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Auf der Suche nach Inspiration reist die zweiundzwanzigjährige Kunststudentin Kate nach Paris. Hier will sie durch die Museen streifen und sich in den strahlenden Lichtern der Metropole verlieren. Doch die Stadt der Liebe hat andere Pläne für die New Yorkerin: Sie trifft auf Rylan, einen gut aussehenden Fremden, der sie sofort in seinen Bann zieht. Von ihm lässt sich Kate bei Tag Paris zeigen und bei Nacht in eine ihr bisher unbekannte Welt der Leidenschaft entführen. Hals über Kopf stürzt sie sich in ein prickelndes, erotisches Abenteuer und verfällt Rylan – obwohl sie nach einer großen Enttäuschung nicht mehr an die Liebe glaubt. Auch Rylan ist fasziniert von der klugen, humorvollen Kate. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürt er ernsthafte Gefühle für eine Frau und ist fest entschlossen, Kates Herz zu erobern. Doch um ihr Vertrauen zu gewinnen, muss er ehrlich sein. Und Kate sagen, wer er wirklich ist – auch wenn sein Geheimnis alles zwischen ihnen zerstören könnte …

Zur Autorin

Jeanette Grey hat Physik und Kunst studiert und arbeitete zunächst als Lehrerin und in der Werbebranche. Wenn sie nicht ihrer größten Leidenschaft, dem Schreiben, nachgeht, töpfert sie und verbringt Zeit mit ihrem Mann und ihrem Haustier: einem Frosch. Seven Nights. Paris ist der erste Band ihrer neuen Erotikserie im Diana Verlag. Jeanette Grey lebt, liebt und schreibt im Staat New York.

JEANETTE GREY

Seven

Nights

P A R I S

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Charlotte Seydel

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Deutsche Erstausgabe 10/2017

Copyright © 2015 by Jeanette Grey

Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel Seven Nights to Surrender bei Forever, Hachette Book Group, New York

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Dr. Katja Bendels

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Covermotiv: © Solei/Shutterstock

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-21034-2
V001

www.diana-verlag.de

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KAPITEL 1

K A P I T E L   1      Wie hübsch die Worte in ihrer Vorstellung klangen. Es war geradezu lächerlich, verglichen mit den Lauten, die herauskamen, sobald Kate den Mund aufmachte und sie laut aussprach.

Mit Daumen und Zeigefinger knetete sie nervös den Riemen ihrer Tasche, hielt den Blick starr auf die Frau hinter der Kasse gerichtet und wiederholte immer wieder in Gedanken: Un café au lait, s’il vous plaît. Einen Milchkaffee, bitte. Kein Problem. Das hatte sie drauf. Die Person vor ihr in der Schlange trat an den Schalter. Kate nickte sich selbst bestätigend zu, straffte die Schultern und lächelte möglichst selbstbewusst.

Gerade in dem Moment, als sie an der Reihe war, wurde sie plötzlich so heftig von der Seite angerempelt, dass ihr förmlich die Luft wegblieb.

Fluchend fuchtelte sie mit dem Arm, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Ein pickeliger Teenager murmelte etwas vor sich hin, was nach einer ausgiebigen Entschuldigung klang, doch ihrem spärlichen Schulfranzösisch nach zu urteilen könnte er sie ebenso gut beschuldigt haben, ihn angerempelt zu haben. Kate entschied sich, einfach an die Variante mit der Entschuldigung zu glauben.

Verlegen wedelte sie mit den Händen, um dem Jungen zu signalisieren, dass alles in Ordnung war. Als er erneut auf sie einredete, blickte sie sich um. Hinter ihr stand ein erschreckend gut aussehender Mann mit dunklem Haar und einem Kinn, bei dem frau sich förmlich danach sehnte, es zu malen. Er überflog mit demonstrativem Desinteresse eine französische Tageszeitung und legte ungeduldig die Stirn in Falten. Die übrigen Leute in der Schlange machten ähnliche Gesichter.

Kate wandte sich ab und zeigte dem Jungen nach bester New Yorker Art die kalte Schulter. Wenigstens schien die Frau hinter der Kasse es nicht eilig zu haben. Kate stieß ein schnelles »Désolé« – tut mir leid – hervor und legte die Hände auf den Tresen. Sie konnte das. Sie lächelte erneut, während sie sich darauf konzentrierte, die einstudierten Worte auf ihre Lippen zu befördern. »Un café au lait, s’il vous plaît.«

Nein, es hatte nicht annähernd so hübsch geklungen wie in ihrer Vorstellung. Sie hielt den Atem an, doch die Frau nickte einfach, tippte die Bestellung ein und gab sie an das Mädchen an der Espressomaschine weiter. Dann verkündete sie auf Französisch den Betrag, den Kate zu zahlen hatte.

Ja! Sie konnte sich gerade noch zurückhalten, eine Siegerfaust in die Luft zu stoßen. Seit zwei Tagen streifte sie nun durch Paris, und egal wie intensiv sie die Sätze vorher eingeübt hatte – Kellner, Kellnerinnen und Ladenbesitzer antworteten ihr, kaum dass sie den Mund aufmachte, sofort auf Englisch und entlarvten sie damit gnadenlos als Amerikanerin.

Wahrscheinlich wollte die Kassiererin sich nur über sie lustig machen, doch Kate ergriff die Gelegenheit und setzte alle Rädchen in ihrem Hirn in Bewegung. Wie ihr Lehrer auf der Highschool es ihr beigebracht hatte, zählte sie im Kopf die Zahlen durch, bis sie jede Ziffer übersetzt hatte. Drei Euro fünfundachtzig. Triumphierend griff sie nach der Tasche an ihrer Hüfte.

Und griff ins Leere.

O nein. Entsetzt tastete sie über Schulter und Taille und blickte panisch um sich. Die Tasche war weg.

Sie stöhnte laut auf. Wie viele Leute hatten sie genau hiervor gewarnt? In Paris wimmelte es von Taschendieben. Das hatten ihr nicht nur ihre Mutter und Aaron, sondern sogar der Kerl im Reisebüro erzählt. Ein gereiztes Lachen löste sich aus ihrer Kehle. Durch ihren Kopf hallte die Stimme ihres Vaters, der sie anschrie, sie solle doch um Himmels willen besser aufpassen. Mist. Es war nur … Sie könnte schwören, dass sie die Tasche vor einer Sekunde noch gehabt hatte. Kurz bevor der Junge sie angerempelt …

Ein Frösteln überlief sie. Natürlich. Der Junge.

Tränen brannten in ihren Augen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie all das auf Französisch erklären sollte. In der vergeblichen Hoffnung, ihre Handtasche würde wie durch Zauberei wieder auftauchen, tastete sie noch einmal an sich herum. Ihr Vorhaben, einen ruhigen Nachmittag in einem Café zu verbringen und zu zeichnen, wurde von einem Moment auf den anderen zunichtegemacht.

Hinzu kam, dass die Warnung vor Taschendieben nicht das Einzige gewesen war, das ihr von zu Hause auf die Reise mitgegeben worden war. Ausnahmslos alle, denen sie mitgeteilt hatte, sie wolle nach Paris reisen, um zu sich selbst zu finden und sich von der Stadt inspirieren zu lassen, hatten sie für verrückt erklärt. Das hier war ihre erste Auslandsreise, und sie verschlang fast ihre gesamten Ersparnisse. Zu allem Überfluss hatte Kate auch noch darauf bestanden, allein zu reisen. Wie sollte sie denn auch Kontakt zu ihrer inneren Muse aufnehmen können, wenn sie nicht etwas Zeit mit ihr allein verbrachte? Ohne jegliche Ablenkung. Umgeben von Kunst und Geschichte und von einer wundervollen Sprache, derer sie kaum mächtig war. Für Kate hatte sich das nach einer guten Idee angehört. Die perfekte Gelegenheit, ein paar grundlegende Entscheidungen zu treffen.

Aber vielleicht hatten die anderen ja doch recht gehabt.

Da sie hier in aller Öffentlichkeit nicht die Bauchtasche mit ihrem übrigen Bargeld unter dem T-Shirt hervorholen wollte, schrieb sie ihre Pläne für den heutigen Tag in den Wind. Sie würde einfach zum Hostel zurückgehen. Immerhin war sie noch im Besitz ihres Ausweises und des Großteils ihres Geldes. Sie würde sich ihr Budget einfach neu einteilen, und alles wäre wieder in Ordnung.

»Mademoiselle?«

Ihr noch ein wenig tränenverschwommener Blick sprang hoch. Und höher. Der gut aussehende Mann – der mit den dunklen, widerspenstigen Haaren und dem markanten Kinn – stand direkt vor ihr und berührte sie mit einer warmen Hand sanft am Ellenbogen. Ein elektrisierendes Kribbeln summte unter ihrer Haut. War er eben auch schon so groß gewesen? Und die Schultern auch schon so breit? Er trug ein schlichtes schwarzes Button-down-Hemd, doch Kate konnte den Blick nicht von dem Stoff über seiner Brust lösen, unter dem unzählige Muskeln zu erahnen waren.

Er zog die Brauen zusammen, und zwischen seinen strahlend blauen Augen erschienen zwei zarte Falten.

Kate schüttelte den Kopf, um sich von ihrer Benommenheit zu befreien, und räusperte sich. »Pardon?«, fragte sie und hob in dem – leider immer noch vergeblichen – Bemühen, französisch zu klingen, am Ende die Stimme.

Er lächelte, und sie hatte das Gefühl, jeden Augenblick in Ohnmacht zu fallen. In perfektem Englisch, das vielleicht ein kleines bisschen nach New York klang, fragte er: »Ist alles in Ordnung?«

Jedes Mal, wenn in den vergangenen Tagen jemand mit ihr Englisch gesprochen hatte, hatte sie sich geärgert. Jetzt hätte sie ihn dafür am liebsten geküsst, geradewegs auf seine vollen, weichen Lippen. Bei der Vorstellung errötete sie ein wenig. »Nein. Ich …« Überflüssigerweise klopfte sie sich erneut auf die Seite. »Ich glaube, dieser Kerl hat mir meine Tasche geklaut.«

Seine Miene verfinsterte sich, doch er fing weder an, sie für ihre Unachtsamkeit zu tadeln, noch wandte er sich ab. »Das tut mir leid.«

Nun meldete sich die Frau hinter der Kasse wieder: »Möchten Sie Ihren Kaffee noch?«

Kate wollte gerade ablehnen, doch der Mann hatte bereits einen Zehneuroschein auf den Tresen gelegt und antwortete der Kassiererin mit einem Wortschwall auf Französisch. Die nahm das Geld, drückte ein halbes Dutzend Tasten, ließ einige Münzen in seine Hand fallen und sah dann den nächsten Kunden in der Schlange an.

»Ähm …«, hob Kate an.

Der Mann löste erst jetzt die Hand von ihrem Ellenbogen, legte sie stattdessen auf ihren Rücken und führte Kate ans Ende des Verkaufstresens. Es war eine überaus intime Berührung. Sie hätte zurückzucken müssen, doch bevor sie sich dazu entschließen konnte, ließ er den Arm sinken und wandte sich ihr zu. Wo seine Hand gelegen hatte, spürte sie einen kalten Fleck.

Sie setzte ein paarmal an, ehe sie schließlich fragte: »Haben Sie jetzt gerade meinen Kaffee bezahlt?« Sie mochte schlecht in Französisch sein, aber sie war nicht auf den Kopf gefallen.

Er grinste schief zu ihr herunter. »Gern geschehen.«

»Das wäre aber wirklich nicht nötig gewesen.«

»Au contraire.« Er hob eine Braue. »Wenn man einen schlechten Tag hat, sollte man auf keinen Fall auch noch auf seinen Kaffee verzichten.«

Nun, da hatte er recht. »Ich habe noch etwas Geld. Ich kann es Ihnen zurückgeben.«

»Nicht nötig.«

»Doch, wirklich.« Sie warf ihre Vorbehalte bezüglich ihrer Ersatzbrieftasche über Bord und griff nach dem Saum ihres T-Shirts. Bevor sie jedoch ihren Geldgürtel hervorholen konnte, fasste er ihre Hände und hielt sie zurück.

Seine Augen wirkten jetzt dunkler, seine Fingerspitzen waren warm. »Ich halte eine schöne Frau zwar nur ungern davon ab, sich vor mir zu entkleiden, aber das ist wirklich nicht nötig.«

Wollte er etwa andeuten …? Nein, das war unmöglich. Dennoch wallte unwillkürlich Empörung in ihr auf. Sie schob seine Hände weg und zog den Saum ihres T-Shirts nach unten. »Mit einem Strip wollte ich Sie nicht bezahlen.«

»Schade. Aber wahrscheinlich ist es besser so«, fügte er in konspirativem Ton hinzu. »Was diese Dinge angeht, ist die Polizei hier zwar lockerer als in den Staaten, aber trotzdem. Es wäre ein wenig gewagt.«

Die Barista stellte zwei Tassen auf den Tresen und sagte etwas auf Französisch, jedoch zu schnell, als dass Kate es hätte verstehen können.

»Merci«, erwiderte der Mann, klemmte sich die Zeitung unter den Arm und nahm die beiden Tassen.

Aus irgendeinem Grund fühlte Kate sich bemüßigt, noch einmal zu betonen: »Das wäre wirklich nicht nötig gewesen.« Dann streckte sie die Hand nach der Tasse aus, die sie für ihre hielt.

»Natürlich nicht.« Er zog die Tassen an seine Brust, sodass sie nicht an sie herankam. Sein Bizeps wölbte sich. »Aber so hatte ich die Chance, Sie auf einen Kaffee einzuladen.«

Kate stutzte.

»Na, kommen Sie schon«, sagte er, steuerte auf einen leeren Tisch am Fenster zu und setzte sich.

Das war überhaupt nicht das, was sie für den heutigen Tag geplant hatte. Als er sich gesetzt hatte, sah sie, wie sich sein Profil von dem hereinfallenden Licht abhob. Wenn ihr nicht die Tasche abhandengekommen wäre, hätte sie jetzt zu gern ihr Skizzenbuch hervorgeholt und diese markanten Wangen festgehalten.

Während sie dastand und ihn anstarrte, fielen ihr schlagartig alle Warnungen ihrer Mutter wieder ein. Dieser Typ war zu glatt. Zu gewandt, zu gut aussehend. Über der gesamten Situation stand in fetten Lettern: Keine gute Idee. Nachdem ihr letzter Versuch, sich mit einem Mann einzulassen, katastrophal geendet hatte, sollte sie jetzt eigentlich klüger sein.

Doch Tatsache war, dass sie diesen Kaffee unbedingt wollte. Und vielleicht auch die Gelegenheit, im Geiste noch ein paar Studien von seinem Kinn anzufertigen. Das wäre gar nicht schwer. Sie müsste nur zu ihm gehen und gegenüber von ihm Platz nehmen. Nur dass …

Nur dass sie so etwas normalerweise nicht machte.

Weshalb sie es vielleicht gerade jetzt tun sollte.

Nervös nestelte Kate an ihrem T-Shirt herum. Dann machte sie einen Schritt nach vorn. Sie war im Urlaub, Herrgott, und dieser Kerl lud sie ein. Sie hatte es verdient, einen Moment loszulassen. Sich vielleicht ausnahmsweise einmal zu amüsieren.

Also wirklich. Was sollte schon passieren, wenn sie sich ein bisschen mit einem Fremden unterhielt?

Rylan Bellamy verfügte über eine knappe, bewährte Liste von Regeln darüber, wie man eine Touristin abschleppte.

Erstens: Gib dich vertrauenswürdig und harmlos. Touristen rechneten ständig damit, ausgenutzt zu werden.

Zweitens: Mach kein Hehl aus deinen Absichten. Es blieb keine Zeit, lange herumzureden, wenn die Frau jeden Augenblick wieder abreisen konnte.

Drittens: Sorge dafür, dass sie stets weiß, dass sie die Wahl hat.

Er führte den Cappuccino an seine Lippen und blickte aus dem Fenster des Cafés. Eigentlich hatte er gar nicht vorgehabt, der Frau vor ihm in der Schlange einen Kaffee zu spendieren oder sie abzuschleppen. Und ganz bestimmt hatte er sich nicht plötzlich doch in den Wirtschaftsteil der Le Monde vertiefen wollen, sodass er nicht mitbekommen hatte, wie man ihr direkt vor seiner Nase die Handtasche geklaut hatte. Doch die ganze Geschichte hatte ihm jede Menge Möglichkeiten eröffnet.

Vertrauenswürdig? Einzuschreiten, als sie aussah, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, schien ihm ein guter Anfang zu sein. Dass er ihr sowohl auf Englisch als auch auf Französisch zur Seite gesprungen war, sprach ebenfalls für ihn. Dass er anschließend ihren Kaffee bezahlt hatte, war selbstverständlich gewesen.

Kein Hehl aus seinen Absichten machen? Daran arbeitete er noch, aber bisher war er nicht zurückhaltend gewesen. Schließlich hatte er sie bereits berührt. Sie hatte weiche Haut und schöne, zarte Hände, deren Fingerspitzen mit Tinte bekleckst waren.

So wie sich die großen dunklen Augen wie Kleckse von ihrem hübschen blassen Gesicht abhoben. Und diese rosafarbenen Lippen.

Er veränderte seine Haltung und schaffte es, dem Impuls, zu ihr hinüberzublicken, noch einen weiteren Moment zu widerstehen. Der dritte Teil, in dem es darum ging, ihr zu vermitteln, dass die Entscheidung bei ihr lag, war notwendig, konnte sich jedoch als frustrierende Erfahrung herausstellen. Wenn sie nicht freiwillig an seinen Tisch kam, würde sie auch niemals mit in seine Wohnung kommen oder gar in sein Bett. Er hatte den Handschuh fallen lassen – sie konnte ihn jetzt aufheben oder einfach gehen.

Sie stand immer noch am Tresen. Verflixt, er hoffte wirklich, dass sie nicht ging. Um cool zu wirken, beschloss er, bis dreißig zu zählen. Er setzte die Tasse zurück auf die Untertasse. Kurz fürchtete er, sie wäre vielleicht bereits gegangen. Aber nein. Er spürte, wie sie ihn durch den Raum hinweg beobachtete, ihn mit ihrem Blick durchbohrte.

Das gefiel ihm. Angesehen zu werden war ein schönes Gefühl. So wie gemustert, taxiert zu werden. Das machte ihre Entscheidung nur umso reizvoller, vorausgesetzt, sie entschied sich für ihn.

Bingo.

In dem Café war es zwar laut, aber seine Sinne waren auf sie konzentriert, sodass er sofort spürte, als sie auf ihn zukam. Bei dreizehn hörte er auf zu zählen und musterte sie, während sie zu ihm an den Tisch trat.

Wenn er noch Zweifel gehegt hätte, ob sie eine Touristin war, so hätten sich diese spätestens jetzt, bei genauerer Betrachtung, erledigt. Sie trug violette Converse, die geradezu Amerikanerin schrien, sowie einen dunklen Rock, der ihr bis zu den Knien reichte, und ein schlichtes graues T-Shirt mit einer kurzen Leinenjacke darüber. Keinen Schal oder Gürtel oder irgendein anderes der tausend Accessoires, die dieses Jahr bei der Pariser Damenwelt so beliebt waren. Ihr kastanienbraunes Haar hatte sie zu einem Knoten gedreht.

Hübsch. Amerikanisch. Verklemmt. Aber wirklich sehr, sehr hübsch.

»Ihr Kaffee wird kalt«, sagte er, reichte ihr die Tasse über den Tisch und schob mit dem Fuß einen Stuhl unter dem Tisch hervor.

Hundert scharfe Erwiderungen tanzten auf ihren Lippen, doch ihr Schweigen – sowie ihre keck gehobene Braue und ihr nachdenklicher Blick – sagten mehr. Sie setzte sich ihm gegenüber, schlug steif die Beine übereinander und hockte sich auf die Stuhlkante, als sei sie bereit, jeden Augenblick die Flucht zu ergreifen.

Normalerweise ließ er die Finger von scheuen Vögelchen. Sie bedeuteten zu viel Arbeit, wenn man bedachte, wie kurz sie in seinem Nest landeten. Doch mit diesem hier hatte er nun schon einmal begonnen, und etwas an ihrem Mund gefiel ihm. Und irgendwie mochte er ihre ganze Ausstrahlung – sie wirkte unschuldig und unerschrocken zugleich. Das war zumindest einen Kaffee wert.

Sie schob einen Finger durch den Henkel und tippte mit dem Daumen gegen die Tasse. Ihr Argwohn war unübersehbar.

»Ich habe nichts hineingemischt«, versicherte er ihr.

»Ich weiß. Ich habe Sie die ganze Zeit beobachtet.«

Dessen war er sich durchaus bewusst gewesen, vielen Dank. Nichtsdestotrotz schätzte er ihre Ehrlichkeit. »Warum zögern Sie dann? Er ist schon bezahlt. Wenn Sie ihn nicht trinken, trinkt ihn keiner.«

Sie schien einen Augenblick darüber nachzudenken, dann nahm sie den Zucker und schüttete mehr hinein, als gesund gewesen wäre. Sie rührte kurz um, nahm die Tasse und trank einen Schluck.

»Gut?«, fragte er. Seine Stimme sank unwillkürlich eine Tonlage tiefer, er konnte nichts dagegen tun. »Süß genug?«

»Ja.« Sie setzte die Tasse wieder ab. »Danke.«

»Gern geschehen.«

Sie schloss den Mund und klammerte sich noch stärker an die Tasse. Er ermahnte sich, Geduld zu haben, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte die Ellenbogen auf die Armlehnen. Dann musterte er sie ausgiebig.

Ach, zum Teufel mit der Geduld. Wenn er nicht bald etwas sagte, würden sie noch den ganzen Tag hier sitzen. Er konzentrierte sich auf das, was er von ihr wusste, und deutete vage in ihre Richtung, um an die fehlende Tasche zu erinnern. »Sie könnten wegen des Diebstahls Anzeige erstatten.«

Sie schüttelte den Kopf und trommelte mit den Fingern gegen das Porzellan. »Das lohnt sich nicht. Immerhin war ich so schlau, nur dreißig oder vierzig Euro mitzunehmen. Und die Polizei wird kaum wegen ein paar Zeichenstiften und Heften ermitteln.«

»Nein, vermutlich nicht.«

Die Zeichenutensilien fügten sich ins Profil. Sie passten zu den Flecken an ihren Händen und dem durchdringenden Blick.

Er ließ einen Moment verstreichen. Da sie freiwillig nicht mehr von sich preisgab, musste er wohl etwas nachbohren. Ganz offensichtlich würde er den Großteil der Unterhaltung bestreiten müssen.

Nicht, dass ihm das etwas ausmachte. Er war jetzt seit einem Jahr in Paris und vermisste es, Englisch zu reden. Zwar sprach er hervorragend Französisch, aber es war eben nicht seine Muttersprache. Die Art, wie die Laute der Sprache, mit der man aufgewachsen war, sich um die Zunge schlangen, gaben einem sofort das Gefühl, zu Hause sein.

Zu Hause. Dieser Gedanke versetzte ihm einen Stich.

Er räusperte sich und konzentrierte sich wieder auf seine Charmeoffensive. »Sie sind also Künstlerin?«

»Könnte man so sagen.«

»Könnte man so sagen?«

»Ich habe gerade erst mein Studium abgeschlossen.«

»Herzlichen Glückwunsch.«

Sie schnaubte leise. »Jetzt muss ich entscheiden, wie es weitergeht.«

Ah. Diese Art der Flucht nach Europa kannte er. Sehr gut sogar. Und er wusste, wie sinnlos sie war.

Aber er erkannte ein Klischee, wenn er eines sah. »Dann sind Sie also hier, um sich selbst zu finden

»So ungefähr.« Etwas von ihrer Zurückhaltung fiel von ihr ab. Sie sah auf und begegnete seinem Blick. In ihren Augen lag eine gewisse Unsicherheit, als wartete sie auf seine Reaktion. »Klingt ziemlich albern, was?«

»Nun, ist zumindest ein romantischer Gedanke.« Er war noch nie ein großer Romantiker gewesen. »Wenn es funktionierte, würden einfach alle nach Prag ziehen, anstatt ihr Leben lang zum Therapeuten zu laufen. Was würden dann bloß die ganzen Seelenklempner machen?«

Sie verdrehte die Augen. »Nicht jeder kann es sich leisten, einfach nach Europa zu reisen.«

Ihre Bemerkung hatte nichts Heiteres. Er erinnerte sich daran, was sein Vater ihm beigebracht hatte, und konzentrierte sich auf die angespannten Gesichtsmuskeln um ihre Augen. Diese Reise war offenbar ein Luxus für sie. Gut möglich, dass sie jahrelang darauf gespart hatte.

Vermutlich war es besser, wenn er seine eigenen Vermögensverhältnisse nicht erwähnte. Im Geiste verlegte er ihr abendliches Rendezvous von seiner Bleibe in ihre. Das war sicherer.

»Das stimmt«, gab er zu. »Therapiestunden sind allerdings auch nicht gerade billig, und Reisen macht mehr Spaß.«

Das brachte ihm ein Lächeln ein. »Ich kann das nicht beurteilen, aber vermutlich schon.«

»Glauben Sie mir, es ist so.« Er nahm seinen Cappuccino und trank noch einen Schluck. »Und? Was haben Sie hier vor? Was haben Sie schon gesehen? Was möchten Sie unbedingt noch sehen?«

»Ich bin erst vor zwei Tagen angekommen. Gestern war ich im Musée Marmottan Monet.«

»Bezaubernd.« Und noch bezaubernder war es zu sehen, wie ihre Gesichtszüge sofort weicher wurden, als sie ihm davon erzählte.

»Heute Morgen bin ich hauptsächlich herumgelaufen. Dann wollte ich mich hierhersetzen und ein bisschen zeichnen.«

Sie zu fragen, ob sie ihm ihre Arbeit einmal zeigen würde, wäre eine gute Gelegenheit, seine Absichten deutlich zu machen. Es war allerdings unerträglich trivial. Er lächelte ironisch. »Sehr pariserisch.«

»Und dann … ich weiß nicht. Der Louvre und das Musée d’Orsay natürlich.« Sie zog die Mundwinkel nach unten. »Alles andere hatte ich in meinem Reiseführer notiert.«

Ah. »Und ich vermute, den hat man Ihnen gerade geklaut?«

»Richtig.«

Ohne sie aus den Augen zu lassen, trank er seinen Cappuccino aus. In ihrer Tasse befand sich noch ein Kaffeerest, doch sie näherten sich dem Zeitpunkt der Entscheidung. Er hatte heute nichts weiter vor – eigentlich hatte er nie etwas vor. Nicht mehr, seit sein Leben zusammengebrochen war. Aber war er bereit, einen ganzen Nachmittag zu opfern, um sie herumzuführen?

Er versuchte, das Ganze analytisch zu betrachten. Obwohl sich ihre Haltung etwas gelockert hatte, wirkte sie noch immer ein wenig zugeknöpft. Angesichts ihres Alters war sie vermutlich keine Jungfrau mehr, aber er würde eine Menge Geld darauf verwetten, dass sie auch nicht weit davon entfernt war. Das entsprach nicht seinem üblichen Beuteschema. Er bevorzugte Mädchen, die wussten, was sie taten – und noch wichtiger: die wussten, was er tat. Wonach er suchte.

Dieses Mädchen … Sie so weit zu bringen würde einige Arbeit erfordern. Sollte ihm das aber gelingen, sagte ihm sein Gefühl, dass es sich durchaus lohnen könnte. Sie war hübsch, und wenn sie lächelte, verwandelte sie sich in eine Schönheit.

Aber da war noch etwas anderes. Sie war romantisch und so voller Hoffnung, und wenn sie zeichnete und sich einbildete, Paris könnte ihr Leben verändern, musste sie ein sehr kreativer Mensch sein. Plötzlich interessierte ihn, was genau sie zeichnete und wie sie dabei aussah.

Immer wieder glitt sein Blick zu ihren Augen. Ihr Blick war die ganze Zeit, in der sie hier zusammengesessen hatten, umhergewandert, als würde sie alles in sich aufnehmen. Das Geschehen draußen vor dem Fenster, die Gesichter der Menschen im Café. Ihn. Das war faszinierend. Sie war faszinierend, sie faszinierte ihn auf eine Art, wie ihn schon lange keine Frau mehr fasziniert hatte.

Bei der Vorstellung, allein in seine Wohnung zurückzukehren, hätte er am liebsten laut geschrien.

Seine Entscheidung war gefallen. Er schob seinen Stuhl zurück und klatschte in die Hände. »Nun, worauf warten wir noch?«

»Wie bitte?«

»Reiseführer sind sowieso Mist. Vor allem, wenn man etwas Besseres haben kann.« Er stand auf und hielt ihr die Hand hin.

Ihre Miene wirkte skeptisch. »Und das wäre?«

Er schenkte ihr sein verführerischstes Grinsen. »Mich.«