image
image

IMPRESSUM

Erst wenn ich weiß, dass es Liebe ist erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2002 by Lindsay Armstrong
Originaltitel: „The Constantin Marriage“
erschienen bei: Harlequin Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1558 - 2004 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Bettina Röhricht

Umschlagsmotive: ThinkstockPhotos_tsenphoto

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733777647

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

 

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Alex Constantin strich sich durchs Haar und sah auf die Uhr. Bald würden die Festivitäten anlässlich seines ersten Hochzeitstages beginnen.

Durchs Fenster blickte er auf Darwin und die Timorsee, während er über den kommenden Abend nachdachte. Überraschenderweise hatte seine Frau Tatiana, die für ein paar Tage nach Perth gereist war und erst heute mit dem Flugzeug nach Darwin kommen würde, ihren Schwiegereltern freie Hand bei der Vorbereitung der Feier gelassen.

Wie erwartet hatte Irina Constantin, Alex’ Mutter, diese Aufgabe nur zu gern übernommen. Sie war bereits dabei, ihre perfekt aufgeräumte und vor Sauberkeit blitzende Villa mit Hunderten von Blumen zu schmücken. Unzählige Köstlichkeiten wurden für das abendliche Büfett vorbereitet, und die Veranda wurde zum Tanzen leer geräumt. Irina wusste jedoch nicht, dass sie die ehemalige Geliebte ihres Sohnes eingeladen hatte. Auch Alex war das erst klar geworden, als seine Mutter ihm am Morgen die Liste mit den über hundert Gästen vorbeigebracht hatte.

Es klopfte leise. Kurz darauf trat Paula Gibbs ein, Alex’ Sekretärin. Sie brachte ihm die zuletzt diktierten Schreiben und ein schmales Kästchen, das sie vor dem Feierabend aus dem Safe hatte nehmen sollen.

„Vielen Dank, Paula.“ Mit einer Handbewegung forderte Alex sie auf, sich zu setzen, während er die Briefe unterschrieb. Dann nahm er das Kästchen zur Hand. „Möchten Sie den Schmuck sehen?“

„Sehr gern!“

Alex öffnete das Kästchen und betrachtete eine Weile gedankenverloren den Inhalt. Dann reichte er es Paula.

Einen Moment lang verschlug es ihr die Sprache. „Du meine Güte, ist die Kette aber schön! Und so kostbar: Perlen und Diamanten … das sind echte Argyle pinks, stimmt’s?“

„Richtig“, bestätigte Alex. „Meiner Frau nur Constantin-Perlen zu schenken wäre so, als würde ich Holz in den Wald bringen. So weiß sie, dass ich zumindest die Diamanten kaufen musste.“

Paula warf noch einen letzten Blick auf das wunderschöne Schmuckstück mit der funkelnden Diamantschließe. Dann schloss sie das Kästchen und sagte ruhig: „Ich glaube nicht, dass Mrs. Constantin so denken würde.“

Alex schwieg eine Weile. Schließlich erwiderte er lächelnd: „Nein, da haben Sie Recht. So ist sie nicht.“ Aber was für ein Mensch ist Mrs. Constantin eigentlich wirklich? fragte er sich in Gedanken.

Darüber dachte Alex noch immer nach, als er die kurze Strecke zu dem Apartment nahe dem Bicentennial Park und dem Lameroo Beach fuhr, in dem er und Tatiana lebten. Sie hatte sich sehr darüber amüsiert, dass der Sultan von Brunei das Penthouse im selben Gebäude besaß.

„Heißt das, du bist genauso reich wie der Sultan, Alex?“, hatte sie übermütig gefragt.

Alex bestritt dies und fügte hinzu, das Vermögen der Constantins und das der Beauforts, welches Tatiana geerbt hatte, wären zusammen für den Sultan sicher nur Kleingeld – ebenso wie für die Mitglieder des Paspaley-Clans, die im Northern Territory und in der Kimberley-Region als Erste ein Zuchtperlenimperium aufgebaut hatten.

„Aber du hast mit der Perlenzucht doch auch ganz ansehnlich verdient“, stellte Tatiana fest und fügte hinzu: „Genauso wie mit der Rinderzucht und den Kreuzschiffen.“

Alex nickte, wies seine Frau jedoch darauf hin, dass auch das Vermögen ihrer Familie nicht zu unterschätzen war. „Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein Besitz in deinen Augen keinen Wert hat“, fügte er hinzu. „Liegt es vielleicht daran, dass meine Vorfahren Griechen sind und ich aus der ersten in Australien geborenen Generation stamme, während die Beauforts eine alteingesessene Familie sind und zu den Pionieren gehörten?“

„Nein. Die Beauforts mögen zwar alteingesessene Australier sein, aber nur deshalb würde ich niemals so urteilen“, entgegnete Tatiana.

„Warum wirkst du dann manchmal so herablassend?“

Sie zuckte die Schultern. „Es geschieht nicht mit Absicht. Bitte entschuldige. Vielleicht liegt es daran, dass mir einige der griechischen Bräuche und Sitten deiner Familie nicht gefallen. Du weißt sicher, was ich meine.“ Tatiana hatte sich umgewandt und war gegangen, noch bevor Alex sie daran hatte erinnern können, dass auch ihre Mutter – die russische Vorfahren hatte – sich aktiv an genau diesem Brauch beteiligt hatte: dem Arrangieren von Ehen.

Über all dies dachte Alex nach, während er mit dem Aufzug nach oben fuhr. Im Apartment brannte Licht. Seine Frau war also pünktlich aus Perth zurückgekehrt. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer stand offen, und Finlandia von Sibelius ertönte aus dem CD – Spieler. Sie hatte seine Anwesenheit noch nicht bemerkt, so dass Alex die Gelegenheit hatte, Tatiana Constantin, geborene Beaufort, zu beobachten.

Sie war gerade dabei, sich zu schminken. Das lange, trägerlose Kleid betonte ihre Figur und hatte dieselbe kornblumenblaue Farbe wie ihre Augen. In weichen Wellen fiel ihr das dunkle glänzende Haar auf die Schultern. Mit einer Größe von nur knapp über einen Meter fünfzig war Tatiana sehr zierlich, und ihre Zerbrechlichkeit wurde durch den hellen Teint noch betont.

Doch sie steckte voller Energie und Temperament. Da sie erst einundzwanzig Jahre alt war, hatte Alex ihre Art zuerst für jugendlichen Übermut gehalten und dem keine größere Bedeutung beigemessen. Er hatte vieles an Tatiana nach dem äußeren Schein beurteilt, als seine und ihre Eltern diese Vernunftehe arrangiert hatten. Deshalb war Alex sehr überrascht, als er am Abend der Hochzeit feststellte, dass Tatiana sich der Absprache zwischen ihren Eltern durchaus bewusst war. Äußerst gelassen teilte sie ihm mit, dass sie auch von seiner Geliebten wusste – sogar deren Name war ihr bekannt. Schließlich sagte Tatiana ihm noch, sie würde ein Jahr Bedenkzeit für die Entscheidung benötigen, ob sie die Ehe mit ihm wirklich vollziehen wollte. Alex stimmte zu – und musste sich eingestehen, dass er Tatiana stark unterschätzt hatte: Sie war äußerst intelligent und hatte einen starken Willen.

Aus dem ersten Jahr ihrer Ehe machte Tatiana unzweifelhaft das Beste. Sie genoss es, die Hausherrin in Alex’ verschiedenen Apartments und Häusern zu sein und diese mit Leben zu füllen. Als Gastgeberin war sie äußerst charmant und unterhaltsam. Auch auf seinen Reisen begleitete Tatiana ihn häufig und spielte vor Außenstehenden gekonnt die perfekte Ehefrau. Außerdem interessierte sie sich sehr für die Perlenzucht.

Tatianas ehrenamtliche Arbeit in einem Rechtsberatungsbüro verschaffte ihr zusätzliche Anerkennung. Nur in einer Hinsicht hatte sie die Erwartungen ihrer Schwiegereltern bisher nicht erfüllt: Sie hatte ihnen noch kein Enkelkind geschenkt. Das jedoch war natürlich das Hauptmotiv der Eheschließung gewesen.

Alex’ Eltern hatten einen ausgeprägten Familiensinn. Und dass sie selbst nur ein Kind bekommen hatten, betrübte sie sehr. Deshalb ruhten all ihre Hoffnungen auf ihrem Sohn, und sie nahmen regen Anteil an seinem Privatleben. Manchmal ging Alex das zu weit. Doch meist ertrug er es mit Fassung. Er tat ohnehin nur, was er wollte.

Als Alex mit dreißig Jahren noch immer nicht verheiratet gewesen war, hatte seine Mutter beschlossen, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Schon als sie ihm sehr diskret die erste geeignete Kandidatin vorstellte, wurde Alex klar, was sie vorhatte. Zuerst amüsierte es ihn, doch nach einiger Zeit wurde ihm ihre Beharrlichkeit lästig. Seine ablehnende Haltung kränkte Irina. Dann passierten zwei Dinge gleichzeitig: Alex bekam ein schlechtes Gewissen, und seine Mutter stellte ihm Tatiana Beaufort vor, die Tochter einer alten Freundin. Als potenzielle Ehefrau bot Tatiana einen überzeugenden Vorteil: Ihre Vorfahren, die Beauforts, waren eine alteingesessene Familie und Pioniere in der Kimberley-Region gewesen. Und sie besaß zwei große Rinderfarmen.

Alex’ Mutter bedeutete der alte, respektable Name sehr viel, ihm selbst waren solche Dinge egal. Die Rinderfarmen interessierten ihn dagegen sehr. Sollten er und Tatiana heiraten, würde ihnen ein beträchtlicher Anteil des Distrikts gehören. Und die Preise für Rindfleisch würden sich aller Voraussicht nach in naher Zukunft verdoppeln.

Trotzdem zögerte Alex. Aber Tatianas Mutter Natalie schien noch entschlossener zu sein als Irina, die Ehe in die Wege zu leiten. Sie hatte Tatiana und ihn auf äußerst diskrete Weise miteinander bekannt gemacht und war dabei so geschickt vorgegangen wie eine abgebrühte Geschäftsfrau. Alex wollte wissen, warum Natalie gerade ihn als zukünftigen Mann für ihre Tochter ausgesucht hatte.

Natalie erklärte ihm ihre Beweggründe: Tatiana war seit dem Tod ihres Vaters ein geradezu ideales Opfer für Mitgiftjäger, weil sie sehr behütet aufgewachsen war, eine Klosterschule besucht hatte und bisher nur über wenig Erfahrung mit dem „wirklichen Leben“, verfügte, wie Natalie es ausdrückte.

„Ich möchte nicht, dass meine Tochter in die Fänge eines skrupellosen Heiratsschwindlers gerät, Alex.“ Sie schauderte bei dieser Vorstellung.

Das konnte Alex nachvollziehen. „Junge Frauen wie Tatiana glauben doch an die große Liebe“, stellte er ironisch fest. „Wird das kein Problem darstellen?“

Natalie winkte ab. „Es gibt keine unvernünftigeren Wesen als junge Mädchen, die zum ersten Mal verliebt sind – oder das zumindest glauben.“

Alex zog die Augenbrauen hoch und fragte: „Aber wie wollen Sie ihr weismachen, sie wäre in mich verliebt?“

Natalie schwieg eine Weile an. „Wer sollte es schaffen, romantische Gefühle in einem unerfahrenen jungen Mädchen zu erwecken, wenn nicht Sie, Alex Constantin?“, fragte sie dann.

Gelassen erwiderte er ihren Blick, ohne auf ihre Frage zu antworten. Natalie lachte. „Bitte entschuldigen Sie, aber so ist es doch. Außerdem besitzen Sie ebenfalls Rinderfarmen und verfügen über genug Erfahrung, um die Leitung von Tatianas Farmen Beaufort und Carnarvon in die Hand zu nehmen.“

„Mrs. Beaufort“, erwiderte Alex kühl. „Wir sprechen hier nicht von einem Rinderzuchtunternehmen, sondern von der Zukunft Ihrer Tochter.“

Natalie zuckte die Schultern. „Ihre Mutter ist derselben Meinung wie ich: Eine arrangierte, gut durchdachte Ehe wird viel eher Bestand haben als alles andere, was Tatiana in den Sinn kommen könnte.“

„Meine Mutter hat mir junge Frauen vorgestellt, weil sie hoffte, ich würde mich in eine von ihnen verlieben“, entgegnete Alex.

„Aber sicher waren sie auch in jeder anderen Hinsicht ausnahmslos viel versprechende Kandidatinnen.“

„Trotzdem ist das etwas anderes, als den zukünftigen Ehemann seiner Tochter nach rein vernünftigen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten auszusuchen“, beharrte er.

„Dann lassen Sie mich Ihnen anvertrauen, dass Tatiana zumindest schon ein wenig in Sie verliebt ist, Alex“, sagte Natalie Beaufort lächelnd.

Das überraschte ihn, doch er ließ es sich nicht anmerken. Später sprach Alex mit seinem Vater über die Angelegenheit. George Constantin hatte ihm schon einige Jahre zuvor die gesamte Verantwortung für das riesige Constantin-Unternehmen übertragen. Doch noch immer erteilte er gern Ratschläge. Überrascht stellte Alex fest, dass auch sein Vater sehr für die Ehe mit Tatiana Beaufort war.

„Mir war nicht klar, dass du überhaupt davon wusstest“, sagte er.

George zuckte die Schultern und erwiderte, er habe die Angelegenheit seiner Frau überlassen. Aber von all den potenziellen Ehefrauen, die sie ausgesucht hatte, konnte seiner Meinung nach keine Tatiana das Wasser reichen. Sie war bildhübsch, gebildet, offensichtlich sehr tugendhaft und noch so jung, dass man sie beeinflussen und aus ihr eine perfekte Ehefrau machen konnte.

„Übrigens hat deine Großmutter mir deine Mutter auch als zukünftige Frau vorgeschlagen. Und wie du siehst, hat es ausgezeichnet funktioniert“, fügte George hinzu.

„Die Zeiten haben sich geändert.“

„Vielleicht.“ George sah seinen Sohn eindringlich an. „Seit Flora Simpson zu ihrem Mann zurückgekehrt ist, scheinst du dich nicht mehr sonderlich für die Ehe begeistern zu können.“

Als Alex nichts erwiderte, fuhr sein Vater fort: „Deine Mutter und ich werden nicht jünger, Alex. Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, jemals Kinder zu haben, als du plötzlich kamst. Es würde deine Mutter unendlich glücklich machen, dich verheiratet zu sehen – und mit einer eigenen Familie. Und wenn du von der Liebe … enttäuscht bist, ist das für dich vielleicht der beste Weg. Aber die Entscheidung liegt natürlich allein bei dir.“

Alex seufzte. Euretwegen hat sich ein junges Mädchen ein wenig in mich verliebt, dachte er resigniert. Außerdem fühlte er sich durch Natalie Beauforts Hartnäckigkeit unter Druck gesetzt. Und nicht zuletzt missfiel es ihm, dass auch er über die wirtschaftlichen Vorteile einer Ehe mit Tatiana Beaufort nachdachte – über die Farmen Beaufort und Carnarvon, um genau zu sein.

Diese Überlegungen sind doch nur menschlich, hatte er sich zu beruhigen versucht. Wer würde sich keine Gedanken darüber machen, was mit zwei derart riesigen Farmen geschehen würde, wenn man sie einer unerfahrenen Einundzwanzigjährigen überließ?

Alex verdrängte die Erinnerungen und sah seine Frau an, die sich das Haar bürstete. Dann begann sie, mit der Bürste als Taktstock einige Takte von „Finlandia“ zu dirigieren.

Was die körperliche Liebe anging, hatte Alex vor der Eheschließung Tatiana als sehr zurückhaltend empfunden. Vermutlich ist sie noch Jungfrau und will es bis zur Hochzeit bleiben, hatte er vermutet. Doch zu seiner Überraschung erwiderte Tatiana seine Küsse sehr leidenschaftlich. Als sie sich verlobt hatten, war Alex sicher gewesen, dass sie mehr als nur ein wenig verliebt in ihn gewesen war.

Was mochte dann passiert sein? Tatiana hatte ihm nicht verraten wollen, wie sie von seiner Geliebten erfahren hatte. Und wenn sie schon die ganze Zeit gewusst hatte, dass es sich um eine arrangierte Ehe handelte – warum hatte sie es ihm nicht vorher gesagt? War sie vielleicht doch nie in ihn verliebt gewesen?

Die letzten Töne von Finlandia verklangen. Die Bürste noch immer in der Hand, hielt Tatiana inne. Sie wandte sich um. Als sie Alex sah, errötete sie heftig und wirkte plötzlich sehr verletzlich. Doch schnell hatte sie ihre Gelassenheit wiedererlangt. „Wie lange bist du schon hier und siehst mir zu?“, fragte sie lachend.

„Lange genug, um von deinem Talent als Dirigentin beeindruckt zu sein.“

„Es war nicht nett, mich heimlich zu beobachten!“

„Das braucht dir nicht unangenehm zu sein, Tatiana“, erwiderte Alex. „Ich mache so etwas auch manchmal. Wie war es in Perth?“

„Toll.“ Sie seufzte. „Und kalt! Ich habe meine Winterkleidung rausgesucht und musste mich oft am Kamin aufwärmen. Und was hast du so gemacht?“

„Dasselbe wie immer.“ Er zuckte die Schultern. „Da fällt mir etwas ein: alles Gute zum Hochzeitstag!“ Er überreichte ihr das Schmuckkästchen.

Ernst blickte Tatiana ihm in die dunklen Augen. „Ich … Alex, du brauchst mir doch wirklich nichts zu schenken.“

„Nein, das stimmt“, bestätigte er. „Aber sicher sind deine Mutter und meine Eltern schon ganz gespannt darauf, was du von mir zum ersten Hochzeitstag bekommst. Und bestimmt finden sie, dass du ein Geschenk verdient hast, weil du mir eine so gute Ehefrau bist – zumindest in den meisten Bereichen.“

Tatiana schluckte. „Du bist böse auf mich“, stellte sie leise fest.

„Nein, nicht böse. Nur ein wenig verwirrt. Ich frage mich, was wohl im zweiten Jahr unserer Ehe passieren wird – falls es dazu überhaupt kommt.“ Er zog die Augenbrauen hoch und blickte Tatiana fragend an.

Sie wandte den Blick ab und drehte nervös das Schmuckkästchen in den Händen hin und her. „Ich … ich habe mich noch nicht entschieden.“

„Soll das heißen, du brauchst ein weiteres Jahr Bedenkzeit?“, fragte Alex ironisch.

„Nein.“ Sie atmete tief ein und blickte ihn an. „Aber wir sollten darüber reden. Allerdings ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, sonst kommen wir noch zu spät.“ Sie lächelte. „Und dann würde deine Mutter bestimmt einen Nervenzusammenbruch kriegen.“

Alex sah sie eine Weile schweigend an. „Also gut“, sagte er dann und nahm das Kästchen an sich. „Dann erlaube mir bitte, dir mein Geschenk zu überreichen.“ Er hielt die Kette hoch.

Wie Paula war auch Tatiana beim Anblick des wunderschönen Schmuckstücks zunächst sprachlos. Alex ließ sich die Perlen durch die Finger gleiten. Die mit Diamanten besetzte Schließe glitzerte.

„Alex“, sagte Tatiana atemlos, „sie ist wunderschön, aber ich … ich werde mir wie eine Betrügerin vorkommen, wenn ich sie annehme!“

„Das bist du doch auch, Mrs. Constantin“, erinnerte er sie und lächelte ein wenig grausam. „Wenn du dich wirklich so fühlst, hättest du nicht die Zustimmung zu der Feier geben sollen.“

Tatiana gab nach. „Für dich ist es vielleicht einfach, deine Mutter um den kleinen Finger zu wickeln“, verteidigte sie sich. „Aber ich kann das nicht. Sie hat auf einer Feier bestanden.“

„Meine Liebe, wenn ich meine Mutter wirklich um den Finger wickeln könnte – von deiner ganz zu schweigen –, dann wären wir beide jetzt nicht in dieser komplizierten Situation. Aber so ist es nun einmal. Und ich habe vor, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Bitte dreh dich um, Tatiana.“

Sie tat, was er verlangt hatte.

„So.“ Alex legte ihr die Kette um und spürte, wie Tatiana erschauerte, als er ihre Haut berührte. Sie wandte sich zu ihm um. „Perfekt“, sagte Alex leise. Er ließ den Finger an der Kette entlang über ihren Nacken und ihre Brüste gleiten und bemerkte, dass sie noch einmal erschauerte. Dann legte er ihr die Hände auf die Schultern und drehte sie in Richtung Spiegel. „Wie findest du sie?“

Tatiana sah in den Spiegel. Sie betrachtete die Kette und atmete tief ein. Doch nicht die Schönheit der Perlen berührte sie – sondern der Anblick, wie sie beide so nah nebeneinander standen.

Schließlich schloss sie die Augen und sagte: „Die Kette ist wirklich perfekt. Vielen Dank.“

Als Tatiana die Augen wieder öffnete, begegneten sich ihre Blicke im Spiegel. „Du siehst auch perfekt aus, Mrs. Constantin. Deine Haut ist der vollkommene Hintergrund für die Perlen. Sie hat einen eigenen, ganz besonderen Schimmer“, sagte Alex rau.

Überrascht sah Tatiana ihn an. Diesmal ließ er den Blick über das wunderschöne Kleid und ihre zierliche Figur gleiten. Auf ihre Art ist sie wirklich perfekt, dachte er: wie eine zerbrechliche Porzellanfigur, aber gleichzeitig voller Temperament und Lebenslust.

Alex verdrängte den Gedanken und blickte auf die Uhr. „Wir müssen gleich los. Gib mir zehn Minuten Zeit zum Duschen und Umziehen.“ Er wandte sich um, hielt jedoch an der Tür noch einmal inne und fügte hinzu: „Tatiana, es ist etwas Unvorhergesehenes passiert, das die Feier heute Abend betrifft.“

Eine Weile blickte sie ihn schweigend an, als hätte sie Mühe, sich auf seine Worte zu konzentrieren. „Wirklich? Was denn?“

Alex schnitt ein Gesicht. „Ich habe die Gästeliste leider erst heute Morgen gesehen, als meine Mutter sie mir im Büro vorbeigebracht hat. Leonie Falconers Name steht auch darauf.“

Zunächst zeigte Tatiana keine Reaktion. Dann schien sie zu begreifen, was er gerade gesagt hatte.

„Du meinst … du meinst, deine Geliebte?“, fragte sie stockend.

„Meine ehemalige Geliebte“, verbesserte er sie kühl. „Wie meiner Mutter das entgehen konnte, ist mir schleierhaft, aber …“

„Vielleicht ging sie davon aus, dass du dein Verhalten nach der Hochzeit geändert hast?“

„Ich verstehe, was du damit sagen willst“, erwiderte Alex. „Aber du hast ja sicher nicht erwartet, dass ich ein Jahr lang wie ein Mönch leben würde.“

Tatiana errötete.

„Was auch immer man sonst über mich sagen kann“, fuhr er fort, „ich habe nicht die Angewohnheit, meine Ehefrau mit meiner Geliebten zu konfrontieren. Leonie ist nicht zu erreichen: weder im Büro noch im Büro oder über ihr Handy. Ich hatte also keine Gelegenheit, mit ihr zu sprechen und die Einladung rückgängig zu machen. Deshalb wollte ich dich warnen.“

Tatiana hob das Kinn und blickte ihn an. „Das ist wirklich sehr zuvorkommend von dir, Alex.“ Es fiel ihr schwer, doch sie versuchte, die charakteristische Würde der Beauforts zu bewahren. „Ich werde mich nicht von Miss Falconer einschüchtern lassen.“

Alle Achtung, Tatiana, dachte Alex anerkennend. Laut sagte er nur: „Dann sehen wir uns also in zehn Minuten.“

2. KAPITEL

Darwin, die nördlichste Stadt Australiens, war nach Charles Darwin benannt worden. Dort gab es nicht Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sondern nur Trockenzeit und Regenzeit. Während der feuchten Jahreszeit war auf dem übrigen Kontinent Frühling und Sommer, während der trockenen Herbst und Winter. Aber da die Temperatur in Darwin tagsüber selten unter dreißig Grad sank, war Winter für diese Zeit eine eher unpassende Bezeichnung.

Die heiße, trockene Jahreszeit hatte gerade begonnen, als Tatiana Constantin mit ihrem Ehemann zur Feier anlässlich ihres ersten Hochzeitstages fuhr. Es könnte viel schlimmer sein, dachte sie, während sie sich in dem komfortablen cremefarbenen Ledersitz des blauen Jaguars zurücklehnte. Auf dem Höhepunkt der feuchten Jahreszeit zum Beispiel war die Luftfeuchtigkeit unerträglich hoch. Außerdem gab es häufig heftige Wirbelstürme und Überschwemmungen.

Tatiana warf Alex einen Blick von der Seite zu. Im Gegensatz zu ihr war er in Darwin geboren und aufgewachsen. Die Strapazen der Regenzeit schienen ihn nicht weiter zu kümmern. Dann musste sie an Leonie Falconer denken, Alex’ ehemalige Geliebte.

Miss Falconer entwarf Schmuck und hatte eine eigene kleine Goldschmiede. Tatiana hatte sie bereits auf Fotos gesehen, war ihr jedoch noch nie begegnet. Ich muss ziemliches Glück haben, dachte sie. Schließlich war Darwin keine sonderlich große Stadt.

Obwohl Tatiana natürlich keine besonders gute Meinung von Alex’ Geliebten hatte, musste sie deren Mut und Unverfrorenheit anerkennen. Offenbar hatte Leonie Falconer die Einladung angenommen und dann dafür gesorgt, dass Alex sie nicht erreichen konnte. Wozu, um alles in der Welt, wollte sie überhaupt zur Feier kommen? Und warum hatte Alex’ Mutter sie eingeladen? Am meisten beschäftigte Tatiana jedoch die Frage, seit wann Leonie Alex’ Ex-Geliebte war.

So viele ungeklärte Fragen, dachte sie. Aber das größte Rätsel war Alex selbst, der neben ihr saß und das elegante Auto so sicher und geschickt zur Villa seiner Eltern fuhr. Die beiden lebten in Fannie Bay, einem Vorort von Darwin.

Alex war von Anfang an nicht leicht zu durchschauen gewesen, und das Zusammenleben mit ihm stellte die bisher größte Herausforderung in Tatianas Lebens dar. Seit sie verstanden hatte, was vor sich ging, hatte sie sich in Acht genommen. Sie wusste, wie wichtig es war, einen klaren Kopf zu behalten und sich nicht anmerken zu lassen, dass sie das Ränkespiel ihrer Mutter und der Constantins durchschaut hatte. Bis vor einer halben Stunde war Tatiana dies auch gelungen. Doch die wunderschöne Kette und das Gefühl von Alex’ Fingern auf ihrer Haut hatten sie aus der Fassung gebracht. Auch der Gedanke an Leonie Falconer verstörte sie sehr.