cover

Zum Buch

Alex Parkinson ist wie vom Blitz getroffen, als er seine Dozentin aus dem Schreibkurs zum ersten Mal sieht. Siobhan ist wunderschön, intelligent und teilt auch noch seine große Leidenschaft: das Schreiben. Niemals zuvor hat er jemanden so sehr geliebt. Doch wie kann er Siobhan davon überzeugen, dass sie zusammengehören? Besessen von der Idee, sein Leben mit ihr zu teilen, findet Alex heraus, wo Siobhan wohnt, verliert seinen Job für sie, macht ihr Geschenke, kümmert sich um ihre Katze, liest in ihrem Tagebuch. Alex würde alles für Siobhan tun – bis plötzlich eine junge Frau tot vor ihrem Haus liegt …

Zu den Autoren

LOUISE VOSS sah MARK EDWARDS in einer Dokumentation über aufstrebende Autoren, daraufhin kontaktierte sie ihn. Das war der Grundstein ihrer schriftstellerischen Zusammenarbeit. Ihre ersten beiden Thriller »Fieber« und »Stalker« wurden direkt Sensationserfolge, zunächst online im Eigenverlag und schließlich auch in den Printausgaben. Louise Voss und Mark Edwards leben mit ihren Familien im Süden von London.

Louise Voss & Mark Edwards

Stalker

THRILLER

Aus dem Englischen
von Beate Brammertz

Die englische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Killing Cupid«

bei Harper, einem Imprint von HarperCollins Publishers, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung September 2017

Copyright © Mark Edwards und Louise Voss 2011

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Covermotiv: © Shutterstock/Gordan; Madlen; Prajak Poonyawatpornkul

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

AH · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-20937-7
V001

www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Besuchen Sie auch unseren LiteraturBlog www.transatlantik.de

Für Sara

Prolog

Alex

Es war das Geräusch von Kathy, die auf Beton traf, das mir in den folgenden Nächten den Schlaf raubte. Es klang wie ein hart gekochtes Ei, das von großer Höhe auf einen Holzboden knallte. Ein gedämpfter Schlag, ein Splittern, ein Knacken. Und dann die allumfassende Stille.

Von meinem Platz auf der Feuertreppe konnte ich sie nicht sehen. Der Mond war hinter eine Wolke geglitten. Ich spähte hinab auf die schwarzen Umrisse, glaubte, etwas über die schwarze Mauer huschen zu sehen – eine Katze, ein kleiner Fuchs? –, und dieses flüchtende Geschöpf weckte mich aus meiner Benommenheit und trieb mich weiter. Mir blieb nur noch eines übrig.

Panik.

Die Metallstufen waren glitschig vom Regen, der am Nachmittag gefallen war, und als ich die Feuertreppe rückwärts nach unten eilte, rutschte ich aus und schlug mir das Knie auf, schürfte mir die Haut auf und zischte einen Fluch, der wie ein Echo widerhallte. Mit Tränen in den Augen stand ich kerzengerade da und ließ den Blick über London schweifen, diesem Durcheinander aus unterschiedlichen Formen, die sich am Horizont abzeichneten. Die Stadt sah nun anders aus. Gefährlicher. Ein weiteres Geheimnis – meines, mein jüngstes – glitt durch die Stadt und gesellte sich zu denen Millionen anderer, die sich in den tiefsten Winkeln und Kellern und Herzen Londons verbargen.

Wieder zurück in Kathys Apartment versuchte ich meine Gedanken zu sammeln und mir zu überlegen, was als Nächstes zu tun sei. Hatte ich Fingerabdrücke hinterlassen? Was hatte ich berührt? Ich war vom Pub hergekommen, hatte am Fenster gestanden und das Bier entgegengenommen, das mir meine zeitweilige Gastgeberin gereicht hatte, gekühlt und geöffnet, mit einem dünnen Dunstfaden, der sich aus dem Flaschenhals schlängelte.

Da war die Flasche, die auf dem Tisch am Fenster stand. Ich nahm sie an mich und steckte sie mir in die Jackentasche. Hatte ich sonst noch etwas angefasst? Irgendetwas? Meine Gedanken überschlugen sich in meiner Panik. Ich musste verschwinden. Ich zog mir den Ärmel über die Hand, öffnete die Wohnungstür und spähte ins Treppenhaus, ohne das Licht anzuschalten. Gewiss konnten die Nachbarn mein Herz hören. Ich vernahm ein Geräusch durch die Wand und erstarrte. Dann, bei dem vergeblichen Versuch, mich schwerelos zu machen, setzte ich meinen Weg die Treppe hinab fort, hinaus in die Nacht.

Ich blieb am Tor stehen. Ihr Leichnam lag genau um die Ecke. Würde ich ein paar Schritte nach rechts machen, könnte ich ihn wahrscheinlich sehen. Ich … verdammt, woher wusste ich, dass es wirklich »ein Leichnam« war? Vielleicht hatte sie den Sturz überlebt. Das wäre möglich. Sie könnte bloß gelähmt sein. Bloß. Ich musste es herausfinden. Nach einem weiteren Blick über die Schulter, um mich zu vergewissern, dass niemand kam, schleppte ich meine schweren Beine – es fühlte sich an, als trüge ich antike Taucherstiefel – zum Ende der Hausmauer und spähte um die Ecke. Dort sah ich sie am Boden – eine dunkle Gestalt, reglos, etwa vier Meter entfernt. Es gab keinerlei Geräusche, kein Wimmern, kein schwerfälliges Atmen, Geräusche, die mir verraten hätten, dass sie noch lebte. Allerdings könnte sie bewusstlos sein. Ich meine, verflucht noch mal, wäre sie noch am Leben, wäre sie natürlich bewusstlos.

Ich schlich mich näher, und nach ein paar Schritten ging mit einem Mal die Sicherheitsbeleuchtung an, tauchte die gesamte Welt in ein strahlendes Licht und zeigte mit einem flackernden Finger auf mich. Hallo ihr da draußen, hier ist Alex. Hier drüben.

Ich machte einen Satz nach hinten, knallte gegen die Mauer, taumelte und wäre beinahe gefallen. Doch während ich herumwirbelte, sah ich alles, was ich sehen musste: ihr Kopf, in einem unnatürlichen Winkel verdreht, der Hals gebrochen – es war eindeutig –, und ihre Augen, offen, ins Leere starrend. Mich anstarrend. Mir drehte sich der Magen, aber ich kämpfte den Brechreiz nieder. Das wäre das Schlimmste, was ich tun könnte – den Innenhof mit meinem Abendessen und meiner DNA vollzuspritzen. Ich drehte mich um und marschierte, den Kopf eingezogen, die Augen halb geschlossen, in der unsinnigen Hoffnung, wenn ich andere nicht sehen kann, können sie mich auch nicht sehen, hinaus auf den Bürgersteig und die Straße entlang. Ich zwang mich, nicht zu rennen, obwohl der Drang übermächtig wurde und ich nichts mehr auf der Welt wollte, als zu flüchten, zu sprinten, so viel Abstand wie möglich zwischen mich und diese tote Frau zu bringen. Aber ich konnte mir bildlich vorstellen, wie ein neugieriger Nachbar einen Blick auf einen Mann erhaschte, der vom Tatort davonlief, einen Mann, auf dessen Hilfe die Polizei bei ihren Ermittlungen angewiesen wäre. Weshalb ich mich zwang, ruhig zu gehen; wie ein Kerl auf seinem Heimweg vom Pub. Ich spazierte den ganzen Weg nach Hause.

Als ich dort ankam, schloss ich meine Zimmertür hinter mir und zermarterte mir den Kopf, ob ich einen Fehler begangen hatte. Aber vor allem dachte ich darüber nach, wie Siobhan sich fühlen würde, sollte sie es herausfinden. Denn das war, was für mich am meisten zählte.

Siobhan. Die Liebe meines Lebens. Die Frau, für die ich sterben würde.

Die Frau, für die ich töten würde.

Erster Teil

1

Siobhan

Mittwoch, 22:30

Ich muss meine Kontaktlinsen herausnehmen, die kleben schon. Ich hasse diesen Moment, nachdem ich meine Linsen entfernt und meine Brille noch nicht gefunden habe – dann fühle ich mich so kurzsichtig und hilflos. Gestern Abend habe ich mir selbst einen solchen Schrecken eingejagt: Ich hatte meine Linsen im Badezimmer herausgenommen und mich dann erinnert, dass meine Brille neben dem Laptop im Wohnzimmer lag. Als ich hinaus auf den Flur trat, um sie zu holen, tauchte wie aus dem Nichts eine Gestalt auf. Ich habe mich fast zu Tode erschrocken und hätte beinahe geschrien – bevor ich bemerkte, dass ich vor meinem eigenen unscharfen Spiegelbild im Flur Angst hatte.

»Komm schon, Siobhan«, murmelte ich leise. »Reiß dich zusammen.«

Schon wieder Selbstgespräche … Wahrscheinlich habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, allein zu leben. Ich werde nachts nervös, wenn die Wände sonderbare Geräusche von sich geben oder Stimmen von draußen hereinwehen. Oder wenn Biggles plötzlich miauend aufs Laken knallt, als wäre er irgendwie von der Decke herabgefallen. Es ist erbärmlich, ich weiß, sich vor nichts zu fürchten. Das Ergebnis einer höchst lebhaften Fantasie gepaart mit zu vielen TV-Thrillern. Doch das ist auch keine Entschuldigung für meine erstaunliche Eigenart, ständig etwas zu verlegen, die zweite Sache, die mich im Moment an mir selbst nervt.

Es war schlimm genug, als ich meine Schlüssel letzte Woche stundenlang draußen im Türschloss vergessen hatte – eigentlich Moms Spezialgebiet: mich in Tränen aufgelöst anzurufen und zu jammern, sie hätte das ganze Haus auf den Kopf gestellt und könnte sie nirgends finden, bis ich sie frage, ob sie an der Tür nachgesehen hat. Weshalb ich mich ebenfalls aufgemacht und mein Glück versucht habe – oh nein, ich verwandle mich in meine Mutter!

Habe endlich meine Brille gefunden. Sie war in meiner Manteltasche.

Wie dem auch sei, der Kurs für kreatives Schreiben … Ich hätte nie gedacht, dass er so angsteinflößend sein könnte. Ich meine, ich habe Lesungen und solches Zeug gehalten, aber Verantwortung für deine eigenen Schüler zu übernehmen ist irgendwie viel heftiger, auch wenn es nur ein Abendkurs am hiesigen College ist. Was sie wohl von mir halten? Ich habe versucht, Autorität und Selbstbewusstsein auszustrahlen, obwohl meine Fingernägel Halbmonde in meine Handflächen gebohrt haben.

»Okay, es wäre wohl eine gute Idee, wenn wir uns alle vorstellen würden«, sagte ich und hatte sogleich Mitleid mit ihnen. Irgendjemand hatte es einmal als den schleichenden Tod beschrieben. Man sitzt dort, wartet und wiederholt in Gedanken, was man sagen will, während der Kelch immer näher kommt und du endlich an der Reihe bist … Zumindest war ich als Lehrerin als Erste dran.

Ich wollte schon loslegen, da fing ich den Blick eines der beiden männlichen Teilnehmer auf. Er fläzte ganz hinten, wie ein Schuljunge, zwei Reihen hinter allen anderen. Am liebsten hätte ich laut gelacht, wie er mich so schräg angrinste, irgendwie selbstgefällig, als wollte er sagen: »Schau mich nur an, bin ich kein echter Rebell?«

Was für ein Idiot, dachte ich, und bat ihn nach vorne zum Rest der Gruppe. Er schlurfte näher und bedachte mich mit einem, wie er offensichtlich glaubte, glühenden Blick, was jedoch im Grunde aussah, als würde er einen Rülpser unterdrücken. Obwohl, als ich ihn genauer musterte, stellte ich fest, dass er gar nicht so übel aussah.

Ich gab meinen einstudierten Text zum Besten, darauf bedacht, meine Rede spontan klingen zu lassen.

»Hi, ich heiße Siobhan, und das ist mein erster Kurs für kreatives Schreiben, also seid bitte nachsichtig mit mir.« Sie alle lachten leise, was mir half, mich etwas zu entspannen. »Ich wohne hier in der Nähe, ich bin fünfunddreißig …«

»Kinder?«, fragte eine ältere Dame in der ersten Reihe.

»Keine Kinder, kein Ehemann, nur eine Katze«, sagte ich nur zu bereitwillig, Informationen preiszugeben. Als würde sie die Katze interessieren! Ich bin überrascht, dass ich ihnen nicht noch freiwillig meine Verhütungsmethode oder meine Abneigung gegen Anchovis offenbart habe …

Ich konnte allerdings nicht widerstehen, ihnen zu erzählen, dass ich Schriftstellerin bin – wobei das relevant ist, weshalb ich keine Gewissensbisse habe. Und dass ich vor ein paar Jahren ein Buch veröffentlicht habe. Vermutlich hoffte ich, dass zumindest einer von mir gehört hatte, aber sie sahen mich allesamt verdutzt an, woraufhin ich einfach fortfuhr:

»… Und jetzt schreibe ich gelegentlich als freie Journalistin Artikel, vor allem für Frauenmagazine. Ich spiele Tennis und habe eine Schwäche für Achtzigerjahre-Musik … Oh, das ist hart, ich weiß!«, lächelte ich gekünstelt und zwang mich, die Klappe zu halten. »Will jemand weitermachen?« Bevor ich euch von dem widerlichen Scheidenpilz erzähle, den ich letzten Monat hatte, oder dem Ameisennest hinter der Küchenzeile …

Dann waren die anderen an der Reihe. Da war Barbara, eine pensionierte Zahnarzthelferin; Jane, eine Stadtangestellte in einem teuren Kostüm; Mary, eine Frau mittleren Alters mit zwei erwachsenen Söhnen; Kathy, die uns unumwunden erzählte, dass sie lesbisch ist, vor allem – nehme ich an – weil sie wohl dachte, es würde die gutbürgerlichen Damen vor ihr schockieren. Sie hatte ein Glitzern in den Augen, das mich ansprach – auf eine nichtlesbische Art, wie ich schleunigst hinzufügen möchte.

Dann kam Brian. Er kratzte sich ständig am Kopf, und Unmengen an Schuppen rieselten auf die Schultern seiner Lederjacke. Der arme Kerl stottert auch leicht und hat die charmante Angewohnheit, sich die Nase zu reiben und die Hände dann an seiner Hose abzuwischen. Noch dazu hat er mir schöne Augen gemacht. Würg. Und er erklärte, dass er Fantasyromane schreibt. Würg.

Dann war der Rebell an der Reihe. Sein Name war Alex, und er war nicht gerade mitteilsam.

»Ich arbeite bei Bookjungle.com«, sagte er, »verkaufe die Bücher anderer Leute und wünschte, ich würde mein eigenes schreiben. Das ist alles.«

Also nur sechs Leute. Aber es könnte klappen. Jane war toll, sprühte vor Energie – ich wette, ihr Schreibstil ist gut. Und die Lesbe, Kathy, schien ganz interessant zu sein. Alex führt sich auf, als wäre er gegen alle anderen Studenten allergisch, jedenfalls sitzt er so weit wie möglich vom Rest entfernt und rümpft die Nase, sobald sie etwas sagen.

Aber Fehlanzeige, was anständige Männer betrifft. Ich muss gestehen, ich hatte mich der Fantasie über einen hinreißenden Enddreißiger mit herrlich pointierter Prosa und einem verruchten Lächeln hingegeben, der zugleich einfühlsam und bescheiden ist … Herrje, ich fürchte, meine beiden männlichen Studenten fallen in die Kategorie: »Bin ich nicht unglaublich toll?« Wie das bei Kerlen so häufig der Fall ist. Ein paar schwache Einzeiler – oder in Brians Fall sechstausend kopflose Snarkkrieger – und sie glauben, sie halten einen Bestseller in Händen.

Der arme skrofulöse Brian – wahrscheinlich wurde er schon »Armer Brian« getauft, der Gute. Ich bin sicher, er ist ein echter Schatz, trotz seines Glotzens und der Akne. Nicht dass Alex viel besser wäre – der hält sich für den Größten. Er hat mich ebenfalls angeglotzt, aber auf die Art, wie Männer das manchmal tun, wenn sie nicht im Entferntesten auf dich stehen, sie allerdings wollen, dass du auf sie abfährst.

Wie dem auch sei, ich habe ihnen aufgegeben, Tagebuch zu führen und eine bedeutsame Unterhaltung aufzuschreiben, die sie kürzlich hatten. Alex fragte, ob ich ihre Hausaufgaben lesen würde, woraufhin ich sagte: »Nein, das ist privat. Ihr könnt alles schreiben, was ihr wollt. Ihr könnt sogar über mich schreiben, wenn ihr wollt.«

Es war ein Witz, aber Alex kritzelte mit hochgezogenen Augenbrauen etwas in sein Notizbuch. Wehe dir, du kleiner Mistkerl!

Sobald ich mit ihnen den leidigen Papierkram durchgegangen war, den das College benötigt – Anmeldung, Beurteilungsbogen, Lehrplan etc. – war die Zeit fast um. Der Unterricht endete für mich mit einem kleinen Dämpfer, nämlich mit der Frage, die ich seit der Erwähnung, ich sei Schriftstellerin, befürchtet hatte: Mary wollte wissen, wann mein nächstes Buch veröffentlicht werden würde.

Als wäre das Schreiben Fließbandarbeit. Ich brachte es nicht über mich, ihnen zu erklären, dass ich nur einen Vertrag für ein Buch erhalten hatte und kein zweites folgen würde. Irgendwann werde ich es ihnen eingestehen müssen, wenn wir bei dem Punkt angelangt sind, wo wir über das Einschalten eines Agenten und all dieses Zeug sprechen, aber vorläufig habe ich ihr erklärt, dass es langsam voranschreitet. »Dieser schwierige zweite Roman …« Ein Klischee, aber ach so wahr.

Donnerstag

Heute Morgen fühle ich mich so niedergeschlagen. Bisher habe ich es nicht erkannt, aber was ich beim Singledasein am meisten hasse, ist, allein aufzuwachen. Ich vermisse Phils Körper im Bett neben mir. Ich vermisse ihn, wenn ich nachts aufstehe, um mir ein Glas Wasser zu holen, dann wieder zurück ins Bett schlüpfe und keiner da ist, um den ich meine kalten Beine schlingen kann. Ich habe seine breite Brust geliebt, die, schwer vom Schlaf, geradezu glühend heiß gewesen war. Seine Haut fühlte sich im Schlaf irgendwie weicher an, und sein Atem war gleichmäßig und beruhigend, auf eine Weise, wie es Biggles flatteriger kleiner Katzenatem nie ist.

Später. Bin für einen Soja Decaf zu Starbucks in die High Street gegangen – ich hatte einfach solche Lust auf einen –, und wem verdammt noch mal laufe ich da in die Arme? Phil, natürlich. Er spazierte gerade herein, als ich aus der Tür kam.

»Ich dachte, du boykottierst Starbucks«, sagte er.

»Tue ich auch«, sagte ich, und wir starrten beide auf den Kaffee in meiner Hand. Er schafft es immer noch, mir das Gefühl der moralischen Unterlegenheit zu geben. »Grundsätzlich schon. Und Gap. Mein eigener kleiner antikapitalistischer Protest. Es ist nur so, ich entgifte gerade, weshalb ich keine Milchprodukte zu mir nehme, und sie haben keinen Soja-Cappuccino bei dem kleinen Italiener um die Ecke.«

Phil lächelte einfach auf seine entsetzlich herablassende Art, und ich dachte mir im Stillen, kein Wunder, dass ich ihn nur vermisse, wenn er schläft. Er ist viel zu blasiert, wenn er wach ist. Schlafend: schrecklich lieb; wach: nur noch schrecklich.

Um das Thema zu wechseln, fragte ich ihn in meiner Verzweiflung, wie es Lynn gehe.

»Gut«, sagte er. »Wir fliegen nächste Woche nach Portugal.«

Jäh blitzte ein Bild von den beiden in meinem Kopf auf, wie sie an einem weißen Sandstrand liegen und Phil ihr den Rücken mit Sonnenmilch einschmiert. Hoffentlich bekommen sie einen so schlimmen Sonnenbrand, dass sie nicht miteinander schlafen können. Aber Sonnenbrände vergehen, nicht wahr? Im Gegensatz zu … oh, hör auf, Siobhan, hör gefälligst auf! Sei stark. Denk an das Bild mit Phil und dem Sonnenbrand. Sehr schön. Und jetzt stell dir vor, wie du ihm einen Klaps auf die wunde Stelle gibst.

2

Alex

Mein freier Tag. Simon und Natalie waren in der Arbeit und ich allein zu Hause, ohne etwas zu tun zu haben, ich kam mir vor wie ein Eisbär im Zoo. Ich schlenderte von einem Zimmer ins andere, unfähig, mich zu entspannen oder mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Ich verbrachte Stunden damit, mich durch Fotos von Menschen zu klicken, die ich oberflächlich auf Facebook kenne, und blieb hie und da an einer Seite hängen, wenn eine attraktive Freundin eines Freundes meine Aufmerksamkeit erregte. Ich war so gelangweilt, dass ich entschied, etwas Hausarbeit zu erledigen, und stellte eine Waschmaschine an.

Als ich die Taschen meiner Jeans durchsuchte, bevor ich sie in die Maschine stopfte, fand ich einen zusammengefalteten Zehner. Ein Zeichen Gottes, damit ich meinen gelangweilten dürren Arsch hochbekam und endlich etwas tat. Irgendetwas. Ich entschied, die U-Bahn zu nehmen und mich treiben zu lassen.

Auf dem Weg zum U-Bahnhof kehrten meine Gedanken zum Schreibkurs zurück. Während der letzten paar Tage habe ich lange darüber nachgedacht. Ich bin froh, den Sprung gewagt und mich eingeschrieben zu haben. Die Stunden bei der Arbeit vergehen rascher, seitdem ich etwas habe, worauf ich mich freuen kann. Okay, sie verfliegen nicht gerade, aber bislang sind sie wie ein verwundeter Soldat verstrichen, der mühsam über das Schlachtfeld kriecht. Indem ich dieses Tagebuch schreibe, geht es mir auch besser. Meine Gedanken auf Papier zu bringen – oder besser gesagt, auf den Computerbildschirm (Papier ist so altmodisch) – hindert sie daran, in meinem Kopf zu Eitergeschwüren zu wuchern.

Ich frage mich, worüber die anderen im Kurs in ihrem Tagebuch schreiben. Es ist nicht schwer, sich das auszumalen. Brian wird seines aus der Perspektive eines der Wesen aus seinen Fantasygeschichten schreiben: Brian, der blutige Schrecken, der über das Land zieht und die lüsternen Jungfrauen mit seinem magischen Stab beglückt. Kathy wird in ihrem Tagebuch ihre lesbischen Affären in epischer Breite beschreiben: Stoß um Stoß oder Lecken um Lecken, detaillierte Darstellungen ihrer sapphischen Eskapaden. Das würde ich sehr gerne lesen. Barbara wird Fotos ihrer Enkelkinder in ihres kleben, da sie ein Tagebuch mit einem Poesiealbum verwechselt, und lange Gedichte über Des Lynam verfassen. Ich kann mich kaum an die Namen der anderen Kursteilnehmer erinnern, so unscheinbar waren sie.

Ganz im Gegensatz zu der Lehrerin.

Siobhan. Sie kam mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen in den Raum, streifte die Tasche von ihrer Schulter und ließ den Blick der Reihe nach über ihre neuen Schüler gleiten. Sie hat einen dieser kurzen, jungenhaften Haarschnitte, die mir so gefallen, und ihre Augen waren groß und strahlend, auch wenn ich ihre Farbe nicht ganz erkennen konnte. Sie schien sich zu verändern, während ich sie ansah: blau – nein, grau – nein, grün – nein, haselnussbraun. Sie sagte, sie wäre 35 – ich hatte schon immer das Gefühl, eine Vorliebe für ältere, erfahrenere Frauen zu haben. Sie meinte ebenfalls, sie hätte keinen Ehemann, und ich frage mich, ob sie womöglich geschieden ist. Sie ist zu attraktiv, um nicht irgendwann vom Markt weggeschnappt worden zu sein. Da war etwas in ihren Augen, das Kummer und Enttäuschung erahnen ließen. Aber sie wirkte selbstbewusst, wie sie vor uns stand, als hätten jedwede Schwierigkeiten, denen sie in ihrem Leben die Stirn geboten hatte, sie nur stärker gemacht. Ich mag das. Ich mag es, wenn Frauen stark sind. Intelligent. Die Sorte Frau, die sich nicht so leicht kleinkriegen lässt. Ich könnte mir nicht vorstellen, mit einem Hasenfuß zusammen zu sein. Ich hätte mir allerdings in die Hose gemacht, hätte ich vor einer Gruppe Fremder stehen – oder auf einem Tisch sitzen müssen –, aber Siobhan hat das bravourös gemeistert.

Ich bin sicher, ihre Augen haben einen Tick länger auf mir geruht, während sie sich in der Klasse umsah. Sie berührte ihren Nasenrücken, als wollte sie eine Brille hochschieben. Eine Teilzeit-Brillenträgerin, so wie ich. Die Geste machte auf mich den Eindruck, als wollte sie einen besseren Blick auf mich erhaschen, als würde sie mich eindringlich mustern. Als sie zu reden begann und sich vorstellte, war ihre Stimme melodiös, wenn auch leise. Ich musste mich vorbeugen und konzentriert lauschen, um zu verstehen, was sie sagte. Es glich einem Schlaflied. Ich bemerkte, wie Barbara an ihrem Hörgerät hantierte.

Als ich mit der Vorstellung an der Reihe war, zitterte meine Stimme vor Anspannung, und ich bekam nur einen einzigen Satz heraus, bevor ich innehalten musste. Ich bin allerdings sicher, dass Siobhan mir das nicht ankreidet. Sie ist Schriftstellerin: Sie steht fast mit Sicherheit auf einfühlsame Männer. Ich war traurig, als der Kurs zu Ende war, weil das bedeutete, dass ich mich für eine Woche von ihr verabschieden musste. Aber diese Woche ist nun fast vorüber. In ein paar Stunden werde ich sie wiedersehen.

Die U-Bahn blieb genau hinter Oxford Circus im Tunnel stecken. Die Lichter flackerten, und die Elektrizität summte im Wagen. Niemand sah irgendjemanden an, niemand sagte ein Wort.

Es folgte der knisternde, unverständliche Versuch einer Durchsage, und ich spürte, wie mir heiß wurde und ich mich versteifte. Niemand um mich herum schien auch nur bemerkt zu haben, dass wir stehen geblieben waren. Eine Szene aus The Rats – Sie sind überall formte sich vor meinem inneren Auge, wo die Fahrgäste durch die Tunnel flüchten und im Dunkeln von Nagetieren mit rasiermesserscharfen Zähnen zerfleischt werden.

Die Frau mir gegenüber warf mir einen Blick zu. Sie biss sich einen Moment auf die Lippe und sagte dann: »Bei Ihnen alles okay?« Sie war Amerikanerin.

»Mir geht’s gut.«

»Es ist nur so, dass Sie dieses Geräusch gemacht haben …«

Ich spürte, wie meine Wangen knallrot wurden.

Ich senkte den Kopf, konzentrierte mich auf den Abfall am Boden. Mit einem Mal setzte sich der Zug schleppend in Bewegung, und ich stieg beim nächsten Halt aus, wo ich auf dem Bahnsteig wartete, bis der nächste Zug eintraf.

Schließlich tauchte ich aus der Haltestelle Leicester Square wieder auf. Ich brauchte neuen Lesestoff und dachte sofort an die Secondhand-Buchhandlungen auf der Charing Cross Road. Ich durchforstete die Geschäfte, suchte die Tische mit den Augen ab, hob vergilbte Taschenbücher hoch, roch an ihnen und legte sie wieder zurück. Ich mag Secondhand-Buchgeschäfte, weil sie billig sind, aber gleichzeitig haftet ihnen etwas Widerliches an. Der Gedanke an all die schmierigen Hände, die diese Seiten schon angefasst hatten, die tote Haut, die sich im Falz angesammelt hatte. Als ich mir ein Buch genauer besah, fand ich eine zerquetschte Spinne zwischen den Seiten. Vielleicht hatte sie jemand als Lesezeichen benutzt.

Ich verbrachte zwei angenehme Stunden, in denen ich von einem Geschäft zum nächsten wanderte, bis ich mich in einem winzigen Buchgeschäft in der Nähe der U-Bahn-Station wiederfand. Wenn ich hier nichts finde, entschied ich, würde ich mein Geld für Alkohol ausgeben. Und genau in dieser Sekunde sprang mir etwas ins Auge.

Es lag auf dem Tisch. Der Titel lautete Tara Liegt Wach. Die Autorin, Siobhan McGowan. Meine Lehrerin. Ich bebte. Es kam einem heiligen Moment gleich. Ich hob das Buch mit scheuer Ehrfurcht auf und streichelte über den Rücken des Hardcovers, als wäre es ein geweihtes Artefakt. Siobhans Buch. Ich schlug den Deckel auf, suchte nach dem mit Bleistift hineingekritzelten Preis und sah, dass es nur 2 Pfund kostete. Ich hätte viel mehr dafür gezahlt. Ohne zu zögern, brachte ich es zum Ladentisch und schleuderte dem alten Kerl hinter der Kasse mein Geld hin.

»Hey, Ihr Wechselgeld …«, rief er mir hinterher, als ich die Tür aufstieß.

Draußen auf der Straße, das Wechselgeld nun sicher in meiner Tasche verstaut, betrachtete ich den Umschlag. Darauf war eine nackte Frau zu sehen – natürlich ästhetisch gemacht. Und da, auf der Innenseite des Schutzumschlags, blickte mir Siobhan höchstpersönlich entgegen. Sie war ein paar Jahre jünger, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht, aber … nun, ich habe das Buch jetzt offen vor mir liegen. Sie sieht auf dem Foto nicht halb so gut aus wie in Wirklichkeit. Es sieht irgendwie gestellt aus, unnatürlich. Als sie vor uns im Klassenzimmer gestanden hat, war sie real, aber … ich weiß nicht so recht, wie ich es ausdrücken soll. Vermutlich will ich wohl sagen, dass, obwohl Siobhan auf dem Bild gut aussieht, sie jede x-beliebige Frau sein könnte. Doch die Frau, die letzte Woche vor uns im Klassenzimmer gestanden hat, war etwas Besonderes.

Auf dem Heimweg machte ich einen Abstecher zum Supermarkt und kaufte eine Flasche Wein, dann schloss ich mich mit dem Buch in meinem Zimmer ein und blieb den ganzen Abend dort.

Himmel, die Träume, die ich nach dem Lesen von Tara Liegt Wach hatte. Das Buch ist so sinnlich. So … sensuell. Gibt es das Wort überhaupt? Das muss ich nachschlagen. Will nichts Falsches sagen, wenn ich es mit der Autorin diskutiere. Wie auch immer, es ist verdammt sexy. Und wunderschön geschrieben. Sexy und wunderschön – und gewiss ist ein Buch ein Abbild der Autorin, oder nicht? Letzte Woche im Klassenzimmer habe ich einen Hauch davon gespürt, aber nur einen Hauch. Ich vermute, sie muss es vor den meisten Menschen verbergen. Eine solche Leidenschaft kann gefährlich sein. Man muss sie in Schach halten, eine Maske tragen. Doch ich habe das Gefühl, beim Lesen des Buches so viel über sie gelernt zu haben, und ich kann es kaum erwarten, bis sie mir ihr wahres Gesicht zeigt.

Siobhans Roman handelt von dieser Frau namens Tara, die Jungfrau ist, bis sie 21 ist. Sie hatte immer Angst vor Männern und Beziehungen, und dann trifft sie diesen Kerl namens Luke. Er ist verheiratet und älter als sie. Und sie vögeln. Verdammt, wie die vögeln! Ich bin in der Welt herumgekommen. Ich war in Bangkok, wo die Mädchen angeblich jeden Trick aus dem Kamasutra kennen. Aber ich wette, diese Thai-Mädchen haben von ein paar Dingen noch nicht einmal gehört, die Tara und Luke in Tara Liegt Wach miteinander anstellen. Das Buch ist aus Taras Perspektive geschrieben, nach dem Ende ihrer Affäre. Sie liegt im Bett, denkt über all das Zeug nach, was sie getan haben, und berührt sich selbst. Sie hat die Beziehung wegen seiner Frau beendet, aber sie verzehrt sich immer noch nach ihm. Und auf der letzten Seite ertönt ein Klopfen an der Tür.

Das ist der Schluss des Buches.

Oh Siobhan, du wirkst äußerlich so ruhig, so gelassen. Aber unter der Oberfläche … Ich weiß, was in dir schlummert.

Oh Siobhan.

Ich will in dir sein.

Wie begeistert sie sein wird, wenn ich heute Abend mit ihrem Buch aufkreuze. Nein – Augenblick, ich werde ihr Buch nicht mitnehmen. Das ist viel zu plump, und einer der anderen könnte mich fragen, ob er es sich ausleihen dürfte, und dann könnte ich schlecht Nein sagen. Ich will das Buch nicht aus den Fingern geben. Dafür habe ich eine viel bessere Verwendung. Was kann ich nur tun, um Siobhan glücklich zu machen?

Natürlich. Es ist so offensichtlich …

3

Siobhan

Nun. Das war vielleicht ein Abend!

Ich bin früh zum College gefahren – ich wollte lieber die Erste sein im Gegensatz zu letzter Woche, als ich gleichzeitig mit den anderen Kursteilnehmern eintrudelte. Ich will mehr Autorität ausstrahlen. Ich habe mich diese Woche auch etwas mehr herausgeputzt, obwohl ich nicht sicher bin, warum ich das getan habe. Vielleicht, da ich jetzt ein bisschen selbstsicherer bin, weil ich weiß, dass sie nicht der einschüchterndste Haufen der Welt sind. Also habe ich meine hohen Stiefel und meine Netzstrumpfhose angezogen. Habe mich gegen den Jeansminirock entschieden – zu nuttig mit der Netzstrumpfhose –, aber für meinen knielangen schwarzen Cordrock und einen Rollkragenpulli. Es ist wirklich wahr, dass Attraktivität allein etwas mit dem Selbstbewusstsein zu tun hat. Ich fühlte mich richtig gut.

Als ich an der Geschäftsstelle vorbeikam, rief mich Betty, die Sekretärin, zu sich: »Ms McGowan? Jemand hat das hier für Sie abgegeben.«

Sie griff über den Schreibtisch und reichte mir einen Umschlag, der tatsächlich mit einer pinkfarbenen Schleife umwickelt war. Ich meine, wer bindet eine Schleife um einen Brief? Ich dankte ihr, und sie bedachte mich mit einem wissenden Blick über den Rand ihrer Halbbrille. Ich wollte ihn nicht auf der Stelle öffnen, weshalb ich auf die Behindertentoilette ging und die Tür abschloss, bevor ich den Brief aufriss. Ich dachte, ich würde eine Karte vorfinden, weshalb es mich überraschte, dass ich ein einzelnes bedrucktes DIN-A4-Blatt mit einer dieser extravaganten Schriftarten herauszog, die wirken sollen, als sei sie handschriftlich geschrieben.

Noch überraschter war ich wegen der Überschrift: »Bookjungle.com«, hieß es. »Der Leser Aparkinson hat dieses Produkt mit ✪✪✪✪✪ bewertet.« Fünf Sterne. Es war eine Rezension für TLW.

»Ein unvergleichliches, erotisches Meisterwerk«, lautete die Zwischenüberschrift. Ich überflog rasch die Seite, wobei mir die Superlative regelrecht um die Ohren flogen. Es war eine überwältigende Rezension, so glühend, dass sie fast neonfarben leuchtete. Im Grunde – und ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde – war sie fast zu überschwänglich. Zufrieden, wie ich war, war es gleichzeitig ein wenig peinlich. Wie dieser sonderbare Typ im Fitnessstudio, der andauernd davon sprach, wie sexy meine Waden seien. Es ist nett, ein Kompliment zu bekommen, aber manchmal einfach ein bisschen zu viel des Guten.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wer dieser Aparkinson war, bis ich die Notiz am Ende sah:

»Liebe Siobhan, ich habe dein Buch gelesen. Nur für den Fall, dass du nicht auf Bookjungle nachschaust.« (Als ob! Alle Autoren lesen bei Bookjungle mit.) »Ich dachte, du wüsstest meine Rezension zu schätzen. Ich fand es wirklich toll. Liebe Grüße! Wir sehen uns im Kurs. Alex.«

Alex – der jugendliche Rebell. Wie seltsam! Ich hätte ihn nicht für die Sorte Schwärmerischer-pinke-Schleifen-Mann gehalten. Aber ich hatte mich schon gefragt, ob er auf mich steht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hat ihm das Buch wirklich gut gefallen. Das ist sehr süß von ihm. Ich war nicht ganz sicher, wie ich reagieren sollte. Ich meine, was sollte ich schon sagen? Danke?

Ich las die Rezension nun langsamer durch. Ich kann nicht behaupten, ich hätte mich nicht wie eine Schneekönigin gefreut – es ist Jahre her, seit jemand eine Beurteilung für TLW abgegeben hat, nicht seit dem Mistkerl, der meinte: »Grottenschlecht – das mieseste Buch, das ich je gelesen habe«, und ihm keinen einzigen Stern gab.

Zugegebenermaßen, es war herrlich, eine solch nette Rezension zu bekommen und zu wissen, dass sie für aller Augen im Internet stand. Ich wünschte nur, er hätte seinen Namen nicht preisgegeben, sodass die anderen Kursteilnehmer, wenn sie mein Buch schließlich – und zwangsläufig – suchten, sie nicht übergehen würden, weil sie wussten, dass er mich kennt.

Ich kann nicht widerstehen, ein paar ausgesuchte Zitate aufzuschreiben:

»Die Protagonistin Tara ist eine strahlende Persönlichkeit, die auf jeder Seite vor Esprit sprüht, die Sorte Mensch, von der wir im realen Leben nur träumen können, sie eines Tages kennenzulernen, es aber selten tun. Es ist unmöglich, ihr nicht zu verfallen.«

Aah – wie lieb!

»Der Schreibstil ist satt und süß wie Marzipan, aber nie übertrieben, nie zu viel. Stattdessen sind wir zufrieden, uns an diesen köstlichen Worten zu laben, von dem Zucker trunken zu sein, ausgelassen wie ein mit Süßigkeiten berauschtes Kind.«

Hm, das ist vielleicht ein bisschen übertrieben.

»Sexszenen sind von Natur aus schwierig, aber McGowan verführt den Leser auf dieselbe Art, wie der gutaussehende Luke die liebreizende Tara verführt. Eine unerfahrene Erotik befeuchtet diese Seiten, so sexy wie die Hölle, so betörend wie der Himmel.«

Jawohl! Das ist gut.

Wie dem auch sei, ich schob die Rezension in den Briefumschlag zurück, steckte ihn samt Schleife (Biggles wird es lieben, mit ihr zu spielen) in meine Tasche und verließ die Toilette, dankbar, dass sich keine Schlange an Menschen im Rollstuhl draußen vor der Tür gebildet hatte.

Als ich das Klassenzimmer betrat, rechnete ich mit Alex, der großspurig auf meine Reaktion warten würde, doch der Raum war leer abgesehen vom »Armen Brian«. Es war lustig, denn als er meine Stiefel und die Strumpfhose erblickte, riss er die Augen so weit auf, man hätte glauben können, ich sei nackt gekommen.

»H-h-h-hallo«, sagte er und würgte wie eine Cartoonfigur, die buchstäblich einen Kloß im Hals hatte.

Wir plauderten eine Weile – ich befragte ihn ein wenig zu seinem Fantasyroman, doch ich muss gestehen, in meinen Ohren klang es, als redete er in einer Fremdsprache, mit all den Ortsnamen und sonderbaren Außerirdischen und diesem Zeug. Ich sagte, dass ich Der blinde Mörder liebe und dass in dem Roman eine Science-Fiction-Geschichte eingebettet sei, doch er hatte noch nicht einmal von Margaret Atwood gehört!

Dann spähte er zur Tür, und für einen Moment glaubte ich, er würde über mich herfallen – er hatte diesen beunruhigenden erwartungsvollen Ausdruck in den Augen. Oder Hals über Kopf verschwinden. Doch zu meiner Überraschung zog er eine Kopie von TLW heraus! Das hat nun meine jährlichen Verkaufszahlen verdoppelt. Ich fragte mich, ob sie alle losgezogen waren und es gekauft hatten? Das hoffte ich schwer. Aber ich war nicht sicher, was er von mir erwartete – er hielt es mir winkend unter die Nase.

»Willst du, dass ich es signiere?«, fragte ich, und er errötete dankbar und nickte. Ich signierte es gewissenhaft, und der arme Kerl sah aus, als würde er vor tiefer Verbundenheit sterben – allerdings war sein Verhalten viel ehrlicher als Alex’ große Geste.

Die anderen kamen alle gemeinsam herein, gerade in dem Moment, als ich Brian das Buch zurückgab. Ich lächelte Alex kurz an, stellte jedoch keinen Blickkontakt mit ihm her. Ich war ein wenig … nervös … nehme ich an. Als würde ich ihm jetzt etwas schulden – auch wenn das natürlich Blödsinn war. Ich weiß nicht, woran es lag, aber sobald ich ihn sah, fühlte ich mich beklommen. Während ich ihn ansah, dürr und noch eingebildeter als vergangene Woche, schienen die Rezension und die pinkfarbene Schleife unangemessen. Ich lehnte mich lässig zur Seite und schob beides ganz tief in meine Tasche, damit es gut versteckt war. Mit einem Mal wollte ich ihn im Unklaren lassen, ob ich den Brief bekommen hatte oder nicht, und ich entschied, die Sache einfach völlig zu übergehen, bis er mich direkt darauf ansprach. Vielleicht würde ich ihm nächste Woche danken, ohne großes Aufhebens.

Am Ende der Stunde bemerkte ich, wie Alex hinter den anderen herumtrödelte, die plaudernd nach draußen spazierten. Nur Kathy blieb zurück, weshalb ich zu ihrem Platz ging und ihr sagte, wie sehr mir ihr Beitrag gefallen hatte, den sie vorhin laut vorgelesen hatte.

»Ich bin so froh, dass es dir gefallen hat«, sagte sie, und ihr Gesicht begann zu leuchten. Sie sieht wirklich hübsch aus, wenn sie lächelt, selbst mit ihrem strengen, kantigen Haarschnitt. Geschickt drehte ich mich leicht zur Seite, bis ich mit dem Rücken zu Alex stand und er nicht mehr in meinem Blickfeld war – obwohl ich dennoch spürte, wie er verstohlen dort herumlungerte.

»Eigentlich«, sagte Kathy, nachdem wir uns eine Minute über ihren Text unterhalten hatten, »hatte ich mich gefragt, ob ich kurz mit dir sprechen könnte?«

Puh, dachte ich – ein guter Grund, um Alex abzuwimmeln. Doch als ich mich umdrehte, marschierte er schon ohne ein Wort des Abschieds aus dem Klassenzimmer.

Ich wandte mich wieder um, und da stand Kathy, mit einem Strahlen im Gesicht – und einer Ausgabe von TLW in den Händen! Ich konnte es nicht glauben und musste lachen.

»Bald werde ich mich mit meinen Tantiemen zur Ruhe setzen können«, sagte ich. »Es ist toll – ihr alle habt es gekauft! Ich wusste doch, es gab einen Grund, um die Stelle als Dozentin anzunehmen.«

Kathy lachte ebenfalls und reichte mir ausgelassen einen Kugelschreiber. »Ich fand’s brillant«, sagte sie. »Konnte es nicht aus der Hand legen.«

»Vielen Dank«, erwiderte ich und errötete. Ihr Lob fühlte sich irgendwie schlüssiger als Alex’ schwülstige Worte oder die gestammelten Komplimente des »Armen Brian« an, und ich fühlte mich töricht, wegen Alex’ Rezension – wenn auch nur in Gedanken – so euphorisch gewesen zu sein. Zumindest hatte ich keine Närrin aus mir gemacht, indem ich es auf irgendeine Weise angesprochen hatte. Und da drei der Teilnehmer mich auf das Buch angesprochen hatten, schwächte es den Eindruck definitiv ab, den sie bei mir hinterlassen hatte.

Ich frage mich, ob Kathy vielleicht ebenfalls ein Auge auf mich geworfen hat? Sie schien definitiv zu strahlen, als sie mit mir geredet hat. Aber vielleicht bin ich auch bloß schrecklich arrogant.

Auf meinem Heimweg vom College war ich so vergnügt wie schon lange nicht mehr, und die schmeichelnden Worte des Abends hallten in meinem Kopf wider. Vielleicht war es doch noch nicht zu spät, einen weiteren Vertrag zu ergattern. Ich muss ein gewisses Talent haben, um bei anderen eine solche Reaktion hervorzurufen. Ich hatte es nur vergessen, das war alles.

Entweder das oder ich habe drei neue Verehrer! Nicht schlecht, egal was von beidem es nun war.