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Das Buch

Wenige Wochen sind vergangen, seit Dante zum zweiten Mal Scarletts Herz gebrochen hat. Sie ist noch immer dabei, ihren Schmerz in Alkohol zu ertränken, als sie eine vielversprechende Hauptrolle in einem Film erhält. Scarlett ist fest entschlossen, endlich von Dante loszukommen und ihn ein für alle Mal zu vergessen, als sich Dantes Halbbruder Bastian bei ihr meldet. Bastian hat Neuigkeiten, die alles verändern und die Ereignisse der letzten fünf Jahre in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Können Scarlett und Dante am Ende doch noch gemeinsam glücklich werden?

Die Autorin

R. K. Lilley schreibt, seit sie denken kann. Um ihre Rechnungen bezahlen zu können, hat sie unter anderem viele Jahre lang als Stewardess gearbeitet. Ihr war schon lange klar, dass sie eines Tages darüber schreiben würde. LOVE IS WAR ist ihre erste Serie bei Heyne.

R. K. LILLEY

LOVE IS WAR

Sehnsucht

ROMAN

Aus dem Amerikanischen
von Sonja Rebernik-Heidegger

WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN

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Die Originalausgabe erschien 2016
unter dem Titel Breaking Her.

Taschenbucherstausgabe 09/2017
Copyright © 2016 by R. K. Lilley
Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81637 München
Redaktion: Christiane Wirtz
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur GmbH, München
unter Verwendung von FinePic®, München
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-21095-3
V001

www.heyne.de

Dieses Buch ist allen Männern da draußen gewidmet, die keine Angst davor haben, eine komplizierte, schwierige Frau zu lieben.

Ihr fürchtet euch nicht vor ihrer Stärke. Die Tatsache, dass ihre Seele verwundet ist, schlägt euch nicht in die Flucht. Ihre Unnachgiebigkeit schüchtert euch nicht ein. Der Ballast, den sie mit sich herumträgt, schreckt euch nicht ab. All diese Dinge zeichnen einen richtigen Mann aus.

Außerdem liebt ihr kleine und große Frechheiten zu eurem morgendlichen Kaffee.

Verdammt. Ja, okay, jetzt fällt mir auch auf, was ich hier gerade schreibe. Das hier wird erneut eine Widmung für Mr. Lilley.

Aber, na ja, er ist nun mal ziemlich cool.

Mein liebster Ehemann, du wolltest mehr als eine Ehefrau – du wolltest eine dir gleichgestellte Partnerin fürs Leben, und die hast du auch bekommen.

Bis dass der Tod uns scheidet, Liebling.

1

»Herzen sind dazu da,
gebrochen zu werden.«

Oscar Wilde

HEUTE

Scarlett

Anton war vorbeigekommen, um mich aufzuheitern. Er hatte eine extragroße Flasche Patrón dabei.

Netter Versuch.

Als Dank für den Tequila machte ich Brownies für ihn. Die beiden Dinge passten zwar nicht wirklich zusammen, doch das war mir egal. Ich konsumierte ohnehin bloß Ersteren.

Demis Nichte Olivia würde heute bei uns übernachten. Das tat sie häufig, wenn wir mehrere Tage am Stück zu Hause waren. Demi war mit Leib und Seele Tante und konnte gut mit Kindern umgehen.

Ich hingegen fühlte mich in der Gegenwart von Kindern unwohl und hatte schon Probleme mit ihnen gehabt, als ich selbst noch eines gewesen war. Ein Umstand, der sich kaum gebessert hatte, nachdem ich erwachsen geworden war.

Olivia war ein entzückendes kleines Ding mit Demis Teint, den schwarzen Haaren und blauen Augen. Sie wirkte sehr gepflegt. Ganz offensichtlich kümmerten sich alle Menschen in ihrem Leben sehr gut um sie.

Ich fragte mich kurz, wie sich das für ein Kind wohl anfühlte.

Die Mädels wollten mit Olivia in den Zoo gehen. Natürlich hatten sie mich – und sogar Anton – ebenfalls eingeladen, doch ich war nicht in der Stimmung, mich mit einem Kind abzugeben, geschweige denn, den ganzen Tag mit einem zu verbringen.

Außerdem hatte ich einen sehr bedeutenden, wohldurchdachten Plan. Ich wollte zu Hause bleiben und mich betrinken.

Bisher leistete ich gute Arbeit. Es war erst früher Nachmittag, und Anton und ich waren bereits dazu übergegangen, Shots zu kippen.

Wir standen in der Küche, und ich sah Anton über die Kücheninsel hinweg in die Augen.

»Weil Tequila!« Wir prosteten uns zu und tranken.

Ich hatte mein Glas zuerst geleert und knallte es triumphierend vor ihm auf den Tisch, während er mit seinem noch beschäftigt war.

In diesem Moment tauchte Olivia auf. Offenbar war es ihr langweilig geworden, Zeichentrickserien zu gucken, während sich die anderen fertig machten.

Sie lehnte sich an den Küchentresen und starrte mich an. Sie war ein neugieriges, altkluges Kind. Jeder in ihrem Umfeld vergötterte sie, und das wusste sie nur zu gut. Vermutlich hatte ihr noch nie jemand eine Ohrfeige verpasst, weil sie eine falsche Frage gestellt hatte, daher fragte sie einfach, was ihr in den Sinn kam.

»Hi, Tante Scar.« Sie strahlte mich an. Sie nannte alle meine Mitbewohnerinnen Tante. Ich hatte keine Ahnung, wie sie darauf kam. Vermutlich war es Demis Idee gewesen.

»Hi, Olivia«, antwortete ich ernst.

Wie gesagt, ich habe es nicht so mit Kindern.

»Hi, Mister Anton«, meinte sie in Antons Richtung.

Er blinzelte, kratzte sich unablässig das bärtige Kinn und wirkte, als fühlte er sich ebenso unbehaglich wie ich. Gut. Das war einer der vielen Gründe, warum ich ihn so gerne um mich hatte. Wir waren uns so ähnlich, dass ich mich in seiner Gegenwart weniger allein fühlte.

Vor allem in Zeiten wie diesen hatte ich es bitter nötig, mich weniger allein zu fühlen.

Es ging mir nicht sonderlich gut.

So viel stand fest.

Ich schlief nicht. Ich zog mich nicht an, es sei denn, ich musste zur Arbeit, und gammelte den ganzen Tag in einem meiner zahllosen Katzenshirts in der Wohnung herum. (Heute prangte ein Bild dieser übellaunigen Katze, die dank des Internets berühmt geworden war, auf meinem T-Shirt, und darunter stand #sogehtsmirheute.) Ich trank zu viel. Ich dachte zu viel nach. Ich hasste mich selbst zu viel.

Ich dachte daran, was Dante getan hatte, wie er mich manipuliert und durcheinandergebracht hatte. Schon wieder …

Ich konnte nicht behaupten, dass es schmerzhafter oder schockierender gewesen wäre als beim ersten Mal. Sobald einem das Herz einmal gebrochen worden war, kam nichts mehr dieser tief greifenden Zerstörung nahe, die beim ersten Mal angerichtet worden war. Auch wenn es trotzdem höllisch wehtat.

Ich will damit bloß sagen, dass ich mich nicht sofort von dem Schlag erholte.

Aber da war wieder dieses alte, vertraute Gefühl. Es war immer schon da gewesen, doch ich hatte es eine Weile lang tief in mir begraben.

Es war wie das Gefühl, wenn man aufwacht, weil man friert und das Laken nach unten getreten hat, und dann jedoch erkennt, dass irgendjemand einen bereits wieder zärtlich zugedeckt hat.

Bloß das genaue Gegenteil. Es war die Gewissheit, so etwas nie wieder zu erleben. Niemand würde je genug für mich empfinden, um mich warm halten zu wollen.

In letzter Zeit war dieses Gefühl stärker als je zuvor. Es verschlang mich, lähmte mich.

»Nur Anton, bitte«, korrigierte Anton Demis Nichte, womit er mich aus meinen Gedanken riss und zurück in die Gegenwart beförderte.

Unser Trinkgelage zeigte bereits erste Auswirkungen, denn Antons Reaktion war offensichtlich nicht mehr die schnellste.

»Meine Mommy und Tante Demi meinen, es sei unhöflich, einen Erwachsenen nur beim Vornamen zu nennen.«

Anton und ich wechselten einen Blick. Wie seltsam musste es für ein Kind sein, so viele Erwachsene um sich herum zu haben, die sich über jeden Aspekt seines Daseins Gedanken machten.

»Wie wäre es mit Onkel Anton?«, versuchte sie. »Das ginge auch.«

Er nahm gerade einen Schluck Wasser, als sie das sagte, und verschluckte sich prompt und begann zu husten.

Ich musste lächeln, vermutlich zum ersten Mal seit Tagen.

Schließlich presste er mit kratziger Stimme eine Antwort hervor. »Mister Anton ist schon in Ordnung.«

Sie nickte und schenkte ihm ein zauberhaftes Lächeln.

»Was ist das?«, fragte sie mich, auf den Tequila deutend.

»Erwachsenenzeug«, antwortete ich und dachte, damit wäre die Sache erledigt.

»Kann ich mal probieren?«

Ich zog eine Grimasse, woraufhin sie zu kichern begann. »Bist du denn schon erwachsen?«

»Ja«, erwiderte sie schnell.

»Erwachsene sind mindestens einundzwanzig Jahre alt. Bist du einundzwanzig?«, fragte ich spitz.

»Ja«, witzelte diese unverschämte kleine Lügnerin.

»Wohl kaum«, erwiderte ich.

Sie deutete mit dem Kopf in Richtung Backofen. »Kann ich dann einen von denen haben, wenn sie fertig sind?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Glaub schon.«

»Tante Farrah meinte, du magst keine Kinder. Warum magst du keine Kinder?«

»Weil sie zu viele Fragen stellen.«

»Wie zum Beispiel?«

»Genau.«

»Und warum magst du Kinder sonst nicht?«

»Weil sie selbstsüchtig und gemein sind«, rutschte mir irgendwie heraus.

Sie riss die Augen auf, die sofort ein wenig glasig wurden, und ich erkannte, dass ich es zu weit getrieben hatte.

»Du glaubst, ich bin selbstsüchtig und gemein?«, fragte sie mit zitternder Stimme, als würde alleine der Gedanke daran sie zum Weinen bringen.

Verdammt. »Nein.« Eigentlich schon. »Doch nicht du. Ich dachte bloß … an andere Kinder … die es waren«, schloss ich etwas lahm.

»Wenn du keine Kinder magst, wieso machst du dann immer leckeren Kuchen, wenn ich komme?«

Ich dachte kurz darüber nach. Es stimmte. Ich backte tatsächlich jedes Mal, wenn sie kam. Ohne Ausnahme. Was zur Hölle hatte das zu bedeuten?

»Das ist bloß Zufall«, erklärte ich. »Ich backe die ganze Zeit.« Das war eine Lüge. Aber sie war acht. Wenn man eine Achtjährige nicht belügen konnte, wen dann?

Sie strahlte mich an. »Du magst mich. Ich wusste es.«

Ich verzog den Mund, und sie kicherte. »Du bist ganz in Ordnung«, räumte ich ein.

»Ich mag dich«, kam sie mir entgegen. »Du bist echt hübsch, und du riechst gut.«

Verdammt. Diese verdammte Demi und ihre unverbesserlich liebenswerte Nichte. »Du bist auch sehr hübsch«, erwiderte ich widerwillig.

Sie tat, als hätte das ihren Tag gerettet, und vollführte einen enthusiastischen Freudentanz mit sehr vielen Drehungen und winkenden Armen.

Hatte sie versucht, mich für sich zu gewinnen, oder war sie wirklich so verdammt hinreißend? Ich hatte keine Ahnung, aber ich fühlte mich unwillkürlich geschmeichelt.

Trotzdem würde ich sie nie an mich heranlassen. Ich würde mir niemals gestatten, eine Bindung zu einem Kind aufzubauen. Schon der Gedanke daran stürzte mich in dunkle, bodenlose Abgründe, von denen ich mich lieber fernhielt.

Glücklicherweise brachen sie kurz darauf in den Zoo auf, und ich war nicht länger Olivias ansteckendem Charme ausgesetzt. Verflucht, sie hätte mich sogar beinahe überredet, sie zu begleiten. Wäre ich um zwei Shots nüchterner oder um drei Shots betrunkener gewesen, hätte sie mich gehabt.

Fast genauso schlimm war jedoch, dass ich ihnen ein süßes kleines Lunchpaket voller Brownies mit auf den Weg gab, als wäre ich die verdammte Übermutter.

Natürlich zog Anton mich deswegen auf, und ich konnte es ihm nicht verübeln.

Ich beendete seine Sticheleien mit einem weiteren Shot. Er hatte einen wunden Punkt erwischt, doch um ehrlich zu sein, war in letzter Zeit alles an mir ein wunder Punkt.

Einige Zeit später läutete mein Telefon. Ich hatte noch alle Sinne beisammen und lallte auch noch nicht, was bedeutete, dass ich noch gut im Spiel war. Anton schlug sich ebenfalls tapfer. Die einzigen Anzeichen, dass er schon ordentlich einen im Tee hatte, waren, dass er seine Worte zu sehr betonte und nicht mehr so schlagfertig war wie sonst.

Ich warf einen Blick auf das leuchtende Display und grinste böse.

Ich wirkte vermutlich so angriffslustig, dass selbst der etwas langsamere Anton sofort schaltete.

»Es ist er, oder?«

Ich kaute auf meiner Unterlippe und nickte.

Er meinte natürlich Dante.

Seit der Beerdigung und der Katastrophe in den Tagen danach rief er oft an, und manchmal ging ich ran. Dabei warf ich vorher jedes Mal in Gedanken eine Münze, ob ich ihm die Hölle heißmachen oder gleich wieder auflegen sollte.

Manchmal rief er an, um darüber zu reden, was Gram mir hinterlassen hatte, doch ich wollte nichts davon hören. »Ich habe dir doch schon gesagt, dass du es an eine ihrer Wohltätigkeitsorganisationen spenden sollst. Ich will nichts davon. Ich werde nichts annehmen.« Ich ließ ihn kein einziges Mal ausreden, wenn er davon anfing. Ich war mein ganzes Leben lang als Wohltätigkeitsprojekt der Durants bezeichnet worden, und ich wollte verdammt sein, wenn ich mich jetzt tatsächlich dazu machen ließ.

Manchmal fragte er mich, wie es mir ging, als wollte er bloß reden und sich nach mir erkundigen. Doch das stand ihm nicht zu. Diesem Mistkerl.

Diese Anrufe endeten beinahe so schnell wie die ersten. Das Schlimmste daran waren die wutentbrannten fünf Minuten danach, die ich brauchte, um wieder runterzukommen.

Ich war mir nicht sicher, ob das Wissen, dass es dem Mistkerl genauso erging, ein Trost oder ein Fluch war.

Manchmal sagte er einfach gar nichts. Manchmal schwieg er einfach nur am anderen Ende der Leitung und lauschte. Dieser Anruf begann genauso.

»Wenn das nicht mein schwer atmender Stalker ist«, meinte ich leichthin. »Gibt es ein bestimmtes Wort, auf das du wartest, damit du schneller abgehst?«

Es war ein Scherz auf seine Kosten gewesen, doch er schien es wörtlich zu nehmen.

»Sag Dante«, befahl er schroff.

»Dante«, erwiderte ich mutig. Es lag wohl am Tequila. »Du gehst mir auf die Eier. Hör auf, mich anzurufen.«

Ich hörte nichts, außer seinem schweren Atem am anderen Ende der Leitung.

»Sogar das törnt dich an, nicht wahr? Du dreckiger, alter Perversling.«

»Du bist gerade in schlechter Stimmung«, meinte er schließlich. Seine Stimme klang rau. Er klang furchtbar. Ich war wohl nicht die Einzige, die ihren Kummer ertränkte.

Aber er hatte recht. Ich war in schlechter Stimmung. Und das verhieß nichts Gutes für ihn. »Warum machst du das?«, fragte ich ihn bemüht ausdruckslos. Ja, sogar sanft.

Es folgte eine lange Pause, doch dann überraschte er mich mit seiner Antwort. »Weil du rangehst. Solange die Chance besteht, dass du ans Telefon gehst, werde ich nie aufhören, dich anzurufen.«

Er hatte recht. Jahre vor unserer letzten katastrophalen Wiedervereinigung hatte ich schon einmal aufgehört, seine Anrufe entgegenzunehmen. Warum schaffte ich es jetzt nicht?

Ich war vollkommen auf Selbstzerstörung gepolt und hatte es seit der Beerdigung nicht geschafft, dies abzustellen.

Vielleicht half ein wenig Rache.

Eines war jedenfalls sicher: Es konnte nicht schaden.

Auch wenn es nicht wirklich nötig war, weil wir es schon einige Male besprochen hatten, fragte ich Anton lautlos: »Bist du bereit?«

Anton grinste und streckte den Daumen in die Höhe.

Ich hob die Hand, um ihm zu verstehen zu geben, dass er noch einen Moment warten sollte.

»Okay, gut«, antwortete ich Dante schließlich, und meine Stimme wurde härter. Vom Licht ins Dunkel. »Ich höre auf ranzugehen, damit du aufhörst anzurufen. Das ist doch sinnlos. Hör auf, meine Zeit zu verschwenden. Ich bin verdammt noch mal drüber weg.«

Meine Nasenflügel bebten, als ich auf Anton deutete.

»Komm zurück ins Bett, Baby!« Seine perfekte Schauspielerstimme polterte laut ins Telefon, genau auf meinen Fingerzeig hin. Mein Gott, er war wirklich gut. Er klang verschlafen und geil. Als wäre er gerade gefickt worden und bereit für die nächste Runde. Der Mann verdiente alleine für diesen kurzen Satz einen Oscar.

Am anderen Ende der Leitung stieß Dante ein Geräusch aus, das zwar unverständlich war, in dem jedoch unverkennbar, unangenehm und auf unerträgliche Weise Schmerz mitschwang.

Qual. Folter.

Nachdem er aufgelegt hatte, hielt ich mir das Telefon noch mindestens fünf Minuten ans Ohr und starrte ins Nichts. Ich war mir nicht sicher, was ich empfand. Und das war das Problem. Die kleine Nummer war dazu gedacht gewesen, ihn zu quälen, doch vor allem um meine Laune zu bessern.

Warum war dann das Gegenteil der Fall? Warum tat es immer auch mir selbst weh, wenn ich ihn verletzte?

»Weißt du, wir könnten es einfach tun«, meinte Anton einige Zeit später.

Ich starrte ihn an. »Was? Miteinander schlafen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Was kann es schaden? Wir sind uns so ähnlich, dass es sich tatsächlich zu etwas entwickeln könnte, und wenn, dann wäre es sicher gut. Und wenn nicht … na ja, dann würde es zumindest niemandem schaden. Wir bleiben Freunde und vergessen die Sache. Ende der Geschichte.«

Ich dachte eine Weile darüber nach, doch ich kannte mich selbst zu gut, um in diese Falle zu tappen. Ich beschloss, ihm die ganze brutale Wahrheit zu sagen, warum sein harmloser Plan nicht aufgehen würde. »Hör zu, es würde so laufen: Der Sex wäre gut für mich und großartig für dich, und die einzige Möglichkeit, dass es auch für mich großartig werden könnte, wäre, dass ich währenddessen an jemand anderen denke … An jemanden, den ich hasse. Und am nächsten Morgen hättest du dich hoffnungslos in mich verliebt, und es würde seltsam werden zwischen uns, denn ich hasse es verdammt noch mal, wenn sich Kerle in mich verlieben. Dann würde es mir keinen Spaß mehr machen, mit dir abzuhängen, und das wäre doch für uns beide traurig, oder nicht?«

»Ist er wirklich so gut?«

»Er ist der Beste, den ich je hatte. Und das Schlimmste, was mir je passiert ist.«

Wahre Liebe ist scheiße.

»Und ist es echt so … hoffnungslos? Du kannst nicht kommen, ohne dass er dir dazwischenfunkt?«

Ich wusste sehr gut, wie erbärmlich und vollkommen verkorkst das war, und es laut ausgesprochen zu hören machte es nicht gerade besser.

»Es ist schwer zu erklären«, warnte ich ihn. »Aber mehr oder weniger ja. Ich kann nicht einmal einen verdammten Apfel essen, ohne an ihn zu denken.«

»Was?«, fragte er verwirrt, was durchaus verständlich war.

»Er hat mir sogar die Freude an Äpfeln verdorben.«

»Was?«, wiederholte er.

»Ich habe eine sehr klare Erinnerung daran, wie ich in einen Apfel beiße – wir wuchsen in einer Gegend voller Obstgärten auf und hatten daher die besten Äpfel. Und ich erinnere mich eben daran, wie ich einen Apfel aß, den ich gerade vom Baum gepflückt hatte, und ihn mit ihm teilte. Ich dachte damals, dieser Apfel wäre das Beste, was ich jemals gegessen habe.«

»Okaaay … und weiter?«, drängte er mich.

»Es war ein … besonderer Tag, und jedes Mal wenn ich einen Apfel esse, muss ich daran denken. Und nachdem es schließlich zu dem furchtbaren Ende zwischen uns gekommen war, konnte ich nie wieder …«

Nichts war so zermürbend wie die Gedanken an schöne Erinnerungen, wenn man sich dabei schrecklich fühlte.

»Irre«, meinte er knapp. Dann goss er uns noch einen Shot ein.

»Äpfel waren mein Lieblingsobst«, jammerte ich. »Liebe ist scheiße.«

»Und jetzt ist dein Lieblingsobst die Limette zu deinem nächsten Tequila.«

Das waren nicht die schlechtesten aufmunternden Worte, die mir jemals zu Ohren gekommen waren. Also hob ich mein Glas. »Cheers.«

2

»Sie brannte zu hell für diese Welt.«

Emily Brontë

DAMALS

Dante

Ich besaß immer schon eine Schwäche für sie. Seit ich mich erinnern konnte, liebte ich ihre blitzenden Augen und ihr trotziges Gesicht.

Ich hatte sie immer bewundert. Noch bevor sie entschied, dass wir beide Freunde waren, und noch vor unserer ersten schicksalhaften Begegnung vor dem Büro der Konrektorin, als sie erkannte, dass ich auf ihrer Seite stand.

Ich bewunderte sie dafür, dass sie sich nie unterkriegen ließ. Sie wurde von beinahe jedem in ihrer Umgebung mies behandelt, doch sie machte sich niemals klein und ließ es nicht zu, daran zu zerbrechen. Das bewunderte ich.

Ihre Stärke zog mich in ihren Bann und ließ mich die Welt mit anderen Augen sehen.

Ich hatte es immer einfach. Meine Mutter war schrecklich und mein Vater jämmerlich, doch ich führte ein wohlbehütetes Leben und konnte jederzeit abhauen, wenn ich es wollte – was oft vorkam. Dann besuchte ich meine Gram, die nur wenige Minuten von uns entfernt wohnte und meine beschissenen Eltern und noch einiges andere wieder wettmachte.

Ich konnte nicht mit meiner Wut umgehen und war ständig schlecht drauf. Das war mir bewusst. Aber es war Scarlett, die mich dazu brachte, dies sinnvoll einzusetzen.

Das erste Mal, als ich versuchte ihr zu helfen, bemerkte sie mich nicht einmal.

Wir befanden uns in der Schulcafeteria. Ich stand in der Reihe für das Mittagessen und sah immer wieder verstohlen in ihre Richtung. Sie saß alleine. Das tat sie immer. Sie hatte so wenig Interesse daran, mit jemandem zu reden, wie kein anderes Kind, das ich kannte. Abgesehen von mir. Einmal hatte ich mich beim Essen ihr gegenüber hingesetzt, doch sie hatte kaum zwei Worte mit mir gewechselt.

Ihre dicken braunen Haare wirkten wunderbar durcheinander. Sie hatte ein perfektes Puppengesicht, das zugleich sehr hart wirkte. Der Anblick war so unpassend und fesselnd, dass ich nicht aufhören konnte, sie anzuschauen. Und ich sah sie oft an. Ich genoss es. Sie war nicht wie die anderen und reagierte vollkommen anders. Es machte mir Spaß, ihre unvorhersehbaren Reaktionen vorherzusehen.

Jeder Zentimeter ihres zarten Körpers schien zu sagen: Dieses Mädchen ist tough und wird sich nicht mit eurer Scheiße abgeben. Also legt euch nicht mit ihr an.

Aber warum legten sich dann ständig alle mit ihr an?

Sie liebten es, sie wegen der Sache mit dem Müllcontainer aufzuziehen, und meiner Meinung nach war das absolut bescheuert. Es ging mir unsagbar auf die Nerven. Es war einfach grauenhaft, jemanden mit so etwas aufzuziehen.

Ich konnte das einfach nicht verstehen, aber ich war eben auch jemand, der nicht zu den anderen passte.

Es gab mit Käse gefüllte Teigtaschen und Tomatensuppe, eines meiner Lieblingsessen, und ich wartete in der Reihe und sah sie an, ohne wirklich auf etwas anderes zu achten.

Allerdings hörte ich zwangsläufig, was die Jungs vor mir redeten. Sie waren zu zweit und kicherten. Es war die Art von Lachen, bei der man gleich wusste, dass etwas Schlimmes dahintersteckte. Etwas Gemeines. Deshalb konzentrierte ich mich auf die beiden, und sie stellten sich genau als jene kleinen Wichser heraus, für die ich absolut keine Geduld aufbrachte.

»Ich schwöre bei Gott, Jason«, meinte der eine zu dem anderen. »Ich habe fünf Dollar in meinem Rucksack, und wenn du es tust, dann gehören sie dir.«

Jason lachte lauter. »Ich komme nur in Schwierigkeiten.«

»Fünf Mäuse! Sag einfach, du wärst gestolpert und hättest sie verschüttet. Verdammt, mit der Tomatensuppe am Schädel riecht sie vielleicht sogar besser.«

Die beiden brachen in lautes Gelächter aus. Sie klangen wie ekelhafte kleine Hyänen.

Mir wurde schlecht. Ich hätte gar nicht länger zuhören müssen, ich wusste auch so, was sie vorhatten und mit wem, doch ich belauschte sie trotzdem weiter. Dann nahm ich mein Essen und folgte ihnen.

Ich stellte mein Tablett auf dem ersten Tisch ab, an dem ich vorbeikam.

Jasons kichernder Freund setzte sich an den Nebentisch und winkte ihn weiter.

Mit einem bösartigen Grinsen trat Jason mit seinem Tablett von hinten an Scarlett heran.

Ich ging schnell einige wütende Schritte auf ihn zu, packte sein Tablett, trat auf seinen Fuß und rammte ihm gleichzeitig den Ellbogen ins Kinn.

Er ging mit einem befriedigenden Aufschrei zu Boden.

Ich nahm vollkommen ruhig seine Tomatensuppe und schüttete sie ihm direkt in sein verzogenes, schockiertes Gesicht.

»Und? Ist es jetzt immer noch witzig, du kleiner Scheißkerl?«, zischte ich ihm zu, bevor mich ein Lehrer davonschleifte.

Ich warf im Vorbeigehen einen Blick auf Scarlett.

Sie hatte sich umgedreht, um zu sehen, was los war, und wirkte gelangweilt. In ihren großen dunklen Augen lag nur wenig Interesse, als sie mich ansah, und sie hatte keine Ahnung, dass ich sie gerade vor einem Teller Suppe über dem Kopf gerettet hatte.

Doch das hielt mich nicht davon ab weiterzumachen. Ihre Misere machte mir zu schaffen. Ich lag mit geballten Fäusten im Bett und grübelte. Ich war ein einsamer, ernster Junge und empfindsamer, als ich es jemals zugegeben hätte, und ich ertrug es einfach nicht, was mit ihr geschah.

Jedes Mal wenn mir etwas naheging, sprach ich mit Gram darüber.

»Es ist einfach nicht richtig«, erklärte ich meiner zauberhaften Großmutter. »Es ist falsch, wie sie sie behandeln. Die Kinder sind Monster, und den Lehrern ist es egal, bis es so schlimm wird, dass sich Scarlett selbst in Schwierigkeiten bringt. Und das jeden Tag, Gram. Sie muss sich jeden Tag mit diesen kleinen Scheißern herumschlagen, die auf ihr herumhacken.«

Sie betrachtete mein Gesicht auf eine Art, die ich besonders mochte. Das tat sie immer, wenn ich sie an Großvater erinnerte. Sie tadelte mich nicht einmal, weil ich geflucht hatte, so aufmerksam hörte sie mir zu.

»Du musst ihr helfen, Gram. Es ist schon schlimm genug, wie die anderen über sie reden, aber sie hat niemanden, der sich um sie kümmert. Sie braucht Klamotten. Seife. Jemanden, der ihr die Haare wäscht und ihr die Zähne putzt. Oder ihr sagt, wie man das macht.«

Sie berührte mein Haar mit ihrer Hand, und pure Liebe sprach aus ihrem Blick. »Ja, ja. Natürlich tut sie das, Dante, mein lieber, lieber Junge. Wir werden uns darum kümmern.«

»Sie sind einfach schrecklich in der Schule. Sie lassen sie nicht in Ruhe. Aber wenn du mal mit ihr redest und ihr sagst, dass sie sich … mal baden soll oder so, dann hätte sie es vielleicht leichter.«

»Das werde ich. Das werde ich auf jeden Fall tun, mein Junge. Ich schäme mich, dass du mich darauf bringen musstest, aber überlass es mir, okay?«

Ich nickte. Ich hatte absolutes Vertrauen, dass Gram ihr Versprechen halten würde, also zerbrach ich mir über diesen Teil der Geschichte nicht länger den Kopf.

»Danke«, erklärte ich. »Aber … was soll ich tun? Wie kann ich ihr helfen?«

»Wie wäre es, wenn du einfach ihr Freund wirst? Freunde machen das Leben um einiges leichter.«

Ich wurde rot und senkte den Blick. Ich schämte mich, ihr zu sagen, dass das Mädchen, das mir solche Sorgen bereitete, noch keine zwei Worte mit mir gesprochen hatte. »Ich werde es versuchen«, murmelte ich.

»Und, Dante?«

»Ja?«

»Du bist stark. Und mutig. Ich habe Vertrauen in dich. Ich weiß, du wirst einen Weg finden, um ihr zu helfen. Wenn du siehst, dass sie jemanden braucht, der sie verteidigt, dann verteidige sie. Tu, was du für richtig hältst, und du wirst es nicht bereuen.«

Einige Wochen später schlug ich einen Kerl nieder, als ich hörte, dass er einen Scherz über sie machte, und sie schenkte mir ihr erstes Lächeln.

Ich liebte dieses Lächeln, das nur mir zu gehören schien. Ich hatte das Gefühl, eine Einladung in einen exklusiven Club erhalten zu haben, in den nur wir beide Zutritt hatten. Es war der einzige Ort, an dem ich sein wollte.

Von diesem Tag an sah ich es als meine Aufgabe, sie zu beschützen. Ihre Gefühle. Ihren Körper.

Ihre Freiheit.

Ich erinnere mich allzu oft daran und denke viel zu viel darüber nach. Mein Leben teilt sich – trotz allem – in drei Kategorien, die sich auf ihre Anwesenheit darin beziehen.

Das Leben vor Scarlett. Das Leben mit Scarlett. Das Leben nach Scarlett.

Sie wollen.

Sie brauchen.

Sie haben.

Sie verlieren.

Doch immer – einfach immer – gab es da diese dunkle Wolke, die über unseren Köpfen schwebte, ein heraufziehender Sturm. Und zumindest meiner Meinung nach trägt nur eine Person die Schuld an dieser Tatsache.

Solange ich zurückdenken konnte, hatte ich eine komplizierte Beziehung zu meiner Mutter.

Sie brachte mir bei, eine Krawatte zu binden, Schach zu spielen – und ihr niemals den Rücken zuzukehren.

Ich hielt Scarlett, solange ich konnte, von meiner Mutter fern. Ich versteckte den Menschen, der mir am meisten bedeutete, vor dem Menschen, den ich am meisten fürchtete.

Ich schirmte Scarlett vor ihr ab und beschützte sie, so gut es ging. Sie hatte in ihrem Leben bereits genug zu kämpfen, auch ohne meine Furcht einflößende Mutter.

So lange wie möglich hielt ich unsere Freundschaft vor ihr verborgen, doch natürlich konnte dieser Zustand nicht von Dauer sein. Scarlett und ich waren unzertrennlich. Irgendwann mussten sie sich einmal über den Weg laufen.

Es war seltsam. Wenn man meine Mutter in einem unbeobachteten Moment überraschte, wirkte sie immer wie eine Leiche. Es war keine Spur Leben in ihr. Sie erschien dann vollkommen regungslos und starrte ins Nichts, und wenn man sie erschreckte, versetzte das ihr Gesicht sofort in Alarmbereitschaft. Es war, als wäre man auf eine Schlange getreten – sie schlug zu, ehe man noch begriffen hatte, was los war.

Ich hatte sie einmal in diesem Zustand überrascht und danach sorgsam darauf geachtet, dass es nie wieder vorkam.

Trotzdem dachte ich immer wieder darüber nach. Es jagte mir eine Heidenangst ein. Denn was machte sie da eigentlich, wenn sie so tief in Gedanken versunken war, dass es schien, als hätte sie ihren Körper verlassen?

Als ich mir diese Frage zum ersten Mal stellte, war ich noch sehr jung – wirklich sehr jung –, doch je älter ich wurde, desto offensichtlicher wurde die Antwort.

Sie schmiedete Pläne. In einem fort.

Den Niedergang einer Feindin. Die Demütigung einer Freundin. Die Zurschaustellung einer Rivalin.

Das Unglück eines Ehemannes.

Den Ruin eines Sohnes.

Sie lebte niemals im Moment. Sie lebte bloß für den Augenblick, in dem ihre nächste Falle zuschnappte. Ständig war sie damit beschäftigt, ihre Netze zu spinnen, und alle in ihrer Umgebung spielten dabei eine Rolle, bewusst oder unbewusst.

Es hatte einen Vorteil, dass ich ihr einziger Sohn war: Ich lernte, mit ihr umzugehen.

Zumindest dachte ich das.

Als ich noch jung und dumm war, dachte ich, ich hätte sie in der Hand. Ich dachte, ich hätte den Schlüssel gefunden, um sie für die absehbare Zukunft unter Kontrolle zu halten. Später erkannte ich, dass sie mich bloß in dem Glauben gelassen hatte. Ihr Spiel war auf so lange Zeit ausgelegt, dass ich es nicht vorhersehen konnte.

Wenn es um meine Mutter ging, war Kontrolle der Schlüssel. Im Grunde wollte sie bloß die Macht über sämtliche Menschen besitzen, denen sie begegnete. Doch das funktionierte nur, wenn diese Menschen eine Schwäche hatten, auf die sie sich stürzen konnte.

Die Antwort darauf, wie sie mich kontrollieren konnte, lag klar auf der Hand – von dem Zeitpunkt ab, als Scarlett zu meiner ersten und besten Freundin geworden war. Doch ich war zu naiv, um es zu erkennen.

Ich dachte, ich hätte meine Mutter durchschaut. Ich dachte, ich hätte die Kontrolle. Ich dachte, ich wäre derjenige, der etwas gegen sie in der Hand hatte. Fast durch Zufall hatte ich herausgefunden, was meiner Mutter am wichtigsten war.

Sie war eine Frau, die vollkommen leblos schien, wenn sie alleine war, und so kam es, dass ihr ihr Auftreten wichtiger war als alles andere. Ihr ganzes Leben war eine Täuschung, ein Theaterstück – und genauso wollte sie es haben. Es war ihr wichtiger, was die Welt von ihr hielt, als die Frage, ob es der Realität entsprach.

Sobald ich das wusste, war es einfach herauszufinden, was sie von mir erwartete. Und daher dachte ich, ich besäße mit diesem Wissen auch die Macht, sie davon abzuhalten, mir das zu nehmen, das mir wichtig war.

Sie liebte es, mich auf Partys mitzuschleppen und ihren wohlgeratenen Sohnemann vorzustellen: den hübschen Knaben mit den perfekten Zähnen, den blonden Haaren, den blauen Augen und dem aufrechten Gang – das Ebenbild seines gut aussehenden Vaters. Dank ihrer hohen Erwartungen war ich besser darin, mich mit Erwachsenen zu unterhalten, als die meisten anderen Kinder, und ihre »Freunde« fanden das unglaublich bezaubernd.

Darüber war sie sehr glücklich.

Ich erlaubte ihr eine Weile, es zu genießen. Sie hatte mich gut erzogen. Ich wuchs sogar über mich hinaus und übertrieb es. Ganz ihr entzückender kleiner Junge. Aber natürlich bemerkte ich, wie sehr es sie befriedigte, wie sehr sie ein makelloses Auftreten meinerseits erwartete und es brauchte für ihre Darbietung der perfekten, vollkommenen Frau.

Ich behielt meinen kleinen Trumpf für mich, bis ich ihn brauchte, denn ich wusste von Anfang an, dass es einmal so weit sein würde.

Und dann war der Moment gekommen. Es war das erste Mal, dass sie eine Ahnung davon erhielt, wie nahe ich dem Mädchen, das sie bloß verächtlich als »diese Theroux-Göre« bezeichnete, bereits stand. Sie redete nicht lange um den heißen Brei herum. Als sie herausfand, dass wir beide jeden Tag gemeinsam von der Schule nach Hause gingen, verbat sie mir sofort, jemals wieder mit Scarlett zu sprechen.

Ich trat ihr mit ernstem Gesicht gegenüber und entgegnete ruhig und knapp: »Nein.«

Sie lächelte selbstgefällig, als hätte sie das bereits erwartet. »Dann kümmere ich mich selbst um dieses kleine Stück Dreck. Ich werde dafür sorgen, dass sie dich nicht einmal mehr ansieht, das verspreche ich dir.«

Das war der Auslöser zu dem größten Wutanfall meines noch jungen Lebens. Ich schockierte sogar meine Mutter, die immer allen einen Schritt voraus war, als ich plötzlich mit Dingen um mich warf und mich von einem Atemzug zum nächsten von einem ruhigen und ernsten in einen wutentbrannten und gewalttätigen Jungen verwandelte.

Ich geriet leicht aus der Fassung, und das war nie schön, doch an diesem besonderen Tag lag mehr als ein wenig Berechnung in meinem Verhalten. Ich hatte schon seit einiger Zeit auf diesen Augenblick gewartet.

Ich hatte mich darauf vorbereitet.

Pläne geschmiedet.

Es würde keine zweite Chance geben. Ich hatte bloß diese eine Gelegenheit. Ich durfte nicht riskieren, dass ich es nicht weit genug trieb, also bekam sie die volle Ladung.

Wir befanden uns in ihrem Lieblingssalon. Jeder einzelne Gegenstand im Zimmer war sorgfältig von ihr persönlich ausgewählt und an seinen Platz gestellt worden. An einem normalen Tag überlegte ich es mir zweimal, in diesem speziellen Zimmer auch nur ein Kissen zu verrücken.

Doch heute war kein normaler Tag.

Ich streckte die Hand aus und griff nach einem der wertvollen Gegenstände auf dem glänzenden Mahagonitisch. Es war ein Fabergé-Ei, und ich wusste, dass es eine Menge Geld wert war. Vermutlich war es der teuerste Gegenstand in einem Zimmer voller teurer Gegenstände, und deshalb fing ich genau damit an.

Unsere Blicke trafen sich. Ihre Augen waren schmal und blickten mir ungläubig entgegen, meine waren voll purer, verzweifelter Wut. Ich hielt ihrem Blick einen bedeutungsvollen Moment lang stand, bevor ich mich umdrehte und das Ei mit aller Kraft gegen die Wand schleuderte.

Sie schnappte nach Luft und begann zu schreien.

Ich schrie lauter.

Doch das war erst der Anfang. Ich machte weiter und schleuderte Dinge zu Boden, bis ich mir sicher war, dass ich ihre volle Aufmerksamkeit hatte.

Dann gab ich es ihr so richtig. »FICK DICH! FICK DICH! FICK DICH! FICK DICH!«, brüllte ich ihr ins Gesicht.

»Was zum Teufel ist los mit dir?«, brüllte sie zurück.

Als ich antwortete, war meine Stimme unendlich leise, um ihr zu zeigen, dass ich mich vollkommen unter Kontrolle hatte. »Wenn du mich vor Scarlett in Verlegenheit bringst, dann wird dir das furchtbar leidtun. Jedes Mal wenn du mich wieder auf einer deiner dämlichen Partys vorführen willst, werde ich in meinen dämlichen Anzug schlüpfen und mir die dämlichen Haare kämmen, doch sobald du mich jemandem vorstellst …«, ich erhob von einem Moment auf den anderen die Stimme und klang beinahe hysterisch, »… rufe ich einfach so laut ich kann: FICK DICH

Sie umklammerte mit einer Hand ihre Kehle und wirkte vollkommen entsetzt. »Was ist bloß in dich gefahren?«

»FICK DICH! FICK DICH! FICK DICH! FICK DICH!«, wiederholte ich immer und immer wieder.

»Was ist los mit dir?«

»FICK DICH! FICK DICH! FICK DICH! FICK DICH

»Ich kann nicht einmal …«

»FOTZE!« Ich entschied mich für das schlimmste Schimpfwort, das ich kannte und das ich von meinem Dad gehört hatte, als ich meine Eltern beim Streiten belauscht hatte. »FOTZE! FOTZE! FICK DICH

Diese Runde ging an mich. Sie ertrug es nicht, dass jemand womöglich auf den Gedanken kommen könnte, ihr perfekter Sohn wäre verhaltensgestört, geistig behindert – oder schlimmer noch: unerzogen.

Ich dachte, mit diesem lächerlichen Schauspiel hätte ich den Krieg gewonnen. Ich dachte, es würde ausreichen, um sie in Schach zu halten, sodass sie mich mein eigenes Leben führen, mich meine Freunde selbst aussuchen und meinen eigenen Weg gehen ließ.

Ich war ein Idiot.

3

»Jedes Mädchen sollte das, was ihr Mutter Natur geschenkt hat, nutzen, bevor es ihr Vater Zeit wieder nimmt.«

Laurence J. Peter

HEUTE

Scarlett

Wir verbrachten den Tag am Strand. Meine Mitbewohnerinnen hatten sich verbündet und beschlossen, meinen freudlosen Arsch ins freudvolle Tageslicht zu verfrachten.

Spaß und Sonne. Juhu.

Ich versuchte ehrlich, keine Spielverderberin zu sein. Ich schlüpfte in einen winzigen Bikini und ein sexy Strandkleid mit goldenen Pailletten und fasste meine Haare am Oberkopf zu einem dicken, unordentlichen Knoten zusammen. Dazu trug ich meine beste gefakte Designersonnenbrille.

Und natürlich mein Pokerface.

Wir alle brachten einen Kerl mit, auch wenn das nicht geplant gewesen war.

Ich kam mit Anton. Er hatte gerade Drehpause und liebte den Strand – und unsere Gesellschaft.

Leona hatte ihren Noch-immer-Freund Ed, den Piloten, dabei. Ich mochte ihn immer noch nicht, doch ich hielt den Mund. Es gibt einen Punkt, ab dem deine Freundin zu sehr in einen Kerl verknallt ist, um sich weise Ratschläge zu Herzen zu nehmen, und genau ab diesem Punkt verkniff ich mir auch solche Ratschläge. Ich wollte es mir nicht mit ihr verscherzen. Wir hatten in dieser Welt zusammengefunden, um uns gegenseitig zu unterstützen und nicht um uns runterzureißen, weshalb mir nichts anderes übrig blieb, als zuzusehen, mir Sorgen zu machen und zu warten. Ich konnte nichts anderes tun, außer sie wieder aufzurichten, wenn sie zu hart wieder auf dem Boden der Realität aufschlug.

Demi brachte ihren Freund Harry mit. Er war ein liebenswerter Junge vom College mit zerzausten braunen Haaren und einer dicken schwarzen Hipsterbrille. Ich mochte ihn irgendwie. Er war süß und schüchtern und unschuldig genug, um perfekt zu einer strahlenden jungen Seele wie Demi zu passen.

Farrah kam in Begleitung von Mitch, einem Kerl, mit dem sie seit mindestens einem Jahr immer mal wieder ausging. Er war nicht wirklich ihr Freund, aber er war auf jeden Fall regelmäßig mit ihr zusammen, und alle mochten ihn.

Selbst ich. Er war ein Cop – LAPD –, also war ich ihm zuerst noch mit aller Macht aus dem Weg gegangen. Wie schon gesagt, ich hege eine gesunde Angst vor der Polizei. Doch mit der Zeit war mir Mitch irgendwie ans Herz gewachsen. Er war nett, und er schien anständig zu sein. Ehrlich. Aufrichtig und geradlinig, vor allem wenn es um seinen Job ging. Er war einer der guten Jungs. Es war wohltuend, aber auch verwirrend, einmal jemanden dieser Sorte zu treffen.

Dennoch wurde ich ständig ein wenig paranoid, wenn ein Gesetzeshüter in der Nähe war, und wahrscheinlich würde ich es nie ablegen können, dass er mich ein wenig nervös machte.

Natürlich würde ich ihm das niemals zeigen.

Wir fuhren mit zwei Autos. Anton und ich landeten in einem Wagen mit Mitch und Farrah, und noch bevor wir losfuhren, fand ich heraus, dass Anton im Hinblick auf Harry nicht meiner Meinung war.

»Was für ein schmieriger kleiner Arsch«, murmelte er, als wir uns von den anderen abwandten und in die Autos stiegen, um zum Strand zu fahren. Er hatte den Blick auf Harry gerichtet, der Demi gerade die Türe aufhielt, weshalb ich nicht fragen musste, wen er meinte.

Mitch fuhr, Farrah saß auf dem Beifahrersitz, und ich teilte mir die Rückbank mit Anton, sodass ich ihm ungehindert einen bösen Blick zuwerfen konnte.

»Was ist los mit dir? Harry ist ein Schatz.« Es war mir nicht bewusst gewesen, dass die beiden sich nicht leiden konnten, und ich hatte keinen blassen Schimmer, woran das lag.

»Ja, vielleicht. Wenn man auf überhebliche kleine Muttersöhnchen steht.«

Ich blinzelte langsam, um ihm zu zeigen, dass ich ihn für verrückt hielt. »Was zum Teufel soll das, du bärtiger Riese? Lass den armen Jungen in Frieden. Was hat er dir denn getan?«

Anton verschränkte die Arme vor der Brust, und sein Bizeps trat auf eine Art hervor, die mich wahrscheinlich sofort abgelenkt hätte, wenn ich in ihm mittlerweile nicht eher einen Bruder sehen würde. Konnte ein riesiger Kerl mit aufsehenerregender Gesichtsbehaarung, der seine langen Haare zu einem Knoten zusammenfasste, einen Schmollmund machen?

Ja. Ich beschloss, dass man es trotz allem nicht anders nennen konnte.

»Er hat mir gar nichts getan«, antwortete Anton schließlich. »Aber er ist einfach nicht gut genug für Demi. Sie ist nicht seine Liga.«

Ich habe keine Ahnung warum, aber ich erkannte die Zeichen immer noch nicht. Ich war zerstreut, mir spukte zu viel im Kopf herum, und ja, ich war selbstsüchtig – das waren die einzigen Entschuldigungen, die mir im Nachhinein dazu einfielen.

Zu diesem Zeitpunkt meinte ich jedoch bloß: »Sie spielt mit niemandem in einer Liga. Sie ist ein verdammter Engel und absolut perfekt, aber eine Frau muss sich trotzdem mit Männern treffen.«

Anton verzog den Mund. »Ich wette, er braucht die Brille nicht einmal. Und dann nannte mich dieser Wichser vorhin auch noch Kumpel, verdammt noch mal.« Er schnaubte. »Kumpel. Ich wette, er verwendet das Wort dauernd, Schwester.«

Das brachte mich zum Lachen, weil ich einfach ein wenig gehässig bin (an guten Tagen), doch ich unterdrückte es sofort. »Sei einfach nett zu ihm. Herrgott, wenn ich mich einen Tag lang zusammenreißen und ein wenig freundlich sein kann, dann kannst du es auch.«

»Ich glaube nicht einmal, dass zwischen ihnen wirklich was läuft«, lautete Farrahs hilfreicher Kommentar vom Beifahrersitz. »Sie sind bloß Freunde. Sie verbringt einfach gerne Zeit mit ihm. Etwa so wie ihr beide.«

Das schien Antons Laune dramatisch zu bessern, doch mir ging immer noch kein Licht auf, was das zu bedeuten hatte.

»Und wir«, fügte Mitch hinzu.

Farrah warf ihm einen dieser Blicke zu, die für einen Liebhaber reserviert sind, der einen gerade beleidigt hat.

»Nein, nicht so wie wir. Wir haben Sex. Zumindest manchmal.«

Ich sah Mitchs überraschten Gesichtsausdruck im Rückspiegel und musste beinahe lachen.

»Ihr beiden geht nicht miteinander ins Bett?«, fragte er entweder mich oder Anton – vermutlich aber uns beide.

Das brachte mich nun tatsächlich zum Lachen. Klar hätte mich eine derart persönliche Frage verärgern sollen, doch ich wusste, dass er nicht unhöflich sein wollte. Er war ehrlich schockiert.

Anton schüttelte lächelnd den Kopf. »Keine Chance.«

»Echt noch nie?« Mitch schien nicht wirklich überzeugt.

»Noch nie«, erwiderte ich. »Wir sind wirklich nur Freunde. Es ist so untypisch für L.A., dass es schon fast wehtut.«

»Oh Mann«, meinte Mitch, und dieses Mal war es definitiv an Anton gerichtet.

»Ja, Mann, ich weiß«, schoss Anton zurück und grinste noch immer.

Farrah und ich sahen einander an und verdrehten die Augen.

»Entspannt euch, Kumpel«, meinte ich, um sie ein wenig zu veräppeln. »Mitch, du musst dir keine Gedanken wegen Anton machen. Er kommt oft genug zum Zug. Nur nicht bei mir.«

»Oh Mann«, meinte Mitch erneut mitleidig.

Wie auch immer. Ich gab auf. Männer kamen vom Mars, und der Mars war dämlich.

Wir verbrachten den Tag nicht nur deswegen am Strand, um meinen depressiven Hintern während unserer freien Tage mal wieder aus dem Haus zu befördern. Unser Ausflug war auch Teil einer fortlaufenden PR-Kampagne für Anton, dessen Agentin darauf bestand, dass er sich öfter an den »Hotspots« zeigte. Seine Serie hatte mittlerweile eine treue und loyale Fangemeinde, und jedes Mal wenn er der Welt zeigte, wie heiß er abseits des Sets war, stiegen die Zuschauerzahlen. Ein Strandtag, an dem er seinen Killerkörper zeigen konnte, für den er sich regelmäßig den Arsch aufriss, würde sich vermutlich zehnfach auszahlen.

Wir halfen ihm nur allzu gerne. Immerhin bekamen wir dadurch selbst Publicity. Wir hatten alle bereits – wenn auch nur kleine – Rollen ergattert, weil wir im passenden Augenblick auf den Society-Seiten zu sehen gewesen waren.

Früher hatten mir diese kleinen Ausflüge Spaß gemacht. Die Aufmerksamkeit. Die mögliche Publicity. Die Hoffnung, entdeckt zu werden.

Doch jetzt nicht mehr. Ich spielte mit und leistete meinen Beitrag, doch die Last der Realität war zu bedrückend.

Als ich noch jung war und davon träumte, berühmt zu werden und Karriere in Hollywood zu machen, drehte sich alles darum, die richtigen Türen zu öffnen und die Regisseure von meinem unvergleichlichen Talent und meiner Schönheit zu begeistern.

Die Realität war vollkommen anders, und mein Traum hatte jegliche Magie verloren. Ich war pleite, nicht einmal annähernd berühmt, und ich hatte verdammt wenig Spaß im Moment.

Trotzdem hatte ich aus irgendeinem Grund noch nicht aufgegeben. Vermutlich, weil ich einfach zu starrköpfig war.

Ich entdeckte einige Paparazzi, die vor dem Eingang zum Strand Stellung bezogen hatten, während wir einparkten. »Hat deine Presseagentin sie angerufen, oder ist das Zufall?«, fragte ich Anton.

Er wirkte genervt, auch wenn ich seine Augen durch die gesponserte Sonnenbrille hindurch nicht sehen konnte. »Ich habe ihr gesagt, was ich vorhabe, also hat sie sie sicher verständigt.«

»Das gehört zum Job«, erinnerte ich ihn. Meiner Meinung nach war es ein geringer Preis dafür, dass die Welt deinen Namen kannte.

»Ich weiß, ich weiß«, meinte er und zog bereits sein Shirt aus. »Macht es dir etwas aus, eine kleine Show abzuziehen? Die Fotografen lieben es, wenn wir herumturteln.«

Ich grinste böse, denn ich war nur allzu bereit, diese Rolle für alle zu spielen, die zusahen. Vor allem aber für meinen ganz persönlichen Stalker.

»Mit dem größten Vergnügen.« Ich war froh, dass ich etwas Make-up aufgelegt hatte und nur spärlich bekleidet war. Sogar ein Paar Schuhe mit Killerabsätzen hatte ich für den kurzen Weg vom Auto zum Strand dabei. Dazu trug ich Metallictöne von Kopf bis Fuß, die meine frisch gefärbten goldenen Haarsträhnchen gut zur Geltung brachten.

Ich war bereit für die Großaufnahmen.