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Michaela Feitsch

Die Stundenwelt

Cheyenne





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Michaela Feitsch

 

 

Die

Stundenwelt

 

 

 

Geschichten aus der Siebenwelt

 

Erster Band

Cheyenne

 

 

 

 

 

Roman

 

Impressum

 

 

 

 

 

2. überarb. Ausgabe, erschienen April 2017

Text Copyright  2016 Michaela Feitsch

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Michaela Feitsch

Illustration: Roy Snyder

Lektorat: Astrid Pfister

Vorwort & Landkarte

 

  

 

»Ich schenke dir eine Welt.

Sie wird für Sieben Stunden existieren.

Ich werde das Schicksal dieser Welt

in deine Hände legen.«

 

 

Der Lehrer

(Gespräch mit dem Novizen)

 

 

 

 

 

 

 

1 Std. 49 Min. 59 Sek.

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Kapitel

»Opa, Opa erzählst du mir bitte noch einmal die Geschichte von der Entstehung unserer Welt?«
Der Großvater klappte seine Taschenuhr mit einem Handgriff auf. Das Federwerk des mechanischen Zeitmessers rumorte im Inneren und wies ihn auf die späte Stunde hin.

Er schenkte seinem Enkel ein nachsichtiges Lächeln. 

»Ach Jimmy, du sollst doch jetzt schlafen. Morgen ist schließlich dein sechster Geburtstag, den erlebt man doch nur einmal. Glaub mir, du wirst es bereuen, wenn du nicht richtig ausgeschlafen bist, denn wir haben morgen so einiges vor. Ich verspreche dir, es wird ein wirklich aufregender Tag.«
Dem Jungen fielen darauf unzählige Ausreden ein, warum eine Geschichte aber jetzt genau das Richtige wäre. Der Großvater ließ sich nach einer kurzen Diskussion, die sein einziger Enkel regelmäßig gewann, schließlich doch erweichen. Er begann zu erzählen.
»Es war einmal, vor langer Zeit, da existierte eine Welt namens Erde. Auf diesem fremden Planeten lebten eine Vielzahl von Religionsgemeinschaften. Über diese Welt und ihre Religionen ist uns so gut wie nichts bekannt, jedoch eine Kleinigkeit wissen wir genau. Eines Tages ereignete sich in einem Kloster oder Tempel einer dieser Religionsgemeinschaften eine ganz besondere Sache. Unsere Siebenwelt wurde erschaffen. Hörst du mir auch noch aufmerksam zu Jimmy?« 

Der Junge nickte aufgeregt.
Der Großvater sprach weiter: »Der Meister und sein Schüler spazierten von dem Klostergemäuer in den Garten der Abtei. Auf dem Weg die Treppen hinab, unterhielten sie sich über den freien Willen der Menschen und über das gesamte Schicksal der Erde. Der Schüler vertrat die Auffassung, dass die Menschen, wenn man ihnen den richtigen Weg nur zeigen würde, den Fortbestand der Erde bestimmt sichern könnten. Sie würden intuitiv richtig entscheiden und für den Erhalt und das Wohlbefinden ihrer Welt aus freien Stücken sorgen können. Der Meister jedoch gab zu bedenken, dass jede große Ära der Geschichte irgendwann einmal ihr Ende gefunden hatte. Seien es die Ägypter oder die Azteken, die Römer oder die Griechen gewesen. Jedes große Reich war letztendlich von der Oberfläche der Erde gefegt worden. Er rief ihm auch die Weltkriege in Erinnerung, die stattgefunden hatten und wies auf die Weltmächte hin, die ihnen noch in den Untergang folgen würden. Der Novize erwiderte, wenn es aber machbar wäre, den Frieden auf der Erde zu erhalten, dann müsste es doch schließlich auch möglich sein, den Menschen den richtigen Weg weisen zu können. Und ihnen begreifbar zu machen, was wirklich von Bedeutung war, um ihre Existenz zu sichern. 

Egal, welche Einwände der Gelehrte auch hervorbrachte, der Schüler beharrte darauf, dass es doch sicher möglich wäre, die Menschen auf den richtigen Pfad zu lenken. 

Daraufhin antwortete ihm der Lehrer: »Ich schenke dir eine Welt. Sie wird für sieben Stunden existieren. Ich werde das Schicksal dieser Welt in deine Hände legen. Sie wird sieben Epochen währen, die jeweils eine Stunde andauern werden. Jede Ära einer Epoche wird nicht länger als zehn Minuten anhalten. Du bist der alleinige Herr dieser Welt und zuständig für alles, was mit ihr geschieht. Du wirst der Schöpfer der Bewohner auf ihr sein und auch ihre Umgebung und ihr Leben wirst du mitgestalten. Versuche, die Welt in Balance mit sich selbst zu bringen und ihr Fortbestehen zu sichern. Doch bedenke, dass auch die Bewohner dieser Welt für ihr eigenes Schicksal sorgen werden. Denn sie besitzen einen freien Willen und du kannst ihr Handeln lediglich in die richtige Richtung lenken, sie jedoch nie vollkommen beeinflussen.«
 Jimmy zappelte nun nervös hin und her. 

»Aber Opa, wie konnte der Lehrer dem Schüler denn eine eigene Welt schenken? Konnte er zaubern? Wie hat er das bloß geschafft?«
»Die Magie dafür steckte bereits in einem Amulett, Jimmy. Unsere Welt hat in Wirklichkeit schon immer existiert, der Lehrer hat sie nur für seinen Schüler greifbar gemacht.« 

Der Großvater ließ den Verschluss seiner Taschenuhr aufschnappen und bettete sie auf Jimmys Handfläche. Die Zylinderhemmung leistete ihren Beitrag und trieb das Räderwerk gemächlich in derselben Geschwindigkeit an.

»Der Lehrer überreichte seinem Novizen einen chromfarbenen Anhänger, so ähnlich wie meine Taschenuhr. Die Medaille war flach und an den Seiten im Abstand von einem Millimeter mit Einkerbungen versehen, die die komplette Münze umschlossen. Auf einer Seite befand sich eine Inschrift, in einer Sprache, die der junge Novize nicht lesen konnte.
Der Lehrer erklärte seinem Schüler daraufhin, dass dies die ursprüngliche Sprache seiner Welt sei, bis zu dem Moment, in dem sie von ihm neu erschaffen würde und beginnt zu sein. Dann wird sie jeder Sprache mächtig sein, die ihr Herr ihr erlaubt zu verstehen.
Der Meister sah die wachsende Verwirrung des Novizen in dessen Gesicht. Er lächelte: »Du wirst alles, was du soeben gehört hast, verstehen können, sobald du die Welt vor dir siehst und mit ihr interagierst. Bis dahin lausche den Worten, die ich dir leihe, um später verstehen zu können.«
Der wissbegierige Junge drehte das Medaillon in seinen Händen. Die Münze wurde von zwei weiteren Ringen umschlossen, die sich hin und her drehen ließen.
Eigentlich wirkt dieser Anhänger genau wie ein Planet, dachte der neue Besitzer. 

Plötzlich öffnete sich das Medaillon und legte eine Vielzahl von Zahnrädern frei, die jedoch bewegungslos auszuharren schienen. 

Im Inneren des Verschlusses erspürte der junge Novize eine zarte Gravur, als er mit den Fingern vorsichtig darüber glitt. Ein leichtes Schimmern erschien und offenbarte ein Symbol, das in die Oberfläche eingeritzt war. Er erkannte das Abbild einer geschwungenen Sanduhr, die allerdings keinerlei Sand enthielt.
Der Lehrer erklärte weiter: »Der Sand der Zeit hat noch nicht begonnen zu fließen, deshalb ist die Uhr noch leer und die Zahnräder des Getriebes der Welt stehen noch still. 

Nur ich vermag es, sie zu füllen und den Sand durch das Uhrwerk zu leiten. 

Für den weiteren Verlauf aber bist du zuständig. Du wirst sehen können, wie dir die Zeit durch die Finger rinnt, wie der Sand durch das Glas. Du wirst sehen, wie dir eine Minute plötzlich vorkommen wird wie zehn Jahre oder eine Stunde wie nur eine Sekunde. Und du wirst erkennen, wie sich der Pfad deiner Welt immer mehr gestaltet und ob es dir möglich sein wird, den Ablauf der Zeit so zu beeinflussen, dass es dir gelingt, die Welt über ihr Ablaufdatum hinaus zu erhalten.«

Der Meister ließ sich zu Boden sinken und füllte seine Faust mit Erde. Langsam ließ er den Staub seiner eigenen Welt über das Zeigerwerk des Medaillons rieseln. Der Novize staunte, denn die Gravur der Sanduhr begann, sich mit Sand zu füllen. Die Zahnräder im Inneren des Anhängers rieben von einer Sekunde auf die nächste emsig aneinander. Die Ringe, die gerade eben noch am Rand der Münze geruht hatten, setzten sich ohne das Zutun des Schülers, in Gang. Sie drehten sich schwungvoll um ihre eigene Achse. Der Anblick, den dieses Schauspiel bot, erschien ihm völlig grotesk und doch wunderschön zugleich. Mit jeder Drehung dehnte sich die Münze weiter aus und modellierte sich zu einer Kugel.
Dem Schüler war sogleich bewusst, dass er beginnen musste zu handeln, wenn er diese neue Welt unter seinem Einfluss gedeihen lassen wollte.«
 Jimmy sah seinen Großvater mit fragendem Blick an. 

»Aber Opa, der Lehrer kann doch gar nicht zaubern. Warum streut er die Erde über den Anhänger und die Zeit der Welt beginnt zu fließen?«
Der Großvater suchte nach einer passenden Antwort. Seinen Enkel mit unerklärlichen Dingen abzuspeisen, schien ihm von Mal zu Mal schwerer zu fallen. 

»Weißt du, Jimmy. Die Magie steckte bereits in der unbekannten Welt. Der Lehrer hat lediglich den Zauber geweckt, indem er die Erde seiner Heimat über die Apparatur des kleinen Schmuckstückes gestreut hat. Aber jetzt weiter mit der Geschichte, denn es ist schon spät. Die Stundenwelt war also geboren.
Der Schüler betrachtete das Konstrukt, das sich ihm darbot. Die Grundzüge des neuen Planeten, das Meer und die Küste mit dem weißen Sand, die saftigen Wiesen und Felder, die Berge und Täler, der große Wald, sowie eine groteske Anordnung von Inseln inmitten des Ozeans, ragten bereits empor. Ebenso abstrakt, wie die Zeit auf dieser Welt verging, war es dem Novizen unmöglich ihre wirkliche Größe zu erahnen. Alles, was mit dieser Kugel zu tun hatte, schien sich seltsam zu verhalten; relativ zu sein.
Er entschied sich, mit dem Gestalten der Oberfläche zu beginnen, um nicht noch mehr wertvolle Zeit zu verschwenden, denn die ersten zehn Minuten waren bereits verstrichen. Seine Welt zählte nun also ungefähr zwanzig Jahre in unserer Zeitrechnung.
Der erste Gedanke, der dem Novizen in den Sinn kam, war, die Welt mit friedliebenden Lebewesen zu besiedeln. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, sah man zuerst Tiere und gleich darauf Menschen durch die Wälder streifen. Die Welt wirkte im Einklang mit ihren Bewohnern. Hirsche, die durch die Berglandschaft huschten, Elefanten und Nashörner, die in den zahlreichen Flüssen badeten. Giraffen und Büffel, die aus den Seen und Teichen tranken, ohne von den Menschen – dem Stamm der Navajo – gejagt oder vertrieben zu werden. Die Eingeborenen achteten die Natur und all die Schätze, die sie ihnen zum Leben anbot. Auch die Menschen respektierten sich gegenseitig und halfen sich, wo sie nur konnten.
Diese Harmonie bestand auch die nächsten Minuten fort, doch die Welt schien Still zu stehen, sie entwickelte sich nicht sichtbar weiter. Wieder waren zehn weitere Minuten verstrichen. 

Es würde sich keine Hochkultur aus seinem Volk entwickeln, erkannte der Novize. Er sah sich gezwungen, erneut zu handeln. Der Herr der Welt entschied, dass die Navajo Gesellschaft bekommen sollten. Wieder war der Gedanke kaum zu Ende gedacht, reagierte die Welt sogleich darauf. Auf dem klaren blauen Meer näherten sich anmutig weiße Wolken dem Ufer, die sich in ihrer Schönheit allerdings als Trugbild herausstellten. Sie entpuppten sich als Segelschiffe, welche die Neuankömmlinge – das Volk der Progressio – in diese Welt geleiteten. Für den gewünschten Fortschritt schien die neue Gemeinschaft gut geeignet zu sein, denn auch sie wirkten friedliebend und suchten lediglich die Freundschaft der Ureinwohner. Die Progressianer erwiesen sich als richtige Wahl, denn sie vermittelten den Navajo die Fähigkeit des zukunftsorientierten Denkens und förderten die gemeinsame Entwicklung zu einer Hochkultur. Gemeinsam würde ihnen gelingen, was eine Nation allein nicht vermocht hätte. Zwischen dem alten und dem neuen Volk wurden Bande geknüpft und im Laufe der Zeit gefestigt.  Beziehungen wurden untereinander eingegangen, die Kulturen vermischten sich und eine weitere ethnische Identität entstand aus dieser Vereinigung: die Novellio!
Der Herr der Welt war zufrieden mit seiner Schöpfung und seinen drei Völkern, die sich seiner Meinung nach, einwandfrei kombinierten und ergänzten. Seine Welt schien zu gedeihen und endlich zu der gewünschten Hochkultur zu erblühen. Ein weiteres Einschreiten seinerseits schien ihm nicht nötig zu sein. Er lehnte sich entspannt zurück und besah seine Schöpfung ruhigen Blickes.
Das neu entstandene Volk verschmolz nach einigen Minuten zur Gänze mit den Progressianern. Der Weiterentwicklung zu einer Hochkultur stand nun wirklich nichts mehr im Wege. Einzig der Stamm der Navajo litt unter der Veränderung. Die Ureinwohner konnten sich nicht vollständig an die neue Gesellschaft anpassen und wurden deshalb in Reservate, außerhalb der Stadt, zurückgedrängt.
Die Navajo und das neue Volk lebten sich fortan immer weiter auseinander und ihre Lebenseinstellungen begannen zusehends auseinanderzuklaffen, bis schließlich zwei völlig getrennte Gruppen entstanden. Der alte Stamm der Navajo verschwand fast gänzlich aus dem Bewusstsein der groben Bevölkerungsschicht. Somit geriet ihre eigene Abstammung in Vergessenheit.«
Dem kleinen Jimmy fielen die Augen zu. Er gähnte seinen Großvater an. 

»Opa ... zu welchem Volk gehören denn wir? Zu den Novellianern?«
Der Großvater lächelte und deckte seinen Enkel zu. 

»Diese Frage beantworte ich dir morgen, Jimmy. Schlaf gut.« 

Der Großvater streichelte dem Jungen ein letztes Mal über die Stirn, stützte sich auf seinen Wanderstab, den er als Gehstock verwendete, und humpelte langsam zur Zimmertür.
Der Junge beschloss, einen weiteren Versuch zu starten, um noch nicht schlafen gehen zu müssen, und rief in die Dunkelheit: »Großvater?«

***

 

Das penetrante Piepen des Weckers riss Cheyenne aus dem Schlaf. 

Schon wieder ein Traum über diesen Jungen!
Sie schlug mit der rechten Hand, nach dem grauen Blechkasten, auf ihrem Nachttisch und brachte das Gerät zum Schweigen. Das leichte Aroma von frischen Eiern und Speck zog sanft unter dem Türspalt ihres Zimmers hindurch.
Elise ist heute wohl vor mir aufgestanden, dachte Cheyenne.

Begleitet wurde der sanfte Geruch von leiser Musik, die aus dem Küchenradio dudelte, und sich durch das Schlüsselloch in ihr Zimmer spielte. 

In Gedanken immer noch bei der Geschichte der Siebenwelt, schlüpfte sie endgültig aus ihrem Bett. Auch ihre Eltern hatten ihr in ihrer Kindheit diese Geschichte erzählt, wenn sie den Weg ins Land der Träume nicht so schnell gefunden hatte. Jedoch hatten sie ihr viel ausführlicher über die Progressio und die Novellianer erzählt.
Immerhin sind die Novellianer das vorherrschende Volk unserer Gegenwartskultur
.
Cheyenne öffnete, noch halbverschlafen, den Rollladen des Fensters. Die Sonne durchflutete den gesamten Raum mit Licht. Sie kniff die Augen zusammen. Die chromfarbenen Zahnräder, die die Sonne antrieben, glänzten gerade besonders kräftig. Heute würde ein heißer Tag werden. 

Als sie unbedacht das Fenster kippte, bereute sie es sofort. Die aufsteigende Hitze fand schnell einen Weg durch den offenen Spalt und kämpfte sich in ihr Zimmer. Cheyenne schloss es hastig und mit einem Knall. Sie hatte keine Zeit und musste sich dringend fertigmachen. 

Wie jeden Montag sollte sie bereits um neun Uhr bei Dr. Livingston sein, der Standardtermin bei ihrem Therapeuten. Sie bestritt ihre morgendlichen Rituale. Anschließend hastete sie in die Küche, rief Elise ein kurzes »Tschüss, wir sehen uns später!« zu, und eilte dann aus der Wohnung.

Kaum in der Praxis angekommen, empfing sie Anna-mit-der-sanften-Stimme wie üblich: »Guten Morgen Miss Washington. Der Doktor hat noch einen Patienten. Es wird aber nicht mehr lange dauern und er findet sicher gleich Zeit für sie. Sie können einstweilen gerne Platz nehmen.«
Wie aufgefordert setzte sie sich, ohne der Sprechstundenhilfe weiter Beachtung zu schenken. Nach Plaudern stand ihr gerade überhaupt nicht der Sinn, denn heute war einer dieser Tage, an dem sie am liebsten ihren Kopf unter dem Kissen vergraben hätte, und nicht aufgestanden wäre. Schon in der Sekunde des ersten morgendlichen Augenaufschlags spürte sie, dass sich heute die Katastrophen aneinanderreihen würden: wie bei einer Spinne, die Reihe für Reihe ihr Netz webt.
Als sie aus ihrem Zimmer gehastet war, war sie mit dem Oberarm an der Türklinke hängengeblieben (schon wieder ein blauer Fleck, irgendwann ende ich noch als Schlumpf). Kaum hatte sie die Küche betreten, hatte die Espressomaschine nach Entkalkungsmittel geschrien und sich strikt geweigert, das schwarze Gold zu produzieren. 

Elise hatte sie triumphierend, mit einer Tasse Kaffee in der Hand angelächelt und ihr zugeprostet. »Möchtest du auch Ham and Eggs frisch aus der Pfanne zum Frühstück? Ich habe eine riesige Portion gemacht.«
Cheyenne zog die Nase kraus. »Es riecht aber nach Speck.«
Elise kicherte hinter vorgehaltener Hand. »Hihi, ja du hast Recht. Wir hatten keinen Schinken mehr zu Hause, also hab ich stattdessen einfach Speck genommen. Willst du?«
»Nein danke, ich bin immer noch Vegetarierin, wie du weißt. Außerdem bin ich sowieso schon spät dran. Es wundert mich, dass du so zeitig schon munter bist ... und das in den Sommerferien. Ist alles in Ordnung bei dir?«
Elise pustete auf ihr Frühstück. »Ja ja, ich habe mich nur freiwillig gemeldet, um einer Gruppe Schülern Nachhilfe zu geben. Du weißt schon. Die Nachzügler, die sonst sitzen bleiben würden, wenn ihnen niemand eine helfende Hand reicht. Du kennst das ja, Lehrer ist man auch in seiner Freizeit. Das lässt sich nicht so einfach abschütteln ... ach ja, und danach treffe ich mich mit Stuart zum Mittagessen: Wahlslogans besprechen.«
Sie wünschte Elise einen aufregenden Tag, weil Elise Aufregung liebte, und machte sich leicht gestresst auf den Weg.
Als Cheyenne bereits die halbe Strecke zur U-Bahn zurückgelegt hatte, bemerkte sie, dass sie noch ihre Hausschuhe trug. Vor lauter Hektik hatte sie ganz vergessen, sich ihre Straßenschuhe anzuziehen. Also musste sie wieder zurück nach oben, um die gemütlichen Flauschtreter, gegen schicke Sandalen zu tauschen. Außer Atem erreichte sie endlich die U-Bahn, die zum Glück im selben Moment quietschend in der Station zum Stehen kam. Sie zwängte sich hinein und steckte auch gleich fest, eingepfercht wie in einer Büchse, zwischen all den anderen freiwilligen Sardinen. Ein Fremder nutzte die Unbeweglichkeit und grabschte nach ihrer Brieftasche, wobei er allerdings nur ihren Kosmetikbeutel erwischte. Glück im Unglück sozusagen.
Und nun wartete sie, angespannt von dem beschwerlich nachklingenden Morgen, auf ihren Termin. 

Wahllos angelte sie sich eine der Zeitschriften, die auf einem großen Stapel, in der Mitte des Couchtisches lagen und blätterte darin. Auf den ersten Blick erkannte sie nur wenige tiefgründige Berichte. Das Haus des Vizebürgermeisters von Vorstadt-Süd hat einen neuen Anstrich bekommen. Das Stundenfest fällt dieses Jahr mit der Neueinstellung der Sonne zusammen, und die Spendenaktion für die Heimatlosen wurde unerwartet abgesagt ....

Sie wollte das Heft eigentlich schon wieder zuklappen. Denn es wirkte seicht und übertrieben farbenfroh. Und langweilig.
Eindeutig kein guter Tag
.
Dieser Gedanke wurde noch zusätzlich durch den Fremden untermalt, der soeben aus dem Praxisraum geschossen kam.
Jetzt starrte sie doch lieber weiterhin wie gebannt in ihr buntes Magazin, anstatt aufzusehen. Der Mann rempelte sie im Vorbeigehen unsanft an und trampelte ihr dabei auf den Fuß (das wäre mit den weichen Pantoffeln bestimmt nur halb so schmerzhaft gewesen). Er drehte sich im Vorbeigehen nicht einmal zu ihr um und eilte dann, ohne ein entschuldigendes Wort, einfach so davon. Als wäre das noch nicht genug, hinterließ er eine Geruchsstraße aus zart süßlichem Rosenduft, von der ihr augenblicklich übel wurde.
Ihre Nase fing durch die Luftverpestung an zu kitzeln. Sie kniff die Augen fest zusammen, um das heraufsteigende Niesen zu unterdrücken. Völlig perplex hielt sie die Augen weiterhin geschlossen, denn ihr Unterbewusstsein drückte den ON-Schalter und startete unerwartet ihr Kopfkino. Erneut erblickte sie die Umrisse des Jungen und dessen Großvater auf der dunklen Leinwand ihrer geschlossenen Lider.

***

 

»Großvater, bitte erzähl mir noch eine Geschichte.«
Der alte Mann, der schon entkräftet von der Letzten war, setzte sich wieder zu seinem Enkel ans Bett, holte tief Luft und begann etwas Neues zu erzählen, um seinen Enkel endlich zum Einschlafen zu bewegen. 

»Du hast gewonnen. Ich erzähle dir jetzt deine Lieblingsgeschichte. Die Geschichte vom Tage deiner Geburt. Aber danach ist endgültig Schlafenszeit.«
Diese düstere Geschichte war bestimmt nicht für jedes Kleinkind geeignet, doch da sie Jimmys Lebensbeginn schilderte, liebte der Junge sie über alle Maßen. Der Großvater hatte die Begebenheit über diesen Tag, im Laufe der Jahre mit vielen kleinen Details ausgeschmückt, an denen sich der Junge stets erfreute, denn an seine Eltern fehlte ihm jede Erinnerung. Er hatte sie an seinem ersten Tag auf dieser Welt verloren. Ihr plötzlicher Tod klang aus dem Mund seines Großvaters, für ihn wie ein Märchen und diente ihm dazu, seine Eltern tief in seinem Herzen zu bewahren.
»Deine Geburt verlief ohne größere Komplikationen und dauerte nur drei Stunden, in denen deine Mutter auch kaum Schmerzen ertragen musste. Als sie dich zum ersten Mal in den Armen hielt, sagte sie, du wärst ihr schmerzloses Wunder und eines Tages würdest du andere Menschen von ihrem Leid und ihren Schmerzen befreien.
Deine Mutter fühlte sich nach der Geburt so ausgezeichnet, dass ihr zuständiger Arzt, Dr. Zeltner, entschied, sie müsse gar nicht über Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben und dürfe sofort nach Hause. Deine Eltern, die ihrem Arzt natürlich vertrauten, machten sich auf den Weg, denn seine Entscheidungen waren bis zu dieser Stunde noch niemals falsch gewesen. Es war der dreiundzwanzigste Juli, vor sechs Jahren, und das Wetter spielte verrückt. In diesem Jahr zeigte sich ein außergewöhnlicher Sommerbeginn, wie er uns schon seit Jahren nicht mehr untergekommen war. An einem Tag herrschte purer Sonnenschein, bei mindestens dreißig Grad, und man drohte in der Hitze dahin zu schmelzen, doch bereits am nächsten Tag hagelte es und es herrschte Eiseskälte, bei der man den Wunsch verspürte, die Winterjacke hervorzukramen, damit man nicht zu einem Eiszapfen mutierte.
An diesem besagten Tag tobte draußen ein wilder Sturm, der die Äste gegen das Zimmerfenster deiner Mutter peitschen ließ. Der Wind heulte laut auf und trieb sein Lied durch die endlos wirkenden Gassen der Siebenwelt. Obwohl die Gefahr bestand in den Sturm zu geraten, freuten sich deine Eltern sehr über die Neuigkeit, das Krankenhaus noch heute verlassen zu dürfen, sodass sie trotz des nächtlichen Unwetters beschlossen, ihren Sohn James –dich – nach Hause zu bringen. Ihnen gefiel der Gedanke, dass er seine erste Nacht auf dieser Welt in seinem eigenen Zimmer verbringen würde.
Sie verließen das Krankenhaus und es regnete bereits in Strömen. Dein Vater entschied, sein Auto alleine von der hintersten Reihe des Krankenhausparkplatzes zu holen. 

Er zog sich, im Laufschritt, die Jacke über den Kopf, um sich vor den fallenden Tropfen zu schützen. Die nassen Nadeln stachen ein feuchtes Fleckengemälde in das Rückenteil seiner Jacke und hinterließen bizarre Muster auf dem groben Stoff. Seinen Blick hielt er nach unten gerichtet, weshalb ihm seine Brille ständig von der Nase rutschte. Er fuhr einen alten verrosteten Kombi, der schon alleine durchs Hinsehen auseinanderfiel. In dem noch kalten Innerraum des Wagens richtete er sich erneut das Drahtgestell in seinem Gesicht und steckte den Schlüssel in das Zündschloss, allerdings ohne ihn zu drehen. Er begann das Standardverfahren, das bei jeder Fahrt wie ein kleines Ritual, von ihm angewendet wurde: Kurz durchatmen und hoffen, dass der Wagen dieses Mal beim ersten Versuch anspringt. Augen zukneifen, jetzt: Anstarten. 

Der Motor schwieg, wie gewohnt. Nächster Versuch. Beim zweiten Drehen protestierte das Fahrzeug mit einem kurzen Ruckeln, als wäre es sein letztes Mal, doch dann war es endlich geglückt, der Wagen sprang an. Das Auto setzte sich gemächlich, ja fast zaghaft in Bewegung. Dein Vater überquerte vorsichtig den Parkplatz und sammelte deine Mutter – meine Tochter – und dich, direkt vor dem Ausgang des Krankenhauses ein. 

Sie hielt dich fest in ihren Armen, drückte ihr Kind an ihren warmen Körper, um es vor dem herabprasselnden Regen zu schützen. Dein Vater sprang sofort aus dem Auto, um deiner Mutter die Wagentür aufzuhalten. Er nahm dich vorsichtig aus ihren schützenden Händen und legte dich behutsam in die Babytrageschale.
Deine Eltern verließen den Parkplatz und bogen in Richtung Bundesstraße ab. Denn ihr Zuhause lag außerhalb der Stadt, in den Wäldern der Siebenwelt.« 

Der Großvater schmunzelte und streichelte Jimmy über den Scheitel. »Es ist ein ruhiger Ort, an dem es sich ausgezeichnet leben lässt, wie du ja weißt, immerhin wohnen wir beide noch hier, in dem Haus deiner Eltern.« Er deckte Jimmy ordentlich zu und knüpfte wieder bei der Geschichte an. »Dein Vater, eigentlich ein sehr konzentrierter Autofahrer, beging wegen seiner überschäumenden Gefühle, einen fatalen Fehler. Er schenkte deiner Mutter einen zärtlichen Blick, weshalb er einen kurzen Moment; nur für den Bruchteil einer Sekunde, nicht auf die Straße achtete, was ihnen zum Verhängnis werden sollte. Der Wagen rammte ein parkendes Auto und kam dabei ins Schleudern. Die Reifen schlitterten über den nassen Asphalt. Sein liebevoller Gesichtsausdruck wandelte sich zu einer bestürzten Grimasse. Egal wie sehr sich dein Vater auch bemühte, er schaffte es einfach nicht, den Kombi wieder unter Kontrolle zu bringen. Er stieg mit voller Wucht auf die Bremsen, die vor lauter Anstrengung laut aufkreischten. Der Wagen vollzog eine Drehung um die eigene Achse, die Räder blockierten, und unheilvolle Musik erklang, durch die entstandene Reibung des Getriebes, die das nahende Unheil ankündigte. Der alte Wagen prallte gegen eine Mauer.
Deine Eltern drehten sich in derselben Sekunde, als der Wagen die Wand berührte zu dir um und lächelten dich an. 

Und sie wussten, du würdest überleben. Du warst das Letzte, was sie in ihrem Leben sahen.«

***

 

Abrupt verschwanden die Bilder und Cheyenne saß wieder in dem Warteraum ihres Therapeuten. Sie kaute an den Resten ihres kleinen Fingernagels. Die Geschichte von diesem schlimmen Unfall kannte sie bereits. Denn in der ersten Nacht nach der Transplantation hatte sie von genau  diesem Vorfall geträumt. Nur hatte sie selbst, in dem Traum, auf dem Rücksitz hinten im Wagen gesessen.
Was der Großvater dem Jungen nicht erzählt hatte, war, dass das Genick der Frau durch den heftigen Aufprall brach. Der Vater hatte vergessen, sich anzugurten, und knallte deshalb mit der Stirn frontal gegen die Scheibe. Dabei wurde seine linke Schläfenseite zertrümmert und diese Verletzung führte zum sofortigen Tod. 

Das kleine Bündel saß, gesichert und verpackt, eingehüllt wie in einem riesigen Marshmallow, in seiner Babytrageschale, sodass es nicht einmal richtig durchgeschüttelt wurde, aber trotzdem heftig brüllte. Ein weißer Plüschhase, der ursprünglich neben dem Kind auf der Rückbank gelegen hatte, flog durch das Auto und wurde mit voller Wucht gegen die Frontscheibe geschleudert.
Cheyenne war bis jetzt nicht auf die Idee gekommen ihren ersten Traum mit den darauffolgenden, über den sechsjährigen Jungen, zu verbinden. Sie hatte schon lange nicht mehr daran gedacht, sondern ihn einfach als Nachwirkung der Narkose abgetan. Doch in diesem Moment erkannte sie zum ersten Mal den Zusammenhang. Eine neue Erkenntnis, die vieles erklären würde. Wenn ein Zug erst einmal rollte, sollte man ihn nicht aufhalten.
Sie sprang auf und eilte zügig in den Praxisraum. Sie ließ Dr. Livingston keine Zeit für Begrüßungen, sondern hetzte zu ihrem Platz, setzte sich direkt auf den Patientenstuhl, und begann sofort zu reden: »Bruce, du weißt doch, dass ich seit fast einem Jahr diese Träume habe ... und die ich seit meiner Transplantation immer öfter habe. Ich glaube, ich verstehe jetzt endlich, woher sie kommen ... Vor allem, weil ich sie anscheinend nicht mehr nur nachts habe.«
Er blickte sie einen Moment lang verwirrt an. »Diese Träume sind unverarbeitete Eindrücke. Das haben wir doch schon zur Genüge besprochen.« Er hielt kurz inne. »Aber was meinst du damit, du träumst sie nicht mehr nur in der Nacht?«
»Ich hatte gerade eben einen ... Tagtraum. Obwohl, ich mir nicht sicher bin, ob dieses Wort wirklich passend beschreibt, was ich erlebt habe. Ich glaube ...« Sie überlegte kurz, ob sie ihre Gedanken in Worte fassen und ihnen somit eine Berechtigung verleihen sollte.

»Ich glaube, es war ... eine Vision.«
Ihre Stimme zitterte hörbar. Als die junge Frau diese Worte aussprach, überkam sie ein kalter Schauer. Wie bedeutungsvoll ihre soeben gewonnene Erkenntnis war, wurde ihr erst bewusst, als sie den Satz zu Ende gesprochen hatte. Seit der Herztransplantation sah Cheyenne Erinnerungen, die sie nicht kannte, hörte Gedanken, die sie nie zuvor gedacht hatte, und erlebte Eindrücke, von denen sie nichts gewusst hatte.
Diese Bilder in ihrem Kopf waren keine von ihr verdrängten Erinnerungen, die sie erst jetzt Schritt für Schritt verarbeiten konnte. Die Theorie ihres Arztes, hatte sie somit für nichtig erklärt.





möchte
normal


 


Seit sie sich erinnern konnte, ging sie regelmäßig zu ihm, denn es ist seit jeher so üblich, herzkranke Kinder schon früh in Therapie zu stecken, damit sie lernen, mit der entstehenden Einschränkung zu leben. Die Therapeuten sollen ihnen die Möglichkeit einer Orientierung bieten, wie Bruce es formulierte.
Bruce und ein ganzes Team von Ärzten waren dafür zuständig, sie auf eine mögliche Transplantation vorzubereiten, die jedoch in Kindertagen nicht kam.
Schon als sie ein Kleinkind war, entdeckten die Ärzte das Loch in ihrem Herzen. Ein kleiner schwarzer Fleck, ein Schatten auf der Seele, der ihre Welt zu verdunkeln schien. Anfangs hofften die Ärzte noch, das Loch würde von selbst wieder verschwinden, aber als es das nicht tat, versuchten sie, es durch etliche Operationen zu schließen. Dies misslang bei jedem Versuch, und durch die vielen Eingriffe wurde ihre Herzwand nur von Mal zu Mal noch poröser. Die Ärzte sahen nur noch eine geringe Chance für ihre Genesung und rechneten deshalb mit einer Lebenserwartung von höchstens zwanzig Jahren, wenn sie bis dahin kein Spenderorgan erhalten würde. 



Die Uhr ermahnte sie mit einem weiteren Tick.
Ja, es schien sich zu bestätigen. Heute war eindeutig einer dieser verfluchten Tage. Verzweifelt, wie sie war, bildete sich langsam ein Knoten in ihrem Hals. Tack.
Ihre Stimme versagte. Der Knoten wuchs mit jedem Atemzug an. Sie begann zu schluchzen. Der Bach aus Tränen ließ sich nicht mehr aufhalten und brach einfach so aus ihr heraus. All die Schmerzen, die sie durchgestanden hatte. Tick. All das Leid, das sie erfahren hatte ... Wer bist du und warum tust du mir das an? Niemand wollte ihr antworten. Sie war allein. Tack

Tick. Tack. Tick. Tack. 

Tick antwortete die Uhr. 


Cheyenne ergriff die Flucht und rannte einfach so aus dem Therapieraum hinaus. Schon allein, um dem monotonen Ticken der Uhr zu entkommen.
Die Zeit vergeht, sie eilt dahin und rinnt einem unaufhaltsam durch die Finger.
Sie fühlte sich unter Druck gesetzt, verstand aber nicht genau, warum. Sie musste handeln; etwas unternehmen. Diese Träume überfielen sie seit geraumer Zeit jede Nacht und wurden von Mal zu Mal intensiver, sie verlor sich teilweise sogar völlig in ihnen. Ja, wahrscheinlich hatte sie Angst. Ein angsterfülltes Leben, das so nicht weiter gehen konnte.
Bruce lief ihr hinterher. Was wollte er jetzt noch von ihr? 






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