Harald Sigle

 

Der 'DU' in mir

 

Eine Reise durchs Unbewusste zum Ursprung

 

Roman

 

 






 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2017, Harald Sigle

Laudatio Verlag, Frankfurt am Main

Die Liedstrophen auf S. 30/31 sind dem
Evangelischen Gesangbuch der Evangelischen
Kirche in Hessen und Nassau entnommen. (70, 130)
 

 

 

Widmung und Dank

Dieses Büchlein, mein Erstlingswerk, widme ich meinen Kindern und meinen so begeisterungsfähigen Enkelkindern, damit sie teilhaben an meinen Hoffnungen, Ängsten und Träumen und auch an meiner Liebe zu Gott und meinen Nächsten.

Auch widme ich es all denen, die auf der Suche sind und noch nicht genau wissen, welche herrlichen Möglichkeiten und Wunder Gott für sie bereithält. Dieser Gott lässt sich sogar auch von denen finden, die ihn nicht suchen und gibt sich denen zu erkennen, die nicht nach ihm fragen.

 

Mein Dank gilt allen, die mich mit Rat und Tat und Ermutigung bei der Erstellung dieses Büchleins unterstützt haben und den christlichen Gemeinden, in denen ich geistlich wachsen durfte.

 

Ihnen, werte Leserin und werter Leser, danke ich vorab für ihr Interesse und besonders für ihre Nachsicht, über eventuell noch vorhandene Mängel hinwegzusehen.

 

Vorwort

Auf dem evolutionären Weg vom Einzeller zum heutigen Menschen hat unser ‚Ich‘ in den vergangenen Jahrtausenden viele Daseinsformen durchlebt und jede hat in uns genetischen Spuren hinterlassen. Ist der Mensch, sind wir, sind du und ich, die vollendete Krönung dieser Entwicklung? Sicherlich geht sie weiter.

Der Homo sapiens hat sich durchgesetzt. Die Menschheit beherrscht die Welt. Zumindest glauben das manche und verhalten sich entsprechend. Darunter sind beispielsweise machtbesessene Diktatoren, sadistische Tierquäler und notorische Mörder, Lügner und Diebe. Gemessen an den Sozialstrukturen in einem Bienenvolk oder einem Ameisenstaat erscheinen menschliche Gemeinschaften eher brüchig und unreif.

Viele kluge Köpfe erforschen die Welt und das Universum. Sie suchen nach Erkenntnis über das, was uns umgibt und was in uns ist. Sie wollen das 'Leben' verbessern, Pflanzen, Tiere und den Menschen genetisch optimieren, ja sogar die Zukunft nach eigenen Vorstellungen gestalten.

Wohin hat uns das bisher gebracht? Zu Überbevölkerung, Kriegen, Terror, Hunger und Elend. Wenige zu Wohlstand, Sicherheit und Macht.

Einer Studie zufolge besitzt 1% Prozent der Weltbevölkerung 40% des Weltvermögens. Die reichsten 10% besitzen zusammen 85% des Weltvermögens, die ärmeren 50% zusammen nur 1%. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Werden Roboter zukünftig bessere und gesündere Menschen sein? Ich denke nicht, denn sie werden von fehlbaren Menschen erschaffen und programmiert.

Wir können uns nicht mit der Begründung rechtfertigen, dass wir eben sind wie wir sind, weil unsere Gene uns dazu machen. Menschen sind lern- und veränderungsfähig. Sie können sich an Situationen anpassen, ohne anderes zu vernichten.

Die Umwelt formt langfristig unsere Gene und passt uns an. Fragt sich nur, woran.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Möglichkeiten und Potenziale noch längst nicht ausgeschöpft sind. Es gibt etwas in uns, das sich zu Höherem weiterentwickelt. Was ist das? Wir erkennen es kaum, weil unser Betrachtungszeitraum, unsere Lebensspanne, sehr kurz ist.

Wer sind wir? Wollen wir eine persönliche Weiterentwicklung und Reifung? Unterstützen wir sie? Glauben wir, dass wir erneuerte, weiterentwickelte Menschen werden können?

Fangen wir doch klein an und fragen uns selbst: Was steckt in mir? Was gibt es in mir an Positivem, zu entdecken? Wie kann ich es in mein Leben, in mein Denken, Handeln, Fühlen und Verhalten übernehmen?

Lassen wir doch unseren Lebensfunken überspringen auf neue, ungeahnte Bereiche in uns. Erforschen wir unsere Träume, unser Unterbewusstsein, unser verborgenes Ich und lassen wir uns von Visionen überraschen und erleuchten. Das vorliegende Buch hat dazu einen originellen Weg gefunden.

 

 

 

 

Die Taube

Also, ich heiße Harald und bin in der 11. Klasse. In Deutsch steht mal wieder eine Klassenarbeit an. Sie soll ein besonderer Aufsatz werden, aber mehr wissen wir nicht.

Unsere Deutschlehrerin, Frau Taube, ist eine überaus liebenswürdige und einfühlsame Frau und dennoch ein ‚komischer Vogel’, denn sie ist die einzige Lehrerin in der Schule, die allen zu Beginn der Unterrichtsstunde die Hand gibt und für jede und jeden ein nettes Wort hat.

Heute Morgen berührt sie meine Hand nur leicht und lächelt mich dabei strahlend an und plötzlich ‚weiß ich‘, was sie vorhat.

Wie immer vor einer Klassenarbeit geht Frau Taube aufmerksam von Tisch zu Tisch und beäugt mit ihrem scharfen Vogelblick, was wir zur Unterstützung mitgebracht haben: Schreibzeug, Papier, Duden und etwas zu essen und zu trinken. Als sie bei mir vorbeikommt, bleibt sie stehen, lächelt wieder und fragt mich, wie ich mich fühle und ich antworte erfreut: "Super!!!"

Meine Klassenkameradinnen und -kameraden sehen mich verständnislos an, sie aber ist nicht überrascht und flüstert mir zu: „Ich habe heute Nacht von dir geträumt.“ Ich war baff-erstaunt obwohl, die Taube war schon immer sehr intuitiv. Und dann überrascht sie uns: „Ihr könnt alles wieder einpacken. Die Klassenarbeit fällt aus. Stattdessen gebe ich euch eine Hausarbeit. Abgabetermin ist in acht Wochen, also rechtzeitig vor Festlegung der Zeugnisnote. Das Thema lautet: "Mein schönstes Erlebnis."

 

 

Dies ist mein Erlebnis:

 

Auf Expedition

Im letzten Jahr bekam ich zum Geburtstag von meinem Onkel ein Buch über Heinrich Schliemann und die Entdeckung der antiken Stadt Troja.

Ich fand es ungeheuer spannend und will nun auch Altertumsforscher und Entdecker werden.

Dieser Onkel finanziert nun ein kleines Forscherteam mit, das einem besonderen Hinweis nachgehen soll.

Ein einheimischer Hirte, der seine Ziegen suchte, hatte auf einem Berg, genauer auf einer nahen Anhöhe eine auf Säulen ruhende, größere Steinkuppel gefunden, die etwa einen Meter über dem Boden schwebte. Er hatte anderen davon erzählt und diese wieder anderen und so hatte irgendwann das Deutsche Institut für historische Geschichte davon erfahren.

Auf Vermittlung von Onkel Paul darf ich in den Sommerferien an dieser Expedition auf eine ferne, vergessene Insel als Praktikant und Glücksbringer teilnehmen.

Der Leiter der Gruppe, der bekannte Altertumsforscher Professor Dr. Stein, seine Assistentin, Frau Dr. Eiermann, und ich, waren sozusagen die Erkundungsvorhut, die feststellen sollte, ob der Hinweis wertvoll genug ist, um dort zu forschen.

Nun hatten wir mit einheimischen Helfern bereits eine Woche lang mit Hacke und Schaufel vorsichtig ein Gemisch aus Sand und Erde um die herausragenden Säulen herum und unter der Steinkuppel weggeräumt und nach und nach einen kleinen, tempelförmigen Raum freigelegt. Zwischen den Säulen waren große Öffnungen und das Tempelchen war umgeben von einer großen Terrasse aus grob zugehauenen, flachen Steinen. Fast hätte man meinen können, das ‚Gebäude’ sei wegen des schönen Ausblicks hier errichtet worden, denn der war grandios. Man konnte aus etwa 300 Meter Höhe über die Insel schauen. Besonders beeindruckend ist der Blick aufs nahe Meer, auf eine weiße Kalksteinküste und auf die etwa 1 km entfernte Sandbucht, in der wir unser Lager aufgeschlagen hatten und in die hohe Wellen hineinliefen, um sich klatschend und dröhnend zu überschlagen und dann am Strand ruhig auszulaufen.

 

 

Der Aufstieg

Nach den mühevollen Tagen wollen Frau Dr. Eiermann und der Herr Professor Dr. Stein heute, am Sonntag, einen Ruhetag einlegen. Mich aber hält es nicht am Strand. Ich will lieber forschen und meine Wissbegier stillen und sie haben nichts dagegen.

Nach dem kräftigen Frühstück mit Tee, Brot, Speck und Eiern wandere ich auf unserem Trampelpfad durch hüfthohe Wiesen und Farne und durch einen kleinen, feuchten Wald mit alten, dicken Bäumen zum Berg und steige langsam die Serpentinen zur Hügelspitze hinauf. Oben, auf dem Geröllplateau, ruhe ich mich ein wenig aus und genieße den Ausblick.

Dann, wieder bei Atem, gehe ich gestärkt rüber zum Ausgrabungs-gelände mit dem freigelegten „Tempel“.

Was hat der Professor mir immer wieder ermahnend eingebläut? „Bevor du unbekanntes Terrain betrittst, vergesse nicht deine rote Sicherheitsschnur anzubringen, die dich im Notfall rettet. Man weiß nie, was alles geschehen kann.“

 

 

Der Reinfall

Also ziehe ich die Spule mit der dünnen, reißfesten, tausend Meter langen, sich auf Zug selbst abwickelnden rote Nylonschnur aus dem kleinen Archäologenrucksack, befestige sie an meinem Gürtel und wickele das lose Ende um eine der Stützsäulen und verknote sie fest daran. Nun sehe ich mir das Gebäude genauer an.

Das gewölbte, schattenspendende Steindach wird von zwölf grob behauenen, etwa zwei Meter hohen Steinsäulen getragen. Die werden von einer etwa sechzig Zentimeter hohen und circa dreißig Zentimeter breiten Steinmauer ohne Durchgang verbunden. Der überdachte Raum ist quadratisch und hat eine Seitenlänge von etwa sechs Metern. Der Boden des Innenraums besteht aus exakt geschliffenen, fugenlos aneinander gelegten, quadratischen Steinplatten, die so gar nicht zu den grob behauenen Steinsäulen passen.

Ich halte das Gebäude für eine alte Berghütte mit Rundumblick, aber der Professor, klug und erfahren, hatte mir väterlich-wichtig gesagt: „Alles hat seine eigene Bedeutung!“ und „Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick erscheint!“

Jetzt betrachte ich mir den auffällig regelmäßigen und sauber gearbeiteten Boden sehr gründlich, finde aber nichts Bemerkenswertes. Niemand würde so ein Gebäude ohne Grund so weit weg vom Meer bauen. Was ist das Geheimnis dieses Tempelchens hier oben auf dem Berg? Wer hatte ihn errichtet? Wozu diente er? Was wollen er und seine Steine uns sagen?

Die bisherigen Überlegungen hatten uns nicht weitergebracht.
Es gab zu viele Widersprüche, die wir zunächst einzeln klären müssen.

Ich setze mich nachdenklich in eine Ecke und sinniere über die mögliche Geschichte dieses Raumes. Dabei blicke ich schweifend aus dem „Fenster“ in die Ferne. Am Himmel zieht ein Vogelpaar einsam seine Kreise, die Brandung donnert laut gegen die Kalkfelsen, der Wind säuselt um die Säulen und ich öffne mich langsam für das Rätsel, das zu lösen ich mir vorgenommen habe.

Ein bunter Vogel, eine Art Papagei, der sich vertrauensvoll auf einer Verbindungsmauer niederlässt, so als wäre das sein Stammplatz, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich habe solche Vögel schon auf der Insel gesehen; es gab viele davon. Er betrachtet mich aufmerksam, dreht sich dann aber gelangweilt um und schaut interessiert in die Umgebung. Ich rede mit ihm, erkenne aber keine Reaktion.

Die Ruhe, der Schatten, die Wärme, das zutrauliche Verhalten des Vogels wie auch meine innere Öffnung bewirken, dass meine suchenden Gedanken umherschweifen, sich mit Gefühlen vermischen und zu lebhaften Bildern zusammenfügen. Ich sehe Vögel am Himmel und auch, wie der Papagei weg fliegt und zu ihnen aufsteigt. Ich höre ihre Rufe und sehe vor meinem geistigen Auge eine kleine Vogelfamilie. Ich sehe ihr Nest, sehe, wie sie abwechselnd ihre Jungen füttern, sie wärmen und verteidigen, sehe, wie sie liebevoll miteinander schnäbeln und aufmerksam nach Feinden Ausschau halten. Alles ist irgendwie friedlich und ganz natürlich, so, wie es sein soll.

Ich habe noch das Bild der kreisenden und rufenden Vögel in mir, als plötzlich der Boden unter mir nachgibt und ich falle. Nach etwa fünf Metern lande ich erschrocken aber weich in hellgrünen, flauschigen Federn.

Ungläubig sehe ich auf das helle Loch über mir und erkenne im Gegenlicht beruhigt meine dünne, rote Sicherungsschnur. Seitlich von mir bemerke ich Steine, die etwa einen Meter aus der Wand herausragen. Die oberen scheinen abgebrochen, denn dort sind nur noch kurze Stümpfe zu erkennen. War das mal eine Treppe?

 

Federleicht?

Heiß schießt es mir in den Kopf: Hier komme ich ohne fremde Hilfe nicht mehr raus! Dann mache ich mir Vorwürfe: Wäre ich doch nur nicht alleine hierhergekommen. Hätte ich doch nur den Professor oder wenigstens Frau Eiermann mitgenommen. Aber die wollten ja beide nicht.

Was soll ich jetzt tun? So gefährlich habe ich mir das Forschen nicht vorgestellt. Im Grunde genommen hätte es auch schlimmer kommen können! Ich bin weich gelandet und unverletzt. Es gibt keine Schlangen, keine Ratten und keine Spinnen. Die Luft ist bis auf ein paar Federn atembar. Im Rucksack sind etwas zu essen und zu trinken und auch noch ein paar Notfallkerzen mit Streichhölzern und eine Grubenlampe mit mehreren Batterien.

Die bunten Federn sind trocken, kuschelig weich und warm. Manche kitzeln mir in der Nase und ich muss immer wieder niesen. Und immer wenn das geschieht, fliegen erneut Federn auf und sinken langsam schwebend zu Boden. Was heißt hier Boden? Sie sinken auf die grün schimmernde, weiche Federoberfläche vor mir. Immerhin, das erste Geheimnis des Tempelchens hat sich mir offenbart und das macht mich, trotz meiner beängstigenden Situation, doch ein bisschen fröhlich und stolz.

Nun, vielleicht sollte es ja so sein. Vielleicht war der Reinfall eine Fügung. Ich fange an zu singen und dabei legt sich meine Angespanntheit. Ich werde ruhiger und mein Forscherdrang kehrt zurück.

Wieder erinnere ich mich an einen Satz des Professors: „Jeder Raum hat sein Geheimnis!“ Welches, ist hier zu finden?

Also: Angst ade. Sich dem Schicksal wehrlos zu ergeben, ist blöd und sich selbst zu bemitleiden, ist noch viel blöder! So schnell gebe ich nicht auf!!!

Was kann ich tun? Vielleicht um Hilfe rufen. Also rufe ich, dann schreie ich, dann brülle ich, doch die Federn dämpfen mein Gerufe und Geschrei und ich bin mir nicht sicher, ob und wie viel davon durch das Loch in der Decke nach außen dringt.

Vielleicht wäre es besser, von weiter oben zu rufen? Ich könnte doch die Stufen so weit wie möglich nach oben steigen und von dort aus rufen. Vielleicht hört mich ja dann jemand. Vielleicht sogar suchen mich die anderen schon? Aber das ist eher unwahrscheinlich.

Also, gedacht getan. Ich wate langsam und wacklig durch die weichen Federn zur Treppe. Dabei wirbeln sie um mich herum hoch auf und ich sinke in ihnen knietief ein. Dann prüfe ich, ob die Stufen mich tragen. Sie scheinen mir fest genug. Nun steige ich vorsichtig, hoffend, ängstlich und behutsam Stufe um Stufe zur Öffnung hinauf. Auf der vorletzten Stufe bleibe ich stehen, hebe meinen Kopf und beginne wieder zu schreien: „Hallo! Hallo! Ist da jemand? Ich brauche Hilfe!“ Aber, es bleibt still. Niemand antwortet. - Ich brülle immer lauter und schließlich so laut wie ich kann: „Hilfe! Hilfe!“ und immer wieder: „Hilfe! Hilfe!“, doch, es geschieht nichts. Meine Angst wird immer größer und ich verfluche meinen Mut und meinen Leichtsinn, alleine losgegangen zu sein.

Vielleicht gibt es ja noch andere Möglichkeiten? Ich könnte versuchen, mir selbst zu helfen, den Meter rüber zur Öffnung zu springen, mich am Rand festzuhalten und in dem Loch ein Bein einzuhaken, um mich aus dem Schlamassel zu befreien. Das, müsste doch zu schaffen sein. Wenn ich noch eine Stufe höher stiege, den Rucksack abnähme, in die Knie ginge und mich kräftig abstieße, müsste es noch leichter sein. Es könnte gelingen. Und wenn nicht, dann würde ich wieder weich in den Federn landen und wäre genauso weit wie vorher.

Also lege ich meinen Rucksack neben mich, steige noch eine Stufe höher, nehme Schwung, drücke mich fest ab und …. Es gibt einen lauten Knall. Die Stufe unter mir bricht ab und mit ihr, im Dominoeffekt, gleich die nächsten zwei noch mit. Ich falle zurück in das weiche Dunkel. "So ein Mist!!!" Enttäuscht und den Tränen nahe, bleibe ich einfach liegen und überdenke meine aussichtslose Situation. Und wie zum Hohn senken sich die aufgewirbelten Federn langsam auf mein Gesicht und meinen Körper und bedecken mich wie ein Leichentuch.

Ist das also mein Grab? Hoffentlich nicht! Zumindest würden meine Leute die rote Sicherungsschnur finden, die ihnen zeigt, wohin ich verschwunden bin.

Da ich nun aber, warum auch immer, vom Aussichtstempel ins Innere dieses Raumes gekommen bin, will ich mich auch genauer umsehen. Vielleicht finde ich ja etwas Außergewöhnliches. Vielleicht kann ich einen anderen Ausweg finden. Vorsichtig tastend suche ich meinen Rucksack, krame nach meiner Grubenlampe, drehe sie an und setze sie mir auf den Kopf, damit ich die Hände frei habe. Dann rutsche ich rüber zur Treppe und setze mich.

Ich nehme den roten Faden wieder auf und taste die Wände ab. Außer, dass sie warm sind, kann ich nichts entdecken. Nur in der Nähe der Treppe ist die Wand kühler. Klar doch! Die Treppe könnte weiter nach unten führen. Dazu aber muss ich erst einmal tausende Federn zur Seite räumen.

Also beginne ich, die oberen Federschichten nach und nach in den hinteren Raum zu tragen und sie dort vorsichtig abzulegen. Doch immer wieder trete ich viele Federn zurück in das gerade ausgehobene Loch. Schließlich, fast zwei Meter tiefer, stehe ich auf festem Boden. Die restlichen Federn stopfe ich nun hinter die restlichen Stufen. Tatsächlich, ich finde eine Falltür aus Holz, die sich leicht nach oben öffnen lässt. Darunter geht die Treppe weiter in einen größeren dunklen Raum. Ich nehme meinen Rucksack, steige durch die Öffnung und ziehe die Holzklappe schnell über mir zu, damit die Federn nicht nachrutschen. Im Schein meiner Lampe steige ich die Stufen hinab ins Ungewisse.

 

 

Die Rumpelkammer

Na wie sieht es denn hier aus? Was da alles rumsteht. Lauter altes Zeug und alles total verstaubt. Dagegen war der Dachboden von Oma mit all dem ausrangierten Gerümpel noch aufgeräumt. Und die Garage unseres Nachbarn sieht auch nicht besser aus. Das Auto muss deswegen davor stehen.

Was die Leute so alles aufheben!? Auf dem Dachboden hatte mich das alte Grammophon mit dem großem Tontrichter fasziniert und die kratzige Musik von der Schnelllackplatte ‚Der dritte Mann‘. In mir ertönt die Melodie, 'Da, da, dada, daa da da, dada, dada, daa da …..', der ich so gern lauschte.

Hier stehen kreuz und quer Tische und Stühle, Schränke und Truhen, Kisten und Tonkrüge und Statuen, teilweise noch sehr gut erhalten.

Ist das die Abstellkammer vom Tempel obendrüber? War der Raum mit den Federn einmal eine Küche für die Tempelbesucher? Oder war dieser Raum hier vielleicht ein Versteck für wertvolle Sachen? Das will ich herausfinden.

Ich öffne knarrend die erstbeste Truhe. In ihr liegen auf Leder geschrieben Texte, die ich nicht entziffern kann. Aber die Bilder darauf verstehe ich. Sie zeigen Szenen mit Mord und Totschlag, mit Liebe, Lust und Untreue. Sie handeln von Wünschen und Hoffnung, von Lüge und Betrug, von Angst und Verrat. Sie enthalten Themen, die auch heute in Bücherschränken zu finden sind. Sie handeln von persönlichen Abgründen, die wir gern tief in uns verbergen.

In einem Schrank mit schönen Ornamenten finde ich kleine, abgegriffene Figuren, die aussehen wie Götzenbildnisse, Idole oder Talismane. In einem anderen Schrank altmodische Damenschnürschuhe und Hüte und Umhängetaschen. Das war wohl ein ‚Frauenschrank‘. Weiter hinten, in einer unscheinbaren Kiste, entdecke ich glänzende, unregelmäßige Münzen mit verschiedenen Köpfen drauf.

War das die Schatztruhe des ehemaligen Hausherrn? War er ein Sammler oder Geldverleiher? Manches kommt mir bekannt vor.

Ich wühle mich immer tiefer in den Raum hinein. Ein großer Tonkrug, eine Amphore, die leer klingt. Als ich sie umdrehe, fallen einige Samenkörner heraus. Ein anderer Krug klingt gefüllt. Seine Oberfläche ist kühl. Beim Schütteln schwabbelt es. Vielleicht ist Wein drin. In einer Schale liegen Tonplättchen mit eingedrückten Zeichen drauf. Die erinnern mich an einen Spickzettel oder ein Merkbuch. Von dem anderen Zeug, (Entschuldigung: den anderen Artefakten), will ich gar nicht reden. Alles ist erzählende Geschichte. Interessant, was man so in einer Rumpelkammer findet. Manches Wertvolle, aber auch viel Ballast.

Als ich neben den für mich uninteressanten Tischen und Stühlen eine Kiste zur Seite schiebe ist mir, als höre ich etwas? Es klingt wie Musikfetzen, vermischt mit schrillem Lachen. Sofort halte ich inne und lausche. Nichts.

Ich muss mich getäuscht haben. Interessant ist ein Schaukelstuhl. Ich rücke ihn frei, wische den Staub weg und setze mich drauf. Er kippt etwas zurück, sodass ich gemütlich entspannt darin liege. Relaxt lege ich die Arme auf die Lehnen und ich zucke zusammen. Etwas passiert in meinem Kopf. Mir fallen alte Sünden ein, die ich gerne vergessen würde und als ich mit dem Stuhl leicht wippe, zeigen sie sich aneinandergereiht wie in einer Diashow. Ich durchlebe und durchfühle noch einmal diese schon vergessenen, unangenehmen Situationen, in denen ich bewusst oder unbewusst gegen Regeln verstieß, den Eltern gegenüber ungehorsam war, andere ärgerte, belog, manipulierte, bestahl, hinterging oder verletzte, in denen ich unbedingt meinen Willen durchsetzen wollte, aus Angst etwas verheimlichte, mich blamiert hatte oder an etwas gescheitert war. Auch rebellische Situationen mit Wut, Hass und Ablehnung tauchen auf. Das bin ich doch gar nicht mehr. Weshalb muss ich die noch einmal aushalten?