Friesenflirt

Ostfrieslandkrimi

Sina Jorritsma


ISBN: 978-3-95573-541-8
1. Auflage 2016, Bremen (Germany)
Klarant Verlag. © 2016 Klarant GmbH, 28355 Bremen, www.klarant.de

Titelbild: Umschlagsgestaltung Klarant Verlag unter Verwendung von fotolia Bildern.

Sämtliche Figuren, Firmen und Ereignisse dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist rein zufällig und von der Autorin nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Inhalt

Kapitel 1

„Wir haben einen Einsatz. Leichenfund im Hotel Teutonia.“

Die Worte ihres Kollegen Enno Moll drangen wie aus weiter Ferne in Kommissarin Mona Sanders Bewusstsein. Sie saß an ihrem Schreibtisch in der Polizeiwache Borkum, Enno befand sich auf seinem üblichen Platz ihr direkt gegenüber. Mona hatte soeben die erste Tasse Tee des Tages auf der Schreibtischunterlage vor sich kalt werden lassen. Das war ein untrügliches Zeichen für ihre seelische Unausgeglichenheit.

Langsam blickte sie auf und schaute den Oberkommissar an, als ob sie ihn zum ersten Mal in ihrem Leben sehen würde.

„Meine Mutter kommt zu Besuch, Enno.“

„Was du nicht sagst. Dann lerne ich sie ja endlich mal kennen.“

Monas Kollege stand von seinem Stuhl auf und reckte sich. Enno war fast zwei Meter groß, dick und bärenstark. Er musste einen Raum nur betreten, um wie von selbst die Aufmerksamkeit aller Anwesenden zu bekommen.

Die Kommissarin erhob sich ebenfalls und griff nach ihrem Anorak, der am Kleiderhaken hinter ihr hing. Sie freute sich auf einen neuen Fall, der sie hoffentlich von ihren Grübeleien ablenken würde.

„Warum willst du denn unbedingt meine Mutter treffen, Enno? Was soll daran interessant für dich sein?“

Die beiden Kriminalisten meldeten sich im Wachlokal der Insel-Polizeiwache ab und stiegen in den zivilen Opel Vectra, der ihnen als dienstliches Fortbewegungsmittel diente. Im Gegensatz zu anderen Nordseeinseln war auf Borkum Autoverkehr gestattet.

„Es ist reine Neugierde“, erwiderte Enno. „Immerhin arbeiten wir nun schon einige Jahre lang zusammen, und ich weiß nicht viel über deine Familie und deine Vergangenheit.“

Mona machte eine ungeduldige Handbewegung.

„Mein Vater starb schon vor vielen Jahren an einem Verkehrsunfall. Und meine Mutter ist eine starke Frau, die mich allein großgezogen hat. Sie gibt sich keine Blöße und erreicht immer alles, was sie will.“

Enno hob seine buschigen Augenbrauen.

„Das klingt nicht nach einem besonders herzlichen Verhältnis zwischen euch.“

Mona war sicher, dass man ihrer Stimme nun ihre Gereiztheit anhören konnte.

„Bist du jetzt neuerdings auch noch Hobbypsychologe? Warum berätst du nicht lieber deine Frau, wenn sie wieder mal einen Ostfriesenkrimi schreiben will? Halte dich einfach aus meinem Privatleben heraus, okay? Was weißt du eigentlich über unseren aktuellen Fall?“

„Nur das, was ich dir vorhin sagte, als du völlig geistesabwesend warst. Der Inhaber des Hotels Teutonia hat höchstpersönlich auf der Wache angerufen und einen toten Gast gemeldet. Daraufhin hat Oltbeck uns mit der Untersuchung beauftragt.“

Mona nickte. Hauptkommissar Hinrich Oltbeck war der Dienststellenleiter der kleinen Borkumer Polizeistation. Enno brachte den Opel an der Jann-Berghaus-Straße bereits zum Stehen, denn die Entfernung von der Wache in der Strandstraße bis zum Hotel Teutonia war nicht groß. Mona und Enno hätten eigentlich auch zu Fuß dorthin gehen können. Aber der Hotelbesitzer wartete gewiss bereits ungeduldig auf sie. Wenn sie gemütlich herangeschlendert kamen, fühlte er sich womöglich nicht genügend ernst genommen. Immerhin hatte Enno auf Blaulicht und Sirene verzichtet, was in Monas Augen ein guter Kompromiss war.

Sie stiegen aus dem Wagen. Die Fassade des Hotels Teutonia fügte sich in die Front der Traditionshäuser ein, die bereits seit der Regierungszeit von Kaiser Wilhelm II. direkt an der Strandpromenade einen unverbaubaren Blick auf die Nordsee boten. Das Teutonia befand sich seit Generationen in Familienbesitz, wie Mona von früheren Einsätzen her wusste. Bisher hatten sie und ihre Kollegen es hier allerdings nur mit Hoteldieben und Zechprellern zu tun gehabt. Ein Todesfall war neu für sie.

Der Melder wartete bereits vor dem Eingang auf sie. Dirk Cordsen war ein großer Mann mit blonden Naturlocken, der einen unmodischen blauen Nadelstreifenanzug trug. Mona vermutete, dass er diese Montur ebenso von seinem Vater geerbt hatte wie das Hotel selbst. Cordsen rieb sich unentwegt die Finger, als ob er sich ohne Wasser und Seife die Hände waschen würde. Mona konnte ihm seine innere Unruhe an der Nasenspitze ansehen, wofür sie Verständnis hatte. Die meisten Menschen waren schockiert, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Toten zu sehen bekamen.

Es war ein schöner Frühherbsttag, der die Urlauber und Kurgäste zur Wasserlinie des Nordstrands zog. Unmittelbar vor dem Hotel befanden sich zahlreiche Ruhebänke, das Borkumer Ferienleben ging hier seinen üblichen Gang. Offenbar hatte sich die Nachricht von dem Leichenfund noch nicht herumgesprochen, sonst würde es vor dem Hotel bereits von Gaffern wimmeln. Darüber machte sich Mona keine Illusionen.

„Da seid ihr ja endlich!“, stieß Cordsen hervor. Der Hotelbesitzer und Enno kannten sich vermutlich von Kindesbeinen an, daher duzten die Männer einander. Mona arbeitete zwar noch nicht so lange auf der Insel, legte aber auch keinen großen Wert auf Förmlichkeiten. Nur Verdächtige wurden von ihr konsequent gesiezt.

„Wir haben uns doch beeilt“, versicherte Enno und deutete auf die Kommissarin. „Dirk, meine Kollegin Mona Sander kennst du bereits?“

„Ja, du hast doch mal diesen Schmuckdieb verhaftet, oder? – Jetzt kommt schon rein, bevor die Urlauber noch etwas merken.“

Cordsen scheuchte die beiden Ermittler in die Hotellobby. Dort schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Lediglich einige moderne Errungenschaften wie eine Telefonzentrale oder ein für die Hotelgäste zugänglicher PC mit Internetanschluss zeugten davon, dass man sich im 21. Jahrhundert befand. Die renovierte Inneneinrichtung mit den riesigen Clubsesseln und dem Empfangstresen aus Eichenholz gehörte definitiv in eine andere Zeit. Mona hätte sich nicht gewundert, wenn ein Zeitungsjunge um die Ecke gekommen wäre, um mit lauter Stimme das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger zu verkünden. Und damit den Beginn des Ersten Weltkriegs.

Sie riss sich von ihren Fantasien los.

„Wie viele Personen wissen bereits von der Leiche?“, wollte sie wissen.

Cordsen legte nachdenklich die Stirn in Falten, während er gemeinsam mit Mona und Enno die breite Treppe zum ersten Stockwerk hochging. Der Kokosläufer knisterte unter ihren Schritten. In den Ecken des holzgetäfelten Treppenhauses standen geschnitzte Skulpturen, die Piraten oder Seebären darstellen sollten. Sie als kitschig zu bezeichnen, wäre nach Monas Meinung noch untertrieben gewesen.

„Außer mir nur das Zimmermädchen, hoffe ich“, erwiderte Cordsen. „Sie heißt Rosa Sanchez und kommt aus Spanien. Ihr Deutsch ist nicht besonders gut. Ich habe sie als Saisonkraft angeheuert. Ich glaube nicht, dass sie hier auf der Insel schon besonders viele Kontakte hat. Sie wird also wohl nichts ausgeplaudert haben. Jedenfalls wollte Rosa den Raum betreten, um aufzuräumen. Da erblickte sie sofort die Selbstmörderin. Rosa kam zu mir gerannt und machte mir mit Händen und Füßen klar, was sich ereignet hatte. Daraufhin rief ich sofort bei euch an.“

„Wann war das?“

„Vor zwanzig Minuten“, sagte Cordsen und bedachte Mona mit einem vorwurfsvollen Blick. Sie zog sich den Schuh nicht an, denn sie und Enno waren ohne Trödelei sofort aufgebrochen. Manche Leute glaubten eben, dass die Polizei nur zu ihrer persönlichen Verfügung stünde und nichts anderes zu tun hätte.

Der Hotelbesitzer steuerte in der ersten Etage tatendurstig auf das Zimmer mit der Nummer 112 zu. Die Tür war nur angelehnt.

„Bleib bitte draußen, Dirk“, brummte Enno. Er zog sich bereits Latexhandschuhe über seine riesigen Pranken, Mona folgte seinem Beispiel. Sie betraten das Hotelzimmer. Es war ein Doppelzimmer, allerdings war nur ein Bett benutzt worden. Es war noch nicht gemacht, was Mona nicht verwunderte. Rosa Sanchez hatte gewiss nicht die Laken stramm gezogen und die Zudecke aufgeschüttelt, nachdem sie die Leiche entdeckt hatte.

Mona stemmte zornig die Fäuste in die Hüften, denn die Tote lag auf dem Teppichboden.

„Wer hat den Körper bewegt?“, fragte sie laut. Ein langer bunter Seidenschal war zu einer Schlinge geknüpft worden. Er befand sich immer noch stramm zusammengeschnürt um den Hals des Opfers geschlungen. Aber die Frau hing nicht mehr an der Vorhangstange, wo sie offenbar ihr Leben ausgehaucht hatte.

„Das war ich“, erwiderte Cordsen, der gehorsam vor der offen stehenden Tür geblieben war. „Ich konnte die Ärmste doch nicht dort hängen lassen.“

Mona nickte. Sie konnte den Hotelbesitzer verstehen. Immerhin wäre es ja theoretisch möglich gewesen, dass die Frau noch gelebt hatte. Nun allerdings konnte davon keine Rede mehr sein. Seit wann das Opfer wohl schon tot war? Diese Frage musste Mona zunächst zurückstellen.

Enno bewegte sich im Zimmer suchend hin und her, wobei er sorgfältig darauf achtete, nichts zu verändern.

„Wie heißt dein toter Gast, Dirk?“

„Die Dame hat sich als Viola Kruse angemeldet. Sie hatte das Zimmer für zehn Tage gebucht und war vorgestern angereist.“

Der Oberkommissar notierte sich den Namen, während Mona den Leichnam näher betrachtete. Die Tote musste zu Lebzeiten sehr hübsch gewesen sein. Lange blonde Haare, Modelfigur, puppenhaftes Gesicht – Viola Kruse war in den Augen vieler Männer zweifellos eine Traumfrau gewesen. Mona schätzte das Opfer auf mindestens eine Handbreit größer als sich selbst. Die Tote hatte ein ärmelloses Minikleid getragen, das man gewiss nicht bei einer Billig-Textilienkette erstehen konnte. Und die Pumps konnten kaum weniger als fünfhundert Euro gekostet haben.

Die Designerhandtasche lag offen neben der Toten auf dem Boden. Mona fand darin nicht nur den Personalausweis und Führerschein des Opfers, sondern auch eine Kreditkarte sowie fast tausend Euro in bar.

Mona erhob sich aus ihrer knienden Position und blickte zu der hohen Stuckdecke hoch, unter der sich die metallene Vorhangstange befand.

„Wie viel Gewicht hält diese Stange aus, Dirk?“, rief sie dem Hotelbesitzer zu.

„Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber ihr könnt sicher sein, dass die Frau dort hing, als ich hereinkam.“

„Daran zweifelt auch niemand“, murmelte Mona. Nach ihrer Einschätzung konnte Viola Kruse nicht mehr als fünfundfünfzig Kilo gewogen haben. Es war sehr gut vorstellbar, dass die Stange dieses Gewicht halten konnte, ohne aus der Verankerung gerissen zu werden.

„Hast du die Stange angefasst?“

Cordsen schüttelte den Kopf. Er war inzwischen doch in das Zimmer getreten und hatte die Tür geschlossen. Draußen auf dem Korridor waren die Stimmen von Hotelgästen zu hören. Er wollte zweifellos verhindern, dass sie von den Geschehnissen etwas mitbekamen.

„Nein, ich habe den verflixten Schal mit einer Schere durchgeschnitten.“

Das hatte sich Mona schon gedacht, weil das obere Ende des zertrennten Stoffs immer noch an der Vorhangstange hing. Mona dachte laut nach.

„Das Opfer hat offenbar einen doppelten Knoten geknüpft und dabei keine Handschuhe benutzt.“

„Worauf willst du hinaus?“, hakte Enno nach.

„Es müssten Fingerprints oder zumindest Teilabdrücke von der Frau auf dem Metall zu finden sein“, sagte sie und deutete nach oben. „Die Spurensicherung soll das auf gar keinen Fall vergessen.“

Der Oberkommissar strich über sein graues kurz geschnittenes Haar.

„Zweifelst du an einem Selbstmord?“

„Zumindest so lange, bis wir Fremdeinwirkung definitiv ausschließen können“, sagte Mona. Sie wandte sich an Cordsen.

„Hatte Viola Kruse auf ihrem Zimmer Besuch?“

Der Hotelier hob die Schultern.

„Das weiß ich nicht, Mona. Vielleicht hat jemand vom Personal etwas bemerkt.“

„Gut, das müssen wir noch checken. Ich glaube nämlich nicht, dass das Opfer ganz allein das Bett so zerwühlt hat. Es sei denn, sie litt unter heftigen Albträumen.“

Mona deutete auf das eine der beiden Einzelbetten, das von Viola Kruse offenbar benutzt worden war. Enno telefonierte inzwischen bereits, um ein Team der Spurensicherung anzufordern und die Leiche nach Oldenburg ins gerichtsmedizinische Institut schaffen zu lassen.

„Glaubst du, dass die Frau umgebracht worden ist? In meinem Hotel?“

Cordsens Stimme klang sehr skeptisch.

„Wenn das geschehen ist, dann gewiss nicht, um den Ruf deines Traditionshauses zu beschädigen“, entgegnete Mona frech. Sie deutete auf den kleinen Schreibtisch. „War dein Gast eigentlich Linkshänderin?“

„Woher, zum Henker, soll ich das wissen?“, fauchte Cordsen genervt. „Ich muss mich in diesem Hotel zwar um alles kümmern, aber selbst ich kann meine Augen nicht überall haben.“

„Vielleicht erinnert sich ja die Angestellte daran, bei der Viola Kruse eingecheckt hat“, sagte Mona. „Ich komme darauf, weil sie den Kugelschreiber links neben dem Schreibblock abgelegt hat. Normalerweise lässt man ihn doch dort liegen, wo sich die schreibende Hand zuletzt befunden hat.“

„Das kann aber auch Zufall sein“, grummelte der Hotelier. „Werden Linkshänder eher ermordet als Rechtshänder oder wieso kommst du auf diesen Schwachsinn?“

Mona lag die Bemerkung auf der Zunge, dass ihre kriminalistischen Überlegungen Hand und Fuß hatten und dass Cordsen sich gefälligst um seinen eigenen Kram kümmern sollte. Aber sie schaffte es ausnahmsweise, sich zu beherrschen. Früher war Mona öfter aus der Haut gefahren, aber die Zusammenarbeit mit dem tiefenentspannten Enno hatte auf sie positiv abgefärbt.

„Darf ich mit dem Zimmermädchen reden?“, bat Mona. Der Hotelier erklärte sich bereit, sie zu holen.

„Ein Abschiedsbrief ist nirgendwo zu entdecken“, stellte Enno fest. „Das allein ist allerdings noch kein Hinweis auf ein Tötungsdelikt. Glaubst du, dass hier ein Mord vertuscht werden sollte? Und wieso schaust du alle paar Minuten auf die Uhr?“

„Das Bett sieht mir danach aus, dass die Kruse Spaß mit einem Mann gehabt hat. Bringt man sich danach um? Das kommt mir zumindest unwahrscheinlich vor. Und wenn du es ganz genau wissen willst, Enno – ich muss im Auge behalten, wie spät es ist, weil ich meiner Mutter versprochen habe, sie am Fährhafen abzuholen. Bist du jetzt zufrieden?“

Kaum hatte Mona Enno angeblafft, als sie es auch schon wieder bereute. Sie verstand sich gut mit ihm, und sein Interesse an ihrem Leben war niemals aufdringlich oder penetrant. Außerdem hatte er sich an ihre sprunghafte Art gewöhnt und holte sie mit seiner Bärenruhe meistens schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Auch in diesem Moment war er keineswegs beleidigt, sondern blinzelte sie weiterhin freundlich an.

„Es ist ja noch etwas Zeit, Mona. Der Katamaran wird erst gegen halb zwei Uhr eintreffen. Und die Autofähre kann deine Mutter nicht genommen haben, sonst würde sie sich schon unten am Hafen die Beine in den Bauch stehen. – Wenn Viola Kruse wirklich umgebracht wurde, muss sie sich aber gewehrt haben. Kein Mensch lässt sich einfach so strangulieren. Und auf einen Kampf deutet zunächst nichts hin.“

„Das ist mir auch aufgefallen. Das Opfer könnte aber betäubt worden sein. Wie gesagt, wir müssen die Obduktion abwarten.“

Bevor Mona noch mehr sagen konnte, kehrte der Hotelier mit dem Zimmermädchen zurück. Die Kommissarin schätzte, dass die junge Spanierin Anfang zwanzig war. Rosa Sanchez machte einen verängstigten Eindruck, was angesichts des Leichenfundes allerdings auch nicht verwunderte. Enno hatte inzwischen ein sauberes Laken über den toten Körper gelegt.

Monas Kenntnisse der spanischen Sprache beschränkten sich auf die Worte „Si“, „No“ und „Sangria“. Also musste sie darauf hoffen, dass ihr Deutsch von der Angestellten verstanden wurde. Immerhin konnte die Kommissarin Rosa Sanchez die Aussage entlocken, dass sie Viola Kruse in Begleitung eines Mannes gesehen hätte. Monas Puls beschleunigte sich.

„Was für ein Mann? Können Sie ihn beschreiben?“

Die Spanierin nagte an ihrer Unterlippe, sie schien nach dem passenden Begriff zu suchen. Schließlich nahm sie ihr Smartphone zu Hilfe und tippte ein Wort in ihrer Muttersprache ein. Gleich darauf erschien die deutsche Übersetzung: Glatzkopf.

„Ein Glatzkopf, sehr schön. Und wo genau haben Sie Frau Kruse mit dem Mann gesehen, Frau Sanchez? Am Strand? Auf der Promenade? Im Hotel?“

„Erst Promenade, dann Hotel“, sagte die Zeugin mit Bestimmtheit. Der Hoteldirektor stand ein Stück weit von den beiden Frauen entfernt. Mona sprach ihn an:

„Hast du Überwachungskameras hier in deinem Gebäude?“

Cordsen schüttelte heftig mit dem Kopf.

„Das dachte ich mir, die Technologie gab es ja auch zu Kaisers Zeiten noch nicht.“

„Was hast du gesagt?“, grollte der Hoteldirektor.

„Nicht so wichtig. Ich brauche eine Liste von allen männlichen Hotelgästen. Es wäre hilfreich, wenn du die Kahlköpfigen unter ihnen herausfiltern könntest.“

„Hast du schon mal etwas von Datenschutz gehört?“

„Willst du dir eine Anklage wegen Behinderung der Justiz einhandeln?“, feuerte Mona zurück. „Es muss doch in deinem eigenen Interesse sein, wenn wir den Fall so schnell wie möglich aufklären und in deinem alten Schuppen wieder Normalität einkehrt.“

Cordsen öffnete den Mund, schloss ihn dann aber schnell wieder. Dadurch erinnerte er Mona an einen Fisch auf dem Trockenen. Sein Gesicht wurde rot, vermutlich nicht aus Schamgefühl, sondern vor Wut. Aber schließlich gab er klein bei.

„Also gut, ich kümmere mich um die Gästeliste. Aber das mit dem alten Schuppen nimmst du zurück, Mona!“

„Ja, bei Gelegenheit.“

Aber Monas Lässigkeit war nur gespielt. Die Zeiger der Uhr rückten nämlich unaufhaltsam vorwärts, es war schon fast ein Uhr mittags. Sie würde bald zum Fährhafen fahren müssen, wenn sie ihre Mutter pünktlich abholen wollte. Und diese Tatsache machte sie unruhig.

Der Hotelier verschwand. Mona konnte dem Dienstmädchen klarmachen, dass es am nächsten Tag auf der Polizeistation erscheinen musste, um die schriftliche Aussage zu unterzeichnen. Dann durfte auch Rosa Sanchez gehen.

Enno schaute auf die Uhr.

„Warum fährst du nicht schon zum Hafen, Mona? Ich halte hier die Stellung, bis das Spurensicherungsteam vom Festland eintrifft. Wir kommen sowieso nicht weiter, bevor das Obduktionsergebnis vorliegt und Dirk die Glatzkopfliste abgeliefert hat.“

„Ja, so machen wir es, Enno. Und – tut mir leid, dass ich dich vorhin so angepflaumt habe.“

Das wettergegerbte Gesicht des Oberkommissars verzog sich zu einem freundlichen Lächeln.

„Ich weiß ja, dass du eine Kratzbürste bist. Aber ich verrate dir ein Geheimnis: Ich will gar keine weichgespülte Dienstpartnerin.“

Mona grinste, als ob sie in eine saure Zitrone gebissen hätte.

„Na, dann ist es ja gut. Also, bis später!“

Die Kommissarin verließ das Hotel Teutonia und setzte sich in den Opel Vectra. Sie bog in die Viktoriastraße ab und fuhr am Neuen Leuchtturm vorbei. Viola Kruses Tod war ziemlich undurchsichtig, wie Mona fand. Wenn die Frau labil gewesen war und der Glatzkopf sie womöglich enttäuscht hatte, war ein Freitod durchaus denkbar. Oder ob sich der Kerl an ihr vergangen hatte und sie ihr Leben danach nicht mehr ertragen konnte? Aber es gab keine Kampfspuren, kein Blut, keine Hinweise auf körperliche Gewalt. Eine Linkshänderin hätte nach Monas Meinung den Knoten an einer anderen Stelle der Vorhangstange geknüpft, weil dort einfach mehr Platz war. Also konnte sie sich nicht selbst aufgehängt haben.

Mona wusste eigentlich, dass wildes Spekulieren überhaupt nichts brachte. Sie fuhr inzwischen auf der Deichstraße, die später in die Reedestraße überging. Es sah ganz danach aus, dass sie rechtzeitig im Fährhafen eintreffen würde. Dann konnte Mama ihr wenigstens keine Unpünktlichkeit vorwerfen.

Die Kommissarin fragte sich, weshalb sie die bevorstehende Begegnung mit ihrer Mutter so unruhig machte. Es war ja nun nicht so, dass Dagmar Sander ihre Tochter ständig nur herunterputzte und ihr das Gefühl gab, aus ihrem Leben nichts gemacht zu haben. Trotzdem blieb bei Mona das Gefühl, sich ständig für ihre Entscheidungen rechtfertigen zu müssen. Ob es anderen Frauen genauso ging?

Mona versuchte sich zu beruhigen, indem sie ihren Blick in die Weite schweifen ließ. Sie hatte den Ortskern der Insel verlassen und fuhr nun durch das flache grüne Land. Weiter vor sich sah sie bereits das Gebäude der Jugendherberge, außerdem im Hafenbecken die unverwechselbaren Aufbauten des Feuerschiffs Borkum, das inzwischen als schwimmendes Standesamt diente und für Eheschließungen vor origineller Kulisse sehr beliebt war.

Das Timing erwies sich als perfekt. Mona hatte kaum den Opel geparkt, als am Horizont auch schon der weiße Katamaran elegant durch die blaue Nordsee glitt. Mit dem Zwei-Rumpf-Wasserfahrzeug dauerte die Überfahrt von Emden aus nur eine Stunde, während die Autofähre weitaus behäbiger war.

Gemeinsam mit Dutzenden anderer Menschen wartete Mona hinter der Absperrung, während der Katamaran wenig später festmachte und die Gangway in Stellung gebracht wurde. Mona ertappte sich dabei, dass sie einen langen Hals machte. An Bord würde nun erfahrungsgemäß eine große Drängelei einsetzen. Manche Urlauber konnten gar nicht schnell genug auf die Insel kommen. Einigen war die Überfahrt zu langweilig, andere wollten ihren Ferienaufenthalt buchstäblich vom ersten Augenblick an genießen.

Und dann erblickte die Kommissarin ihre Mutter. Dagmar Sander trug einen Strohhut auf ihrem schwer zu bändigenden rotblonden Haar, das Mona ebenso in ihren Erbanlagen hatte wie die grünen Augen. Mit dynamischen und kraftvollen Schritten kam sie auf ihre Tochter zu. Wäre Dagmar Sander eine Fremde gewesen, dann hätte Mona sie auf Mitte vierzig geschätzt – also auf rund ein Jahrzehnt weniger als in Wirklichkeit. Der stressige Job als Lehrerin schien ihrer Mutter nichts geschadet zu haben.

Dagmar Sander stellte ihre Reisetasche ab und umarmte ihre Tochter. Doch dann folgte sofort ein kritischer Röntgenblick, wie Mona das Abtaxieren innerlich nannte.

„Du bist so schmal geworden, Kind. Achtest du auf eine ausgewogene Ernährung? Ich kann mir vorstellen, dass man im Polizeidienst öfter auf Fast Food zurückgreift.“

Mona hätte am liebsten genervt mit den Augen gerollt.

„Natürlich ernähre ich mich ausgewogen, Mama. Ich lasse bei meinen Hamburgern niemals die Tomatenscheibe und das Salatblatt weg. – Übrigens: Willkommen auf Borkum. Du warst noch niemals hier, nicht wahr?“

Die Kommissarin hatte versucht, die mütterliche Kritik mit einem flotten Spruch ins Leere laufen zu lassen. Aber das funktionierte leider nach wie vor nicht. Dagmar Sander schaute sie so intensiv an, als ob sie ihre Tochter hypnotisieren wollte.

„Du wirkst auf mich unausgeglichen. So, als ob du deine innere Mitte verloren hättest. Bei einem extremen Charakter wie dir besteht die Gefahr, dass du dich von deiner Arbeit zu sehr vereinnahmen lässt. Hast du genügend Ausgleich in der Freizeit? Was macht dein Liebesleben?“

Die will es aber ganz genau wissen, dachte Mona genervt. Und ließ die Frage unbeantwortet.

„Komm, ich bringe dich zu deiner Unterkunft. Du darfst in einem Polizeiauto fahren, was sagst du dazu? Kinder kann man damit immer begeistern.“

Mit diesen Worten nahm Mona die Reisetasche ihrer Mutter und steuerte auf den Opel Vectra zu. Einerseits freute sie sich über den Besuch, andererseits ging ihr der Kontrollzwang ihrer Mutter jetzt schon auf den Wecker. Wenigstens würde Dagmar Sander nicht bei ihr wohnen. Sie hatte eingesehen, dass in dem Single-Apartment ihrer Tochter nicht genug Platz für zwei Personen war.

Monas Mutter schaute sich wohlwollend um, bevor sie in den Wagen stieg. Dann atmete sie tief durch.

„Ich habe schon gelesen, dass Borkum über ein gesundes Reizklima verfügt. Die jodreiche Luft ist Balsam für meine Lungen. Und die Haut ist bekanntlich das größte Sinnesorgan des Menschen. Gibt es hier auf der Insel eigentlich die Möglichkeit, sich von einem athletischen Masseur mal so richtig durchkneten zu lassen?“

Dagmar Sander zwinkerte Mona zu, was die Kommissarin noch mehr irritierte als die Anspielungen auf ihre Ernährungsgewohnheiten.

Meine Mutter will jetzt nicht wirklich mit mir über Sex reden, oder?, fragte Mona sich selbst. Sie startete den Motor.

„Was Massagen angeht, müsste ich mich selbst erst mal schlaumachen“, murmelte sie. „Wo hast du eigentlich gebucht, Mama?“

Dagmar Sander wühlte in ihrer Handtasche.

„Wo habe ich noch die Anmeldebestätigung – ah, hier ist sie. Das Hotel heißt Teutonia, das klingt doch echt wilhelminisch, nicht wahr? Es war aber das letzte freie Zimmer, das ich bekommen konnte.“

„Das Hotel ist in Ordnung“, sagte Mona mit erzwungener Ruhe. „Allerdings habe ich dort momentan einen dienstlichen Einsatz.“

„Wirklich? Das ist ja spannend.“

Monas Begeisterung hielt sich in Grenzen. Allerdings stellte sie mit einem Seitenblick auf das Buchungsformular fest, dass die Zimmernummer ihrer Mutter mit einer Drei begann. Also würde sie im dritten Stockwerk untergebracht sein und somit nicht in unmittelbarer Nähe des Tatorts einquartiert werden. Mona traute ihrer Mutter nämlich durchaus zu, dass sie ansonsten bei den Ermittlungen ihren Senf dazugeben würde.

Trotzdem versuchte sie schon im Vorfeld, Dagmar Sander den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Ich darf mit dir nicht über einen aktuellen Fall sprechen, Mama. Wir können uns gern treffen, wenn ich Feierabend habe. Dann zeige ich dir die Attraktionen der Insel, zum Beispiel den Alten Leuchtturm oder …“

Ihre Mutter fiel ihr ins Wort.

„Ich bin nur wegen dir gekommen, Mona. Wir haben uns seit drei Jahren nicht gesehen, ist dir das eigentlich bewusst?“

Eine so emotionale Aussage von ihrer Mutter hatte Mona nicht erwartet. Und sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte.

„Ich freue mich auch, dich zu treffen, Mama“, plapperte sie. „Du musst doch hungrig sein nach der langen Bahnfahrt und dem Übersetzen mit dem Katamaran. Lass uns doch heute Abend an der Promenade essen gehen, da gibt es tolle Lokale.“

Dagmar Sander schien sich mit dieser Ankündigung vorerst zufriedenzugeben. Mona hielt vor dem Hotel, als gerade Enno herauskam. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Kollegen und ihre Mutter einander vorzustellen.

„Mama, das ist Oberkommissar Enno Moll. Wir bearbeiten die meisten unserer Fälle gemeinsam als Team. – Enno, ich habe dir von meiner Mutter Dagmar Sander ja schon erzählt.“

Der hünenhafte Ostfriese lächelte und nahm die Hand von Monas Mutter, die ihm entgegengestreckt wurde.

„Moin, willkommen auf Borkum. – Du hattest mir aber verschwiegen, wie charmant deine Mutter ist, Mona.“

Die Kommissarin blinzelte irritiert. Bildete sie es sich nur ein oder versuchte Enno gerade, mit ihrer Mutter zu flirten?