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IMPRESSUM

Vermächtnis der Liebe erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2005 by Margaret Way
Originaltitel: „The Outback Engagement“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1649 - 2006 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Johannes Sembritzki

Umschlagsmotive: ThinkstockPhotos_Tomwang112

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733777692

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Vorsichtig näherte Darcy sich dem großen Himmelbett, der weiche Perserteppich dämpfte dabei ihre Schritte. Das Bett war ein imposantes Möbelstück. Sechs Menschen hätten bequem darauf liegen können, aber Darcys Vater liebte das kunstvoll geschnitzte Ungeheuer, denn es stammte aus dem Besitz eines schottischen Vorfahren.

Die Augen des alten Mannes waren geschlossen, die graue Farbe seines eingefallenen Gesichts verriet deutlich, wie es um ihn bestellt war. Das noch immer rötliche Haar, das buschig aus dem Ausschnitt seines Pyjamas hervorquoll, ließ ihn merkwürdig verletzlich erscheinen. Die einstmals kräftigen Hände, die jedes noch so wilde Fohlen oder jeden ausgewachsenen Bullen unter Kontrolle bekommen hatten, ruhten kraftlos auf der sorgfältig gefalteten Decke.

Jock McIvor war nur noch ein Schatten seiner Selbst. Alle hatten gehofft, dass er sich von dem ersten Herzinfarkt erholen würde, doch jetzt lag er im Sterben. Sein Tod war nur noch eine Frage der Zeit.

Darcy beugte sich über ihn, sie wagte kaum zu atmen, um ihn nicht zu wecken. Dann zog sie sich lautlos auf die Veranda zurück, die das Farmhaus auf drei Seiten umgab. Wie gern hätte sie die Dinge geändert, wie gern die Uhr zurückgestellt, obwohl ihre eindringlichen Bitten wieder umsonst gewesen wären. Ihr Vater hatte zu fest an sich selbst geglaubt, und dieser Hochmut kostete ihn jetzt das Leben.

Traurig ließ sie den Blick über den üppigen Garten wandern, in dem vor allem die mächtigen Dattelpalmen auffielen. Sie waren vor über hundert Jahren von einem afghanischen Kameltreiber, einem Freund ihres Ururgroßvaters Campbell McIvor, gepflanzt worden. Am frühen Nachmittag lag alles da, als wäre es in der flirrenden Hitze erstarrt. Eine Schar leuchtend bunter Papageien ließ sich am Ufer des kleinen Sees nieder, um zu trinken, sonst wirkte alles wie ausgestorben. Jock McIvor herrschte nicht mehr in seinem Reich, und auch Darcy hatte ihre Pflichten über der Pflege ihres Vaters vernachlässigt. Zum Schluss war sie sogar gezwungen gewesen, gegen seinen Protest eine Krankenschwester zu engagieren.

Curt war extra von „Sunset Downs“ herübergeflogen, um sie dazu zu bewegen. Curt Berenger gehörte auch zu den Männern, die sich selbst Gesetz waren, vor allem seit dem Tod seines Vaters, der bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen war und Curt als Herrn über Sunset Downs und das gesamte Berenger-Imperium zurückgelassen hatte.

Darcy hatte Curts guten Rat wiederholt zurückgewiesen, aber so waren die Berengers: Im Notfall ließen sie sich nicht davon abhalten, ihren Freunden zu helfen. Nicht, dass Curt Jock McIvor einen Freund genannt hätte! Schon wegen Darcy war das Verhältnis der beiden Männer immer angespannt gewesen. Curt fand, dass sie sich zu sehr von ihrem Vater gängeln ließ. Das stimmte zwar, aber woher nahm er das Recht, ihr gute Ratschläge zu erteilen?

Auch wenn sie bald ganz allein auf der Welt sein würde. Darcy war schon einmal im Stich gelassen worden, und zwar gleich von zwei Menschen – von ihrer Mutter und ihrer Schwester. Die Qualen dieser unverdienten Trennung hatten tiefe seelische Spuren bei ihr hinterlassen. Noch jetzt erschienen ihr manchmal Courtneys und Marians Gesichter im Traum.

Oh, wie hatte sie ihre zwei Jahre jüngere Schwester geliebt, diese vertraute Freundin, die ihr so lange versprochen worden war. Alles hätte so schön sein können, aber Kummer und Einsamkeit hatten den Traum von einer unbeschwerten Jugend zunichte gemacht. Um die schmerzliche Lücke zu füllen, hatte Darcy sich ganz den Wünschen ihres Vaters gefügt und von den seltenen Beweisen seiner Zuneigung gelebt, die so unberechenbar waren wie ein Regenschauer in der Wüste.

Und doch war er alles, was sie hatte. Was sollte nach seinem Tod aus ihr werden? Von Freiheit wagte Darcy nicht zu träumen. Sie war nie wirklich frei gewesen. Aus guter oder böser Absicht – wer wollte das entscheiden? – hatte ihr Vater sie fest an sich gebunden. Sie war sein Lebensinhalt geworden, ein Ersatz für die Verluste und die Kränkungen, die er hatte hinnehmen müssen. In gewisser Weise konnte sie das sogar verstehen.

Natürlich konnte sie die Leitung von „Murraree“ nicht selbst übernehmen. Ihr Vater war ein strenger Boss gewesen, ein König in seinem Reich. Was sollte nach seinem Tod aus der Farm werden? Darcy hatte viel gelernt, aber im Wesentlichen führte sie nur Befehle aus. Sie wurde geschätzt und respektiert. Man hatte sie aufwachsen sehen, und sie kannte ihren Wert. Aber sie war nicht hart und robust genug, um sich als Herrin einer Rinderfarm im Outback behaupten zu können.

„Du tust, als wäre Frausein eine Krankheit“, hatte Curt ihr etwas mitleidig vorgehalten. „Begreifst du nicht, dass du dich immer nur an deinem Vater misst? Du musst endlich lernen, du selbst zu sein.“

Curt hatte ihr keinen Ausweg gelassen, darum waren sie immer schnell in Streit geraten. Streit war ein gutes Mittel gegen Gefühle. Ein guter Schutz gegen den nie vergessenen Traum, der sich als Illusion erwiesen hatte. Manchmal wusste Darcy nicht, ob sie Curt liebte oder hasste. Er erweckte so viele verschiedene Empfindungen in ihr. Wut konnte sich in Seligkeit und Seligkeit in Verzweiflung verwandeln. Es überfiel sie wie ein Unwetter, und darum trotzte sie ihm. Nur so konnte sie ihre Haltung bewahren.

Jetzt kam es wieder auf Haltung an. Sie musste zusehen, wie ihr Vater dieses Leben verließ. Er war jetzt sechsundfünfzig Jahre alt. Sein Herzinfarkt hatte nicht nur die Farmbewohner, sondern das ganze Outback von Queensland erschüttert. Jock McIvor war eine Legende. Wer kannte ihn nicht, den millionenschweren Viehzüchter, den Frauenheld, den begeisterten Polospieler, den Partylöwen, der in dem schönen alten Farmhaus, dessen Glanzzeiten allerdings schon zurücklagen, Feste veranstaltete und prominente Gäste empfing? Jock McIvor verkörperte das Outback wie kein anderer, obwohl manche ihn hinter vorgehaltener Hand einen „rücksichtslosen Schurken“ nannten. Er gehörte einfach dazu.

Kaum zu glauben, dass er noch vor wenigen Monaten ein phantastisch aussehender Mann gewesen war, mit leuchtend blauen Augen, makellos weißen Zähnen und einem wilden kupferroten Haarschopf, der nur wenig von seiner Farbkraft verloren hatte. Wie atemlos hatte man ihm zugehört, wenn er abends am Lagerfeuer seine Geschichten erzählte! Darcy dachte noch heute gern daran zurück. Leider hatte er auch zu viel getrunken und den Frauen zu haltlos nachgestellt. Unmäßigkeit in allem gehörte zu seiner Natur.

Das hatte natürlich zu Problemen geführt. Einmal waren in einer Zeitung Fotos erschienen, die Jock und eine verheiratete Farmersfrau aus der Nachbarschaft in einer verfänglichen Situation zeigten. Der betrogene Ehemann hatte mit einem Pistolenduell gedroht, aber Jock hatte nur gelacht, und Darcys Betroffenheit hatte ihn kalt gelassen.

Am Ende war er mit allem durchgekommen – er schien nie für seine Fehler bezahlen zu müssen. Auch Darcy hatte ihn für unbesiegbar gehalten und damit erneut Curts Protest herausgefordert.

„Kein Mann ist unbesiegbar“, hatte er beteuert, obwohl alle wussten, dass auch er von Jock manipuliert worden war. Warum hätten er und Darcy sonst ständig im Streit gelegen, obwohl sie seit ihrer Jugend füreinander bestimmt waren? Daran konnte nur Jock schuld sein. Menschen, die zu ihm gehörten, teilte er mit niemand.

Ein unterdrückter Laut aus dem Schlafzimmer schreckte Darcy aus ihren Gedanken auf. Ihr Vater bewegte sich und ließ ein leises Stöhnen hören.

„Dad!“ Darcy vergaß, dass ihr Vater sich auch von ihr lieber mit seinem Vornamen anreden ließ. Im Moment spielte das einfach keine Rolle. Sie lief an sein Bett. Er hatte die Augen halb geöffnet, schon das schien ihm äußerst schwer zu fallen.

„Darcy …“ Er runzelte ganz leicht die Stirn. „Immer noch hier?“

„Wo sollte ich sonst sein?“ Darcy berührte seine Hand und versuchte, nicht zu weinen. Jock hasste Tränen so sehr, dass sie das Weinen beinahe verlernt hatte. Sei mutig und stark, hatte als Motto über ihrer Erziehung gestanden. Sie sollte ihrem Vater den männlichen Erben ersetzen, der ihm trotz seiner vielen Affären nicht geschenkt worden war.

„Es geht mit mir zu Ende, mein Kind.“ Jocks gebrochene Stimme verriet kein Nachgeben, nur einen deutlichen Widerwillen, der sich früher als Wut geäußert hätte.

„Oh, Dad. Ich liebe dich so sehr.“ Darcy brachte es nicht fertig, ihm zu widersprechen.

„So bist du eben … immer anständig und treu.“ Jocks unruhiger Blick suchte das lebensgroße Ölbild, das ihm gegenüber an der Wand hing. Es war kurz vor der Familienkatastrophe entstanden und zeigte eine ungewöhnlich schöne blonde Frau in Reitkleidung auf einem roten Ledersofa. Rechts und links von ihr saßen zwei Mädchen von etwa zehn und zwölf Jahren, ebenfalls in weißen Seidenblusen und Reithosen.

Jock hatte die Kostüme persönlich ausgewählt. Marian McIvor war nie eine passionierte Reiterin gewesen und Courtney ebenso wenig. Sie war eine reizende Miniaturausgabe ihrer Mutter und schmiegte sich auf dem Bild dicht an sie. Darcy saß etwas abseits auf der anderen Seite der Couch. Das dunkle Haar fiel ihr tief über die linke Schulter, die blauen Augen waren sinnend auf den Betrachter gerichtet.

Darcy hatte sich in ihrer blonden Familie immer als Außenseiterin gefühlt. Sie wusste von Familienfotos, dass sie viel mehr ihrer lange verstorbenen Großmutter väterlicherseits glich, der man Mut und Ausdauer nachgesagt hatte. Sie trug sogar den Mädchennamen ihrer Großmutter: D’Arcy.

„Du hast immer alles ernst genommen.“ Jock McIvor unterdrückte einen Schmerzenslaut, der verraten hätte, wie sehr er sich quälte. „Sieh dich auf dem Bild an. Dein Gesicht verrät nichts. Neben deiner Mutter und deiner Schwester wirkst du fast langweilig, aber du hast durchgehalten und bist mir immer eine gute Tochter gewesen. Eine sehr gute Tochter. Ich fürchte, ich habe das nicht genug gewürdigt.“

„Warum hast du das Bild hier hängen lassen?“ Jock hatte Marian gehasst und verachtet, nachdem sie fortgegangen war, aber wenn er morgens aufwachte, fiel sein erster Blick auf sie, und abends nahm er ihr Bild mit in den Schlaf.

„Es gehörte sich so.“ Der Anflug eines trotzigen Lächelns erschien auf Jocks Gesicht. „Ich habe das Bild behalten, um nicht zu vergessen, was Marian mir angetan hat. Sie hat mir alle Liebe genommen und mich trotzdem verlassen. Das war grausam und falsch von ihr.“

„Du hast dir zu wenig Mühe gegeben, sie zurückzugewinnen, Dad“, erwiderte Darcy. „Du hast sie ganz einfach gehen lassen.“

„Es war die Pflicht deiner Mutter, zu mir zurückzukommen.“ Jocks ausgezehrte Hände zuckten krampfhaft. „Als sie das ablehnte, war ich fertig mit ihr. Jock McIvor lässt sich von keiner Frau zum Narren halten. Eine Ehefrau hat ihrem Mann zu folgen … überallhin. Marian wusste bei unserer Heirat, worauf sie sich einließ. Sie ist mir keine gute Frau gewesen.“

Darcys Blick ruhte immer noch auf dem gemalten Gesicht ihrer Mutter. „Warum wollte sie mich nicht mitnehmen?“, fragte sie traurig. Seit vielen Jahren dachte sie darüber nach, ohne eine Antwort zu finden.

Jock warf ihr einen seltsamen Blick zu, der ihr zum Glück entging. „Sie wollte Courtney … ihr hübsches blondes Ebenbild. Das war der Grund. Du mit deinem dunklen Haar und den leicht schräg stehenden Augen warst ein Fremdkörper. Deine Mutter und deine Schwester haben uns beide betrogen, mein Kind. Für mich kam noch die Demütigung der Scheidung hinzu, die sie mir anlastete, obwohl sie die Schuldige war. Dann hat sie wieder geheiratet … die treulose Hexe! Du weißt doch noch, dass du zu der Hochzeit kommen solltest?“

Darcy drehte sich zu ihrem Vater um. „Oh, Dad!“, rief sie. „Warum hast du mir das nie gesagt?“ Es war eine plötzliche, vernichtende Erkenntnis. Was mochte ihr Vater ihr noch verschwiegen haben, während sie ihm vertraute und alles für ihn tat?

„Um Himmels willen … werde endlich erwachsen!“ Etwas von dem alten Zorn belebte das eingefallene Gesicht. „Ich habe dir vieles nicht erzählt, weil es keinen Grund dafür gab. Wir mussten Marian und Courtney vergessen, um zu überleben. Deine Mutter war unser größter Feind, dem es zu widerstehen galt. Auf Courtney traf das nicht im gleichen Maß zu. Sie blieb meine Tochter, obwohl Marian unser Verhältnis zerstört hat. Jetzt sehe ich dem Tod ins Auge und muss weitreichende Entschlüsse fassen. Du bist bei mir geblieben, aber deswegen werde ich dich nicht zur alleinigen Erbin von Murraree machen. Die Last wäre für eine Frau zu schwer.“

Darcy brauchte eine Weile, um diese Mitteilung zu verarbeiten. Es war, als hätte ihr Vater ihr plötzlich den Boden unter den Füßen weggezogen. „Was soll das heißen?“, fragte sie schließlich. „Murraree ist mein Heim und zugleich mein Erbe. Du hast dir immer einen Sohn gewünscht, aber liebe ich unser Land nicht ebenso? Ich habe hart gearbeitet und meinen Teil der Last getragen. Wozu gibt es Verwalter, falls ich allein nicht zurechtkommen sollte?“

„Verwalter!“, stieß Jock verächtlich hervor. „Zum Teufel mit ihnen! Sobald ich tot bin, werden die Männer versuchen, dich zu betrügen. Wie willst du dich dann schützen? Sie werden dich wie Geier umlauern … nicht deinetwegen, sondern wegen der Farm.“

Darcy begann zu begreifen, dass sie ihren Vater immer noch nicht kannte. „Ich kann gut für mich selbst sorgen, Dad“, sagte sie. „Murraree mag eine reiche Farm sein, aber alle Heiratsanträge, die ich bisher erhalten habe, galten mir. Mir allein. Die Leute hielten dich ja für unsterblich.“

„Von Curt Berenger hast du nie einen Antrag bekommen.“

Jock sagte das so gehässig, dass Darcy sich fast auf ihn gestürzt hätte. Nur die Angst, seine Gesundheit noch weiter zu gefährden, hielt sie zurück. Ihr Vater irrte sich – wie schon so oft. Und wieder versuchte er, Wahrheiten aus ihr herauszulocken, die er sich selbst nicht eingestehen wollte.

„Mit Curt und mir wäre es niemals gut gegangen“, erklärte sie so beherrscht, wie sie es inzwischen gelernt hatte. Niemals die Beherrschung zu verlieren war ihr zur zweiten Natur geworden. Nur dadurch hatte sie überlebt.

„Für wie dumm hältst du mich eigentlich?“, höhnte Jock. „Du warst schon als Kind in Curt verknallt. Jede andere Frau hätte mit ihm geschlafen, aber du warst standhaft, wie ich es erwartet hatte.“

„Wir wollen nicht weiter darüber sprechen“, sagte Darcy, die ihre Gedanken seit langem für sich behielt. „Du würdest dich nur aufregen, und das darfst du nicht. Außerdem gehört mein Herz dir … das weißt du. Ich habe nur dich.“ Bei den letzten Worten lächelte sie schmerzlich. Es war bitter, am Ende feststellen zu müssen, dass die Liebe zu ihrem Vater unerwidert geblieben war.

„So ist es.“ Jock nickte. Wie immer betrachtete er die Hingabe seiner Tochter als verdienten Tribut. „Das Schicksal hat mir den Sohn verweigert, der meine Nachfolge antreten könnte. Mädchen, immer nur Mädchen … kannst du dir das vorstellen?“ Der Kranke atmete schwer. Er hatte kaum noch genug Kraft, um seinem Zorn und seiner Verachtung Ausdruck zu verleihen. „Ein potenter Mann wie ich … Liebling der Frauen …“ Er sah Darcy durchdringend an. „Ich verlange, dass du Curt herholst.“

„Curt?“ Darcy schwieg ratlos. Nach allem, was ihr Vater getan hatte, um sie von Curt zu trennen, war ihr der Wunsch völlig unverständlich.

„Ich weiß, wir hatten unsere kleinen Streitigkeiten“, sagte Jock ruhiger, um Darcy nicht ganz zum Verstummen zu bringen. „Er hält nicht viel von mir, darin gleicht er seinem Vater, aber alle Berengers sind aufrechte Charaktere. Wenn man Dr. Robertson glauben darf, bleibt mir trotz aller Leiden und Schmerzen immer noch etwas Zeit. Ich will sie nutzen, um mit Curt zu sprechen. Der Kerl ist kaum dreißig und hat sich schon einen Namen gemacht.“

„Einen Namen hatte er schon immer“, widersprach Darcy. „Er wurde damit geboren. Berenger … ein stolzer Name mit einem guten Klang. Curt trägt ihn zu Recht, aber warum willst du ausgerechnet mit ihm sprechen? Genügt es nicht, meinen Rat einzuholen?“

„Nicht, wenn es um wichtige Geschäfte geht.“ Etwas von dem alten Feuer leuchtete aus Jocks blauen Augen. „Du bist, weiß Gott, nicht dumm, aber ich muss mit einem Mann sprechen. Mit einem Mann wie Curt Berenger.“

Darcy betrachtete das Gesicht ihres Vaters. „Liebst du mich eigentlich, Dad?“, fragte sie. „Du hast es mir nie gesagt. Manchmal warst du stolz auf mich, zum Beispiel damals, als ich das große Hindernisrennen gewonnen hatte, aber von Liebe war nie die Rede.“

Überraschenderweise wurden Jocks Augen feucht. „Das lag an mir, mein Kind. Manchmal denke ich, dass ich die wahre Liebe niemals kennen gelernt habe. Meine Mutter war die einzige Ausnahme. Nur sie habe ich wirklich geliebt und dir daher auch ihren Namen gegeben. Schon bei Marian war es anders. Anfangs glaubte ich, sie zu lieben. Sie war so schön, so sanft und nachgiebig. Auch dich und deine Schwester habe ich geliebt, jedenfalls bilde ich mir das ein. Vielleicht gehört Liebe nicht zu meiner Natur, so wenig wie Treue. Aber du, Darcy … du bist mir wichtig. Du wirst einmal eine bemerkenswerte Frau sein, wenn du es nicht schon bist. Und um deine Zukunft brauchst du dich nicht zu sorgen. Sie liegt in guten Händen.“

Das war ein neuer Schock für Darcy. „Willst du etwa dein Testament ändern?“

„Abändern wäre das richtigere Wort. Ich werde bald meinem Schöpfer gegenüberstehen. Seltsamerweise habe ich ihn nie eines Gedankens gewürdigt, aber jetzt will ich reinen Tisch machen.“

Merkwürdig, dachte Darcy. Mit dem Tod kommt auch die Bereitschaft zur Buße. „Möchtest du Courtney in dein Testament aufnehmen?“, fragte sie. „Das kann ich verstehen.“

Courtney hatte Murraree zusammen mit ihrer Mutter verlassen, ohne an die Schwester zu denken, die allein zurückblieb. Verdiente sie es, am Erbe beteiligt zu werden? Hatte sie so gelebt, dass sie es verdiente? Plötzlich wurde Darcy klar, wie wenig sie über ihre Schwester wusste.

„Du hast immer alles verstanden, das war ja dein Fehler.“ Jock begann heftig zu husten, und es dauerte eine Weile, bis er weitersprechen konnte. „Du hast ein gutes Herz, aber auch Charakter. Das Herz hast du von Marian, den Charakter von mir. Wir haben dir beide unser Bestes mitgegeben. Bring Curt zu mir. Ich weiß, dass er alles tut, worum du ihn bittest.“

2. KAPITEL

Nach einer langen schlaflosen Nacht fuhr Darcy zur Flugpiste, um Curt abzuholen und zum Farmhaus zu bringen. Sie wusste, dass er nur ihr zuliebe hergekommen war. Er hatte viel zu tun und wurde häufig von anderen um Hilfe gebeten. Darcy konnte sich glücklich schätzen, dass er ihr die Freundschaft bewahrt hatte.

Rings um sie her erstreckte sich das Land bis zum Horizont. Das wilde, unbezwingbare Land, dem sie verfallen war, das unter den Sonnenstrahlen erglühte und das ungeschützte Auge schmerzhaft blendete. Hier und da reckte sich der weiße Stamm eines Geistereukalyptus in die flimmernde Luft, Silberbäume fächelten mit ihren hellgrünen Blättern, und in den lichten Akazien tummelten sich Schwärme von Finken und Rotkehlchen. Dazwischen wuchs Rispengras, in einzelnen Büscheln oder in ausgedehnten Feldern, die so golden schimmerten wie erntereifer Weizen.

Rispengras und Sand. Weite, Freiheit, endloser Raum. Warum sollte Darcy ihre Heimat nicht lieben? Bei anhaltender Dürre glaubte man, auf dem Mars zu sein, aber das war vergessen, sobald der Regen das Land in einen blühenden Garten Eden verwandelte. Heute schwebten wieder täuschende Luftbilder zwischen Himmel und Erde. Viele Forscher und Reisende hatten sich schon durch diesen Teufelsspuk zu nicht vorhandenen Quellen locken lassen. Diese Wasserflächen glänzten wie ein Spiegel und bestanden nur aus Luft und Licht. Es war das Land der tödlichen Fata Morganas.

Am strahlend blauen Himmel erschien ein dunkler Punkt, der schnell größer wurde und die Form eines Flugzeugs annahm. Darcy verfolgte es durch das Fernglas, das sie hier draußen immer um den Hals trug. Bald erkannte sie die zweimotorige Beech Baron der Berengers. Curt war pünktlich, wie immer. Trotz des böigen Windes landete er schnittig, rollte bis unter den silbrig glänzenden Hangar und sprang aus dem Cockpit.

Darcy sah ihn mit ängstlicher Erwartung näher kommen. Sie fürchtete und bewunderte Curt Berenger. Er war sich dieser Wirkung bewusst, aber er nutzte sie niemals aus. Zudem hatte Darcy gelernt, auf der Hut zu sein.

„Hallo!“ Curts weiße Zähne blitzten, wenn er lächelte, und seine volle tiefe Stimme klang atemberaubend sexy. Das behaupteten jedenfalls die Frauen.

„Ebenfalls hallo!“ Darcy legte zu einem kurzen ironischen Gruß eine Hand an die Stirn. Sie hatten beide gelernt, sich durch solche kleinen Tricks aus der Verlegenheit zu helfen.

Von Nahem wirkte Curt noch überwältigender. Er war der sprichwörtliche Rinderbaron, ein vielgeachteter Mann, das Idol aller Frauen. Sie liefen ihm förmlich nach, warfen sich ihm zu Füßen. Hemmungslose Verehrung umgab Curt Berenger wie ein Glorienschein. Seine klassischen Gesichtszüge wirkten wie gemeißelt, wie die Vorstudie zu einem Götterbild. Er hatte einen festen, aber vollen Mund und klare grüne Augen, die wie Smaragde in seinem sonnengebräunten Gesicht funkelten.

Sie sahen sich schweigend an, etwas zu lange, um noch unbefangen zu bleiben. Darcy brach das Schweigen zuerst. Das tat sie immer, und dabei warf sie leicht den Kopf zurück, als wollte sie sagen: Nicht mit mir, Curt. Nie wieder.

„Danke, dass du gekommen bist.“

Während sie zu Darcys Jeep gingen, rückte Curt seinen breitkrempigen Akubra zurecht. „Bedenkt man, dass dein Vater und ich nie gut miteinander ausgekommen sind – warum nicht, wissen wir beide –, kommt mir dies ziemlich seltsam vor.“

Ein Tabuthema, eins von vielen. „Zugegeben, aber Dad vertraut dir.“

„Wirklich?“ Curt sah Darcy misstrauisch von der Seite an.

„Es hat mit einer Änderung seines Testaments zu tun“, erklärte sie.

„Womit?“

Darcy war groß, aber sie musste den Kopf leicht zurückbeugen, um Curt anzusehen. Das gefiel ihr außerordentlich. „Du hast ganz richtig verstanden.“

„Zum Teufel, Darcy.“ Curts Miene verriet sein Missfallen. „Sogar jetzt spielt er noch mit deinen Gefühlen. Was mag der Grund dafür sein? Warum ausgerechnet ich? Das ergibt keinen Sinn.“ Er setzte sich unaufgefordert hinter das Steuer.

„Sterbende sehen mit anderen Augen.“ Darcy glitt widerspruchslos auf den Beifahrersitz. Sie kannte Curt zu gut, um ihn zu kritisieren. „Was immer zwischen uns steht … er respektiert dich als einen Berenger.“

„Tatsächlich? Tut er das, der alte …“ Curt unterdrückte das Wort, das ihm auf der Zunge lag. „Soll jetzt etwa auch Courtney begünstigt werden?“ Er ließ den Motor an und lenkte den Jeep auf die schnurgerade ungeteerte Straße, die zum Farmhaus führte.

„Courtney ist seine Tochter … genauso wie ich.“ Darcy krampfte die Hände zusammen, es war eine automatische Reaktion auf Curts Nähe.

„Das scheint sie bis heute übersehen zu haben.“ Curt schlug mit der Faust auf das Lenkrad. „Ich möchte wissen, was er vorhat. Trotz seiner gelegentlichen Anfälle von Charme bleibt er ein unberechenbarer, skrupelloser Mann.“

Sie sah nachdenklich vor sich hin. „Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Das habe ich nie gewusst. Und was Courtney betrifft … Vielleicht ahnte sie, dass sie hier ebenso unerwünscht war wie ich dort. Meine Mutter wollte ganz offensichtlich nichts mehr mit uns zu tun haben.“

Darcy verschwieg die Einladung zu Marians zweiter Hochzeit, von der sie erst gestern erfahren hatte.