Rosenmord

Ostfrieslandkrimi

Susanne Ptak


ISBN: 978-3-95573-153-3
1. Auflage 2014, Bremen (Germany)
© 2014 Klarant UG (haftungsbeschränkt), 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Unter Verwendung des Bildes 26475494 von johnnorth (istockphoto).
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

Ein gellender Schrei zerriss die eisige Stille des frühen Dezembermorgens.

Schäfer Enno Janssen, der gerade die Schafe füttern wollte, ließ vor Schreck den Futtereimer fallen und rannte aus dem Stall, verfolgt vom empörten Blöken der hungrigen Tiere. Er sprintete über den Hof, hin zu den Verarbeitungsräumen der Schäferei und Schafskäserei. Seine Frau Silke war dort, um das eben von der Schlachterei gelieferte Lammfleisch abzupacken.

Vor seinem geistigen Auge sah Enno Silke blutüberströmt mit abgeschnittenen Fingern. Er rannte ins Haus, hetzte durch die Hygieneschleuse und riss die Türe zum Arbeitsraum auf.

Silke stand zitternd, aber anscheinend unversehrt, mitten in dem weiß gefliesten Raum, die Hände vor dem Mund, als wolle sie weitere Schreie unterdrücken. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie auf die roten Kunststoffkisten, in denen das Fleisch geliefert worden war und die jetzt auf der Edelstahl-Arbeitsplatte standen.

Enno folgte ihrem Blick und was er sah, ließ ihn vor Grauen erstarren. Mitten zwischen den Lammkeulen lag eine Hand!

Silke bewegte sich als Erste. Sie rannte aus dem Verarbeitungsraum. Enno konnte hören, wie die Toilettentür gegen die Wand schlug und Silke sich erbrach. Er musste selbst schwer schlucken, um zu vermeiden, dass ihm das Gleiche widerfuhr.

Langsam trat er näher an die Arbeitsplatte heran. Obwohl ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken lief, konnte er der makabren Neugier nicht widerstehen, das entsetzliche Fundstück näher betrachten zu wollen. Im kalten Licht der Neonbeleuchtung hob sich die Hand bläulich weiß vom kräftigen Rosa des frischen Lammfleisches ab. Soweit Enno das beurteilen konnte, sah die blutige Schnittstelle am Handgelenk aus wie die an einer Lammkeule. Das wirkte nicht wie ein Scherzartikel, sondern wirklich echt. Sogar ein Ehering steckte am Ringfinger.

Silke kam zurück in den Raum. „Enno! Lass bloß die Finger davon!“, rief sie. „Ruf Steffen an!“

 

Britta saß mit ihrem Freund Steffen und Bruder Nico am Frühstückstisch. Das gemeinsame Frühstück war ihnen inzwischen zur lieben Gewohnheit geworden, seit alle drei unter einem Dach wohnten. Nico, Professor für Anglistik, war im letzten Jahr an die Uni Oldenburg gewechselt und zu seiner Schwester gezogen. Den Sommer über hatte er mit Steffen und anderen Freunden den großen Dachboden zu einer gemütlichen Wohnung für sich ausgebaut, nachdem Britta Steffen gefragt hatte, ob er zu ihr ziehen möchte. Und der hatte keine Sekunde gezögert. Oft waren sie auch zu viert, wenn Nicos Freund Jens auch mit von der Partie war. Die beiden hatten jedoch keine Pläne, zusammenzuziehen. Sie fühlten sich wohl, so wie es war.

Das Telefon klingelte. Britta stand auf und ging zur Anrichte, auf der das Gerät stand.

„Silke“, sagte sie, als sie auf das Display sah. „Was will die denn so früh?“ Sie nahm den Hörer. Doch es meldete sich nicht Silke, sondern ein völlig aufgelöster Enno. „Britta, ist Steffen noch da?“

„Ja. Warte, ich reich dich eben rüber.“

„Enno will was von dir.“ Sie gab das Telefon weiter.

Steffen hörte kurz zu und sagte dann. „Fass bloß nichts an. Ich komme sofort.“ Er beendete das Gespräch, gab Britta das Telefon zurück und nahm stattdessen sein Handy.

„Ist was passiert?“, wollte Britta wissen.

Steffen machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand und sprach dann in sein Handy: „Moin, Werner. Du, wir müssen zu Janssens. Enno hat eine abgetrennte Hand in der Fleischlieferung gefunden.“

Nico und Britta starrten ihn entsetzt an.

„Du brauchst mich nicht einzusammeln. Britta kann mich hinbringen. Sonst stirbt sie ja vor Neugier“, sagte er und warf Britta einen belustigten Seitenblick zu. „Wir treffen uns da.“ Er steckte sein Handy ein und stand auf.

„Und ich muss zur Uni, so ein Ärger“, schimpfte Nico.

„Als wenn du dir abgetrennte Hände ansehen wolltest“, zog Steffen ihn auf. „Britta darf auch nur mit, weil Werner den Dienstwagen hat und Silke vermutlich kurz vorm Nervenzusammenbruch steht.“ Er sah Britta an. „Bist du soweit fertig? Schafe und Hunde abgefüttert?“

„Von mir aus können wir sofort los.“ Zu Nico sagte sie: „Ich ruf dich an, sobald ich was weiß.“

 

Britta war heilfroh, dass sie das Auto, entgegen ihrer Gewohnheit, gestern in die Garage gefahren hatte. Das ersparte ihnen vermutlich eine halbe Stunde Eis kratzen. Es war bitterkalt. Schnell stiegen Steffen und Britta in den Land Rover, der dank Garagenunterbringung auch sofort ansprang.

Während der kurzen Fahrt zum Janssen-Hof überlegte Britta, dass es schon etwas merkwürdig war, dass offenbar schon wieder ein Mord geschehen war. Und schon wieder war jemand aus ihrem Freundeskreis darin verwickelt. Durch einen Mord hatte sie im Herbst vor einem Jahr Steffen Köster kennengelernt. Er war Kriminalkommissar und hatte im Mordfall an Reitstallbesitzer Holger Eilers ermittelt. Britta gehörte damals zu den Verdächtigen. Im letzten Frühjahr war dann die Nachbarin von Brittas Freundin Martha Lürsen vergiftet worden, im Sommer wurde ein Feriengast von Lena Bruns, ebenfalls Freundin und Mitglied der Spinngruppe, der auch Britta und Martha angehörten, ermordet. Und nun eine abgetrennte Hand bei Janssens. Britta ging ganz stark davon aus, dass es sich hierbei nicht um einen Unfall handeln würde.

Silke und Enno erwarteten die beiden schon im Hof. Silke hielt eine blühende Rose in der Hand.

Sobald der Motor erstarb, sprang Britta aus dem Wagen. Steffen folgte etwas langsamer. „Ihr bleibt besser hier“, sagte er zu den Frauen und an Enno gewandt: „Zeigst du mir das Fundstück?“

Silke verzog bei dem Wort „Fundstück“ das Gesicht.

Die beiden Männer gingen ins Haus.

Britta wies mit der Hand auf die Rose. „Wieso stehst du bei der Eiseskälte im Hof und hältst eine Rose in der Hand? Die hast du doch sicher nicht im Garten geschnitten.“

Silke sah auf die Blume und zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Die lag vor der Haustüre.“

Britta zog fragend die Augenbrauen hoch. „Und das findest du nicht merkwürdig?“

„Jetzt, wo du es sagst, schon. Ich war nur einfach zu aufgeregt, um ihr eine Bedeutung beizumessen. Ich zeig sie auf jeden Fall gleich Steffen und Werner.“

„Habt ihr die Schafe schon gefüttert?“, fragte Britta die Freundin dann, die immer noch sehr blass aussah.

„Ja, haben wir. Wollen wir ins Haus gehen. Es ist wirklich saukalt.“

In dem Moment bog ein schwarzer Passat Kombi in den Hof ein. Ihm entstieg Hauptkommissar Werner Harms. „Moin, ihr beiden. Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, begrüßte er die Frauen.

„Wir scheinen es magisch anzuziehen.“ Silke hob hilflos die Hände.

„Lass mich bloß in Ruhe mit Magie“, maulte Werner. „Wo ist denn Steffen?“

„Schon im Verarbeitungsraum. Komm mit, ich bringe dich hin.“

„Ich setz schon mal Kaffee auf“, sagte Britta und ging in die Küche, während Silke mit Werner zu den Verarbeitungsräumen lief.

Nach wenigen Minuten kam Silke zu Britta in die Küche. Die Kaffeemaschine gluckerte schon vor sich hin. „Das sollen die mal alleine machen. Ich muss das nicht noch einmal sehen.“

„Ich muss es überhaupt nicht sehen. War da nur die Hand oder noch mehr?“

„Ich habe nicht danach gesucht!“ Silke schüttelte sich. „Keine Ahnung, ob unter dem Fleisch noch etwas ist. Als ich die Hand sah, habe ich losgekreischt und mich dann erstmal von meinem Frühstück getrennt.“

„Du Arme. Soll ich dir lieber 'nen Tee machen?“

„Lass gut sein. Kaffee ist in Ordnung.“ Sie stellte Tassen auf den Tisch.

Steffen, Werner und Enno betraten die Küche. Sie setzten sich an den Tisch.

„Fein, Kaffee“, freute sich Werner.

„Und? Habt ihr noch was gefunden?“, fragte Britta.

„Willst du das wirklich wissen?“, fragte Steffen.

Werner sah ihn an. „So gut solltest du sie doch inzwischen kennen. Natürlich will sie das wissen. Nein, auf den ersten Blick ist da nichts weiter außer Lammfleisch. Aber wir wollen da auch nicht drin wühlen. Das soll die Spurensicherung übernehmen.“

„Ich will nicht wissen, ob da noch was drin ist!“, rief Silke. Sie war schon wieder leicht grün im Gesicht.

Britta schenkte Kaffee ein. „Steffen kann’s mir ja nachher erzählen.“

Die Frauen setzten sich mit an den Tisch.

„Schreibst du uns die Adresse von eurem Schlachter auf?“, bat Steffen. „Dem werden wir jetzt erst mal einen Besuch abstatten müssen.“

„Klar. Das muss ja schon bei ihm in die Kiste gepackt worden sein“, vermutete Enno.

Silke machte große Augen. „Der Gerd wird doch wohl keinen umgebracht haben?!“

„Der Schnittstelle nach zu urteilen, ist das Opfer aber auf jeden Fall mit den entsprechenden Gerätschaften … ähm, naja … zerlegt worden“, sagte Werner. „Und die dürfte man in einer Schlachterei wohl finden.“

„Aber Gerd ist doch kein Mörder!“, rief Silke.

„Hat der Schlachter das Fleisch denn selbst angeliefert?“, fragte Werner.

„Nein. Das bringt immer der Joke. Ist ein Nachbar von Gerd. Der ist Rentner und bessert seine Rente mit ein paar Hilfstätigkeiten auf“, erklärte Enno.

„Oh je, die arme Elke!“, rief Britta plötzlich. Sie sah die anderen entsetzt an. „Das ist doch hoffentlich nicht Elke!“

Elke war das neueste Mitglied der Spinngruppe. Im letzten Sommer war sie von Cloppenburg nach Holtland gezogen und wohnte seitdem in einer Ferienwohnung auf dem Hof, der den Eltern von Martha Lürsen gehörte. Und sie arbeitete in der Fleischerei von Gerd Flessmann.

„Nein“, beruhigte Werner sie. „Das ist auf jeden Fall eine Männerhand.“

„Und da noch ein Ehering dransteckt, kann’s auch nicht Gerd selbst sein. Er ist nicht mehr verheiratet“, sagte Enno.

Eine Weile rührten alle gedankenverloren in ihren Tassen. Dann sah Silke plötzlich auf. „Verdammt! Heute Nachmittag wollte der Lebensmittelkontrolleur zur Nachkontrolle kommen!“

„Keine Sorge, ich rufe den an“, sagte Steffen. „Im Moment dürft ihr da leider sowieso nicht rein.“

„Ja, und danach nimmt er unseren Laden wahrscheinlich noch mal komplett auseinander“, stöhnte Enno. „Der ist neu hier und ein ganz scharfer Hund.“

„Ach, der, der letzte Woche bei Martha war?“, fragte Werner. „Die explodiert jetzt noch, wenn man nur das Wort Lebensmittelkontrolle sagt. Wie hatte sie den noch so nett genannt?“

Enno grinste. „Hirnloses Frettchen.“

Selbst Silke musste lachen, wurde dann aber wieder ernst. „Der ist wirklich ätzend. Vor vier Wochen war er das erste Mal hier und hat Dinge beanstandet, mit denen wir seit Jahren ohne Probleme arbeiten. Heute sollte die Nachkontrolle sein.“

„Und der Idiot hat uns 'nen Haufen Geld gekostet. Alleine die neue Arbeitsplatte aus Edelstahl. Im Verarbeitungsraum für das Fleisch hatten wir ja schon eine, aber in der Käseküche?! Die alte aus Kunststoff ließ sich problemlos desinfizieren!“

Offensichtlich waren Silke und Enno ebenso gut auf den Herrn zu sprechen wie Martha.

Bevor ihr Mann sich noch in Rage reden konnte, legte Silke die Rose mitten auf den Tisch. Sie war wunderschön. Dunkelgelbe Blütenblätter mit Streifen in Orange und Rot. „Die lag heute Morgen vor der Türe.“

„Ich hab mich schon gewundert“, sagte Enno. Dann sah er Werner und Steffen an. „Ob die was mit der abgetrennten Hand zu tun hat? Also, wenn das in einem Fernsehkrimi passieren würde, dann wüsste ich jetzt, dass ein Serienkiller sein Unwesen treibt.“ Fernsehkrimis und -thriller waren Ennos große Leidenschaft.

„Enno! Mal den Teufel nicht an die Wand!“, rief Werner.

„Wir sollten sie auf jeden Fall der Spurensicherung übergeben“, sagte Steffen nachdenklich.

„Das dauert ja sicher noch, bis die Leute von der Spurensicherung kommen“, vermutete Britta.

Steffen und Werner nickten einträchtig mit den Köpfen.

„Dann würde ich jetzt wieder fahren und meinen Laden aufmachen. Du hast ja jetzt einen neuen Fahrer“, sagte sie an Steffen gewandt und zu Silke: „Wir sehen uns heute Abend zum Spinntreffen bei uns?“

„Auf jeden Fall.“