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IMPRESSUM

Verliebt in den eigenen Mann erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 1995 by Helen Brooks
Originaltitel: „The Marriage Solution“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA
Band 1254 - 1997 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Christa Krohn

Umschlagsmotive: ThinkstockPhotos_Ingram Publishing

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733777722

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Ich muss sofort mit David White sprechen.“

Katie zog die Augenbrauen hoch und hielt den Hörer ein Stück vom Ohr ab, bevor sie der harten männlichen Stimme in höflichem, aber entschiedenem Ton antwortete: „Es tut mir Leid, aber mein Vater darf im Augenblick nicht gestört werden. Kann ich etwas …?“

„Verdammt noch mal! Stellen Sie mich durch, Miss White.“

„Das kann ich nicht.“ Sie richtete sich auf, ihr schmaler Körper war angespannt, doch sie bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Ich sagte Ihnen bereits, er darf nicht gestört werden …“

„Er wird sich mehr als gestört fühlen, wenn ich mit ihm fertig bin.“ Katie zuckte zusammen und fragte sich, was, um alles in der Welt, ihr Vater getan hatte, dass dieser Mann so zornig war. „Und ich bitte Sie nicht darum, Miss White, ich verlange es. Stellen Sie mich durch …“

„Nein.“ Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte eisiges Schweigen, bevor sie weitersprach. „Meinem Vater geht es nicht gut. Der Arzt ist gerade bei ihm.“

„Der Arzt?“ Sie hörte ein unterdrücktes Fluchen, dann gab er die knappe Anweisung: „Wenn er mit dem Arzt fertig ist, erwarte ich umgehend seinen Rückruf. Ist das klar?“

„Hören Sie, Mr. …“

„Reef. Carlton Reef.“

„Nun, es tut mir Leid, Mr. Reef“, entgegnete sie steif, „aber ich habe nicht die Absicht, meinen Vater heute mit läppischen geschäftlichen Dingen zu belästigen. Ich vermute, es ist etwas Geschäftliches, das Sie mit ihm besprechen wollen?“, fügte sie kühl hinzu.

„Absolut richtig, Miss White. Und zu Ihrer Information: Den Verlust einer großen Geldsumme, zurückzuführen auf die Dummheit und krasse Unfähigkeit Ihres Vaters, betrachte ich nicht als läppisch. Innerhalb der nächsten Stunde bin ich in meinem Büro zu erreichen, danach übergebe ich die Angelegenheit meinen Anwälten und werde keine Anrufe mehr entgegennehmen, weder von Ihrem Vater noch von sonst jemandem. Haben Sie das verstanden, oder soll ich es wiederholen?“

„Mr. Reef …“

„Welche seiner Töchter sind Sie eigentlich?“, unterbrach er sie unvermittelt. „Katie oder Jennifer?“

„Katie.“ Sie atmete tief ein, während sie sich an die Wand lehnte, und betete, dass ihre Stimme ihr Zittern nicht verraten würde. Dies hier war unglaublich … es musste eine einfache Erklärung dafür geben. „Mr. Reef, ich bin sicher, dass es sich hier um einen Fehler handelt.“

„Ich auch“, stimmte er kalt zu, „und Ihr Vater ist derjenige, der ihn gemacht hat. Ich lasse mich nicht zum Narren halten, Miss White, und ich dachte, Ihr Vater hätte Verstand genug, sich darüber klar zu sein. Eine Stunde – Arzt hin oder her.“ Die Leitung war tot.

Katie blickte wohl eine halbe Minute starr auf den Hörer in ihrer Hand, bevor sie auflegte und sich in den nächsten Sessel in der großen Halle sinken ließ. Dass dies gerade heute passieren musste, wo ihr Vater so krank war!

Die Schmerzen in seiner Brust hatten während des Frühstücks begonnen, als er gerade Zeitung las, und wurden innerhalb weniger Minuten so schlimm, dass er sich auf dem Fußboden wand. Die Haushälterin hatte sofort den Arzt angerufen, der zugleich ein Freund ihres Vaters war und glücklicherweise in der Nähe wohnte. Er war schon ein paar Minuten später eingetroffen.

Katie atmete tief ein und eilte in das Frühstückszimmer zurück. Ängstlich betrachtete sie ihren Vater, der jetzt in einem Sessel am Panoramafenster mit Blick auf die Bucht saß. „Was ist mit ihm?“, fragte sie Dr. Lambeth. „Ist er wieder in Ordnung?“

„Nein. Nein, leider nicht, Katie. Seit Monaten liege ich ihm in den Ohren, sich untersuchen zu lassen, aber der Dickkopf hat sich geweigert. Ich werde einen Notarztwagen rufen.“

„Kommt gar nicht in Frage.“ Ihr Vater war weiß wie ein Laken, und seine Stimme, sonst hart wie Stahl, ganz leise. Doch sein Gesichtsausdruck war entschlossen wie immer. „Wenn ich schon in das verdammte Krankenhaus muss, dann fahre ich mit dir, Mark.“

„Das tust du nicht.“ Dr. Lambeth griff zum Telefonhörer. „Ich übernehme nicht die Verantwortung dafür, dass du vielleicht unterwegs einen zweiten Anfall bekommst, David, und damit basta. Im Notarztwagen ist die erforderliche Ausrüstung vorhanden. Nun sei kein Narr. Wenn du zu dickköpfig bist, um an dich selbst zu denken, dann denk wenigstens an deine Töchter.“

„Dad?“ Mit großen Augen sah Katie ihn an. Ihr Vater war niemals krank gewesen. Für ihn war Krankheit eine Schwäche, die man durch reine Willenskraft bezwingen konnte, und er blickte verächtlich auf alle die herab, denen nicht gelang, was für ihn offenbar ein Kinderspiel war. „Dad, was ist mit dir?“

„Es ist sein Herz, Katie“, antwortete Dr. Lambeth. „Er hat vorab einige Warnzeichen bekommen, und jetzt …“ Er sprach nicht weiter, als er Katies entsetztes Gesicht sah. „Jetzt muss er ins Krankenhaus“, beendete er den Satz.

Vier Minuten später war der Notarztwagen da. Ihr Vater lehnte jede andere Begleitung außer Dr. Lambeth ab. Das tat Katie weh, aber ihr Vater hatte ihr schon sein Leben lang wehgetan, und wenn sie sich auch nicht gerade daran gewöhnt hatte, so hatte sie doch gelernt, damit umzugehen, ohne ihre Gefühle zu zeigen.

Katie blickte dem Wagen nach, der die Auffahrt hinunterfuhr, und ging dann ins Haus zurück. Mrs. Jenkins war den Tränen nahe.

„Oh Katie, ich kann es nicht glauben. Nicht Mr. David!“

„Er kommt schon wieder in Ordnung, Mrs. Jenkins.“ Katie umarmte die Frau, die seit dem Tod von Katies Mutter, als Katie zehn Jahre alt gewesen war, wie eine Mutter zu ihr gewesen war. „Sie kennen doch Dad. Er ist stark wie ein Ochse.“

„Ja, das ist er, nicht wahr?“ Mrs. Jenkins schluckte und ging in die Küche. „Ich mache uns einen starken Kaffee, und dann sollten wir versuchen, Jennifer zu erreichen. Wo steckt sie denn?“

„Ich glaube, sie hat einen Auftrag in Monte Carlo, aber die Redaktion wird Bescheid wissen.“ Dann fiel Katie ein, dass sie auch Carlton Reef benachrichtigen müsste. Sicher würde er nicht erwarten, dass ihr Vater ihn vom Krankenhaus aus anrufen würde, oder?

Es dauerte eine Weile, bis sie seine Nummer im Telefonbuch ihres Vaters gefunden hatte, weil sie nicht unter seinem Namen, sondern unter dem Firmennamen eingetragen war. „Tone Gesellschaft. Vorsitzender und leitender Direktor, Carlton Reef.“ Katie wählte.

„Vorzimmer von Mr. Reef. Kann ich etwas für Sie tun?“, erklang eine melodiöse weibliche Stimme.

Katie nannte ihren Namen und den Grund ihres Anrufs.

„Es tut mir Leid, Miss White, aber Mr. Reef möchte mit Ihrem Vater sprechen.“

„Mein Vater ist ins Krankenhaus gebracht worden. Mr. Reef wird also leider mit mir vorlieb nehmen müssen.“

„Einen Augenblick bitte.“ Ein paar Sekunden später erklang wieder die Stimme der Sekretärin, offenbar etwas verlegen. „Es tut mir Leid, Miss White, aber Mr. Reef sagt, er habe Ihnen klar gesagt, dass er mit Ihrem Vater sprechen müsse. Er sieht keinen Sinn darin, mit Ihnen zu reden.“

„Also Moment mal.“ Katie konnte sich nicht länger beherrschen. „Mein Vater ist mit einem Herzanfall ins Krankenhaus gebracht worden, und der Kerl, für den Sie arbeiten, hat nicht einmal den Anstand, mit mir zu sprechen? Was auch immer er Ihnen zahlt, es ist nicht genug dafür, für so einen miesen Charakter zu arbeiten.“

„Miss White …“

„Hören Sie, es ist nicht Ihre Schuld, aber ich sehe keinen Sinn darin, dieses Gespräch fortzusetzen“, entgegnete Katie steif und knallte den Hörer auf.

Dieser Hund! Dieser arrogante, überhebliche Hund! Der Schock über den plötzlichen Zusammenbruch ihres Vaters und die Wut über Carlton Reefs Kaltblütigkeit ließen sie in Tränen ausbrechen. Einige Minuten ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf, bis sie sich schließlich entschlossen die Tränen abwischte und die Nummer des Krankenhauses wählte.

Sie wurde sofort zu Dr. Lambeth durchgestellt, dessen ruhige Stimme ihr Mut machte. „Es ist, wie ich es erwartet habe, Katie“, sagte der Arzt sanft. „Sein Herz macht Probleme – das habe ich ja schon seit einiger Zeit gesehen –, aber mit Medikamenten oder vielleicht sogar einer Operation kann er mehr oder weniger normal weiterleben.“

„War es ein Herzanfall?“, fragte Katie ängstlich.

„Ja. Die Werte sind nicht besonders gut, doch es besteht keine Lebensgefahr, du brauchst daher nicht in Panik zu geraten. Er hat in letzter Zeit zu viel gearbeitet, aber er lässt sich ja nichts sagen. Mit sechzig ist er eben kein Jüngling mehr.“

„Nein …“ Sie lächelte schwach. „Darf ich ihn besuchen?“

„Damit solltest du noch warten“, entgegnete er. „Er will nicht, dass du ihn so siehst. Du weißt doch, wie er ist.“

Ja, das wusste sie. Ein stechender Schmerz durchfuhr sie. Wenn Jennifer hier gewesen wäre, die hätte ihn besuchen dürfen. Aber an seiner jüngeren Tochter lag ihm nichts. Katie schloss die Augen und zwang sich, ihre Stimme normal klingen zu lassen. „Und er ist jetzt außer Lebensgefahr?“

„Ja.“ Marks Stimme klang beruhigend. „Ich wünschte nur, ich hätte ihn schon einige Monate früher hier gehabt.“

„Vielen Dank, Doktor.“ Sie fühlte wieder Tränen in sich aufsteigen und wusste, dass sie das Gespräch schnell beenden musste. „Ich rufe später noch mal an.“

„Natürlich. Bis dann, Katie.“

„Bis dann, und vielen Dank.“

Eine Weile blieb Katie im Arbeitszimmer ihres Vaters sitzen, bis sie sich entschlossen die Tränen abwischte und ein Taxi rief, nachdem sie die Adresse der Tone-Gesellschaft nachgesehen hatte. Irgendwie war ihr während des Telefongesprächs mit Dr. Lambeth etwas klar geworden, was schon in den letzten Jahren in ihr gereift war.

Ihr war bewusst, dass ihr Vater sie auf eine beiläufige, fast gleichgültige Art behandelte, ganz anders als ihre Schwester. Jennifer hatte sich für eine Karriere im Journalismus entschieden, einer Welt, in der es auf Ellbogen und Fäuste ankam, und sie behauptete sich dort hervorragend. Das konnte ihr Vater verstehen und respektieren. Während Katie …

Sie hatte beschlossen, mit körperlich behinderten Kindern zu arbeiten, nachdem sie ihren Abschluss an der Universität gemacht hatte, obgleich sie weit bessere Angebote bekommen hatte. Die Arbeitszeiten waren lang, das Gehalt war niedrig, und die psychische und physische Erschöpfung, die zu dem Job gehörte, war manchmal zu viel für sie. Aber die Befriedigung … Sie richtete sich auf. Die Befriedigung zu sehen, wie Kinder unter ihrer Anleitung lernten, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, war enorm. Das würde ihr Vater nie verstehen.

„Wohin fährst du, Katie, ins Krankenhaus?“, fragte Mrs. Jenkins, als der Taxifahrer klingelte.

„Nein. Dad will keinen Besuch. Aber er ist außer Lebensgefahr. Nein, ich muss etwas Geschäftliches für ihn regeln. Es ist dringend. Falls jemand anrufen sollte, Sie wissen von nichts. Okay?“

„Natürlich, Kindchen.“

Ihr Haus lag in einem Londoner Vorort mit breiten Alleen und Villen in großen, gepflegten Parks. Während das Taxi nach London hineinfuhr, veränderte sich das Bild, und sie fuhren meilenweit an gleich aussehenden Reihenhäusern vorbei, an Geschäftszeilen und schließlich Blocks von Bürohäusern, nüchtern und öde in der kühlen Märzluft.

Das Taxi hielt an einem besonders imposanten hohen Mammutbau, und Katie erblickte das Schild Tone Inc. Ihre Nerven flatterten, aber sie würde jetzt keinen Rückzieher machen. Ihr Vater mochte nicht viel von ihr halten, doch das spielte keine Rolle. Was sie vorhatte, musste erledigt werden. Carlton Reef hatte das deutlich gemacht.

Sie musste einen Aufschub für ihren Vater erwirken. Energisch hob sie das Kinn und fragte den Fahrer: „Würden Sie warten? Es dauert nicht lange.“

„Kein Problem, Miss.“ Er grinste breit. „Sie zahlen ja.“

Im Gebäude herrschte emsiges Treiben. Je höher der Lift sie hinaufbrachte, desto luxuriöser und ruhiger wurde es. Katie fand das Vorzimmer ohne Schwierigkeiten und wappnete sich innerlich auf eine Auseinandersetzung, aber das Büro war leer, und die Zwischentür zum angrenzenden Büro stand halb offen.

„Es ist mir egal, was es kostet.“ Sie erkannte die Stimme, und ihr Mut sank. „Das ist ein heilloses Chaos, Robert, und du musst alles in deiner Macht Stehende tun, um uns da herauszubringen. Ruf mich wieder an.“ Der Hörer wurde aufgeknallt, und im nächsten Augenblick erschien ein hoch gewachsener Mann mit einem harten, kantigen Gesicht an der Tür, der sie überrascht aus zusammengekniffenen Augen ansah. „Wer, zum Teufel, sind Sie?“

Katie wurde bewusst, dass sie nicht gerade büromäßig gekleidet war, aber die ausgeblichenen Jeans und der dicke Pullover, die sie morgens angezogen hatte, waren ideal für ihre Arbeit, ebenso wie der strenge französische Zopf, zu dem sie ihr langes honigblondes Haar geflochten hatte. In dieser Welt von engen Röcken und Designerkostümen wirkte sie fehl am Platze.

Sie hob das Kinn noch höher und blickte in die durchdringenden grauen Augen, die sie intensiv musterten. „Ich bin Katie White, Mr. Reef, und ich will mit Ihnen reden.“ Sie war froh, dass ihre Stimme ihre innere Unsicherheit nicht verriet. „Ich muss Ihnen sagen, dass Sie mit Abstand der ungehobeltste Mensch sind, dem zu begegnen ich jemals das Pech hatte. Mein Vater liegt momentan wegen eines Herzanfalls auf der Intensivstation – nicht dass ich erwarte, dass Sie sich dafür interessieren –, und da ich ihn nicht auf seiner Liege hierher rollen konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als selbst zu kommen, weil sie meinen Anruf ja nicht entgegengenommen haben.“

„Wie sind Sie an der Rezeption und an meiner Sekretärin vorbeigekommen?“, fragte er grimmig, ohne mit der Wimper zu zucken.

Dass er überhaupt nicht auf ihren Wortschwall einging, reizte sie noch mehr, als wenn er wütend geworden wäre, aber sie zwang sich zur Selbstbeherrschung. „An der Rezeption war man beschäftigt“, antwortete sie. „Ich stieg in den Lift, nachdem ich Ihren Namen und das Stockwerk auf einer Tafel gelesen hatte. Und Ihre Sekretärin …“ Sie ließ den Blick mit hochgezogenen Augenbrauen durch den Raum schweifen, „… ist Ihr Problem, nicht meins.“

„Ich verstehe.“ Er musterte sie weiterhin von der Tür aus, und gegen ihren Willen musste sie zugeben, dass er der beeindruckendste Mann war, dem sie je begegnet war. Er war groß, sehr groß, und trug das schwarze Haar streng geschnitten, was seine harten männlichen Züge noch mehr betonte. Er war vermutlich Mitte Dreißig, und seine Ausstrahlung von Autorität ließ darauf schließen, dass er viel in der Schule des Lebens gelernt hatte.

„Nun, Miss White, da Sie nun einmal hier sind, schlage ich vor, dass wir uns setzen, damit wir vernünftig über alles reden können“, sagte er, nachdem einige Sekunden totales Schweigen geherrscht hatte. „Sie sind offenbar aufgebracht, und ich möchte hier keine schmutzige Wäsche waschen.“

„Ihre schmutzige Wäsche ist mir total egal“, entgegnete sie wütend.

„Ich meinte Ihre Wäsche, nicht meine“, entgegnete er lakonisch. „Oder, um genau zu sein, die Ihres Vaters.“

„Hören Sie mal …“

„Nein, Sie hören mir mal zu, Miss White.“ Plötzlich war sein spöttischer Gesichtsausdruck verschwunden, und der Mann, der nun vor ihr stand, flößte ihr Furcht ein. „Sie verschaffen sich unangekündigt Zutritt zu meinem Büro und beschimpfen und verurteilen mich, während eigentlich ich derjenige bin, der allen Grund dazu hätte, verärgert zu sein. Es tut mir Leid, zu hören, dass Ihr Vater einen Herzanfall hatte, wenn das wirklich der Fall ist“, fügte er zynisch hinzu. „Aber das geht mich absolut nichts an. Dagegen gehen mich der Verlust von sehr viel Geld und, was noch wichtiger ist, Miss White, meine Glaubwürdigkeit als Geschäftsmann sehr wohl etwas an.“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“ Ohne es zu merken, war sie einen Schritt zurückgetreten und sah Carlton Reef furchtsam mit ihren großen haselnussbraunen Augen an.

„Dann lassen Sie es mich Ihnen erklären. Wollen wir?“ Er wies mit der Hand auf sein Büro und trat zur Seite, um ihr den Vortritt zu lassen.

„Wie viel wissen Sie von den Geschäften Ihres Vaters, Miss White?“, fragte er ruhig, als sie ihm gegenüber an dem imposanten Schreibtisch saß.

„Nichts“, antwortete sie aufrichtig. „Mein Vater …“ Sie machte eine Pause. „Er gehört nicht zu den Menschen, die zu Hause über das Geschäft sprechen.“ Jedenfalls nicht ihr gegenüber.

„Und der Herzanfall?“ Er musterte sie nüchtern. „Ist der echt?“

„Natürlich ist der echt“, antwortete sie schockiert. „Was, um Himmels willen, glauben Sie?“ Sie schüttelte den Kopf, weil ihr die Worte fehlten. „So etwas würde sich niemand ausdenken“, beendete sie hitzig.

„Sie wären überrascht. Wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen, sind die meisten Menschen zu allem fähig.“

„Na, ich jedenfalls nicht.“ Sie sah ihn finster an. „Sie können im Krankenhaus anrufen und mit Dr. Lambeth sprechen, dem Freund meines Vaters. Ich denke doch, dass Sie wenigstens einem Arzt vertrauen.“

„Ich vertraue sehr wenigen Menschen, Miss White.“ Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.

„Wie mein Vater.“ Das war missbilligend gemeint, und er verstand es auch so.

„Sie finden das nicht richtig?“, fragte er sanft. „Sie sind eine Optimistin, Miss White – was sehr gefährlich ist, wenn man sich in der Geschäftswelt behaupten will.“

„Nun, da ich das gar nicht erstrebe, bereitet es mir auch keine schlaflosen Nächte“, antwortete sie vorsichtig. „Außerdem halte ich mich sowieso nicht für eine Optimistin. Ich glaube nur an die Freundlichkeit der Menschen, wenn man ihnen eine Chance dazu gibt.“

Für den Bruchteil einer Sekunde schloss er die Augen und schüttelte den Kopf, was mehr sagte als Worte, und sah Katie dann direkt an. „In was für einer Welt leben Sie eigentlich?“ Sein Blick glitt über ihr blasses makelloses Gesicht und verharrte auf ihren sinnlichen Lippen. „Arbeiten Sie?“

„Ja.“ Sie setzte sich gerade auf, ärgerlich über diese Befragung. „Aber ich sehe nicht, was das mit dem Grund meines Besuches zu tun hat, Mr. Reef. Sie haben am Telefon gesagt, dass mein Vater Sie um viel Geld gebracht habe …?“

„Haben Sie die Morgenzeitung gelesen?“, fragte Carlton Reef abrupt.

„Die Morgenzeitung?“, wiederholte sie irritiert. „Nein. Mein Vater las sie gerade, als er …“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „… als er den Zusammenbruch hatte“, beendete sie den Satz.

„So ging es mir auch beinahe“, entgegnete er trocken und schüttelte dann den Kopf über ihren empörten Gesichtsausdruck. „Ich will den Gesundheitszustand Ihres Vaters nicht verharmlosen, Miss White. Hier …“ Er warf ihr die Zeitung über den Schreibtisch hinweg zu. „Lesen Sie das.“

Sie versuchte es, aber die Buchstaben schienen vor ihren Augen zu tanzen, und schließlich blickte sie auf. „Es tut mir Leid, ich kann im Moment nicht.“

„Es geht um den Bankrott einer Firma, von der Ihr Vater mir versichert hat, sie sei hundertprozentig solide“, erklärte er kühl. „Ich habe auf seinen Einfluss hin in den letzten Monaten ein Vermögen in diese Firma investiert. Ich habe mich lächerlich gemacht, Miss White, und das gefällt mir nicht.“

„Aber …“ verzweifelt sah sie ihn an, „… er hat Sie doch nicht vorsätzlich in die Irre geführt, oder? Niemand ist unfehlbar.“

„Niemand ist …?“

Ein Geräusch im Vorzimmer zog seine Aufmerksamkeit auf sich, und im nächsten Moment tauchte eine perfekt gestylte Dame in der Tür auf. „Es tut mir Leid, Mr. Reef, ich musste …“ Die Dame sprach nicht weiter, als sie Katie erblickte.

„Zwei Kaffee bitte, Jacqueline, und stellen Sie keine Anrufe durch“, ordnete Carlton Reef ruhig an.

„Das geht nicht“, protestierte Katie. „Unten wartet ein Taxi auf mich.“

„Geben Sie dem Fahrer sein Geld, Jacqueline.“ Nachdenklich hob er die Hand ans Kinn. „Und verbinden Sie mich … In welchem Krankenhaus liegt Ihr Vater?“, fragte er Katie. Errötend sagte sie es ihm. Also dachte er doch, dass sie lüge. Wie konnte er nur? „Ich möchte mit einem Dr. Lambeth sprechen“, sagte er zu seiner Sekretärin.

Katie hatte jetzt zum ersten Mal Gelegenheit, ihn zu mustern, ohne dass sein durchdringer Blick auf sie gerichtet war. Sie musste zugeben, dass er ein umwerfend gut aussehender Mann war, wenn auch auf eine harte Art.

Er hatte einen dunklen Teint, und seine sonnengebräunte Haut ließ darauf schließen, dass er gerade einen Urlaub in südlichen Gefilden hinter sich hatte. Seine dunkelgrauen Augen waren von schwarzen Wimpern umrahmt, seine Augenbrauen dunkel und kräftig. Die breiten Schultern verrieten einen athletischen Körperbau, und dass er sehr groß war, hatte sie bereits gesehen. Sie verspannte sich unwillkürlich, als sein Blick wieder auf sie fiel. Er war genau der Typ Mann, den ihr Vater respektierte und bewunderte und den sie verabscheute.

Die Sekretärin schloss die Tür hinter sich, und Carlton Reef nahm den Gesprächsfaden wieder auf, wo sie unterbrochen worden waren. „Ich bin noch nicht über alle Details informiert, aber aus dem wenigen, was ich weiß, lässt sich schließen, dass Ihr Vater seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, für die er bezahlt worden ist. Auf bloße Vermutungen hin zu agieren ist kein Weg, um auf dem Markt zu bestehen, und dass diese Firma plötzlich Pleite gemacht hat, ohne dass es vorher Warnzeichen dafür gegeben haben soll …“ Er zuckte die Schultern. „Das stinkt doch zum Himmel.“

„Wollen Sie damit behaupten, dass mein Vater nicht aufrichtig gewesen sei?“, brauste Katie auf. „Wenn das so ist …“

Der Summer auf seinem Schreibtisch unterbrach das Gespräch, und während Carlton Reef den Anruf entgegennahm, den seine Sekretärin zu ihm durchgestellt hatte, verriet sein Gesichtsausdruck nichts. Er sprach offenbar mit Dr. Lambeth. Als er wenige Minuten später auflegte, wirkte er nachdenklich. Dann brachte Jacqueline den Kaffee.

„Danke, Jacqueline. Lassen Sie bitte in zehn Minuten einen Wagen vorfahren?“

„Ja, Mr. Reef.“

Irgendetwas Entscheidendes war in dem Gespräch mit Dr. Lambeth gesagt worden, etwas Beunruhigendes, das sie betraf. Das wurde Katie plötzlich klar, als sie in Reefs Pokerface blickte. „Ist mit meinem Vater alles in Ordnung?“, fragte sie. „Es geht ihm doch nicht schlechter?“

„Nein.“ Carlton Reef reichte ihr eine Tasse und deutete auf Milch und Zucker. „Bedienen Sie sich.“

„Was hat Dr. Lambeth gesagt?“, fragte sie weiter, und die Unruhe in ihr wuchs. „Sie verschweigen mir doch etwas.“

Er sah sie eine Weile an, bevor er antwortete, und da wusste sie, dass sie Recht hatte. „Es geht mich nichts an, und es wäre mir lieber, wenn der Freund Ihres Vaters es Ihnen erklären würde, Miss White.“

„Was denn?“ Panik stieg in ihr auf. „Meinem Vater geht es schlechter? Er ist doch nicht …“ Sie sah ihn mit großen Augen an.

„Nein, nein, es hat nichts mit seinem Gesundheitszustand zu tun. Doch ich weiß jetzt: Was Ihr Vater getan hat, geschah aus Unwissenheit, es war keine vorsätzliche Irreführung. Das ändert natürlich nichts an den Folgen, aber …“ Er verstummte. „Warum zur Hölle mussten Sie heute überhaupt hierher kommen?“

„Warum?“ Sie war wütender als jemals zuvor in ihrem ganzen Leben. „Weil Sie mich unter Druck gesetzt haben, deshalb. Sie sagten …“

„Ich weiß, was ich gesagt habe.“ Er stand abrupt auf und ging zu dem großen Panoramafenster. Ihr den Rücken zuwendend, blickte er auf das ameisenhafte geschäftige Treiben in der Londoner Straße hinunter. „Ich habe nur nicht erwartet, dass Sie gleich wie ein Schutzengel herbeigeeilt kommen würden.“ Er drehte sich immer noch nicht um. „Nun, vielleicht ist es besser, Sie erfahren es von einem Außenstehenden. Ich weiß es nicht.“

„Mr. Reef, Sie machen mir Angst“, sagte sie leise, und als er sich schließlich umdrehte, sah er, dass sie kreideweiß war. „Was auch immer es ist – können Sie es mir nicht endlich sagen?“