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IMPRESSUM

Im Garten der Träume erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 1995 by Diana Hamilton
Originaltitel: Never a Bride
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRA
Band 152 - 1998 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Andreas Ansat

Umschlagsmotive: ThinkstockPhotos_Igor_Aleks

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733777685

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Ich bin in der Londoner Wohnung, wir können uns bald sehen. Jake ist nicht da … Nein, ich habe ihm nichts davon erzählt. Lass uns darüber sprechen, wenn wir uns sehen, jetzt muss ich aufhören, Darling. Aber wir sehen uns, versprochen.“ Claire Winter legte den Hörer auf, während ein leichtes Lächeln ihre elegant geschnittenen Gesichtszüge umspielte. Doch auf einmal überkam sie eine seltsame Vorahnung. Sie drehte sich langsam auf dem mit Seide bezogenen Sofa um, und ihre wasserblauen Augen zogen sich zusammen, als sie bestätigt sah, was sie befürchtet hatte.

„Ich dachte, du bist in Rom“, stammelte sie und ärgerte sich gleichzeitig über diese dumme Bemerkung. Der Mann ihr gegenüber zog eine Augenbraue hoch und gab seinem Blick einen spöttischen Ausdruck.

„Nett, dass du mich aufklärst. Ich dachte, in Mayfair zu sein.“

Sie betrachtete ihn, wie er sich langsam von dem Türpfosten löste, an den er sich gelehnt hatte. Wie lange hatte er dort schon gestanden? Und was hatte er von dem Telefonat gehört …? Meine Güte, sah er gut aus! Immer, wenn sie ihn so anschaute, war sie von seiner männlichen Ausstrahlung fasziniert. Er war der leidenschaftliche Traummann, der die Fantasie aller Frauen beherrschte.

Und dessen war er sich sehr wohl bewusst. Er hatte mehr Sex-Appeal als gut für ihn war, was seine Überheblichkeit dem anderen Geschlecht gegenüber erklärte. Jede Frau, die ihm über den Weg lief, verfiel ihm auf der Stelle. Selbst seine Mutter hatte diesem Charme nicht immer entgehen können, und sie musste doch wissen, dass mit ihm nicht immer gut Kirschen essen war. Er hatte alles, was es brauchte, um Frauen den Kopf zu verdrehen: blendendes Aussehen, strotzende Kraft, Macht und eine starke Persönlichkeit.

Claire stand entschieden auf. Er erwartete von ihr, dass sie sich jederzeit im Griff hatte, und so gab sie sich nach außen kühl, gepflegt und elegant. Das dunkle Haar trug sie kurz geschnitten, ein zweiteiliges Seidenkostüm unterstrich ihre schlanke, feine Gestalt.

„Ich war davon ausgegangen, dass du erst in einigen Tagen zurückkommst.“ Sie versuchte, ihrer Stimme einen kühlen Tonfall zu geben, doch trotz aller Anstrengungen schwang eine vorwurfsvolle Nuance mit. Jake war das offenbar nicht entgangen, denn er gab scharf zurück:

„Das scheint mir auch so. Mit wem hast du telefoniert? Oder ist das eine Frage, die ein Ehemann nicht stellen sollte?“

„Mit Liz“, antwortete Claire eine Spur zu schnell. In seinen Augen lag ein beunruhigendes Glitzern. Offensichtlich glaubte er nicht, dass sie mit ihrer Mutter gesprochen hatte.

Sie schaute ihm zu, wie er langsam in das prachtvoll eingerichtete Wohnzimmer ihrer Londoner Wohnung trat und das graue Jackett ablegte, reckte das Kinn vor und gab sich ein hartnäckiges Aussehen, obwohl es in ihr ganz anders aussah.

„Ich hoffe, es geht ihr gut.“ Er legte die Krawatte ab. „Ich habe überraschenderweise einige Tage frei. Vielleicht sollten wir sie besuchen. Sicher würde sie preisgeben, was du mir nicht erzählen willst.“

Der offene Hohn ließ Claire rot werden. Sie war so durcheinander, dass ihr nicht die rechte Antwort einfiel. Deshalb beschloss sie, dass Angriff die beste Verteidigung sei. Sie griff zu der Zeitung, die neben ihr auf einem Beistelltisch lag und schlug sie auf. Wie schon so oft an diesem langen Samstag. Wieder hatte sie das Foto vor Augen: Ihr Ehemann, wie er den Arm lässig um eine wunderschöne Frau legte. Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen, doch gelang es ihr zu lesen: Romanze zwischen dem Multimillionär Jake Winter und der unwiderstehlichen principessa Lorella Giancetti?

„Die Paparazzi haben euch erwischt“, kommentierte sie und reichte ihrem Mann die Zeitung. Um die Winkel seines strengen, doch fein geschnittenen Mundes spielte ein leichtes Lächeln, als er das Foto betrachtete.

„Eifersüchtig, Claire?“ Einen Augenblick lang schaute er ihr tief in die Augen, und wieder lag unverhohlener Spott darin. Dann ließ er den Blick langsam über ihren Körper wandern, so als wollte er den schlanken Körper mit den üppigen Formen der italienischen principessa, die kaum von einem knappen, sündhaft teuren Abendkleid verhüllt wurden, vergleichen.

„Nein, tut mir Leid“, gab Claire zurück. „Bevor wir geheiratet haben, haben wir eine Reihe von Abmachungen getroffen. Wenn ich mich recht erinnere, war eine davon, dass wir beide bei außerehelichen Affären mit größter Diskretion vorgehen wollten.“ Sie zeigte auf das Foto. „Das da kann man wohl kaum Zurückhaltung nennen, oder?“

„Nein. Ich entschuldige mich dafür.“ Er legte die Zeitung beiseite, während Claire aufstand, um Jackett und Krawatte wegzuräumen. So konnte sie es wenigstens vermeiden, ihn anschauen zu müssen. Er hingegen betrachtete sie genau.

„Entschuldigung angenommen.“ Sie fühlte noch seine Körperwärme in dem Stoff des Jacketts und ihr zitterte die Stimme, als sie fortfuhr. „Ich schlage vor, wir vergessen es einfach.“ Dann riss sie sich zusammen. Sie war nervös, das war alles. Und es war ja auch gar nicht verwunderlich. Sie hatte das Problem immer wieder in Gedanken gewälzt, und jetzt hielt sie den deutlichen, schriftlichen Beweis für sein Fehlverhalten in der Hand. Außerdem bestand die Gefahr, dass er mit den Attacken weitermachte.

„Möchtest du etwas essen oder trinken?“ Es war zu spät, um in ein Restaurant zu gehen, und sie selbst hatte schon vor einigen Stunden ein leichtes Abendessen zu sich genommen. Es gab nicht viele Lebensmittel im Haus, da sie nicht mit seiner Ankunft gerechnet hatte. Normalerweise sagte er ihr vorher Bescheid, damit sie alles für ihn vorbereiten konnte. Doch an diesem Abend war nichts wie sonst üblich. Sein unvorhergesehenes Erscheinen, das Foto in der Zeitung und die Tatsache, dass er einen Teil des Telefongesprächs mit angehört hatte, das alles war einfach zu viel für sie.

Da er nicht antwortete, musste sie ihn schließlich doch anschauen. Sie versteckte ihren Widerwillen hinter einer gleichgültigen Bemerkung.

„Du siehst müde aus.“

Aber das stimmte gar nicht. Jake Winter sah niemals müde oder abgespannt aus. Stets auf dem Sprung, war er niemals zufriedener als auf Reisen. Er war siebenunddreißig, sah aber zehn Jahre jünger aus. Dazu war er mehrfacher Millionär. Er hatte ein Vermögen damit gemacht, überall in der Welt Firmen aufzukaufen, die nicht mehr rentabel waren. Dann zerlegte er sie in kleinere Einheiten, die er persönlich leitete, bis sie wieder Gewinn erwirtschafteten, und er sie verkaufen konnte. Er hatte so viel Energie wie zehn Menschen zusammen, doch konnte er von einer Sekunde auf die andere abschalten. Eine beneidenswerte Fähigkeit.

So wie jetzt. Lässig ließ er sich auf einem der beiden Sofas nieder, die vor dem Kamin standen.

„Danke, ich habe im Flugzeug gegessen. Aber ein Drink würde mir gut tun.“ Er schien vollkommen entspannt zu sein, doch lag in seiner Stimme eine ungewohnte Strenge. Claire biss sich auf die Unterlippe. Dachte er immer noch an das Telefongespräch? Hatte denn der Beweis seiner Untreue ihn nicht davon abgebracht, sie weiterhin zu verdächtigen?

Vielleicht würde er gleich wieder angreifen und Fragen stellen, auf die sie nicht antworten wollte. Es war schon merkwürdig, aber ihre Hand zitterte, als sie einen doppelten Whisky mit Soda einschenkte. Genau so, wie er es mochte. Er hatte immer ihre Selbstbeherrschung geschätzt, doch in den letzten Tagen hatte sie sie beinahe verloren. Dabei kam alles darauf an, dass sie sich endlich wieder in den Griff bekam und das Problem bis zum Ende durchdachte, um eine klare Lösung zu finden. Danach brauchte sie nur noch entsprechend zu handeln. Auch das war immer einer ihrer starken Punkte gewesen. In letzter Zeit jedoch …

Am besten wäre es, gleich zu beginnen, um wieder zu alten Tugenden zurückzufinden.

Claire konzentrierte sich darauf, ihren Atem zu beruhigen, während sie Jake betrachtete. Er hatte hohe Wangenknochen und fein geschnittene Lippen. Ach, wie schön musste es sein, ihn zu küssen. Die italienische principessa hatte sicher nicht so viele Skrupel gehabt und war zur Tat geschritten. Auf einmal spürte sie einen Stich im Herzen. Niemals zuvor hätte sie sich einer solchen Reaktion für fähig gehalten. Seit zwei Jahren waren sie verheiratet, und Claire hatte sich schon oft gefragt, mit wie vielen Frauen Jake seitdem ins Bett gegangen war. Niemand konnte an seiner Männlichkeit zweifeln, alles an ihm war reines Versprechen auf Verführung. Aber sie hatten sich Diskretion versprochen, und er hatte sein Wort gebrochen.

Sie reichte ihm das Glas und streifte dabei die sanfte Haut seiner Hand. Sofort wich die letzte Röte aus ihrer hellen, elfenbeinfarbenen Haut. Er berührte sie niemals, nicht einmal unabsichtlich. Und auch, während sie eine perfekte Hochzeitsfeier vorgespielt hatten, hatte er sich ihr nicht genähert.

Wenn sie zu heftig zurückzucken würde, spritzte der Whisky durch das ganze Wohnzimmer, und in ihrer Beziehung gab es nicht den geringsten Raum für solch spontane Handlungen. Einen Augenblick lang schaute sie ihn überrascht an. Als sei es das erste Mal. Doch Jakes Blick nahm rasch wieder einen ironischen Ausdruck an.

„Gefällt es dir nicht, von einem Mann berührt zu werden? Oder liegt es nur daran, dass ich es bin?“

„Ich glaube nicht, dass du ernsthaft eine Antwort auf diese Frage erwartest“, gab Claire zurück. Sie atmete tief durch und ging mit größtmöglicher Ruhe zu dem anderen Sofa hinüber. Doch dort konnte sie sich nicht mehr zurückhalten.

„Es wundert mich wirklich, dass du die Italienreise frühzeitig beendet hast“, stieß sie aus. „War die principessa nicht so unwiderstehlich, wie es den Anschein hat?“

Sie erschrak über sich. Normalerweise stritten sie niemals miteinander. Claire verstand sich selbst nicht mehr. Am liebsten wäre sie auf ihn losgegangen, als er ihre Frage kühl abfertigte.

„Ich kann es dir unmöglich erklären, Schatz.“

Wo war nur die Selbstbeherrschung geblieben?

„Was ist denn mit dir?“, fuhr Jake fort. „Ich bin davon ausgegangen, dass eine Frau wie du über solch ein Missgeschick mit einem eleganten Schulterzucken hinweggehen würde.“ Er nahm einen Schluck Whisky und betrachtete sie aufmerksam. „Wir waren gerade aus der Oper gekommen, als man uns fotografiert hat. Wenn du nach Rom gereist wärst – ich hatte dich eingeladen, wie du dich erinnerst – wäre es niemals dazu gekommen. Und es hätte dir gefallen. Wir haben La Traviata gehört mit Juanita del Sorro in der Rolle der Violetta. Sie war einfach fantastisch.“

„Da bin ich sicher.“ Sie musste einfach etwas sagen, damit er nicht bemerkte, wie sie die Zähne zusammenbiss. Jetzt war es auch noch ihre Schuld! Wenn sie gekommen wäre … Wie konnte er es nur wagen!

Natürlich war er davon ausgegangen, dass sie mit ihm nach Rom reisen würde. Obwohl sie dort oft geschäftlich zu tun hatten, besaßen sie kein eigenes Apartment. Sie stiegen immer in einem kleinen, doch vornehmen Hotel an der Piazza Venezia ab, wo Claire ihrer Rolle als Privatsekretärin nachging. Sie kümmerte sich unter anderem um die Termine, richtige Kleidung und Öffentlichkeitsarbeit. Alles, was sie in den letzten beiden Jahren glücklich gemacht hatte.

Der Abstecher nach Rom war bereits seit Monaten geplant, und Claire freute sich auf die Reise in eine ihrer Lieblingsstädte, als der Anruf aus England gekommen war. Glücklicherweise war Jake nicht zu Hause gewesen, und sie hatte die Wohnung in Manhattan für sich allein. Wenn er dort gewesen wäre, hätte sie seinen Fragen nicht ausweichen können. Doch gleichzeitig wollte sie ihm auf keinen Fall reinen Wein einschenken. Ehrlichkeit gehörte zu den Abmachungen, die sie vor der Ehe getroffen hatten, doch in diesem Fall konnte Claire sich einfach nicht daran halten.

Als Jake zurückgekehrt war, hatte sie ihm eine unglaubliche Entschuldigung aufgetischt, warum sie nicht mit nach Rom reisen konnte.

„Es ist das erste Mal, dass ich dich auf einer solchen Reise nicht begleiten kann“, hatte sie angekündigt. „Aber ich fühle mich einfach zu müde.“ Sie hatte sogleich ein schlechtes Gewissen, da es ihm überhaupt nicht zu gefallen schien. Deshalb fügte sie hastig hinzu. „Ich könnte mich ein wenig hier erholen und dann nach London reisen, damit die Wohnung bereit ist, wenn du von Rom nach Hause kommst.“

Sie brauchte einfach einige Tage, um sich über alles klar zu werden. Und dann würde sie ihm die Wahrheit eingestehen, auch wenn es das Ende ihrer Ehe bedeuten würde. Er aber war zwei Tage früher als vorgesehen in London eingetroffen. Sie wusste immer noch nicht, warum. Und sie hatte nicht genug Mut geschöpft, um offen mit ihm zu reden. Diese Gedanken führten Claire zu einer Frage, die sie selbst überraschte.

„Jake, zwischen dir und der principessa, ist es ernst?“

Auch das gehörte zu ihrer Abmachung: Wenn jemals einer der beiden sich wirklich in jemand anderen verliebte, würde der Ehepartner sich einer Scheidung nicht in den Weg stellen. Natürlich mit einer entsprechenden finanziellen Abfindung. Doch darum ging es Claire gar nicht. Auf Luxus konnte sie gut verzichten.

„Nein, natürlich nicht.“ Jake klang gelangweilt und gähnte. Er stand auf und reckte sich, wobei die Muskeln deutlich unter dem Hemd hervortraten. „Für mich ist es Zeit, ins Bett zu gehen. Es wundert mich, dass du noch auf bist, da du mir noch vor wenigen Tagen erklärt hast, dass du sehr müde seist.“

Claire achtete nicht auf den vorwurfsvollen Tonfall. Sie fühlte sich merkwürdig unsicher. Wenn er ihr zumindest eröffnet hätte, dass er sich Hals über Kopf verliebt hatte, was in ihrer Situation nicht weiter verwunderlich gewesen wäre, dann hätte das auch für sie einen Ausweg bedeutet.

Sie verstand sich selbst nicht mehr. Dann sagte sie ihm kühl gute Nacht und ging in ihr Zimmer. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie nicht wollte, dass er den ersten Schritt machte. Sie wollte selbst darüber bestimmen, wann ihre Ehe zerbrechen würde, was unausweichlich war. War es denn nur eine Frage des Stolzes?

Schnell legte sie sich schlafen. Doch am nächsten Morgen waren die Probleme und Fragen immer noch da.

Jake war wie üblich vor ihr aufgestanden und hatte schon das Frühstück zubereitet. Eier, Saft und Kaffee.

„Das ist alles, was ich gefunden habe“, bemerkte er und warf ihr einen Blick zu, bei dem allen Frauen die Knie weich geworden wären. „Setz dich und iss, bevor das Ei kalt wird. Ich erkläre dir dann, was ich vorbereitet habe.“

Er gab Claire das Gefühl, im Zentrum eines Orkans zu sein. Dort, wo es verdächtig windstill war. Sie war eher ein Morgenmuffel. Ganz im Gegensatz zu Jake, der schon vor Energie strahlte. Claire verstand, dass sie ihm in dieser Stimmung niemals widerstehen konnte.

„Ich habe einige Telefonate geführt“, fuhr er fort. „Nach dem Frühstück fahren wir zu Liz und Sal.“ Er musterte sie aufmerksam. „Ich weiß, dass du regelmäßig mit deiner Mutter telefonierst, aber sie möchte dich endlich einmal wiedersehen. Dann fahren wir nach Litherton. Dort lasse ich dich in Emmas Obhut. Sie wird sich um dich kümmern und dich wieder auf die Beine bringen. Du hast in letzter Zeit einige Kilo abgenommen.“ Er verstummte und wartete offenbar darauf, dass sie eine Erklärung abgab. Auf einmal wurde sie sich ihres Körpers bewusst.

Rasch legte sie die Gabel beiseite. Natürlich war Jake nicht dumm, und er spürte genau, dass etwas vor sich ging. Er hatte einen Teil des Telefongesprächs angehört und ihr nicht geglaubt, dass sie ihre Mutter Darling nannte. Sicher würde er sie bald zwingen, die Wahrheit zu sagen.

Natürlich besuchte er auch gern Claires Mutter und deren Zugehfrau und Freundin Sally Harding. Jake kümmerte sich großartig um ihre Mutter, die eine gebrechliche Gesundheit hatte. Sie war niemals sehr kräftig gewesen und hatte ein hartes Leben hinter sich. Da war es wie ein Geschenk des Himmels erschienen, als Jake alles in die Hand genommen hatte. Für Claire war das einer der wesentlichen Gründe gewesen, in die Hochzeit einzuwilligen, auch wenn diese Ehe nichts anderes war als eine geschäftliche Abmachung.

Doch dieses Mal steckte mehr hinter dem Besuch bei ihrer Mutter. Jake hatte einen Verdacht und wollte herausbekommen, ob stimmte, was er vermutete. Er würde sicher versuchen, die Wahrheit durch Liz zu erfahren, und wenn das nicht möglich war, würde er einen anderen Plan aushecken. Deshalb auch brachte er sie nach Litherton Court, wo seine jüngere Schwester Emma sie bis Weihnachten bei sich behalten würde.

Bis zu dem großen Fest waren es noch zwei Wochen.

Claire drückte den Rücken durch und schaute Jake fest an.

„Ich muss dir etwas sagen“, erklärte sie.

2. KAPITEL

Jake stellte die Kaffeetasse ab. Das leichte Klirren des Porzellans klang wie ein Donnerhall in der gespannten Stille, die Claires Ankündigung gefolgt war.

Sie hielt den Atem an und strich unruhig die Tischdecke glatt. Von Jake ging ein großer Druck aus, den sie körperlich spürte. Langsam hob sie den Kopf. Es schien so etwas wie Argwohn in seinem Blick zu liegen, doch dann nahmen die grauen Augen einen verschlossenen Ausdruck an.

„Also, ich höre.“

Claire atmete tief durch. Was sie zu sagen hatte, würde den Anfang vom Ende ihrer Beziehung bedeuten. Es schnürte ihr beinahe die Kehle zu. Zögernd begann sie zu berichten.

„Es gibt Neuigkeiten von Liz. In der letzten Woche ist ihr Onkel gestorben und hat ein bedeutendes Vermögen hinterlassen. Er war nicht verheiratet und hat vollkommen zurückgezogen gelebt. Liz war seine einzige Verwandte. Ich habe ihn einmal getroffen, aber kann mich kaum noch an ihn erinnern.“

Es war kurz nach dem Tag gewesen, an dem ihr Vater Liz verlassen hatte. Sie hatte ihrer Tochter die besten Sonntagskleider angezogen, um den Onkel zu besuchen. Es war eine ewig lange Fahrt gewesen, sie mussten mindestens drei Mal den Bus wechseln.

Der Onkel, von dem ihre Mutter Claire vorher noch nie etwas erzählt hatte, stellte sich als ein kleiner, dicker Mann heraus, der damals schon weitgehend kahl gewesen war, mit raschen, ungelenk wirkenden Bewegungen. Der Besuch schien ihn zu stören, und während Claire mit einem Glas Apfelsaft in der säuerlich riechenden Küche wartete, hörte sie die Erwachsenen im Wohnzimmer aufgeregt sprechen, ohne ihrer Auseinandersetzung folgen zu können.

Claire erinnerte sich nur noch an eines deutlich, und das war die zynische Art, wie der Onkel bei der Verabschiedung zu ihr gesagt hatte:

„Nur weil deine Mutter meine Schwester ist, heißt das noch lange nicht, dass ich euch unter die Arme greifen werde. Ich kann schließlich nichts dafür, wenn Liz’ Ehemann mit einer anderen Frau durchgebrannt ist.“

Kurze Zeit später waren sie unter strömendem Regen zur Bushaltestelle zurückgekehrt. Liz hatte mit den Zähnen geklappert, so kalt war ihr, und Claire hatte ihre schmale, knochige Hand gedrückt. Im Bus hatte ihr die Mutter versucht, die Angelegenheit zu erklären.

„Es tut mir Leid für ihn. Er hat geglaubt, dass wir hinter seinem Geld her seien, aber ich wollte nur den einzigen Menschen sehen, der von meiner Familie noch geblieben ist. Er hat niemanden, aber wir beide sind immer füreinander da. Das zählt viel mehr als alles Geld auf der Welt.“

„Später hat dieser Onkel dann entschieden, sein ganzes Vermögen meiner Mutter zu vermachen“, fuhr Claire fort.

„Das freut mich für sie“, entgegnete Jake, doch in seinen Augen lag ein fragender Ausdruck.

„Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“

Er trommelte unruhig auf den Tisch. Und so wie er sie anschaute, fühlte sie sich wieder schuldig, obwohl es doch gar keinen Grund dafür gab.

„Willst du mir nichts von deinem Liebhaber erzählen, den du gestern am Telefon hattest?“, fragte er kühl und sachlich. „Ich habe doch alles angehört, du brauchst dich also nicht zu verstecken. Das gehört zu unserer Abmachung. Nur Diskretion ist gefordert, mehr nicht.“

„Warst du etwa diskret mit dieser Italienerin?“ Es war aus ihr herausgebrochen, auch wenn sie es gar nicht gewollt hatte. Dann versuchte sie, sich zusammenzunehmen, und fuhr ruhiger fort:

„Ich habe dir schon gesagt, dass ich mit meiner Mutter telefoniert habe. Sie wollte wissen, ob ich dir von der Erbschaft erzählt habe.“

„O ja, natürlich“, antwortete er mit beißender Ironie. „Es ist doch immer erfreulich, gute Nachrichten zu hören, da hatte sie es sicher eilig!“

„Hör auf mit diesem Sarkasmus!“ Claire sprang auf. Er glaubte ihr nicht. Doch was machte das schon? Wenn er außereheliche Beziehungen hatte, konnte er es ihr schließlich nicht verbieten. „Liz ist es sehr wichtig. Sie wollte, dass du Bescheid weißt, damit du die Zahlungen an sie einstellen kannst. Du brauchst auch für Sal nicht mehr zu zahlen, Liz kann jetzt selbst für das Gehalt aufkommen. Ich konnte sie immerhin davon abbringen, dir alles zurückzuerstatten, was du für Lark Cottage ausgegeben hast.“