verkäufer ein unverschämtes Angebot annehmen?«, fragte er den Immobilienmakler, der nur mit den Achseln zuckte.

»Sie können nicht mehr tun, als es zu versuchen.«

»Hier muss man viel reinstecken.«

»Das wurde beim vorgeschlagenen Kaufpreis bereits berücksichtigt.«

Julius nannte ihm die Summe, die er zu zahlen bereit war. »Das ist mein Angebot. Mehr kann ich mir nicht leisten.«

Als Julius vier Wochen später den Vertrag unterschrieb, konnte er es immer noch kaum glauben. Er, Julius, war ganz allein auf der Welt (bis auf seine Mutter, die leider zu nichts zu gebrauchen war) und hatte nichts als seine kleine Tochter und einen Buchladen. Und als die Kleine ihr Händchen nach seinem Finger ausstreckte, um sich daran festzuhalten, dachte er: Was für eine bemerkenswerte Situation. Das Schicksal war doch wirklich eigenartig. Was wäre gewesen, wenn er sich vor fast zwei Jahren nicht umgedreht hätte? Wenn er mit dem Rücken zur Tür stehen geblieben wäre, die Reiseliteratur neu sortiert und es seinem Kollegen überlassen hätte, die junge Frau mit dem Rossetti-Haar zu bedienen …

Ein halbes Jahr später, nachdem er monatelang geschrubbt, gesägt, gefegt und gemalert hatte, nach mehreren Rechnungen, die ihm die Tränen in die Augen getrieben hatten, nach diversen Panikattacken und Unmengen von Warenlieferungen wurde das frisch in Blau und Gold gemalte Schild mit der Aufschrift »Buchhandlung Nightingale« über dem Laden aufgehängt. Auf dem Schild war kein Platz gewesen, um unter dem Namen noch den Schriftzug »Buchhändler für anspruchsvolle Leser« unterzubringen, aber genau das war er: Buchhändler. Und zwar einer der allerbesten.

KAPITEL 1

Zweiunddreißig Jahre später …

Was macht man, während man darauf wartet, dass jemand stirbt?

Man sitzt daneben auf einem Plastikstuhl, der für keinen Hintern die passende Form hat, und wartet darauf, dass derjenige seinen letzten Atemzug tut, weil es einfach keine Hoffnung mehr gibt.

Nichts schien angemessen. Es gab einen Raum am Ende des Flurs, wo man fernsehen konnte, aber das kam ihr unglaublich hartherzig vor. Außerdem war Emilia sowieso keine leidenschaftliche Fernseherin. Sie strickte nicht, sie stickte nicht. Sie löste keine Sudokus. Sie wollte keine Musik hören, aus Angst, ihn damit zu stören. Selbst aus den besten Kopfhörern dringen die hohen Frequenzen nach außen. Das war schon im Zug lästig und auf dem Totenbett wahrscheinlich unerträglich. Sie wollte nicht auf ihrem Smartphone im Internet surfen. Das war in ihren Augen die höchste Form der Unhöflichkeit des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Und es gab kein einziges Buch auf dem Planeten, auf das sie sich im Moment hätte konzentrieren können.

Also saß sie an seinem Bett. Und döste. Hin und wieder schreckte sie auf, aus Angst, den Moment verpasst zu haben. Dann nahm sie seine Hände und hielt sie eine Weile. Sie waren trocken und kühl und reglos. Mit der Zeit wurden sie schwer, und es machte sie traurig, dann legte sie sie zurück auf das Laken. Anschließend döste sie wieder ein.

Ab und zu brachten die Schwestern ihr eine heiße Schokolade, die jedoch den Namen nicht verdiente. Sie war nicht heiß, sondern lauwarm, und Emilia war sich ziemlich sicher, dass keine einzige Kakaobohne für ihre Herstellung Schaden genommen hatte. Es war nur eine blasse, nicht einmal süße Brühe.

Die schummrige Nachtbeleuchtung in dem kleinen Krankenhaus hatte einen fahlen Gelbstich. Die Heizung war zu hoch aufgedreht, und in dem kleinen Zimmer stand die Luft. Emilia betrachtete die dünne Bettdecke mit dem Muster aus gelben und orangefarbenen Blumen und die Konturen ihres Vaters, die sich darunter abzeichneten, so reglos und so klein. An seinem Schädel befanden sich nur noch wenige farblose Haarbüschel. Sein Haar war immer charakteristisch für ihn gewesen. Er hatte sich mit beiden Händen die Locken gerauft, wenn er über eine Empfehlung für einen Kunden nachdachte oder vor einem der Ladentische stand und überlegte, welche Bücher er auslegen sollte, oder wenn er mit einem Kunden telefonierte. Es gehörte genauso zu ihm wie der hellblaue Kaschmirschal, den er immer trug, obwohl er sichtbare Mottenlöcher hatte. Um die Motten hatte Emilia sich sofort gekümmert. Sie vermutete, dass sie mit der dicken braunen Samtjacke ins Haus gekommen waren, die sie sich im vergangenen Winter in einer Kleiderkammer gekauft hatte, und sie machte sich Vorwürfe, weil die Viecher sich ausgerechnet auf den geliebten Schal ihres Vaters gestürzt hatten.

Damals hatte er schon über Unwohlsein geklagt. Na ja, nicht direkt geklagt, dafür war er nicht der Typ. Emilia hatte ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, doch er hatte, stoisch, wie er war, abgewinkt. Also hatte sie nicht weiter darüber nachgedacht und war nach Hongkong geflogen. Bis sie vor einer Woche der Anruf erreicht hatte.

»Ich glaube, Sie sollten nach Hause kommen«, hatte die Krankenschwester gesagt. »Ihr Vater wird mir den Hals umdrehen, wenn er erfährt, dass ich Sie angerufen habe. Er möchte Sie nicht beunruhigen. Aber …«

Das »Aber« hatte alles gesagt. Emilia hatte das nächste Flugzeug genommen. Als sie ankam, hatte Julius so getan, als sei er verärgert, aber die Art, wie er ihre Hand gehalten hatte – so fest wie noch nie –, hatte alles ausgedrückt, was sie hatte wissen müssen.

»Er will es nicht wahrhaben«, sagte die Krankenschwester. »Er ist eben eine Kämpfernatur. Es tut mir sehr leid. Wir geben uns alle Mühe, ihn schmerzfrei zu halten.«

Emilia nickte. Sie verstand. Schmerzfrei. Nicht am Leben. Schmerzfrei.

Im Moment schien er keine Schmerzen zu haben. Am Tag zuvor hatte er etwas Götterspeise gegessen, froh über jeden Löffel von dem grünen Wackelpeter. Balsam für seine spröden Lippen und den trockenen Mund. Sie war sich vorgekommen, als füttere sie einen kleinen Vogel, als er seinen Hals reckte und gierig den Mund öffnete, als sie ihm den Löffel hinhielt. Hinterher hatte er sich erschöpft in die Kissen sinken lassen. Das bisschen Götterspeise war alles, was er seit Tagen zu sich genommen hatte. Seit er die Palliativtherapie bekam, lebte er von einem Cocktail aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln.

Das Wort »Palliativtherapie« machte Emilia wütend. Es klang bedrohlich, und sie hatte den Verdacht, dass die Therapie ineffektiv war. Immer wieder wurde ihr Vater von Panikattacken erfasst. Ob sie von den Schmerzen ausgelöst wurden oder von dem Wissen, was ihm bevorstand, konnte Emilia nicht sagen, aber es war nicht zu übersehen, dass in diesen Momenten die Medikamente versagten. Zwar wurde die Dosierung immer sofort neu eingestellt, aber die Wirkung kam nie schnell genug. Und das wiederum versetzte Emilia in Panik. Es war ein endloser Kreislauf.

Vielmehr, endlos war er nicht. Es würde ein Ende geben, und zwar bald. Es gab keine Hoffnung mehr auf eine Genesung. Selbst wer an Wunder glaubte, hätte das mittlerweile eingesehen. Es blieb Emilia also nichts anderes übrig, als für ein schnelles und gnädiges Ende zu beten.

Die Krankenschwester hob die Bettdecke hoch und betrachtete Julius’ Füße, strich sachte mit den Fingern darüber. Aus ihrem Blick schloss Emilia, dass es nicht mehr lange dauern würde. Seine Haut war blassgrau. Von der Farbe einer Marmorstatue.

Die Schwester tätschelte Emilias Schulter, dann verließ sie wortlos das Zimmer. Es gab nichts zu sagen. Das Ganze war ein Wartespiel. Sie hatten alles getan, was möglich war. Seine Schmerzen waren eingedämmt worden, soweit man das beurteilen konnte. Man hatte eine ruhige Umgebung für ihn geschaffen, denn dem bevorstehenden Tod wurde mit stiller Ehrfurcht begegnet. Aber wer wusste schon, was ein Sterbender wirklich wollte? Vielleicht würde Julius viel lieber bei voller Lautstärke seinen geliebten Elgar hören? Oder den Wetterbericht in Dauerschleife? Oder den Schwestern beim Schwatzen zuhören, wie sie einander erzählten, mit wem sie am Vorabend ausgegangen waren und was sie zu Hause kochen würden? Vielleicht würden sich die Sterbenden liebend gern durch Belanglosigkeiten von ihrem bevorstehenden Ableben ablenken lassen.

Emilia saß da und fragte sich, wie sie ihn ihre Liebe spüren lassen konnte, während er von ihr ging. Hätte sie sich das Herz herausreißen und es ihm geben können, sie hätte es getan. Dieser wunderbare Mann, der ihr das Leben geschenkt, der ihr Lebensinhalt gewesen war, ließ sie allein. Die ganze Zeit hatte sie mit ihm geflüstert, hatte in Erinnerungen geschwelgt, ihm Geschichten erzählt und seine Lieblingsgedichte aufgesagt. Mit ihm über seinen Laden gesprochen.

»Ich werde ihn für dich hüten«, hatte sie gesagt. »Dafür sorgen, dass er niemals seine Türen schließt. Nicht, solange ich lebe. Und ich werde auf keinen Fall an Ian Mendip verkaufen. Egal, wie viel er mir bietet. Weil die Buchhandlung mir alles bedeutet. Alle Diamanten der Welt sind nichts dagegen. Bücher sind wertvoller als Juwelen.« Das glaubte sie wirklich. Was hatte man von einem Diamanten? Einen flüchtigen Eindruck von Glanz. Ein Edelstein schillerte eine Sekunde lang, ein Buch dagegen für immer.

Sie bezweifelte, dass Ian Mendip jemals in seinem Leben ein Buch gelesen hatte. Der Gedanke daran, wie er ihren Vater in einer schwierigen Zeit unter Druck gesetzt hatte, machte sie wütend. Julius hatte versucht, es herunterzuspielen, aber sie hatte gespürt, wie sehr es ihm zugesetzt hatte, dass er um seinen Laden, seine Angestellten und seine Kunden hatte fürchten müssen. Seine Mitarbeiter hatten ihr berichtet, wie ihr Vater gelitten hatte, und sie hatte sich dafür verflucht, dass sie so weit weg gewesen war. Jetzt war sie entschlossen, ihn zu beruhigen. Er sollte in der Gewissheit gehen können, dass die Buchhandlung Nightingale in guten Händen war.

Sie suchte nach einer bequemeren Position auf ihrem Stuhl. Schließlich stützte sie die Arme auf das Fußende des Betts und legte den Kopf darauf. Sie war unglaublich müde.

Mitten in der Nacht, um genau zwei Uhr neunundvierzig, berührte die Schwester sie an der Schulter. Die Geste sagte ihr alles. Emilia wusste nicht, ob sie wach gewesen war oder geschlafen hatte. Selbst jetzt war sie sich da nicht so sicher, denn es fühlte sich so an, als befände sich ihr Kopf woanders, als wäre alles ein bisschen zäh und langsam.

Nachdem der Papierkram erledigt und der Bestatter benachrichtigt war, ging sie hinaus in die Morgendämmerung, in das düstere Licht und die Luft, die so kalt war wie in einem Leichenschauhaus. Es kam ihr vor, als wäre alle Farbe aus der Welt gewichen, bis sie sah, wie die Ampel am Krankenhaustor von Rot auf Grün sprang. Auch die Geräusche wirkten gedämpft, als hätte sie vom Schwimmen noch Wasser in den Ohren.

Würde die Welt ohne Julius ein anderer Ort sein? Noch wusste sie das nicht. Sie atmete die Luft ein, die er nicht länger atmete, und dachte an seine breiten Schultern, auf denen sie als kleines Mädchen geritten war, die kräftige Brust, auf die sie mit den Füßen getrommelt hatte, damit er schneller ging, das dichte lockige Haar, in dem sie sich festgekrallt hatte, das Haar, das ihm bis zum Kragen gereicht hatte und seit seinem dreißigsten Geburtstag grau meliert war.

Sie hielt die Uhr mit dem Armband aus Krokodilleder in der Hand. Er hatte sie Tag für Tag getragen, aber am Ende hatte sie sie ihm abgenommen, weil das Armband ihm die papierdünne Haut aufscheuerte. Sie hatte die Uhr auf seinen Nachttisch gelegt, denn sie erzählte von einer besseren und hoffnungsvolleren Zeit als die Wanduhr über der Schwesternstation. Doch auch sie hatte das Unausweichliche nicht aufhalten können.

Sie stieg in ihr Auto. Auf dem Beifahrersitz lag eine Tüte Minzbonbons, die sie ihm eigentlich hatte mitbringen wollen. Sie wickelte eins aus und steckte es sich in den Mund. Es war das Erste, was sie seit dem Frühstück am Tag zuvor zu sich nahm. Sie lutschte das Bonbon, bis es ihr am Gaumen scheuerte und das unangenehme Gefühl sie einen Moment lang von allem ablenkte.

Als sie in die Hauptstraße von Peasebrook einbog, hatte sie sich die halbe Packung einverleibt, und ihre Zähne fühlten sich von all dem Zucker ganz pelzig an. Die kleine Stadt war eingehüllt vom Perlmuttgrau der frühen Morgenstunden. Alles wirkte trist. Der goldgelbe Sandstein brauchte Sonne, um zu leuchten. Im Zwielicht sah die Stadt aus wie ein trauriges Mauerblümchen, doch in wenigen Stunden würde sie dastehen wie eine begehrenswerte Debütantin, die jeden bezauberte, der sie erblickte. Das malerische Peasebrook mit seinen Fachwerkhäusern, Eichenholztüren und Sprossenfenstern, seinem Kopfsteinpflaster, den roten Briefkästen und den zurechtgestutzten Linden war durch und durch englisch. Es gab keine monströsen Gebäude mit Flachdach, nichts, was das Auge beleidigen konnte.

Neben der steinernen Brücke über den Bach, dem die Stadt ihren Namen verdankte, stand das dreigeschossige Haus, das die Buchhandlung Nightingale beherbergte mit der dunkelblauen Eingangstür in der Mitte, flankiert von zwei großen Erkerfenstern. Eine leichte Brise war das Einzige, was sich in der schlafenden Stadt rührte.

Emilia blickte an der Fassade des Hauses hinauf, das ihr Zuhause war, seit sie denken konnte. Wo auch immer sie sich auf der Welt aufhielt, ihr Zimmer über dem Buchladen wartete immer auf sie. Fast alle ihre Habseligkeiten befanden sich noch dort. Gesammelter Krimskrams aus zweiunddreißig Jahren.

Sie betrat das Haus durch den Seiteneingang und verharrte einen Moment auf den Steinfliesen im Flur. Die Tür vor ihr führte nach oben in die Wohnung. Sie erinnerte sich daran, wie ihr Vater sie, als sie klein war, an der Hand gehalten hatte, wenn sie diese Treppe hinuntergegangen waren. Es hatte jedes Mal ewig gedauert, bis sie unten angelangt waren, aber sie war entschlossen gewesen und er geduldig. Als Schulkind war sie die Treppe hinuntergerannt, hatte zwei Stufen auf einmal genommen, den Ranzen auf dem Rücken, einen Apfel in der Hand, immer auf den letzten Drücker. Jahre später war sie, wenn sie nachts von einer Party kam, barfuß die Stufen hochgeschlichen. Julius war niemals streng gewesen, und sie hatte auch niemals befürchten müssen, dass er laut wurde, aber so verhielt man sich einfach mit sechzehn, wenn man ein bisschen zu viel Cider getrunken hatte und es zwei Uhr morgens war.

Zu ihrer Linken befand sich die Tür, durch die man direkt hinter den Verkaufstresen gelangte. Emilia drückte die Klinke hinunter und betrat den Laden. Das erste fahle Morgenlicht fiel zögerlich durch die Fenster. Ein Luftzug ließ sie frösteln. Freudige Erregung erfasste sie, dasselbe Gefühl, in eine vergangene Zeit oder in eine andere Welt zu gelangen, das sich jedes Mal einstellte, wenn sie die Buchhandlung betrat. Das Gefühl, jederzeit an jedem beliebigen Ort sein zu können. Nur dass es diesmal nicht funktionierte. Sie würde alles dafür geben, in die Zeit zurückkehren zu können, als noch alles in Ordnung war. Es beschlich sie das unbestimmte Gefühl, dass die Bücher Neuigkeiten von ihr erwarteten. Er ist von uns gegangen, hätte sie ihnen gern gesagt, doch sie tat es nicht, weil sie ihrer Stimme nicht traute. Und weil es albern war. Die Bücher waren es, die einem alles erzählten, was man wissen musste, nicht umgekehrt.

Doch während sie mitten im Laden stand, überkam sie mit einem Mal eine tiefe Ruhe, die ihre Seele tröstete. Julius war hier überall – zwischen den Buchdeckeln und den aufrecht stehenden Buchrücken. Er hatte immer behauptet, jedes Exemplar in seinem Laden zu kennen. Er mochte nicht jedes einzelne von der ersten bis zur letzten Seite gelesen haben, aber er wusste, warum es existierte, was sein Autor mit ihm bezweckt hatte und wer es deswegen wahrscheinlich gern lesen würde – vom einfachsten Kinderbuch bis hin zum gewichtigsten, kompliziertesten Wälzer.

Der Laden war mit rotem Teppichboden ausgelegt, der inzwischen verschossen und abgetreten war. An den Wänden befanden sich raumhohe Holzregale mit Leitern, um an die selteneren Exemplare unter der Decke zu gelangen. Der vordere Teil des Ladens war der Literatur gewidmet, Sachbücher standen hinten, und in der Mitte waren auf Tischen Koch-, Kunst- und Reisebücher ausgelegt. Auf der Galerie waren in verschlossenen Vitrinen diverse Erstausgaben und seltene antiquarische Bücher ausgestellt.

Julius hatte von seinem Platz hinter dem Verkaufstresen aus über dieses Reich geherrscht. Hinter ihm hatten sich, in braunes Papier gewickelt und mit Kordel verschnürt, von Kunden bestellte Bücher gestapelt. Auf dem Tresen stand eine altmodische, aufwendig verzierte Registrierkasse, die sich mit einem lauten Klingeln öffnete. Er hatte sie in einem Trödelladen gefunden, und obwohl er sie längst nicht mehr benutzte, hatte er sie als Dekoration behalten; in der Kleingeldschublade bewahrte er Speckmäuse auf als Belohnung für kleine Kinder, die besonders artig gewesen waren. Auf dem Tresen hatte immer eine halb volle Tasse Kaffee gestanden, weil er sich mit jemandem unterhalten und den Kaffee vergessen hatte, bis er kalt geworden war. Den ganzen Tag lang kamen Leute in den Laden, um mit ihm zu plaudern. Er hatte für jeden einen Rat, eine Information und vor allem ein offenes Ohr gehabt. So war die Buchhandlung für die Bewohner von Peasebrook und Umgebung zu einem wahren Mekka geworden. Die Stadtbewohner waren stolz auf ihre Buchhandlung. Sie war ein Ort der Ruhe und Vertrautheit. Und sie hatten ihren Besitzer sehr zu schätzen gelernt. Ja, sie bewunderten ihn regelrecht. Über dreißig Jahre lang hatte er Nahrung für ihren Geist und ihre Seele bereitgehalten, seit einigen Jahren unterstützt von der warmherzigen und temperamentvollen Mel, die den Laden blitzsauber hielt, und dem schlaksigen Dave the Goth, der fast genauso viel über Bücher wusste wie Julius, aber selten ein Wort sagte – bis man ihn in Fahrt brachte und er nicht mehr zu bremsen war.

Julius war immer noch da, dachte Emilia. In den Tausenden von Buchseiten. In den Millionen Wörtern. All die Bände und das Vergnügen, das sie den Menschen über die Jahre bereitet hatten, in Form von Ablenkung, Unterhaltung, Bildung. Julius hatte die Ansichten mancher Leute, das Leben des einen oder anderen verändert. Und jetzt war es an ihr, seine Arbeit fortzusetzen und ihn unsterblich zu machen, das schwor sich Emilia.

Julius Nightingale würde niemals sterben.

Emilia verließ den Laden und ging nach oben in die Wohnung. Sie war zu müde, um sich einen Tee aufzugießen. Zuerst musste sie sich hinlegen und ihre Gedanken ordnen. Sie fühlte noch nichts. Weder Schock noch Trauer. Nur eine dumpfe Schwere des Herzens, die sie niederdrückte. Das Schlimmste war eingetreten, das Allerallerschlimmste, und doch drehte die Welt sich weiter. Das war unübersehbar daran zu erkennen, dass der Himmel allmählich heller wurde. Als die Vögel zu zwitschern begannen, irritierte es sie, wie fröhlich sie den neuen Tag begrüßten. Emilia war sich sicher, dass zumindest die Sonne nicht wieder aufgehen würde. Die Welt würde ab jetzt für immer grau bleiben.

Aus den Zimmern schien alle Wärme gewichen zu sein. Die Küche mit dem alten Holztisch und den abgenutzten Geräten wirkte kühl und spartanisch. Das Wohnzimmer schmollte hinter halb zugezogenen Vorhängen. Emilia brachte es nicht fertig, das Sofa anzuschauen, aus Angst, dort noch den Abdruck seines Körpers zu erkennen. Wie oft hatten Julius und sie mit einer Tasse Kakao oder einem Glas Wein darauf gesessen und ein Buch gelesen, während Brahms oder Billie Holiday auf dem Plattenspieler lief. Julius hatte sich nie für moderne Technik interessiert, er hatte seine Vinylschallplatten geliebt und seine alten Audiorama-Boxen von Grundig, die allerdings schon seit geraumer Zeit schwiegen, in Ehren gehalten.

Emilia ging nach oben in ihr Zimmer, schlug das Federbett zurück und legte sich in das hohe Messingbett, in dem sie geschlafen hatte, seit sie denken konnte. Sie nahm sich eins der vielen Kissen und drückte es sich an die Brust, um sich zu wärmen und zu trösten. Sie zog die Knie an und wartete auf die Tränen. Doch es kamen keine. Sie wartete und wartete, aber ihre Augen blieben trocken. Was war sie nur für ein Ungeheuer, dachte sie, das nicht weinen konnte.

Etwas später wurde sie von einem leisen Klopfen an der Wohnungstür geweckt. Sie fuhr hoch, verwundert darüber, dass sie komplett angezogen im Bett lag. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag, und sie wünschte sich sehnlichst, sofort wieder in den Tiefschlaf abtauchen zu können. Aber es gab Termine, die eingehalten, Papierkram, der erledigt, und Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Außerdem hatte jemand geklopft.

Sie lief auf Socken nach unten und öffnete die Tür.

»Hallo Liebes.«

June. Die unerschütterliche, Respekt einflößende June, Julius’ beste Kundin, seit sie vor drei Jahren in Rente gegangen und nach Peasebrook gezogen war. Sie vertrat Julius, seit er wieder ins Krankenhaus gekommen war und sie hatten befürchten müssen, dass er vielleicht nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Über vierzig Jahre lang hatte sie ein eigenes Unternehmen geleitet und war sofort bereit gewesen, zusammen mit Mel und Dave die Zügel in die Hand zu nehmen. Sie war fast siebzig, mit ihrem zierlichen Körperbau, dem dichten Haar und den klimpernden silbernen Armreifen wirkte sie jedoch mindestens zehn Jahre jünger. Sie war quirlig wie eine Zwanzigjährige, blitzgescheit und besaß das Herz einer Löwin. Anfangs hatte Emilia eine Liebschaft zwischen June und Julius vermutet – June war zweimal geschieden –, doch die Freundschaft zwischen den beiden war rein platonisch gewesen.

Emilia war sich bewusst, dass sie June sofort hätte anrufen müssen, nachdem es geschehen war, aber sie hatte es nicht übers Herz gebracht. Außerdem hätte sie keine passenden Worte gefunden. Und auch jetzt brachte sie keinen Ton heraus. Sie stand einfach nur da und ließ sich in Junes Umarmung sinken, die so weich und warm war wie die Kaschmirpullover, die sie immer trug.

»Du arme Kleine«, gurrte June, und endlich konnte Emilia weinen.

»Heute brauchst du den Laden nicht aufzumachen«, sagte sie später, nachdem Emilia sich ausgeweint und zum Frühstücken hatte überreden lassen.

Doch Emilia bestand darauf, die Buchhandlung zu öffnen. »Donnerstags haben wir immer die meisten Kunden.«

Am Ende stellte sich heraus, dass dies die beste Entscheidung gewesen war. Die normalerweise überaus redselige Mel war vor Schreck verstummt. Der normalerweise einsilbige Dave ließ sich in einem fünfminütigen Redeschwall darüber aus, dass Julius ihm alles beigebracht habe, was er wisse. Irgendwann schaltete Mel das Radio ein, damit sie nicht die Stille überbrücken mussten. Dave, der über zahlreiche mysteriöse Fähigkeiten verfügte, darunter auch Kalligrafie, fertigte ein Schild an, das sie ins Schaufenster hängten:

Wir trauern um Julius Nightingale,

unseren geliebten Vater, Freund und Buchhändler,

der nach kurzer Krankheit friedlich entschlafen ist.

Die Buchhandlung wurde geöffnet, wenn auch etwas später als gewöhnlich. Und im Laufe des Tages riss der Strom der Kunden nicht ab, die vorbeikamen, um Emilia zu kondolieren. Einige brachten Beileidskarten mit, andere Kasserollen mit Eintopf oder selbst gebackene Muffins. Jemand stellte eine Flasche Chassagne Montrachet auf den Tresen, Julius’ Lieblingswein. Mel brühte unermüdlich frischen Tee auf und trug die dampfenden Tassen auf einem Tablett in den Verkaufsraum. Niemand musste Emilia davon überzeugen, dass ihr Vater ein wunderbarer Mann gewesen war, aber am Ende des Tages wusste sie, dass jeder, der ihn gekannt hatte, genauso über ihn dachte.

»Komm zum Abendessen«, sagte June, als sie endlich lange nach Ladenschluss das Schild an der Tür umdrehten, sodass draußen Geschlossen zu lesen war.

»Ich habe keinen Hunger«, sagte Emilia, der es allein beim Gedanken an Essen den Magen umdrehte.

Aber June ließ sich nicht beirren. Sie setzte Emilia in ihr Auto und nahm sie mit zu ihrem Landhaus außerhalb von Peasebrook. June gehörte zu den Leuten, die immer einen Shepherd’s Pie parat hatten, um ihn bei Bedarf in den Ofen zu schieben. Emilia musste zugeben, dass sie sich nach zwei Portionen davon schon viel besser fühlte und die Kraft fand, Dinge anzusprechen, über die sie eigentlich gar nicht reden wollte.

»Ich will keine große Beerdigung, das halte ich nicht durch«, sagte sie irgendwann.

»Dann wird es eben nur eine kleine«, erwiderte June, während sie eine Nachtischschale mit Vanilleeis füllte. »Eine Trauerfeier im engsten Familien- und Freundeskreis. Und in ein paar Wochen lädst du zu einem Gedenkgottesdienst ein. So ist es viel schöner. Außerdem hast du so genug Zeit, alles ordentlich zu organisieren.«

Eine Träne fiel auf Emilias Eis. Die nächste wischte sie sich von der Wange. »Was machen wir bloß ohne ihn?«

June reichte ihr ein Kännchen mit gesalzener Karamellsoße. »Ich weiß nicht. Manche Menschen hinterlassen ein größeres Loch als andere, und dein Vater ist einer davon.«

June bot ihr an, über Nacht zu bleiben, aber Emilia wollte lieber nach Hause. Es war einfacher, im eigenen Bett traurig zu sein.

Sie schaltete das Licht im Wohnzimmer an. Es war dunkelrot gestrichen, vor den Fenstern hingen schwere Samtvorhänge, und es schien mehr Bücher zu beherbergen als die Buchhandlung. An zwei Wänden standen deckenhohe Regale, die mit Hunderten Bänden vollgestopft waren, und weitere Bücher stapelten sich auf jeder verfügbaren Fläche: auf den Fensterbänken, dem Kaminsims, dem Klavierhocker. Neben dem Klavier stand Julius’ geliebtes Cello. Emilia berührte das glatte Holz, auf dem sich eine dünne Staubschicht gebildet hatte. Morgen würde sie darauf spielen. Sie war längst nicht so gut wie ihr Vater, aber der Gedanke, dass das Instrument für immer verstummt sein sollte, war ihr unerträglich, und sie wusste, dass Julius genauso empfunden hätte.

Emilia ging zu dem überquellenden Regal hinüber, das vor vielen Jahren zu ihrem bestimmt worden war. Behutsam fuhr sie mit den Fingern über die Buchrücken. Sie suchte nach einem Exemplar, das sie tröstete, etwas, das sie in ihre Kindheit entführte. Nicht Laura Ingalls Wilder – Geschichten von einem liebevollen Vater würden ihr jetzt nur wehtun. Auch nicht Frances Hodgson Burnett. Ihre kleinen Heldinnen waren ausnahmslos Waisen, was sie, das wurde ihr in diesem Moment schlagartig klar, jetzt auch selbst war. Sie zog ihr Lieblingsbuch aus dem Regal und strich über den roten Leineneinband mit den goldenen Lettern. Betty und ihre Schwestern von Louisa May Alcott. Dann ließ sie sich in den Ohrensessel neben dem offenen Kamin fallen, schwang die Beine über die Armlehne und schmiegte eine Wange an das Samtpolster. Wenige Minuten später saß sie zusammen mit Jo March, ihren Schwestern und Marmee in Boston an einem prasselnden Kaminfeuer, hundertfünfzig Jahre in der Vergangenheit und Tausende von Kilometern weit weg …

Am Ende der darauffolgenden Woche fühlte sich Emilia ausgelaugt und erschöpft. Alle waren unglaublich freundlich und mitfühlend gewesen und hatten voller Bewunderung über Julius gesprochen, doch sie war emotional vollkommen ausgezehrt.

Sie hatten im Krematorium eine kleine Trauerfeier für Julius abgehalten, an der nur seine Mutter Debra, die mit dem Zug aus London angereist war, Emilias beste Freundin Andrea und June teilgenommen hatten.

Bevor sie zur Trauerfeier gegangen war, hatte Emilia sich im Spiegel betrachtet. Sie trug einen langen schwarzen Militärmantel und blank polierte schwarze Reitstiefel, das lange rote Haar fiel ihr auf die Schultern. Ihre Augen, eingerahmt von dichten Brauen und Wimpern, waren geweitet, und die Wimperntusche war vom Weinen verschmiert. Haar- und Hautfarbe hatte sie von ihrer Mutter geerbt, das wusste sie von dem Foto, das auf dem Klavier stand, den zarten Körperbau und die vollen Lippen hatte sie von ihrem Vater. Mit zitternden Fingern legte sie sich die Ohrringe an, die Julius ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte, dann öffnete sie die Flasche Chassagne Montrachet und trank ein Glas davon, bevor sie sich den künstlichen Fuchspelz um den Hals legte, der perfekt zu ihrem Haar passte. Sie fragte sich flüchtig, ob sie vielleicht zu sehr danach aussah, als sei sie aus einem Historiendrama entsprungen, sagte sich jedoch, dass es keine Rolle spielte.

Nachdem sie am nächsten Tag Debra am Bahnhof verabschiedet hatten – sie war nie gern lange aus London fort –, waren Andrea und sie ins Peasebrook Arms auf der anderen Straßenseite gegangen. Es war ein traditioneller Pub mit Steinfliesen und Holzpaneelen, in dem man Chicken Kiev und Steak Chasseur essen und sich von einem altmodischen Teewagen einen Nachtisch aussuchen konnte. Es hatte etwas Tröstliches, dass der Laden nicht nach dem neuesten Farbdesign gestaltet war. Er gab nicht vor, etwas zu sein, was er nicht war. Die Atmosphäre war heimelig, auch wenn der Kaffee gruselig schmeckte.

Emilia und Andrea machten es sich auf einem Sofa gemütlich und bestellten heiße Schokolade.

»So«, sagte Andrea, pragmatisch wie immer. »Wie sehen deine Pläne aus?«

»Ich musste meinen Job kündigen«, antwortete Emilia. »Die konnten ihn mir nicht auf unbestimmte Zeit frei halten, und ich weiß nicht, wann ich hier wegkomme.« Sie hatte als Englischlehrerin an einer internationalen Sprachschule in Hongkong gearbeitet. »Und ich kann auch nicht ewig eine Weltenbummlerin bleiben.«

»Wieso denn nicht?«

Emilia schüttelte den Kopf. »Es wird allmählich Zeit, dass ich mein Leben organisiere. Sieh mich doch an. Ich lebe immer noch aus dem Rucksack, während du Karriere machst.«

Andrea hatte nach dem Schulabschluss bei einem Finanzberater Telefondienst geschoben, während sie in Abendkursen studiert und sich schließlich als Buchhalterin selbstständig gemacht hatte. Inzwischen war sie vor allem für viele kleinere Betriebe tätig, die sich im Laufe der vergangenen Jahre in Peasebrook niedergelassen hatten. Sie nahm den Leuten eine Arbeit ab, die ihnen unsagbar lästig war, und war damit extrem erfolgreich.

»Vergleiche bringen überhaupt nichts. Was hast du mit dem Buchladen vor?« Andrea hatte noch nie lange um den heißen Brei herumgeredet.

Emilia zuckte mit den Schultern. »Na, was wohl? Ich habe meinem Vater versprochen, ihn weiterzuführen. Er würde sich im Grab umdrehen, wenn ich den Laden dichtmachen würde.«

Andrea überlegte, bevor sie mitfühlend sagte: »Emilia, was man jemandem auf dem Totenbett verspricht, muss man nicht unbedingt halten. Jedenfalls nicht, wenn es sich um etwas handelt, das einem das Leben schwer macht. Natürlich hast du das Versprechen in dem Moment ernst gemeint, aber dein Vater … Die Buchhandlung war sein Leben, aber das bedeutet nicht, dass es für dich genauso sein muss. Er würde das verstehen. Da bin ich mir ganz sicher.«

»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mich von dem Laden zu trennen. Eigentlich bin ich immer davon ausgegangen, dass ich ihn eines Tages übernehme. Aber ich dachte wohl, dass das erst passieren würde, wenn ich alt bin. Ich bin davon ausgegangen, dass er noch mindestens zwanzig Jahre leben würde.« Sie spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. »Ich weiß nicht mal, ob der Laden sich überhaupt trägt. Ich habe einen kurzen Blick in die Bücher geworfen, aber ich verstehe nur Bahnhof.«

»Ich kann dir jederzeit helfen. Das weißt du doch.«

»Mein Vater hat immer gesagt: ›Ich kann nicht rechnen.‹ Und dasselbe gilt für mich. Jedenfalls wirkt das Ganze ziemlich unorganisiert. Ich glaube, am Ende hat er die Dinge einfach laufen lassen. Ich habe ein paar Kartons voller Rechnungen gefunden. Und einen Riesenstapel ungeöffnete Briefe, an die ich mich noch gar nicht rangetraut habe.«

»So was habe ich schon öfter erlebt, glaub mir.« Andrea seufzte. »Ich wünschte, die Leute würden in Bezug auf ihre Finanzen nicht einfach den Kopf in den Sand stecken. Am Ende macht das alles viel komplizierter und teurer.«

»Es wäre großartig, wenn du dir die Sachen mal ansehen könntest. Aber ich will keinen Freundschaftspreis.« Emilia zeigte mit dem Finger auf ihre Freundin. »Ich bezahle dich ordentlich.«

»Ich helfe dir doch gern. Dein Vater war immer so nett zu mir, als wir Kinder waren.«

Emilia lachte. »Weißt du noch, wie wir versucht haben, ihn mit deiner Mutter zu verkuppeln?«

Andrea schnaubte in ihr Weinglas. »Das wäre eine Katastrophe geworden.«

Andreas Mutter war eine Hippiefrau in wallenden Röcken und mit Räucherstäbchen im ganzen Haus. Andrea hatte gegen ihre Woodstock-Welt aufbegehrt und war der konventionellste, ehrgeizigste und gesetzestreueste Mensch, den Emilia kannte. Sie hatte sogar ihren Vornamen geändert, als sie sich selbstständig gemacht hatte, weil sie davon überzeugt war, dass niemand eine Frau namens Aurora ernst nehmen würde.

»Die beiden hätten zusammen nie irgendwas auf die Reihe gekriegt.«

Julius war selbst eher lässig und ziemlich liberal eingestellt gewesen. Die beiden Freundinnen lachten sich schlapp, als sie sich jetzt ihre Eltern als Paar vorstellten, aber im Alter von zwölf Jahren war ihnen die Idee großartig erschienen.

Nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, sagte Emilia mit einem Seufzer: »Mein Vater hat nie wieder eine Frau gefunden.«

»Was wirklich komisch ist. Jedes weibliche Wesen in Peasebrook war in ihn verknallt. Die sind ihm doch alle hinterhergelaufen.«

»Ja, ich weiß. An weiblicher Gesellschaft hatte er keinen Mangel. Aber es wäre schön gewesen, wenn er noch mal eine richtig große Liebe gefunden hätte.«

»Er war glücklich, Emilia. Das hat man ihm angemerkt.«

»Ich hatte immer Schuldgefühle, weil ich Angst hatte, dass er womöglich meinetwegen allein geblieben ist.«

»Das glaube ich nicht. Dein Vater war kein Märtyrertyp. Er war sich selbst genug, ganz bestimmt. Und vielleicht hat er ja doch noch einmal eine große Liebe gefunden, nur dass wir nichts davon wissen.«

Emilia nickte. »Ich hoffe es … Wirklich.«

Sie würde es nie erfahren. Ihr Leben lang war sie mit ihrem Vater allein gewesen, und jetzt war er weg und hatte alle seine Geschichten und Geheimnisse mitgenommen.